Iunona Guruli über Georgien.

Foto: © Dani Tabukashvili

Zum Abschluss meines Georgien-Spezials begrüße ich heute die Übersetzerin und Schriftstellerin Iunona Guruli. Sie hat in den vergangenen zweieinhalb Jahren neun Bücher vom Georgischen ins Deutsche übersetzt. Darunter war auch ihr eigenes Werk: Wenn es nur Licht gäbe, bevor es dunkel wird ist in diesem Jahr beim btb Verlag erschienen. Das Debüt wurde in Georgien mit dem renommierten Saba-Literaturpreis ausgezeichnet und hat hierzulande ebenfalls etliche LeserInnen beeindruckt, wie meine geschätzte Buchhändlerkollegin Maria, die das Buch jüngst empfohlen hat. Mich konnte es ebenso begeistern. Ich wollte mehr über das Buch erfahren und natürlich über ihr Heimatland Georgien. Zudem habe ich die Autorin bei der diesjährigen #spreepartie von Kirchner Kommunikation kennengelernt. In dem georgischen Lokal Madloba verriet Iunona Guruli uns Bloggern nicht nur die Feinheiten der georgischen Küche, obendrein wusste sie spannende Details über ihre Muttersprache zu berichten. Diese interessanten Hintergründe wollte ich nicht für mich behalten und habe Iunona Guruli interviewt.

Wie ich gelesen habe, hat sich Tbilisi in den vergangenen Jahren sehr verändert. Wie ergeht es Ihnen, wenn Sie heute Ihre Geburtsstadt besuchen?
Es sind gemischte Gefühle. Einerseits freue ich mich wieder in meiner Heimatstadt zu sein, wo ich geboren und aufgewachsen bin, und mit der mich sehr viele prägende Erinnerungen verbinden. Andererseits sind dort viele Veränderungen im Gange, die mir missfallen, z.B. wird sehr viel gebaut, was eigentlich eine gute Sache ist, aber es wird überhaupt keine Rücksicht auf das Gesamtbild, auf die Architektur des jeweiligen Viertels genommen. So kommt es, dass völlig unpassende Gebäude nebeneinander aufgestellt werden. Außerdem stellt die Abholzung von Grünflächen ein riesiges Problem dar. Es gibt kaum mehr Parks in der Stadt, an ihrer Stelle stehen jetzt Hochhäuser. Die Luft ist demenstprechend schlecht, denn wie sagt man man so schön: Eine Stadt braucht ihre Lungen. Dagegen protestieren sehr oft Aktivisten.

Sie sind lange Zeit zwischen verschiedenen Städten und Ländern hin- und hergependelt. Hat das Pendeln Sie zu Ihrem Beruf als Übersetzerin geführt?
Nein, ich kam durch Zufall zur Übersetzungstätigkeit, doch das viele Reisen, das Nomadenleben, hat ganz sicher dazu geführt, dass ich heute viel Stoff zu erzählen habe.

IMG_0388
Neben dem eigenen Werk hat Iunona Guruli acht weitere Bücher ins Deutsche übersetzt wie „Reise nach Karabach“, das im Weidle Verlag erschienen ist.

Wie ich hörte, haben Sie einige Bücher aus dem Georgischen ins Deutsche übersetzt. Wie haben Sie das in der Kürze der Zeit überhaupt geschafft?
Ich habe in den letzten zweieinhalb Jahren neun Bücher ins Deutsche übertragen, inklusive mein eigenes Buch. Ich habe wirklich ohne Pause durchgehend gearbeitet. Da Georgien dieses Jahr Gastland der Franfurter Buchmesse ist, mussten viele Übersetzungen fast zur gleichen Zeit abgegeben werden, d.h. ich hatte dieses Jahr keinen einzigen freien Tag, kein Wochenende, keinen Urlaub. Manchmal habe ich bis spät in die Nacht gearbeitet, oft 12 Stunden am Tag.

Gibt es einen Wesenszug, der die georgische Literatur beschreibt? Haben Sie ein persönliches Lieblingsbuch?
Die georgische Literatur ist sehr vielfältig mit vielen verschiedenen Richtungen und einer enorm breiten Themenpalette, so dass es mir schwerfällt, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Was das Lieblingsbuch betrifft, so ein Buch habe ich nicht. Dafür gibt es einige Bücher, die ich immer wieder gern lese.

Welche Besonderheiten hat die georgische Sprache?
Die georgische Sprache gehört zur Familie der südkaukasischen Sprachen. Mit etwa 4,5 Mio. Sprechern ist sie die meist gesprochene Sprache dieser Sprachfamilie. Wichtig ist hierbei zu erwähnen, dass diese vergleichsweise wenig verbreitete Sprache eine eigene, originelle Schrift (Mchedruli) besitzt. Die älteste georgische Inschrift, die im Bethlehem-Kloster in Palästina gefunden wurde, ist mit 432–433 datiert. Seit 2016 zählt das georgische Aplhabet zum UNESCO Weltkulturerbe Georgiens.

Georgisch ist die Amtssprache in Georgien. In der Sowjetunion war Georgien eine der wenigen Republiken, in denen es gelang, trotz russischer Assimilationspolitik Georgisch als Staatssprache zu bewahren.

Die georgische Sprache weist einige Besonderheiten auf, bspw. gibt es keine Groß- und Kleinschreibung, keine Diphthonge, keine Umlaute, keine Artikel und keine geschlechtsbezogenen Endungen, außerdem fehlt das grammatische Geschlecht. Die Georgische Grammatik ist sehr komplex: Es gibt drei Arten der Verneinung, sieben Fälle und elf verschiedene Zeiten bzw. Modi. Eine Besonderheit ist auch, dass man im Georgischen die Handlung, den Handelnden und das Handlungsziel mit einem einzigen Wort ausdrücken kann, z.B. „matkhowa“ – er hat es mir geliehen.

Sie übersetzen nicht nur, sie schreiben selbst. Kürzlich ist auf Deutsch Ihr Buch Wenn es nur nicht Licht gäbe, bevor es dunkel wird. Es hat den georgischen Saba-Literaturpreis erhalten. Herzlichen Glückwunsch! Wie war es, das eigene Buch zu übersetzen?
Vielen Dank! Eigene Geschichten zu übersetzen war eine einmalige Erfahrung: Beim Übersetzen versuche ich normalerweise, die Stimme eines Autors oder einer Autorin in einer anderen Sprache zu finden. Als ich mit dem Übersetzen angefangen habe, hat mir jemand einen Rat gegeben, dem ich bis heute versuche, zu folgen: „Du musst dir vorstellen, wie der Autor das Buch in dieser Sprache schreiben würde, und genauso übersetzen.“ Dabei versuche ich mich vollständig in den Hintergrund zu stellen, was manchmal gar nicht so leicht ist, vor allem, wenn man selbst schreibt. Meine eigenen Texte zu übersetzen, das heißt, meine Stimme in einer anderen Sprache wiederzufinden. Manchmal vertiefe ich mich noch einmal so sehr in die Suche nach dem, was ich sagen möchte, dass ich aus einer vierseitigen Kurzgeschichte eine 16-seitige Erzählung mache. Daher glaube ich, dass ich beim Übersetzen meines eigenen Buches sowohl Übersetzerin als auch Schriftstellerin bin.

Das Buch enthält kurze Geschichten, sehr berührende, in denen viel Raum für eigene Interpretationen bleibt. Einige Protagonistinnen kehren in anderen Geschichten wieder. Habe ich das richtig herausgelesen?
Eigentlich tritt in jeder Erzählung eine andere Protagonistin auf, allerdings sind viele meiner Geschichten autobiografisch, so dass die Ähnlichkeiten zwischen den Hauptcharaktere unvermeidlich sind.

Ich hätte einige Erzählungen gern weiter gelesen. Wird es eine Fortsetzung geben? Vielleicht in Form eines Romans?
Ich arbeite gerade an meinem ersten Roman, den ich direkt auf Deutsch schreibe. Er wird auch beim btb Verlag erscheinen. Es ist als ein semi-autobiografischer Roman gedacht, d.h. einige Geschichten aus dem aktuellen Buch werden im Roman wieder aufgegriffen und fortgesetzt.

Als ich kürzlich bei Metropolis auf arte einen Beitrag über Sie gesehen haben, schwärmten Sie von Ihrer neuen Heimat Berlin. Was gefällt Ihnen an der Stadt?
Es ist eine Stadt, in der jeder, egal welcher Nationalität, Herkunft oder Religion, egal, mit welchen Interessen oder Zielen, friedlich neben- und miteinander lebt. Berlin ist bunt, vielfältig, tolerant und liberal, und das sind die Eigenschaften, die der Welt heutzutage so drastisch fehlen, vor allem in Anbetracht der unbegreiflichen Tatsache, dass die Politik in letzter Zeit so rasant nach Rechts rückt.

Die Klappentexterin dankt Iunona Guruli für das Interview. Madloba!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s