Eintauchen in elf wunderbare Geschichten.

wassererzählungen

Heute schwimme ich nicht meine täglichen Bahnen im Schwimmbad, heute tauche ich metertief, verlasse die Oberfläche und begebe mich mitten hinein in die Tiefe der menschlichen Seele. John von Düffel zieht mich mit seinem Erzählband Wassererzählungen dorthin, wo es dunkel und geheimnisvoll ist. Dorthin, wo mich die Fische mit ihren großen Augen anstarren und ich nach Luft ringe – so bizzar erscheinen mir die geschaffenen Welten des Autors. Ich weiß, ich müsste wieder auftauchen, meine Luft geht aus, aber ich kann nicht, weil mich die Geschichten festhalten, wie kleine Anker, die sich an meinen Füßen verkeilt haben. So tauche ich weiter, vergesse die Luft und spüre nur noch die Tiefe, in der ich schwimme wie eine Forelle, immer dem Strom nach.

Der Strom ist enorm anziehend, ein Strudel, aus dem ich nicht mehr herausfinde. Pardon, herausfinden möchte. Ich bleibe von der ersten Seite darin gefangen, bin fasziniert und habe auf einmal einen großen Durst, jede Geschichte in diesem wunderbar gestalteten Band austrinken zu wollen. John von Düffel erfasst mich vor allem durch seine elegante und äußerst stimmungsvolle Sprache. Es entsteht eine spürbare Nähe und die Distanz verkriecht sich in ein Schneckenhaus.

Ich mag Nähe und schöne Sprache. Ich bin in diesem Buch also goldrichtig. Auch deshalb, weil sich der Autor in seinen Erzählungen mit einem der schönsten Elemente beschäftigt, die uns Mutter Erde geschenkt hat: dem Wasser. Gleich zu Beginn wirft er mich ins kalte Wasser. In »Ostsee« werde ich Zeugin, wie der Ich-Erzähler bei schneidigen Temperaturen im Winter in der Ostsee schwimmt. Wie verrückt muss man sein? Die Frage drängt sich kurz zwischen den Lesefluss, verschwindet dennoch gleich wieder und lässt mich mit jeder Faser meines Körpers spüren, wie aufregend und stark Kälte sein kann. »Die Kälte hat ein Gedächtnis und eine Gegenwart. Und sie ist vollkommen klar.« Genau das passiert: Ich bin präsent, und beobachte mit aufgeregtem Herzschlag den verrückten Schwimmer, der später einen Vertrauten am Strand entdeckt, den alten Mann, den der Ich-Erzähler »den Graber« getauft hat, weil er immer in die Knie geht und mit den Stock in den Sand stößt. Was ihn dorthin treibt, erfahre ich am Ende der Erzählung, und atme hörbar auf. Die Schlusspointen gehören neben der Sprache mit zu meinen Lieblingen. Sie sind unberechenbar wie das Wasser, das hier in verschiedenen Formen und Stärken auftaucht.

In »Die Trauerrednerin« nimmt das Wasser ebenfalls eine bedeutende Rolle ein. Für mich ist diese Erzählung eine der bewegendsten in diesem Buch. Hier geht es um eine Frau, deren Vater nach der letzten Dialyse im Sterben liegt. Nicht nur der nahende Tod des Vaters und die Beziehung zwischen beiden spielt eine Rolle, auch der Teich, der nun endlich trocken gelegt werden soll. Swetlana, die polnische Pflegerin, hat den Anstoß dazugegeben. »Swetlana stand ihrem Vater am nächsten. Sie hatte die letzten fünf Jahre mit ihm in diesem Haus verbracht und ihm am Leben erhalten, sie war immer da gewesen, hatte nicht einen Tag Urlaub gemacht.« Die Beschwerden der Nachbarn über den Gestank, das Ungeziefer haben Swetlana zu diesem Wunsch getrieben. Und die große Angst vor dem Wasser. So sieht das Gerüst der Erzählung aus. Doch, es geht noch weiter und viel tiefer. John von Düffel ist ein Meister des Erzählens, der nach und nach Abgründe aufdeckt und mich als Leserin überrascht.

John von Düffel bedient sich einer großen Bandbreite. Er wechselt die Erzählperspektiven, die Längen der Geschichten unterscheiden sich ebenfalls, und das Wasser schwappt überall aus den Seiten. Manchmal ist es sofort anwesend, manchmal muss ich es suchen oder ein bisschen warten, aber es kommt und mit ihm die Pointen. Und Lieblingsmomente, die ich in Kisten archivieren möchte. So dunkel die Geschichten sind, so weise und lebensklug funkeln sie an manchen Stellen hervor, wie eine Koralle in den Tiefen des Meeres. Ich denke da an die Erzählung »Der schwarze Pool«. Dort trifft der Protagonist nach langer Zeit eine ehemalige Kollegin wieder, die nach seinem Anraten mit dem Schwimmen begonnen hat und ihm dafür dankbar ist, denn es ist, wie er sagte: »Egal, wie müde, lustlos oder wasserscheu man sich vorher fühlt, nachher fühlt man sich immer besser. Es ist, wie Sie sagen: Schwimmen vertreibt die bösen Geister.« Dem kann ich nur zustimmen. Und blicke dem Protagonisten, der sich nicht daran erinnern kann, so etwas gesagt zu haben, ins Gesicht. Er verfällt wieder in seinem Monolog, den er mit seinem Sohn über Schwimmen und Tauchen führt.

Die Menschen in den elf Geschichten sind verletzt und verzweifelt. Eltern und Kinder belegen in unterschiedlichen Blickwinkeln das Feld der Erzählungen.  Sie verfangen sich in ihren Unsicherheiten und Ängsten, strampeln wie Fische im Netz und wissen nicht so recht, wie sie da wieder herauskommen sollen. Manche verfallen in verzweifelte Aktionen, andere resignieren, erstarren zu Eis. Das Glück ist abwesend und trotzdem haben die Erzählungen nicht das Gewicht eines Stahlträgers. Das kommt natürlich auch durch die elegante Sprache des Autors und dieses gewisse Etwas, das er erzeugt. Mit anderen Worten:  Dieses Buch zu lesen und dem Sog der Tiefe nicht zu entkommen, ist unmöglich. Das macht aus mir eine Tiefseetaucherin. Also, lasst euch hinabziehen und spürt das Wasser in all seinen unterschiedlichen Formen, bis sich eure Hände wie Schwimmhäute anfühlen und ihr atemlos wieder auftaucht.

John von Düffel: Wassererzählungen. Dumont Buchverlag, Februar 2014, 254 Seiten, 19,99 €. Auch als eBook bei ocelot.de für 15,99 € erhältlich.

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27 Gedanken zu “Eintauchen in elf wunderbare Geschichten.

  1. Guten Morgen Klappentexterin! 🙂
    Eben hab ich Deine Worte gelesen und bin abgetaucht. Jetzt schon. Ohne das Buch überhaupt in den Händen zu halten.
    Ich bin keine KurzGeschichtenLeserin. Eigentlich.
    Wohl aber eine Leserin.
    Und Dein Text macht mich neugierig. Er zieht mich an, so dass ich gar nicht mehr anders kann, als mir dieses Buch zu kaufen.
    Weil ich das Wasser liebe. Und das Schwimmen. Und Nähe und schöne Sprache sowieso.
    Danke für diese LeseInspiration!
    Herzlich!
    Britta

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    1. Guten Morgen liebe Britta,
      was ich mich freu‘! Merci für deinen Besuch und die geteilte Begeisterung! Als Schwimmerin und Wasserfreundin wirst du dieses Buch auf ganz besondere Weise lesen. Und vergessen, dass du eigentlich keine Kurzgeschichten-Leserin bist. 😉

      Herzlich,
      Klappentexterin

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  2. Hat dies auf EreignisReich rebloggt und kommentierte:
    Heute ist Montag – da gibt´s bei mir ja neuerdings (fast) immer einen Blog- oder Lesetipp… Heute traue ich mich mal an einen „Reblog“ – hab ich noch nie ausprobiert, ich hoffe, es klappt!
    Heut früh, also ganz „druckfrisch“, diese wunderbare LeseInspiration der Klappentexterin…
    Ich kann nicht widerstehen – das Buch ist bestellt!
    Taucht mal ein…
    und habt einen wunderbaren Montag!
    * Herzlich *

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    1. Die Reblog-Funktion habe ich am Wochenende auch zum ersten Mal ausprobiert. Ich freue mich, dass du meine Rezension mitgenommen hast. Ganz lieben Dank! Möge dieses schöne Buch noch viele weitere LeserInnen finden!

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  3. Ich habe den John von Düffel zur Zeit auch bei mir – seit „Vom Wasser“ bin ich in seine Bücher abgetaucht, wobei nicht jedes mich begeistern konnte. Und so geht es mir mit den Erzählungen – die meisten sind wunderbar, vor allem dort, wo er auch leicht melancholisch ist. Da gehe ich mit Deiner Besprechung voll mit – Du hast genau die Geschichten herausgehoben, die hervorragend sind. Schwächer finde ich ihn, wenn er versucht, satirisch zu schreiben oder auch die Monolog-Form (Das permanente Wanken) wählt.

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    1. Liebe saetzebirgit,
      wenn ich mir deine Zeilen richtig betrachte, bist du eine von Düffel-Expertin. Toll! Da kann ich dich gleich etwas fragen. Für mich war es das erste Buch, das ich von dem Autor gelesen habe – aber nicht das letzte. Welches kannst du mir denn noch empfehlen? Mir hat dieser Erzählband außerordentlich gefallen, auch durch die verschiedenen Formen, denen er sich bedient hat. Leider passten nicht alle Geschichten in die Rezension, denn »Die Vorschwimmerin« fand ich ebenfalls famos, einfach wundervoll ästhetisch.

      Viele Grüße,
      Klappentexterin

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      1. Liebe Klappentexterin,
        Expertin ist zuviel gesagt – aber ich lese ihn sehr gerne. Unbedingt empfehlen würde ich zum Einstieg seinen Erstling „Vom Wasser“ – das ist einfach sein Element. Und ganz toll ist die Familiengeschichte „Houwlelandt“-
        Ebenfalls „Hotel Angst“ – da geht es um eine Vater-Sohn-Geschichte. Gar nicht gefallen hat mir dagegen „ego“. LG Birgit

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    1. Oh du Glückliche, hast noch alles vor dir! Ja, ist das WOW oder ist das WOW? Freu‘ mich schon sehr auf deine Besprechung, liebe Mariki! Und jetzt wünsche ich dir weiterhin schöne Leseschwimmstunden. Also Schwimmbrille auf und abgetaucht. 😉

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  4. Liebe Klappentexterin,
    die „Wassererzählungen“ stehen auch schon hier und warten auf das Gelesenwerden. Und ich freue mich schon seit der Entdeckung im Verlagsprospekt auf das Buch – und nun nach Deiner feinen Besprechung noch viel, viel, viel mehr. Wie schön doch auch Vorfreude sein kann!
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Und noch eine Glückliche, die alles vor sich hat. Ich wünsche dir wundervolle Stunden mit diesem besonderen Buch. Für mich ist es eins meiner Lieblinge in diesem Frühjahr, und das nicht nur, weil es dort ums Wasser und Schwimmen geht. Sondern auch, weil es sprachlich umwerfend und von Geschichte zu Geschichte anders aufregend ist. Nun, du wirst es ja bald selbst entdecken und in den Buchstaben schwimmen.

      Sonnige Grüße,
      Klappentexterin

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  5. Die Geschichten sind wirklich schön, aber noch schöner ist deine Rezension darüber!! Und erst das Foto! Was du dir immer so ausdenkst, toll. Ich musste einfach schmunzeln.
    Für mich bleibt aber Düffels Roman „Houwelandt“ unübertroffen. Eine ganz großartige, psychologisch unglaublich tiefe und feinsinnige Geschichte, in deren Mittelpunkt der 80jährige Jorge steht. Unvergesslich.

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    1. Hast du sie auch gelesen, liebe masuko? Das Buch ist eins der schönsten (inhaltlich wie optisch) in diesem Lesefrühjahr. Deshalb musste es auch hier her. Danke für dein schönes Kompliment! Das Blau meiner Schwimmbrille und des Badetuchs harmonierten so schön mit dem Buch, das musste ich einfach festhalten. Gibt es zu Houwelandt nicht auch ein Film? Danke für deinen Tipp! Weiter oben habe mir auch schon eins, zwei geben lassen.

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      1. Ich erinnere mich, dass es eine DVD gab zur Entstehung von „Houwelandt“ + Interview mit Düffel.
        Von den Wassergeschichten habe ich die ersten vier gelesen, war genauso verzaubert wie du, habe mir dann aber eine Pause genommen wegen Stanisic, Krien, Petrowskaja, Yoshimoto und und und…
        Liebe Grüße von masuko

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      2. Dann stöbere ich mal nach der DVD, liebe masuko. Lieben Dank! Und dir wünsche ich weiterhin wunderbare Lesemomente mit all den schönen Geschichten und Büchern, die dich umgeben. Herzlichst, Klappentexterin

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