Bloggertalk über die Longlist – Baba Dunjas letzte Liebe

Foto© masuko13

»Baba Dunjas letzte Liebe« ist ein schmaler Roman und eine ganz große Geschichte. In einem guten Mix aus Drama und Humor erzählt Alina Bronsky davon, wie ein paar alte Leute gemeinsam mit der fast 100-jährigen Baba Dunja in ihr heimatliches Dorf Tschernowo zurückkehren, um hier jenseits aller Vorschriften zu leben und irgendwann zu sterben. Der Roman steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2015 und wir, masuko13 und Klappentexterin, haben uns darüber ausgetauscht #dbp15.

Klappentexterin: Was waren deine Gedanken, als du »Baba Dunjas letzte Liebe« von Alina Bronsky auf der diesjährigen Longlist gesehen hast?
masuko13: Ich war überrascht und hab mich sehr gefreut.
Klappentexterin: Ich habe mich auch riesig gefreut und wurde dann noch neugieriger, als ich es ohnehin schon war. Du hattest mir ja schon im Vorfeld das Buch ans Herz gelegt und so sehr davon geschwärmt, dass ich es unbedingt lesen wollte.

Klappentexterin: Ist Baba Dunja ein typisches Longlist-Buch? Oder fällt es eher aus dem Rahmen der zuletzt oft nominierten Geschichten?
masuko13: Was genau meinst du mit typischem Longlist-Buch?
Klappentexterin: Mit typischen Longlist-Büchern meine ich Titel, die aufgrund ihrer Schwere oder Dramatik favorisiert sind. Ich habe oft Bücher auf der Liste vermisst, die eine gewisse Leichtigkeit in sich tragen. Egal, wie dramatisch die Geschichte sein mag. Meist fanden sich überwiegend deprimierende und anstrengende Bücher unter den Nominierten. Ob sprachlich herausragend oder nicht, spielt in dem Fall keine Rolle. Es geht ja genauso um den Inhalt. Auch gute Literatur kann von einer Leichtigkeit umgeben und trotzdem umwerfend sein. Besondere Unterhaltung, die nicht nur an der Oberfläche kratzt und vollends begeistert. Genau das ist »Baba Dunjas letzte Liebe« und daher für mich das perfekte Longlist-Buch. Was meinst du?
masuko13: Ja, oft spüre ich auch bei der Auswahl der 20 Titel diese Schwere oder Dramatik, wie du sie ansprichst. Ich würde das jetzt aber nicht als typisch für die Longlist-Bücher bezeichnen. Beispielsweise standen auf der Longlist 2014 Hettche mit »Pfaueninsel« und Stanisic mit »Vor dem Fest«. Beides sind wundebar literarische Romane, die aber von einer gewissen Leichtigkeit geprägt sind. Und nun stehen mit Weyands »Applaus für Bronikowski« und »Baba Dunja« wieder solche Romane auf der Longlist.

Klappentexterin: Ich finde die Protagonistin zutiefst beeindruckend. Einerseits ist sie stark wie eine alte Eiche und andererseits butterweich und sehr herzenswarm. Ich denke beispielsweise an die Momente, in denen sich Baba Dunja um ihre Nachbarin Marja kümmert oder um Petrow. Oft frage ich mich, woher hat die Frau all die Energie? Auch ihre Stadttouren, die mit großen Strapazen verbunden sind, meistert sie, ohne groß zu jammern. Sie nimmt es einfach hin, dass sie jetzt als ältere Frau zu Fuß viel länger braucht als früher. Eine weise, mutige und widerstandsfähige Frau.
masuko13: Ich mochte ganz besonders, dass es nichts gibt, was diese kleine zierliche Frau jemals aus ihrer Ruhe bringt. Und dass sie keine Angst verspürt, auch nicht vor dem eigenen Tod. Niemand kann ihr irgendetwas vorschreiben, auch nicht, wo und wie sie sterben wird. Und weil sie ihr altes Dorf so liebt, kehrt sie eben dorthin zurück. Und sei es noch so verstrahlt.

Klappentexterin: Die Welt in Tschernowo ist eine ganz eigene. Sie scheint aus der Zeit gefallen und ist gerade deshalb unglaublich anziehend. Oder verharmlose ich gerade die Katastrophe von Tschernobyl?
masuko13: Nein, finde ich nicht. Ich empfand es beim Lesen eher so, dass es nicht vorrangig um das Reaktorunglück geht. Ich glaube, Bronsky benutzt diesen idyllischen (aber verstrahlten) Ort, um eine Geschichte von selbstbestimmtem Altern und Sterben zu erzählen. Tschernowo wirkte auf mich fast wie ein kleines Dorf aus einem russischen Märchenfilm. Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Wahl treffen würde. Aber ich bin auch keine „zweiundachtzig irgendwas“.

Klappentexterin: Alina Bronsky erzählt das Leben der Tschernobyl-Rückkehrer, das vorrangig vom Überlebenskampf geprägt ist. Hier stehen nicht Schönheit oder Status an oberster Stelle. Hier zählt das pure Überleben. Da sind der nahrhafte Garten, der Haushalt und die Nächstenliebe. Die ist groß, nicht zuletzt durch unsere Romanheldin. Eigentlich einfach und doch eine Königsdisziplin für Autoren, so eine Geschichte mitreißend umzusetzen. Oder was sind deine Empfindungen?
masuko13: Alina Bronsky macht das wirklich gut! Ich wünsche mir, auf diese wunderbar unbeschwerte Art alt zu werden, wie Baba Dunja, Marja und Petrow. Sie brauchen ja fast nichts mehr, außer ein paar Crackern und einer Johannisbeer-Rispe zu essen, ganz viel Wärme und jede Menge gute Gespräche mit Gleichgesinnten. Für mich ist das wirklich eine mutige Geschichte über das Altern.

Klappentexterin: Hast du Lieblingsstellen in diesem wunderbaren Buch?
masuko13: Ja, beispielsweise auf Seite 12: »Ich habe alles gesehen und vor nichts mehr Angst. Der Tod kann kommen, aber bitte höflich.«
Und auf Seite 151: »Ich werde in den Wald gehen und Birkensaft zapfen. Nicht weil ich hundert Jahre alt werden will, sondern weil es ein Frevel ist, die Geschenke der Natur abzulehnen.« Und du?
Klappentexterin: Oh, ich habe einige: Viele kluge, aber auch erheiternde. Übrigens ein Merkmal dieses großartigen Romans – der Wechsel von Lächeln und Nachsinnen beim Lesen. Am schönsten ist der Witz, der mich aus vielen Sätzen angrinst. Gleich zu Beginn zum Thema Strahlung: »In der Nacht weckt mich wieder Marjas Hahn. (…) Seine innere Uhr ist durcheinander, schon immer gewesen, aber ich glaube nicht, dass es was mit der Strahlung zu tun hat. Man kann sie nicht für alles, was blöd auf die Welt kommt, verantwortlich machen.« Oder dieses hier: »Das Gute am Altsein ist, dass man niemanden mehr um Erlaubnis fragen braucht – nicht, ob man in seinem alten Haus wohnen kann, und nicht, ob man die Spinnennetze hängen lassen darf.«

Klappentexterin: Wird es »Baba Dunjas letzte Liebe« auch auf die Shortlist schaffen?
masuko13: Das wäre ein schönes Zeichen. Es würde zeigen, dass es möglich ist, mit Humor eine tiefsinnige Geschichte zu erzählen. Was denkst du?
Klappentexterin: Ich wünsche es mir so sehr! Denn sowohl sprachlich als auch inhaltlich hat der Roman auf jeden das Potenzial. Zeigt er doch, dass auch ein vermeintlich kleiner Roman, also einer, der nicht 800 Seiten braucht, Großes erzählen kann. Und dabei obendrein verdammt viel Vergnügen bereitet.

Klappentexterin: Hast du von Alina Bronsky noch andere Bücher gelesen? Ich habe bisher nur »Die scharfen Gerichte der tatarischen Küche« als Hörbuch genossen und war sehr angetan.
masuko13: Ja, das Buch habe ich auch gelesen, ganz besonders war ich aber damals von »Scherbenpark« begeistert.

***

Wie ist es euch mit dem Buch ergangen? Eure Meinung interessiert uns sehr! Und wer das Buch noch nicht gelesen hat, jetzt  aber neugierig geworden ist, dem empfehlen wir innigst diese feine Lektüre. Ihr könnt das Buch sofort bei Buchhandel.de bestellen. Oder vorher noch eine Rezension lesen? Nun, davon gibt es einige in der Blogosphäre:

> Bibliophilin
> Die Buchbloggerin
> Frau Hauptsachebunt
> Literaturen

Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe. Kiepenheuer & Witsch, August 2015, 160 Seiten, 16,- €. Das eBook kostet 13,99 € und ist bei Buchhandel.de erhältlich.

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16 Gedanken zu “Bloggertalk über die Longlist – Baba Dunjas letzte Liebe

  1. Ich lese Alina Bronsky auch ganz gerne, „Die tatarische Küche“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2015/07/16/die-scharsten-gerichte-der-tatarischen-kuche/, die ja auch auf der Longlist gestanden ist, ist mir allerdings etwas übertrieben vorgekommen.
    Dieses Buch habe ich leicht und schnell gelesen, das Thema Älterwerden, ist wie das Sterben, auch eines, das mich sehr interessiert.
    Trotzdem sind für mich einge Fragen offen, vor allem eine, ist das jetzt eine Metapher, ich gehe zum Sterben in ein verseuchtes Gebiet?
    So habe ich das Buch nicht ganz verstanden.
    Ein wenig unsinnig oder zu wenig ausgearbeitet ist vielleicht auch die Stelle mit dem Mord an diesen Mann, der mit dem Kind in das Dorf kommt, das dann gleich wieder verschwindet.
    Ein wenig märchenhaft, satirisch habe ich mir das Ganze interpretiert.
    Wahrscheinlich ein leicht zu lesendes Buch, vielleicht auch für Jugendliche zum Weiter- und Nachdenken, dann kommt man allerdings auf viele Fragen, wie beim Weyand https://literaturgefluester.wordpress.com/2015/08/28/applaus-fuer-bronikowski/, den ich überhaupt nicht als leicht, sondern eher als sowohl poetisch als auch realistisch empfunden habe, auf viele Fragen und schwere Themen.
    Diese starke alte Frau hat mir aber auch sehr gut gefallen, wieso sie dann aber unbedingt nach Tschernobyl geschickt wird, ist mir dann wieder nicht so klar. Vielleicht auch eine von den schwereren Fragen?
    Hier meine Besprechung:https://literaturgefluester.wordpress.com/2015/09/05/baba-dunjas-letzte-liebe/

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    1. Lieben Dank für den Kommentar und die persönlichen Leseeindrücke, die mir erneut zeigen, wie unterschiedlich Bücher wahrgenommen werden. Aber genau das macht die Literatur ja erst zu einem spannenden Feld, in dem wir uns alle treffen und austauschen, jede/r von seinen Erfahrungen und Empfindungen berichtet.

      Tschernowo ist Baba Dunjas Heimat, deshalb ist sie dahin zurückgekehrt, sie hat nichts mehr zu verlieren. Alina Bronsky wurde übrigens von einem einem Text von Elizabeth Gilbert auf Facebook zu ihrem Buch inspiriert. Dort hat sie über die rückgekehrten alten Frauen gelesen. Hier geht’s zum kompletten Interview: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/alina-bronsky-im-interview-ueber-baba-dunjas-letzte-liebe-13752367.html

      Viele Grüße
      Klappentexterin

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  2. Guten Morgen Ihr Beiden,
    Euer Talk ist wirklich herzerfrischend und hat mich richtig wach gemacht. Vielen Dank dafür!
    Auch ich mochte das Buch sehr gerne und habe mir gewünscht es hätte einige Seiten mehr gehabt. So eine Großmutter wie Baba Dunja hätte doch jeder gerne. Vielleicht gibt es irgendwann eine Fortsetzung und man erfährt was aus ihr, ihrer Tochter und der Enkeltochter wird. Ihr solltet Frau Bronsky doch mal darum bitten.
    Viel Spaß weiterhin beim Longlist-Lesen!
    Liebe Grüße, lesesilly

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    1. Sei herzlich gegrüßt, liebe lesesilly,
      wir freuen uns beide sehr, dass wir dich wachmachen konnten! Ja, es wäre in der Tat toll gewesen, wenn das Buch noch mehr Seiten gehabt hätte, aber vieleicht wären dies dann zu viele gewesen? Und wo wir gerade beim „vielleicht“ sind. Vielleicht gibt es eine Fortsetzung, aber ich denke nicht. Viel mehr wird die Fortsetzung wohl eher in unseren Köpfen stattfinden. Wir können aber gerne mal nachfragen. 😉

      Viele spätsommerliche Sonnengrüße
      Klappentexterin

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  3. Typisch Longlist – ich bin da ganz eurer Meinung und erinnere an ein Zitat von Reich-Ranicki:„Literatur muss Spaß machen. Sie soll den Menschen Freude, Vergnügen und Spaß bereiten und sogar Glück.“ Für die LONGLIST-ZUKUNFT erhoffe ich mir Bücher, die trotz Dramatik und thematischer Schwere es schaffen, eine gewisse Leichtigkeit zu versprühen. Ach, die Sprache ist so machtvoll. Sie kann magisch sein und so viel bewirken. Aktuell erlebe ich das mit einer Trümmergöre namens Jula. Ich habe Baba Dunjas Liebe nicht gelesen, aber wenn ich euer Gespräch mit den schönen Zitaten folge, dann hat Alina Bronsky es verdient unter den Top 20 der Nominierten zu sein. Vage erinnere ich mich an “ Die scharfen Gerichte…“ – ein Buch, das mir damals wirklich gut gefallen hat.

    Liebe Grüße,
    Tanja

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    1. Liebe Tanja,
      da hast du uns ein schönes Zitat vom ehrenwerten Herrn Reich-Ranicki mitgebracht, wie schön – hab vielen Dank dafür! Genau diesen Spaß, diese Freude habe ich zuletzt in den Longlisten vermisst und habe förmlich getanzt, als mich die Nachricht der diesjährigen Longlist erreichte. Endlich mal Bücher, die mehr Licht und Leseglück versprachen. Wobei masuko13 mir ja bereits Beispiele für solche Titel genannt hat, denen die Leichtigkeit innewohnt. Aber es waren mir zu wenig, wahrscheinlich habe ich sie deshalb vergessen. Mit Zornesfalten erinnere ich mich noch an die Longlist vor einem Jahr und an den persönlichen Skandal, dass es eine Nino Haratischwili dort nicht drauf geschafft hat, ein Buch, das bereits etliche verschiedene LeserInnen beglückt hat. Doch dieses Nichtnominieren hat dem Buch ja nicht wehgetan.
      »Die Sprache ist so machtvoll« – da gebe ich dir Recht. Sie kann verzaubern, überraschen und magische Momente schaffen, das zeigt uns Alina Bronsky auf wunderbare Weise. Hach, und die Trümmergöre ist ein weiteres wundervolles Beispiel dafür. Heute Morgen erst hatte ich das Buch wieder in den Händen (ich war dabei mein Lesebuch zu füllen) und erfreute mich daran.
      Lass uns also weiter suchen und Bücher mit großer Lesefreude finden – Listen und Preise hin oder her.

      Ich schicke dir warme Sonnenstrahlen nach H,
      Klappentexterin

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  4. Liebe Klappentexterin,

    ja, es hat mir sehr gefallen – trotz der unterschwelligen Traurigkeit.

    Ich hatte dieses Buch bereits in der Buchhandlung entdeckt, es aber dann nicht gekauft, weil mich der Klappentext nicht ansprach. Nach deiner Rezension habe ich es dann schließlich doch gekauft und war sehr überrascht, was für ein Juwel sich dahinter verbarg.

    Viele Grüße

    Rosa

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