Ein Buch für alle Nachtschwärmer und Schlaflosen dieser Welt.

Wir stellen uns eine leidenschaftliche Haruki Murakami-Leserin vor, die viel zu lange damit gewartet hat, „Afterdark“ zu lesen. Warum sie es getan hat? Nun, Gründe gibt es einige. Wir wollen nicht alle aufzählen, aber zumindest zwei, damit die Leser nicht fragend zurückbleiben. Da wäre einmal der Wunsch, noch eine kleine Konserve für große Murakami-Sehnsüchte auf Vorrat zu haben. Dazu gesellt sich eine Distanz am Anfang des Buches, die für die Leserin was Abweisendes hatte. Zoomen wir uns also näher in den Kopf der jungen Frau, die „Afterdark“ gelesen und für sich entdeckt hat.

Es ist exakt vier Minuten vor Mitternacht, als die Geschichte mitten in einer Großstadt beginnt. Zunächst befinden wir uns hoch hoben in der Luft und beobachten das Schauspiel mit den Augen des Autors, der das nächtliche Treiben mit einem riesigen Lebewesen vergleicht. Ganz in typischer Haruki Murakami-Manier brennen sich der Leserin Sätze aus dem Buch direkt in die Netzhaut, bei denen sie Funken sprüht. „Ein gemeinsamer Pulsschlag durchpocht den ganzen Körper, überall blinkt es, erhitzt und windet sich. Es ist kurz vor Mitternacht, und der Höhepunkt seiner Aktivität ist überschritten, doch der allem zugrunde liegende, lebenserhaltende Stoffwechsel arbeitet unvermindert weiter.“

Danach wendet sich der Blick der Wir-Erzähler auf einen kleinen Punkt, einem Bezirk, „den man als belebt bezeichnen könnte.“ Die Landung erfolgt wenige Sekunden später in einer Filiale einer Restaurantkette „Denny’s“. Dort sitzt ein Mädchen ganz allein und liest konzentriert in einem Buch, vor ihr stehen eine Tasse Kaffee und ein Aschenbecher. Kurz darauf wird das Mädchen von einem Jungen angesprochen, durch ihn erfahren wir den Namen des Mädchens. Es heißt Mari. Etwas reserviert geht Mari auf die Kontaktaufnahme ein und legt den Grundstein für ein Gespräch, das sich allmählich entwickelt. Zunächst verhalten sich beide so zaghaft wie man über einen frisch zugefrorenen See läuft. Das Zurückhaltende wird immer mehr verdrängt und bald verwandeln sich die abgehackten Antworten in ganze Sätze, die Geschichte nimmt an Fahrt auf.

Was die Leserin zu dem Zeitpunkt nicht weiß, aber im Stillen längst ahnt: Diese Begegnung hat eine tief sitzende Bedeutung, sie ist gewissermaßen die Wurzel, die sich mit der Geschwindigkeit des Pulsschlags immer weiter ausdehnt. Einige Momente später klappen weitere Schauplätze auf, wie das Zimmer von Maris Schwester. Dort liegt Eri und schläft, doch ihr Schlaf ist „nicht normal. Er ist zu rein und vollkommen.“ Zu solchen Schlussfolgerungen kann nur ein Autor wie Haruki Murakami kommen. Auf leisen Sohlen schleicht sich das Rätselhafte an, setzt sich zwischen die umblätternden Finger und wandert weiter direkt in den Geist. Der Atem beschleunigt sich und findet mit dem Atem der Nacht den gleichen Takt. Wohin die Wurzel ausschlägt und was es mit Eri auf sich hat, verschweigt die Leserin. Sie möchte an der Stelle das Mystische konservieren und an andere weitergeben.

Haruki Murakami hat ein Buch für alle Nachtschwärmer und Schlaflosen dieser Welt geschrieben, die auch gern in tiefere Gefilde abtauchen. Mit „Afterdark“ wird die Nacht zu einem aufregenden Strudel, aus dem man nicht mehr entkommen kann, an Schlaf ist nicht zu denken. In einer klaren Sprache, die der von „1Q84“ sehr ähnelt, erzählt der japanische Autor viele kleine Geschichten, die am Ende zu einer zusammenführen. Nicht alles ist eindeutig, viel verschwimmt vor den Augen und ermöglicht damit, Freiraum für eigene Ideen. Ja, der Japaner inspiriert wieder einmal, stellt die leidenschaftliche Haruki Murakami-Leserin fest. Nicht nur das. Er ist auch erleuchtend oder sagen wir lieber: Weise und philosophisch. Zwischendurch mischen sich zu all den seltsamen Begebenheiten Aussagen, über die man länger nachdenken muss wie bei dieser: „Beim Nichts ist eben überhaupt nichts da, also ist es nicht nötig, dass man es begreift oder sich vorstellt, oder?“

Bei genauerer Betrachtung ist „Afterdark“ kein Murakami-Exot, sondern ein Buch, das sich erhobenen Hauptes an die anderen Werke des Japaners stellen kann. Man darf sich nicht vom ersten Schein trügen lassen, sich dafür ruhig offen in die Geschichte wagen, die sich mit jeder Seite steigert und am Ende eine Sogwirkung entfaltet, selbst wenn sie anfangs so unwahrscheinlich erscheint wie Schnee im Sommer.

Wir sehen jetzt eine lächelnde leidenschaftliche Haruki Murakami-Leserin, die nun aktuell zwar keine Konserve ihres Lieblingsautors mehr besitzt, aber dafür die Erkenntnis, das durch „Afterdark“ die Begeisterung für diesen meisterhaften Autor nicht zu trennen ist. Und sie wünscht sich insgeheim noch mehr, dass Haruki Murakami endlich den Literaturnobelpreis erhalten sollte.

Haruki Murakami.
Afterdark.
Oktober 2005, 237 Seiten, 19,90 €.
DuMont Verlag.

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15 Gedanken zu “Ein Buch für alle Nachtschwärmer und Schlaflosen dieser Welt.

  1. Sehr schöne und gelungene Lese-gefühl-beschreibung! Hach, ich hab noch ganz viele Murakami-Konserven und freue mich jetzt schon drauf, nach und nach ihren Inhalt zu erkunden…
    Lg, muselmu

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  2. Also eine Nachtschwärmerin bin ich ja, weil ich seit geraumer Zeit zu den Schlaflosen zähle. Und von Murakami habe ich eh sträflich wenig gelesen („1Q84“ [aber noch nicht den dritten Band] und „Schlaf“ [hat mich wegen all der schönen Empfindungen wachgehalten]). Jetzt verführst du mich mal wieder, liebe Klappentexterin. Nämlich dazu, noch eine Nacht lesend zu durchwachen – mit Murakami. Es wird Zeit, dass ich diese beginnende Liebe endlich etwas ausführlicher pflege!

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    1. Wie wahr! Jetzt, wo du das schreibst, kann ich nur zustimmend in deine Richtung nicken. Das Buch scheint wie geschaffen für dich, liebe nantik! Die Reise durch die Nacht wird mit dieser Lektüre zu etwas ganz Besonderem, du wirst sehen. Schon jetzt wünsche ich dir mystische, rätselhafte und spannende Nachtstunden mit „Afterdark“!

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      1. Hier sitze ich nun mit klitzkleinen Äuglein, vollkommen übermüdet, aber ebenso vollkommen glücklich. Denn in der vergangenen Nacht habe ich mich von Murakami verführen lassen. Zusammen mit seiner literarischen Kamera habe ich Mari, den Posaunisten und alle anderen begleiten dürfen. Und dann kam er, dieser Schwebezustand, in dem die Zeit keine Rolle mehr spielt, in dem die Realität ganz unwichtig wird, weil ich in die Geschichte mit Haut und Haaren eintauchen durfte.
        Ich danke dir sehr, für diesen Buchtipp, liebe Klappentexterin! Der Kaffee geht heute auf mich! 😉

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      2. Ich melde: Soeben wurde eine Express-Kaffee-Lieferung zu dir auf den Weg gebracht und hoffe sehr, dass sie ganz schnell bei dir eintrifft, liebe nantik! ; ) Wie schön und wunderbar, dass du dich auch in diesen murakamischen Schwebezustand begeben hast und wie ich vollkommen begeistert bist. Ich danke dir für deine Rückmeldung, die mich genauso glücklich macht!

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  3. Da ich ja all die Nächte durchmache war es natürlich für mich ein besonderes Gefühl das Buch zu lesen.

    Ich konnte einfach nicht die Kritik nachvollziehen die der Roman von vielen bekommen hat. Auch den „Wir Erzähler“ fand ich absolut klasse und einzigartig.

    Während du, verehrte Klappentexterin, all deine Murakami Reserven aufgebraucht hast, warten auf mich noch einige Abenteuer ;D
    Ich hatte mir mal überlegt einen Murakami zu lesen sobald irgendwas entscheidendes in meinem Leben passiert. Daher wäre es bald mal wieder soweit. Doch 1Q84 Band 3 wird sofort gelesen. Immerhin will ich ja wissen wie es ausgeht.

    Was den Nobelpreis angeht, so wird er ihn aber auch wohl in diesem Jahr nicht bekommen. Letzte Jahr sagte ich mir, wenn er ihn in den kommenden zwei Jahren nicht erhalten wird, wird er ihn niemals erhalten. Mario Vargas Llosa finde ich grandios, aber natürlich hätte ich mich für Murakami noch mehr gefreut. Ich drücke ihm auch dieses Jahr wieder die Daumen. Aber vermutlich ist er für das Gremium einfach zu bekannt.

    Dir noch einen schönen äh Mittwoch? Donnerstag?, Klappentexterin =)
    Ein Blick auf den Kalender verrät mir, Heute ist Mittwoch ;D

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    1. Erst einmal danke ich dir für deinen langen, ausführlichen Kommentar, lieber Marcel! Noch eine Nachteule also.

      Mir geht es wie dir, ich kann jetzt nach dem Lesen gar nicht verstehen, warum der Roman so kritisch aufgenommen worden ist. Aber ich vermute, da ist eine bestimmte Welle, die schwappt entweder über oder sie ebbt ab. Je nachdem, was mit den Lesern passiert. Die Wir-Erzähler sind ungewöhnlich, aber ein wichtiges Stilelement in dem Werk, das es damit erst zu dem macht, was es ist.

      Dann hast du noch wunderbare Murakami-Zeiten vor dir! Manchmal wünschte ich, ich hätte noch ein Buch… Aber bald ist es ja wieder soweit. Schau einfach, wonach dir wann ist, auf so bedeutende Zeiten würde ich gar nicht mal warten. Sie könnten auch während des Lesens passieren…

      Ich sehe das wie du, was den Nobelpreis betrifft. Natürlich wünsche ich ihn Haruki Murakami von ganzem Herzen, aber ich glaube aus verschiedenen Gründen, dass Murakami auch dieses Mal die Auszeichnung nicht erhalten wird. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt und sollte morgen das große Wunder eintreten, platze ich wohl vor Glück.

      Danke, nun ist der Mittwoch so gut wie rum. Wir können den Donnerstag getrost stehen lassen.

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  4. Heute habe ich ihn in den Händen gehalten und er steht nun neben mir – der neue Murakami (Band 3.) Ich wünsche Dir jetzt schon viel Vergnügen beim Lesen, liebe Klappentexterin.

    Herzlichst
    Dorota

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