Tausend Seiten, tausend Geschichten, tausend Glücksgefühle.

brilka_stegVorbei – ich kann es noch nicht fassen. Stellt euch vor, eine besonders innige Freundschaft würde plötzlich nicht mehr bestehen. Genau so fühle ich mich jetzt, atme tief ein und seufze. Gerade eben habe ich den letzten Satz aus Das achte Leben (Für Brilka) von Nino Haratischwili beendet, ihn ganz vorsichtig aufgelesen, wie eine Taube das letzte Korn, das ebenso köstlich geschmeckt hat wie das erste. Dieses Epos hat mich von der ersten bis zur letzten Seite nicht mehr losgelassen, ich bin glücklich und traurig zugleich. Glücklich über dieses großartige Geschenk, das mir die Autorin bereitet hat. Traurig, dass ich diese aufregende, eindringliche und vielfältige Parallelwelt verlassen muss.

Aber wir wissen ja – jedem Abschied wohnt ein Zauber inne. Und so möchte ich euch meine Gedanken zu diesem beeindruckenden, zauberhaften Roman mitteilen. Es ist ein paar Wochen her, als der besondere Augenblick für mich gekommen war: Mein Herzensbuch lag vor mir. Ich wusste sofort, dass es zu meinen Lieblingen in diesem Jahr zählen würde. Meine Vorfreude habe ich ja bereits mit euch in meiner Chronologie des Wartens geteilt. Und ich habe hier die Brilka-Lesezeit eingeläutet.

Schon das Äußere des Romans verzückt mit seiner liebevollen und hochwertigen Ausstattung. Das Buch selbst ist ein gewaltiges und – im wahrsten Sinne des Wortes – schweres Werk mit seinen über 1.200 Seiten, doch die filigranen Seiten schenken ihm eine unglaublich zarte und zerbrechliche Note. In jedem Fall wollte ich meine beiden Urlaubswochen im September ganz für das Buch nutzen. Also packte ich es in meinen Koffer und ging mit ihm auf Reisen. Der Zug zischte über die Schienen, fort von der großen lauten Stadt, direkt in den frischen Atem der Ostsee. Während draußen Kühe auf den satten Wiesen Gras zupften, saß eine glückliche Leserin im Zug und rauschte mitten hinein in die aufregende Welt von Das achte Leben (Für Brilka).

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„Ich verdanke diese Zeilen einem Jahrhundert, das alle betrogen und hintergangen hat, alle die, die hofften. Ich verdanke diese Zeilen einem lange andauernden Verrat, der sich wie eine Fluch über meine Familie gelegt hatte.“ Mit sehr persönlichen Worten, die ich im Prolog gefunden habe, öffnet sich die Tür zu einem grandiosen Roman. Die Ich-Erzählerin wendet sich in den ersten dreißig Seiten an ihre zwölfjährige Nichte. Ihr allein ist – wie der Titel des Buches ankündigt – diese Geschichte gewidmet. Ich spüre ein Vibrieren im Herzen und höre das Echo der Worte noch lange Zeit nachhallen. Im Verlauf der Geschichte spricht Niza immer wieder zu ihrer Nichte. Sie stellt Fragen, versucht selbst Antworten zu finden und die Leerstellen zu füllen. Dadurch bin ich ihr so nahe wie meinem eigenen Atem.

Nino Haratischwili unterteilt ihren Roman in acht Bücher bzw. Leben – das achte für Brilka bleibt leer und symbolisiert den Neuanfang. Jedes Buch erzählt das Leben eines Familienmitglieds und trägt dessen Namen. Ausgangspunkt ist Stasia, die im anbrechenden 20. Jahrhundert in einer kleinen Stadt in Georgien geboren wird, die man „zum Nizza des Kaukasus machen wollte“. Stasia ist die Tochter eines Schokoladenfabrikanten, der eine Heiße Schokolade erfunden hat, die selig macht und gleichzeitig mit einem Fluch befallen sein soll. Von Anfang an wird sichtbar: Das Schicksal der Protagonisten ist stark mit dem der Außenwelt verbunden; sie greifen wie Zahnräder ineinander über. So trennt die Oktoberrevolution die frisch vermählte Stasia von ihrem Mann Simon. Ihre schöne Schwester Christine wird indes in Tbilissi nach einer Silvesterparty zur Geliebten des Großen Kleinen Mannes – dieser ist kein anderer als der Geheimdienstchef Lawrenti Berija. Der wiederum ist der Vater einer anderen Figur. Erst viele Seiten weiter zieht die Autorin den Faden an der richtigen Stelle und versetzt mich in Schockstarre. Es sind gerade die vielen Fäden, von denen die Ich-Erzählerin eingangs schreibt: „Du bist ein Faden, ich bin ein Faden, zusammen ergeben wir eine kleine Verzierung, mit vielen anderen Fäden zusammen, ergeben wir ein Muster.“ Nino Haratischwili legt ihrer Erzählerin viele kluge Sätze in den Mund: „Teppiche sind aus Geschichten gewoben. Also muss man sie pflegen und wahren“. Und dies gelingt ihr auf beeindruckende Weise. Sie nimmt ihre Leser an die Hand und entführt sie in eine unglaubliche Welt, aus der sich keiner lösen mag, weil sie so spannend, vielseitig und eindringlich ist.

Oft bin ich ergriffen. Zum Beispiel, wenn die Mächtigen skrupellos zubeißen wie Krokodile und tausende unschuldige Menschen ihr Leben verlieren, nur weil sie anders sind und sich nicht den engen Gürtel des Regimes umschnallen wollen. Es zerreißt mir fast mein Herz, als Kitty, Stasias Tochter, aus nichtigem Grund auf brutalste Weise bestraft wird. Und sie später im Exil die kalten Hände der Einsamkeit umklammern. Stasias Sohn Kostja hingegen ist linientreu und hart wie ein Stein. Schon als Kind buhlt er um die Aufmerksamkeit seines Vaters. In der Schule ist Kostja der Klassenbeste und strebt danach eine Militärlaufbahn an. Doch selbst in Kostjas Herzen findet sich eine empfindsame Stelle, die Ida eines Tages erobert.

Nein, es ist wahrlich kein Märchen, das Nino Haratischwili geschafften hat. Obwohl hier und da märchenhafte Züge hervorschimmern. Wie die geheimnisvolle Heiße Schokolade oder Stasia, die nach dem Tod geliebter Menschen mit den Geistern spricht oder mit ihnen Karten spielt.

Stasia, Kostja, Kitty, Christine, Elene, Daria, Niza, Brilka, – alles Namen, die mit Schicksalen gefüllt werden und mich lange Zeit begleiten. Schon bin ich ein Teil ihrer Familie geworden, höre die Stimmen, sehe sie alle vor mir in dem Grünen Haus und denke: Wie schön wäre es, all diesen wunderbaren Charakteren leibhaftig zu begegnen! Aber nicht nur die Akteure des Romans begeistern mich. Auch die Geschichte Georgiens, die Nino Haratischwili wie einen Teppich vor mir ausbreitet, öffnet mir neue Fenster. Ein Land, das mir bis dato fremd war, ist mir plötzlich sehr vertraut, mitsamt allen Konflikten und Opfern. Statt als unbeteiligter Zuschauer von draußen zuzusehen, bin ich mittendrin im Geschehen, spüre eine Gänsehaut im Nacken und das Blut im Kopf rauschen. Das Entsetzen über die Gräueltaten beißt sich an mir fest wie eine bluthungrige Zecke. Nino Haratischwili hat mit einem Grenzgänger-Stipendium der Robert Bosch Stiftung die historisch-politischen Fakten haargenau recherchiert und sie raffiniert in ihren Roman eingewebt. So ist ihr Roman ein ergreifendes Familienepos und ein wichtiges Dokument der sowjetischen Zeitgeschichte geworden.

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Wahrlich ein Buch, das einem nicht alle Tage begegnet. Man bedenke nur den Umfang der Geschichte, die literarische Umsetzung zwischen dem geschichtspolitischen Kontext und der Familiengeschichte – dies alles so elegant miteinander zu verbinden ist eine wahre Meisterleistung. In keiner Minute haben mich die 1274 Seiten erschlagen oder gar gelangweilt. Viel mehr waren sie eine lange Leine, an der ich mich gebannt entlang gehangelt habe. Die junge Autorin erzählt von den Regime-Anhängern und zeigt mir genauso die Kritiker, denen schlimmes Leid widerfährt. Sie werden verfolgt, gefoltert, in Gulags geschafft und irgendwann auf brutalste Weise umgebracht. Nino Haratischwili nimmt mich mit in das Auge des Grauens.

Genauso schätze ich die unterschiedlichen Verknüpfungen, die sie unter allen Akteuren und dem Weltgeschehen schafft. Parallelbewegungen entstehen, die mich an Wellen erinnern und zeigen, wie alles miteinander verbunden ist. Das achte Lieben (Für Brilka) ist ein großer, bunter Teppich, in dem sich unendlich viele Muster finden. Nino Haratischwili erzählt von Familie, Liebe, Tod, Krieg, Leid, Diktatur und Exil. Sie nimmt den Leser mit nach Tbilissi, Prag, Leningrad, Moskau, Wien, London, Prag und Berlin. Ihre elegante Sprache ist wie eine Nadel, die überall Löcher schafft, durch die sie die Fäden zieht. Und ich schaue ihr dabei staunend zu. Obwohl sich der Roman wie ein ausgezeichneter Pageturner liest, ist er viel mehr als das. Er schreibt Geschichte – auch in der Literaturwelt. Lange habe ich nicht ein solch umfangreiches und mitreißendes Buch gelesen. Es lässt mich staunen, lachen, zittern und weinen. Und am Ende in ein schwarzes Loch fallen. Weil plötzlich etwas Großes fehlt. Aber natürlich bleibt die Kraft der tausend Geschichten zurück und wird noch lange nachwirken.

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* * *

Meine Rezension ist Teil unserer Brilka-Blogtour. Auf weiteren Blogs findet ihr einzelne Fäden, die zum Buch führen und zusammen einen schönen Teppich ergeben.

LINKS:
Rezension von SchöneSeiten-Caterina
Rezension von Literaturen-Sophie
Rezension von writeaboutsomething-Laura sowie einen schönen Beitrag Von der Freude des Lesens
Rezension von masuko13
Reiselesetagebuch von Bibliophilin
Mit Brilka & Nino das Leben gefeiert – ein gemeinsamer Abend mit der Autorin

Nino Haratischwili: Das achte Leben (Für Brilka). Frankfurter Verlagsanstalt, September 2014, 1274 Seiten, 34,- €. Ihr könnt das Buch sofort und portofrei direkt bei ocelot.de bestellen. Oder euch das eBook für 24,99 € hier downloaden.

indie_logoNun möchte ich mit einem georgischen Musikvideo meine Brilka-Reise beenden. Vielen Dank an Stephanie Haerdle von Kirchner Kommunikation für den Link. Lasst uns tanzen!

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25 Gedanken zu “Tausend Seiten, tausend Geschichten, tausend Glücksgefühle.

  1. So schön! Alles: das Buch, deine Besprechung, unser Abend mit Nino und den FVA-Girls, der Herbst. Ein wunderbarer Leseherbst voller Perlen! Brilka gehört zu denjenigen, die am meisten strahlen.

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    1. Und wir strahlen alle mit! Überstrahlen das Regenwetter und die schlechte Laune. Tanzen und sind einfach glücklich über diese ganz besondere Perle. Merci, liebe caterina, für die gemeinsame Brilka-Zeit und all die unvergesslich-schönen Dinge, die wir erlebt haben!

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  2. Was für eine herrliche Besprechung, liebe Klappentexterin! 🙂 Deine Worte lassen mich über das ganze Gesicht strahlen, dabei stecke ich gerade selbst ja noch mitten in der Geschichte.
    Ist es nicht schön, was für eine Kraft Bücher haben können. Ach, wie wunderbar! 🙂

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  3. Liebe Klappentexterin,
    was für eine großartige Rezension. Du sprichst mir genau aus dem Herzen. Auch für mich ist dieses Buch mein Lesehighlight des Jahres und ich durfte die Autorin bei einem Interview auf der Frankfurter Buchmesse erleben. Grandios! Eine absolut sympathische Frau.
    LG
    lesesilly

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    1. Liebe lesesilly,
      ich danke dir herzlich für deine schönen Worte! Welch‘ Freude darüber, dass du wie ich (und viele andere) dieses großartige Buch gelesen und genauso lieb gewonnen hast! Ganz besonders freut es mich, dass du auf der Frankfurter Buchmesse (schade, dass wir uns nicht gesehen haben) die Autorin live bei einem Interview erleben durftest. Ja, Nino ist wirklich sehr sympathisch und nicht nur eine wunderbare Autorin, sondern auch eine tolle Gesprächspartnerin. Einige „We read Indie“-Damen – unter anderem auch ich – hatten das Glück, mit ihr einen Abend verbringen zu dürfen. Das war soooo schööön!

      Liebe Grüße zum Sonntag sendet dir
      Klappentexterin

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  4. Deine schöne Rezension treibt einer ganz gerührten Mitarbeiterin aus Ninos Verlag Tränen in die Augen … danke für diese grandiose Blogtour, für jeden einzelnen Faden, für diesen prachtvollen Teppich!

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    1. Liebe Brilka-Freundin, ich danke dir von Herzen für deine Zeilen, die sich wie warme Sonnenstrahlen anfühlen. Danke auch für all die schönen Momente, die ihr uns geschenkt habt. Ganz herzlich, Klappentexterin

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  5. Bisher habe ich von diesem Buch noch nichts gehört, aber du hast mir richtig Lust darauf gemacht. Ob ich darin auch so aufgehe, wie du es getan hast, bleibt offen. Aber schön wäre es allemal 🙂 liebe Grüße

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