Eine Reise durch Georgien. In Literatur.

Genau genommen begann meine literarische Reise nach Georgien bereits im Jahr 2013. Seinerzeit hatte ich den Erzählband Techno der Jaguare mit großer Begeisterung gelesen, wurde neugierig und wollte unbedingt mehr über Georgien erfahren. Und so geschah es, dass ich auf der damaligen Leipziger Buchmesse die drei Autorinnen Ekaterine Togonidze, Tamta Melaschwili und Nino Haratischwili interviewen konnte. Einzig Nino Haratischwili kannte ich bereits – sie hatte mich mit ihrem Roman Mein sanfter Zwilling schon als Anhängerin ihres einzigartigen Erzählstils gewonnen. Große Freude also, die Autorin persönlich kennenzulernen, die an jenem Nachmittag auch als Übersetzerin ihrer Kolleginnen fungierte.

Immer noch erinnere ich mich gern an das Gespräch – ein ganz besonderer Mix aus Englisch, Deutsch und Georgisch war das, es wurde viel gelacht und wir sprachen über Bücher, das Leben als Schriftstellerin in Georgien und wie es mit den Übersetzungsrechten steht. Damals war Literatur aus Georgien noch ziemlich exotisch. Das sieht heute glücklicherweise schon ganz anders aus: Kürzlich las ich, dass bislang über 160 Bücher aus dem Georgischen ins Deutsche übersetzt wurden. Die kann man natürlich unmöglich alle lesen, aber selbstverständlich wird es auch in diesem Jahr ein Blog-Spezial über das Gastland der Frankfurter Buchmesse geben. In den nächsten Tagen erwarten euch Buchempfehlungen, ein Interview mit der Autorin und Übersetzerin Iunona Guruli und meine persönliche literarische Reise in das osteuropäische Land.

So kehre ich noch einmal zum Anfang zurück und tauche kurz in Techno der Jaguare ein: »Sie fauchen und erheben ihre scharfen Tatzen, dringen durch die Netzhaut direkt den Kopf und beschäftigen mich noch lange nach dem Lesen.« Das Zitat bezieht sich auf die sieben Erzählungen, die etwas mit mir angestellt, mich geradezu aufgewühlt haben. Auch heute noch empfinde ich Literatur aus Georgien als besonders eindringlich, Literatur mit einem besonderen Echo sozusagen.

Ekaterine Togonidze hat mich jüngst mit ihrem Buch Einsame Schwestern bewegt und gleichsam beeindruckt. Sie erzählt in ihrem Roman über das Schicksal der siamesischen Zwillinge Lina und Diana, die in Tagebuchform ihren Alltag berichten, der natürlich alles andere als normal ist, zumal die beiden auch noch unterschiedliche Charaktere sind: Die eine ist optimistischer, die andere nachdenklicher. Das Leben der beiden wird zunehmend bedrückender, als ihre Großmutter erkrankt und später stirbt. Danach weht ihnen ein schneidiger Wind entgegen, der mich zutiefst erschüttert. So musste ich das Buch öfter zur Seite legen und habe mitunter überlegt, es abzubrechen. Doch ich blieb. Denn es ist ein wichtiges Buch, literarisch herausragend umgesetzt.

Heller leuchtet dagegen Georgien – Eine literarische Reise. Allein das Aufschlagen ist ein haptisches Erlebnis. Das Buch verströmt einen feinen Geruch nach glücklichem Papier und lässt alle eBooks kalt und gefühllos erscheinen. Ein Glücksfall ist schon das persönliche Vorwort von Nino Haratischwili, in dem die Autorin davon erzählt, wie sie sich ihrem Heimatland erneut angenähert und gelernt hat, es von außen zu betrachten: »Das Vertraute und das Normale kann unter bestimmten Umständen zu etwas Außergewöhnlichen werden. Etwas, von dem man annimmt, es sei so, kann im nächsten Augenblick etwas anderes sein, wenn man bereit ist, den eigenen Fokus zu verschieben.« Auslöser war der Besuch einer Freundin, mit der sie eine Woche durch Tbilissi geschlendert ist und dabei das Vertraute aus einem neuen Blickwinkel betrachtete.

Illustration © Julia B. Nowikowa

Als einige Jahre später die Leiterin des Georgian National Book Center in Tbilissi auf die Schriftstellerin zukam und vorschlug, deutsche und georgische Autorinnen und Autoren als Tandems auf eine Reise durch Georgien zu schicken, war sie sofort mit dabei. So hat Nino Haratischwili zwei Jahre lang das Projekt Perspektiven – Literatur im Dialog in Zusammenarbeit mit dem Goethe Institut Georgien und dem Auswärtigen Amt kuratiert.

Entstanden ist ein außergewöhnlicher literarischer Reiseführer. Wenn ihr euch also bei der Fülle an georgischen Titeln fragt Womit beginnen? empfehle ich dieses Buch. Es ist eine große Verführung, ja, es weckt das pure Fernweh, die Sehnsucht nach einem eigentlich fremden Land. Sofort möchte ich mich aufmachen und all die Orte mit eigenen Augen sehen, die leckere Küche genießen und mich auf mythische Spurensuche in Georgien begeben, wo viele europäische Einflüsse sich vereinen. Genauso vielfältig und abwechslungsreich sind die Geschichten auf den illustrierten Seiten: Julia B. Nowikowa, die bereits die Cover von Das achte Leben (Für Brilka) und Die Katze und der General gestaltet hat, verleiht dem Buch innen wie außen ein ganz eigenständiges, phantasievolles Aussehen. Mal umarmen kunst- und stimmungsvolle Bilder die Beiträge, mal zeigen sich die Figuren keck und spielerisch. Das ist kolossal gut!

Obendrein finden sich in dem Buch großartige deutschsprachige Autorinnen und Autoren wie Lucy Fricke, Fatma Aydemir und Katja Petrowskaja, dazu konnte ich etliche neue georgische Autorinnen und Autoren entdecken. Die sechs Tandems reisen durch Georgien, berichten von ihren Eindrücken – und das auf unterschiedliche Weise: Humorvoll, melancholisch, poetisch, länger oder in raffiniert-lyrischer Kurzform. Hier treffe ich übrigens auch Tamta Melaschwili wieder, die zusammen mit Ulla Lenze durch Kachetien reist.

Schon jetzt weiß ich: Meine Reise durch Georgien ist noch lange nicht vorbei, denn es gibt noch so, so viel entdecken. Erst einmal in Büchern und irgendwann dann vielleicht sogar in Wirklichkeit. Einen Reiseführer brauche ich ja jetzt nicht mehr.

Ekaterine Togonidze: Einsame Schwestern. Aus dem Georgischen von Nino Osepashvili und Eva Profousová. Septime, Februar 2018, 180 Seiten, gebunden, 20,-€.

Manana Tandaschwili, Jost Gippert (Hrsg.): Techno der Jaguare. Neue Erzählerinnen aus Georgien. Die Erzählungen wurden aus dem Georgischen übersetzt von Maia Tabukaschwili, Maka Kandelaki, Anastasia Kamarauli, Irma Schiolaschwili, Susanne Schmidt und Mariam Kamarauli. Februar 2013, 256 Seiten, 19,90 €. Frankfurter Verlagsanstalt.

Georgien – Eine literarische Reise. Frankfurter Verlagsanstalt, September 2018, mit zahlreichen Illustrationen von Julia B. Nowikowa, 192 Seiten, 25,- €.

** Weitere Beiträge zu Georgien findet ihr u.a. bei literaturleuchtet. Und Buchbüchse hat den Verleger Stefan Weidle zu georgischer Literatur interviewt. Der feine unabhängige Verlag aus Bonn hat allein drei georgische Werke publiziert. Auch die Homepage des Gastlandes empfehle ich euch. Schaut mal bei Georgia Made by Characters vorbei. Für die TV-Gucker unter euch Bücherwürmern empfehle ich den vierteiligen Beitrag zum diesjährigen Gastland von der 3sat-Kulturzeit.

Advertisements

2 Gedanken zu “Eine Reise durch Georgien. In Literatur.

  1. Ja, bitte, reist für mich nach Frankfurt und berichtet mir von dort! Eben noch war Leipzig, die plötzliche Kälte, Glatteis, ich kam viel zu spät und hatte auf der Messe kaum Zeit. Nach Frankfurt schaffe ich es nicht, darum: fahrt Ihr für mich, Herr und Frau Klappentexter, und vergesst nicht, zu bloggen, was das Zeug hält! Ich warte drauf!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s