Talking about Georgien mit Maria-Christina Piwowarski.

Wer meinen Beitrag Eine Reise durch Georgien. In Literatur gelesen hat, weiß es ja schon: Über 160 Übersetzungen aus dem Georgischen ins Deutsche gibt es aus dem diesjährigen Gastland der Frankfurter Buchmesse. Wer soll die alle lesen? Wie gut, wenn man da auf geschätzte KollegInnen zurückgreifen kann, die Titel gelesen haben, die man selbst nicht geschafft hat. Heute präsentiere ich euch im ersten Teil Maria-Christina Piwowarski vom großartigen ocelot-not just another bookstore in Berlin.

Klappentexterin: Ich empfinde das diesjährige Gastland als besonders aktiv. Oder ist das nur eine subjektive Wahrnehmung?
Maria-Christina Piwowarski: Ja, das empfinden wir alle so, denke ich. Was das Georgian National Bookcenter da seit Monaten schon mit den KollegInnen im Gastlandresort der Frankfurter Buchmesse auf die Beine stellt, ist wirklich grandios. Die ganze PR rund um Georgia Made by Characters ist einfach wunderbar inspirierend. Man spürt in jeder Veranstaltung, in jedem Social-Media-Post, in allen Statements, dass Georgien mit besonders viel Herzblut dabei ist. Das ist in diesem Jahr ebenso beeindruckend wie ansteckend und erinnert mich sehr an Island 2011.

Du hast ja bereits einige georgische Bücher in diesem Jahr gelesen. Gibt es eine Gemeinsamkeit, die dir immer wieder begegnet ist? Eine Grundstimmung beispielsweise?
Ich glaube, es liegt nahe zu sagen, dass dieses kleine Land mit seiner uralten Kultur, vor allem aber seiner bewegten Geschichte im 20. Jahrhundert (die ja bis heute nachwirkt: Teile Georgiens sind ja immer noch russisch besetzt), sich gerade in der jüngeren Literatur sehr auffällig mit existentialistischen Themen auseinandersetzt. In den aktuellen Romanen aus Georgien verspüre ich eine große Dringlichkeit, sich mit den „großen Fragen des Lebens“ zu beschäftigen. Das Überleben im Stalinismus, das Weiterleben auf den Ruinen der Sowjetunion, die Korruption, die Kriege, die ganzen Erschütterungen, denen dieses kleine Land standhalten musste und noch muss, der Sog nach Westen, all das färbt natürlich die Themen mit denen sich viele Georgierinnen und Georgier literarisch beschäftigen wollen und müssen. Eine gewisse Unbedingtheit ist für mich spürbar, eine gewisse Notwendigkeit, auch Unbequemes zu thematisieren.

Die Auswahl der georgischen Titel ist ja riesig. Welches Buch würdest du zum Einstieg empfehlen?

Darf ich auch zwei? Ich finde Der Held im Pardelfell in der Nacherzählung von Tilman Spreckelsen, illustriert von der grandiosen Kat Menschik, ist ein perfekter Einstieg. Der Nationalepos Georgiens wurde um das Jahr 1200 am Hof von Königin Tamar von Schota Rustaweli (der möglicherweise ihr Geliebter war) als Der Recke im Tigerfell erdichtet. Kein Buch zeigt besser, wie Georgien bereits im Mittelalter ein unglaublich offenes, von verschiedensten Einflüssen geprägtes, hochkulturelles Land war. Weil die GeorgierInnen an ihre Sprache einfach sehr konsequent festhalten (vielleicht kein Wunder, bei all der Geschichte), können auch heutige Schulkinder den Stoff mühelos verstehen. Versuch mal hier Walther von der Vogelweide an SechstklässlerInnen zu vermitteln. Ist das nicht beeindruckend?!
Und dann liebe ich für den Einstieg Georgien – Eine Literarische Reise aus der Frankfurter Verlagsanstalt. Nirgends erfährt man so viel so leicht, wie wenn sich Tandems aus je einer deutschen und einer georgischen AutorInnenpersönlichkeit gemeinsam auf eine einwöchige Reise ins (un)bekannte Georgien begeben.

Bei eurem literarischen Instagram-Abend im ocelot habt ihr einen dicken Wälzer in die Kamera gehalten. Um welches Buch handelt es sich? Und was ist an ihm so bedeutend?
Das war Aka Morchiladzes Santa Esperanza. Aka Morchiladze gilt als eine der wichtigsten Stimmen georgischer Gegenwartsliteratur. Viele GeorgierInnen, mit denen ich gesprochen habe, nennen Santa Esperanza als DAS Werk, das man unbedingt gelesen haben muss. Zaal Andronikashvili sagte zu mir, dass dieses Buch »die komplette Klaviatur dessen spielen würde, was georgische Literatur kann«.
Der aus 36 einzelnen Geschichten bestehende Kosmos entführt die LeserInnen auf ein fiktives Archipel im Schwarzen Meer und persifliert dann eigentlich die komplette Geschichte Georgiens. Ich habe großes Glück: Das Verlegerpaar Stefan und Barbara Weidle (die von Morchiladze Reise nach Karabach und Der Filmvorführer verlegen), haben mir noch eine alte Ausgabe vom Pendo-Verlag geschenkt. In dieser Variante gibt es nämlich die 36 Heftchen lose im Schuber, die dann wirklich querbeet gelesen werden können. In kleinen Dosen führe ich sie mir seither zu.

Euer Schaufenster verzaubert derzeit mit einem Kunstwerk. Wie kam es dazu? Und wer war daran beteiligt?
Seit 2014, seit Das achte Leben (für Brilka) von Nino Haratischwili in der Frankfurter Verlagsanstalt erschien, sind wir im ocelot alle Georgien tatsächlich verfallen. Deshalb haben wir auch den Gastlandauftritt regelrecht herbeigesehnt. Es war klar, dass wir dem Thema auf jeden Fall die größte Aufmerksamkeit widmen würden: durch unsere Schaufenster, durch unsere Veranstaltungen, durch die Präsentation der Übersetzungen aus dem Georgischen im Laden. Mein Kollege Ludwig Lohmann (der letztes Jahr mehrere Wochen in Georgien war) hatte dann die grandiose Idee, unsere Kollegin Alex Bachler, die ja tatsächlich wahnsinnig begnadet malen kann, zu bitten, das Schaufenster zu gestalten. Alex hat dann wirklich tagelang georgische Motive recherchiert und skizziert und dann über acht Stunden am Stück, tatkräftig von Ludwig unterstützt, den Entwurf auf unsere beiden großen Fenster übertragen. Die Resonanz ist überwältigend und wir können damit wunderbar zeigen, wie sehr wir hinter dem Gastlandauftritt stehen. Am 17. Oktober feiern wir deshalb auch mit dem Weidle Verlag Georgien von A bis Z und laden alle zu einer Art Nachmesseparty zur Feier Georgiens ein. Aka Morchiladze und Zugab Karumidze werden da sein und auch viele weitere georgische Autorinnen und Autoren haben sich schon angekündigt. Es wird ein wunderbarerer Abend, zu dem gern jede/r kommen kann, der die georgische Literatur ebenso liebt, wie wir, oder sie endlich entdecken möchte. Denn eins ist klar: Georgien bleibt, auch nach der Frankfurter Buchmesse!

Zum schönen Abschluss schenkt uns Maria zwei Buchempfehlungen:

Fotos: © Maria-Christina Piwowarski (2)

In „Das Birnenfeld“ eröffnet Nana Ekvtimishvili einen Mikrokosmos um ein Waisenhaus am Rande von Tbilissi kurz nach dem Ende der Sowjetzeit.Die Kinder hier sind nicht nur an den Rand der Stadt, sondern vor allem an den Rand der Gesellschaft gedrängt und dann dort vergessen und abgehängt worden. Mit Lela, die dem Schulalter längst entwachsen ist und das verhasste Heim doch nicht verlassen kann, weil eigentlich nichts sonst auf der Welt auf sie wartet, hat Ekvtimishvili eine Protagonistin geschaffen, deren Rebellion und Fürsorglichkeit nur durch ihre Geistesschärfe übertroffen werden. Mit beeindruckender Sprachmacht, jedoch ohne einen Hauch falscher Sentimentalität, zeigt Ekvtimishvili die helle Kraft des Lebenswillens in einer düsteren Zeit.

Die Erzählungen von Ionuna Guruli zeigen grandios, dass gut geschriebene Kurzgeschichten einem Roman in nichts nachstehen, solche Welten eröffnet sie auf nur wenigen Seiten.Ihre Themen sind feministisch, politisch, brisant; ihre Formulierungen so brillant, dass sie zum steten Sätzeunterstreichen zwingen. Ihre Geschichten sind oft so schwer erträglich, dass ich sie nicht länger hätte aushalten können. Und doch schwingt das Wissen mit, dass Guruli den Finger nur sehr präzise auf Wunden legt, die Frauen täglich überall auf der Welt beigebracht werden.

Die Klappentexterin dankt für das Interview und die feinen Büchertipps!

 

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3 Gedanken zu “Talking about Georgien mit Maria-Christina Piwowarski.

    1. Liebe Janine,

      vielen Dank, das freut mich! Durch das hohe Engagement vieler Beteiligten – insbesondere durch „Georgia made by Characters“ ist Georgiens Literaturlandschaft jetzt sichtbarer geworden. Das ist schön. Wir haben also noch viel zu entdecken. 😉

      Viele Grüße
      Klappentexterin

      Gefällt mir

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