Talking about Georgien mit Frank Menden.

Heute gibt´s weitere Georgien-Tipps von einem belesenen Literaturkenner: Frank Menden. Der geschätzte Buchhändlerkollege arbeitet bei stories! Die Buchhandlung in Hamburg. Frank betreibt keinen eigenen Blog, sondern ist wie Maria-Christina Piwowarski sehr aktiv auf Instagram. Beide inspirieren mich immer wieder aufs Neue mit Ihren Literaturtipps. Als ich sah, dass Frank einige georgische Titel gelesen hatte, wollte ich mehr von ihm wissen. So verrät er mir im Interview, welche Erfahrungen er beim Lesen georgischer Literatur gesammelt hat, und welche Bücher er aus dem diesjährigen Gastland der Buchmesse ganz besonders empfiehlt.

Klappentexterin: Du hast bereits einige georgische Titel gelesen. Bist du erst durch die Buchmesse auf die georgische Literatur aufmerksam geworden? 
Frank Menden: Zum ersten Mal bin ich durch Nino Haratischwilis Roman Das achte Leben (Für Brilka) auf georgische Literatur aufmerksam geworden. Wir hatten die Buchpremiere in unserer Buchhandlung und obwohl ich zu den wenigen gehöre, denen der Roman überhaupt nicht gefällt, hat mich die Autorin (durch ihre Eloquenz und Intelligenz) beeindruckt. Als ich entdeckte, dass sie den Roman Der Literaturexpress von Lasha Bugadze übersetzt hat, habe ich diesen sofort gelesen und er hat mir gut gefallen.
Allerdings habe ich dann dieses Jahr vermehrt georgische Titel gelesen, da ich immer versuche, zumindest eine Handvoll Titel des Gastlandes der Buchmesse zu lesen.
Es waren dies bislang dabei:
Bestseller von Beka Adamaschwili (Voland & Quist)
Farben der Nacht von David Gabunia (Rowohlt Verlag)
Das Birnenfeld von Nana Ekvtimishvili
Samanischwilis Stiefmutter von Dawit Kldiaschwili (Dörlemann Verlag)
Der Südelefant von Archil Kikodze (Ullstein Verlag)
Wenn es nur Licht gäbe, bevor es dunkel wird von Iunona Guruli (btb)

Gespannt bin ich noch auf Das erste Gewand von Guram Dotschanaschwili.

Wie ist es dir bei der Lektüre der verschiedenen Werke ergangen?
Die Lektüre war durchweg eine lohnende. Mir haben all die angeführten Bücher gefallen, auch wenn sie ducrhaus verschieden waren, abgedreht wie Bestseller, tragikomisch wie Samanischwilis Stiefmutter, melancholisch wie Der Südelefant, spröde und berührend wie Das Birnenfeld und lyrisch wie Wenn es nur Licht gäbe… und spannend wie Farben der Nacht. Mich hat die Vielfältigeit der georgischen Literatur beeindruckt, die besondere Art, Geschichten zu erzählen.

Wie hast du die Bücher ausgewählt?
Ausgewählt habe ich die Bücher rein instinktiv, Cover und Titel haben mich da geleitet, manche Lektüre (Farben der Nacht) habe ich aufgrund von Instagram Rezensionen vorgezogen.

Was zeichnet für dich georgische Literatur aus?
Ich kann da kein alleiniges Merkmal benennen. Für mich ist es dieser genaue Blick auf die Gesellschaft, das Leben, mal schonungslos wie unter einem Mikroskop, die Umstände sezierend, mal satirisch gespiegelt, immer mit einer sofort zugänglichen Sprache.

Du besuchst ja die Frankfurter Buchmesse. Wirst du dort auch beim Gastland vorbeischauen?
Tatsächlich ist der Besuch des Pavillons des Gastlandes jedes Jahr fest eingeplant. Und auch das dazugehörige Restaurant wird aufgesucht, zumindest für einen kleinen Snack reicht meine Zeit immer.
Ohne diese beiden „Programmpunkte“ ist die Buchmesse einfach nicht vollständig, ich bekomme so ein viel kompletteres Bild des Gastlandes als „nur“ durch die Literatur.

Und hier kommen nun persönliche Buchempfehlungen von Frank:

Fotos (3): © Frank Menden

»Die einzige Chance auf immerwährenden Ruhm ist der Tod. Deswegen beschließt Pierre Sonnage, seines Zeichens erfolgloser Schriftsteller, sich an seinem 33. Geburtstag von einem Wolkenkratzer in Dubai zu stürzen. Zu Teilen geht sein Plan auf, denn seine Bücher finden reißenden Absatz. Er selbst jedoch landet in der Hölle, der Literaturhölle: Dante, Kafka, Hemingway und Poe trifft er hier und in diesem versammelten Jahrmarkt der Eitelkeiten ist das Nachleben kein Zuckerschlecken… Passend zum diesjährigen Gastland der Buchmesse Georgien ist Bestseller von Beka Adamaschwili erschienen, der in seiner Heimat 2014 ein ebensolcher war! Sybille Heinze hat dieses hochkomische, intelligente und irrwitzige Buch voller Anspielungen und Querverweise übersetzt und es ist ein 172 Seiten andauernder Hochgenuss! Die ersten Zeilen setzen schon den Grundton: »Gewidmet allen Bäumen, um den Schaden ein wenig zu kompensieren, der durch die Notwendigkeit einer Seite mit Widmung entstanden ist

»Sommer 2012 in Tiflis. Die Regierung wird stürzen, doch noch geht alles seinen Gang in der Hitze der Hauptstadt. Surab, Vater zweier Kinder und verheiratet mit Tina, langweilt sich als Hausmann. Die Kinder sind bei seiner Schwiegermutter auf dem Land , seine Frau macht ständig Überstunden. Da fällt ihm ein neuer Mieter im Haus gegenüber auf, ein junger Mann, der einen auffälligen roten Alfa Romeo fährt. Bald wird das abendliche und nächtliche Beobachten des Mannes für Surab zur Obsession, er kann sich den Vorkommnissen in der gegenüberliegenden Wohnung nicht entziehen, ist gleichzeitig fasziniert und abgestoßen. Eifrig dokumentiert er alles mit seiner Kamera, auch einen schicksalsschweren Vorfall, der sein Leben grundlegend verändern wird…. Farben der Nacht von Davit Gabunia übersetzt von Rachel Gratzfeld ist eine literarische Version von Alfred Hitchcocks Das Fenster zum Hof und bietet dem Leser quasi en Passant Einblicke in die georgische Gesellschaft. Bei der Lektüre versteht man sofort, warum Davit Gabunia als herausragende Stimme Georgiens gilt und ich würde sehr gern eines seiner Theaterstücke sehen. @alex_coffee_books und @literarischernerd und @littlepaperworks haben schon von diesem schmalen, eindringlichen Buch geschwärmt und auch mir hat es gut gefallen. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass der Klappentext nicht so viel verrät und auch den Einstieg fand ich nicht gelungen (man kann den Roman durchaus auf Seite 17 beginnen). Mein zweiter Roman aus dem diesjährigen Gastland der der Buchmesse und trotz der beiden erwähnten kleinen Abstriche eine klare Leseempfehlung.«

»Mit Samanischwilis Stiefmutter von Dawit Kldiaschwili aus dem Dörlemann Verlag und übersetzt von Rachel Gratzfeld habe ich ein weiteres Buch aus dem diesjährigen Gastland der Frankfurter Buchmesse gelesen. Dieser Roman von 1896 ist ein auch heute noch viel gelesener Klassiker in Georgien, auch die Dramatisierung wird stetig an den Theatern gespielt. Dies ist mir nach der Lektüre sehr verständlich, handelt es sich doch um ein höchst amüsantes und kurzweiliges Werk ! Nach dem Tod seiner Mutter versucht Platon seinen noch rüstigen Vater Bekina vor einer erneuten Ehe abzuhalten, fürchtet er doch die evtl Geburt eines Halbbruders, der ihm sein Erbe kosten könne. Doch Bekina wünscht sich eine neue Gefährtin und so greift Platon zu einer List…. Mehr darf nicht verraten werden , aber dieses kleine Büchlein ist nicht nur inhaltlich ein Vergnügen, es besticht auch sprachlich und das sehr informative Nachwort der Übersetzerin runden das Lesevergnügen ab. Wer sich für georgische Literatur interessiert, kommt an diesem Kurzroman nicht vorbei!«

Die Klappentexterin dankt für das Interview und die Büchertipps. Madloba!

 

 

 

Advertisements

Ein Gedanke zu “Talking about Georgien mit Frank Menden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s