Bloggertalk über die Longlist – Winters Garten

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»Winters Garten« von Valerie Fritsch ist ein weiteres Longlist-Buch, das mich zu einem Gespräch angeregt hat. Dieses sprachgewaltige Büchlein entführt in eine düstere Welt, die alsbald aus den Fugen gerät und eine Liebesgeschichte erzählt. Zappenduster ist es darin und gleichzeitig hell erleuchtet durch die zauberhafte, bildhafte Sprache. Ein Buch mit großer Sogwirkung, das viel Raum für Gespräche bietet. Und so habe ich mich mit meinem Buchpreisblogger-Kollegen Buchrevier über dieses kleine Meisterwerk unterhalten.

Fritsch_BR_KTKlappentexterin und Buchrevier

Klappentexterin: Lieber Kollege, einzig dir allein und deiner mitreißenden Rezension habe ich es zu verdanken, dass ich das Buch »Winters Garten« von Valerie Fritsch sofort aus dem Regal genommen und in einem Rutsch gelesen habe. Was sagst du dazu?
Buchrevier: Ich glaube nicht, dass das der einzige Grund ist. Schließlich steht der Titel nicht ohne Grund auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Aber trotzdem freue ich mich darüber natürlich sehr. Denn was gibt es Schöneres, als andere Menschen mit der eigenen Begeisterung anzustecken und schöne Leseerlebnisse miteinander zu teilen?

Klappentexterin: Und ich bin sehr, sehr glücklich, dass ich es gelesen habe. Das überrascht mich. Haben wir doch bei Büchern oft verschiedene Meinungen. Ich erinnere dich an das aktuelle Buch von Haruki Murakami: »Wenn der Wind singt / Pinball 1973« . Woran mag es liegen, dass wir beide für »Winters Garten« brennen?
Buchrevier: Ich finde gar nicht, dass wir in unseren Einschätzungen zu Büchern so weit auseinander liegen. Bestes Beispiel: »Bora – Eine Geschichte vom Wind« von Ruth Cerha. Hier waren wir beide gleichermaßen so begeistert, dass der Verlag uns auf den Klappentext der zweiten Auflage verewigt hat. Auch Murakamis letzte Veröffentlichung der beiden Frühwerke fand ich prinzipiell nicht schlecht, nur eben nicht so gut, wie seine übrigen Romane. Ich glaube, unsere gemeinsame Schnittmenge sind Bücher, die irgendetwas mit Wehmut und Sehnsucht zu tun haben, wie es auch bei »Winters Garten« der Fall ist.

Klappentexterin: Ehrlich gesagt, hat mich das Buch schon im Vorfeld ungemein gereizt. Nicht zuletzt, da meine Vertreterin mir dieses Buch im Frühjahr auf der Buchmesse empfohlen hat. Und Ihre Tipps weiß ich stets sehr zu schätzen. Aber es schien eigenwillig und daher ein Buch, das man nicht eben so nebenbei liest. Heute weiß ich auch warum. Weil man sonst viel von der Sprache verlieren würde, wie Murmeln, die beim Laufen aus der Hosentasche fallen. Diese umwerfend tolle poetische Sprache. Die sprengt alles, oder?
Buchrevier: Ja, dieser Roman hat eine unglaubliche Sprachgewalt. Er ist voll von nahezu perfekten Sätzen, die es aufzuspüren gilt. Bei der oberflächlichen Lektüre können einem diese versteckten Perlen leicht entgehen. Daher stimme ich Dir vollkommen zu, dass man diesen Roman nicht nebenbei lesen sollte. Die Lektüre ist wie eine poetische Schatzsuche.

Klappentexterin: Ich finde den Inhalt des Buches zappenduster. Dennoch ist all die Düsternis gleichzeitig anziehend. Sie versprüht den Duft des Verbotenen, dem man nicht ausweichen kann. Wie empfandest du die Welt, die Valerie Fritsch erschaffen hat?
Buchrevier: Es geht hier nicht um eine bestimmte Geschichte, es geht um Gefühle, es geht, wie vorhin erwähnt, um Sehnsucht und Wehmut. Sehnsucht nach einem unbeschwerten, sorgenfreien und hoffnungsfrohen Leben. Und Wehmut, weil es all das nicht mehr geben wird. Ich habe irgendwann bei der Lektüre einfach den Kopf ausgeschaltet, mich in diese düstere Romanwelt fallen lassen und nur noch der gefühlvollen Sprache gelauscht.

Klappentexterin: Wie du habe auch ich zahlreiche Stellen in dem schmalen Büchlein markiert. Weil sie einerseits sprachlich sehr beeindrucken und andererseits lebenskluge Gedanken enthalten. Ich habe mich oft dabei ertappt, dass ich mir das Alter der Autorin vor Augen führen musste und mich fragte: Wie kann jemand in so jungen Jahren derart weise sein? Ist Valerie Fritsch womöglich eine junge Frau mit einer alten Seele? Das klingt jetzt ein bisschen esoterisch, aber du weißt sicherlich, was ich meine.
Buchrevier: Ja, das ist mir in der Tat ein wenig zu esoterisch. Valerie Fritsch ist 26 Jahre alt. Das ist genau das Alter, wo die meisten Menschen ihre ersten Hoffnungen und Sehnsüchte zu Grabe tragen. Ein Alter, in dem man feststellt, dass alles nicht so einfach ist, wie man sich das noch fünf Jahre vorher so vorgestellt hat. Dass man weitaus weniger fähig und talentiert ist, als ursprünglich angenommen. Die meisten sind in dieser Zeit so sehr von äußeren Zwängen (Studium, Beruf, Familiengründung) vereinnahmt, dass sie das gar nicht bemerken. Das ist bestimmt auch gut so. Aber eine Schriftstellerin horcht natürlich ganz anders in sich hinein und stellt Dinge fest, die andere einfach übersehen.

Klappentexterin: Wir wissen nicht, wann und wo die Handlung spielt. Du hast in deiner Rezension so schön geschrieben: »Als ich irgendwann verstanden hatte, dass die Autorin mir die Informationen zu Ort und Zeit, warum und wieso der Handlung nicht geben wird, konnte ich mich endlich auf die Sprache richtig einlassen.« Nachdem ich das gelesen hatte, habe ich mich einfach fallenlassen, hinein in das warme Feld der Sprache. Ist hier die Sprache das übergeordnete Element? Oder dient sie als helles Kontrastmittel zum dunklen Geschehen?
Buchrevier: Es gibt Autoren, die wollen in erster Linie eine Geschichte erzählen und benutzen Sprache lediglich als Mittel zum Zweck. Und dann gibt es Autoren wie Valerie Fritsch, die wollen Stimmungen und Gefühle vermitteln und für die ist die Geschichte lediglich Mittel zum Zweck. Es ist vollkommen egal, wo dieser Garten ist und warum die Welt untergeht. Valerie Fritsch hat die Handlung von allen überflüssigen Informationen befreit, entschlackt, um das zu transportieren und hervorzuheben, was ihr wichtig ist.

Klappentexterin: Ich lese Bücher nicht nur als Bloggerin, sondern ebenfalls mit den Augen einer Buchhändlerin. Bei jedem Buch schwingt die Frage mit: Wem könnte ich das Buch empfehlen? Auch bei diesem tauchte sie natürlich auf. Was meinst du? Wer wäre offen für dieses Buch? Auch Science Fiction Leser? Mutige Leser?
Buchrevier: Das ist für mich schwierig zu beantworten. Ich würde dieses Buch aus oben genannten Gründen Lesern empfehlen, die auch so Mitte zwanzig sind. Um mal innezuhalten und in sich hineinzuhorchen. Und natürlich allen, die Spaß und Freude an der Sprache haben und zum Beispiel auch gerne Lyrik lesen.

Klappentexterin: Wir sehen »Winters Garten« als TOP-Favoriten für den diesjährigen Buchpreis. Doch vor dem Buchpreis kommt erstmal die Shortlist. Meinst du, das Buch schafft es dort rauf?
Buchrevier: Ja, ich glaube Valerie Fritsch hat sehr gute Chancen, auf die Shortlist zu kommen. Von den fünf Longlist-Büchern, die ich bisher gelesen habe, hat dieses den größten Eindruck bei mir hinterlassen.

Klappentexterin: Drücken wir Valerie Fritsch also unsere Daumen! Und wünschen ihr weiterhin viel Inspiration fürs Schreiben!

***

Wie ist es euch mit dem Buch ergangen? Eure Meinung interessiert uns sehr! Und wer das Buch noch nicht gelesen hat, jetzt  aber neugierig geworden ist, dem empfehlen wir innigst diese feine Lektüre. Ihr könnt das Buch sofort bei Buchhandel.de bestellen. Oder vorher noch eine Rezension lesen? Nun, davon gibt es einige in der Blogosphäre:

> Die Buchbloggerin
> Buchrevier
> Literaturen

Valerie Fritsch: Winters Garten. Suhrkamp Verlag, März 2015, 154 Seiten, 16,95 €. Das eBook kostet 14,99 € und ist bei Buchhandel.de erhältlich.

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7 Gedanken zu “Bloggertalk über die Longlist – Winters Garten

  1. Was für ein schönes und bereicherndes Gespräch.
    Ich habe mich dieses Jahr dagegen entschieden Bücher von der Longlist zu lesen. Der Zeitmangel ist schuld.
    Deshalb ist es aber umso interessanter eure Beiträge zu lesen.
    Vielen Dank für diesen differenzierten Blick auf den Titel.
    Liebe Grüße
    Mareike

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Mareike,

      das lesen wir mit der großer Freude! Vielen lieben Dank! Ich selbst genieße diese Form des Austausches übrigens sehr. Das macht mit meinen KollegInnen stets immer wieder viel Spaß. Ganz besonders schön ist es dann, wenn euch das Resultat gefällt.

      Sei herzlich gegrüßt
      Klappentexterin

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  2. Tut mir sehr leid, aber hier muß ich widersprechen und das ich das tun muß, hat mich selbst erstaunt, nachdem ich eben die ersten fünfzig Seiten gelesen habe, da ich Valerie Fritsch sozusagen von ihren ersten Anfängen her in Wien in der „Alten Schmiede“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2010/02/05/die-welt-hat-ihre-erinnerung-verloren/ beispielsweise und beim Gewinnen des FM-4 Preisen, ich habe auch ihre zwei ersten Bücher https://literaturgefluester.wordpress.com/2013/11/13/die-verkorperungen/ https://literaturgefluester.wordpress.com/2013/09/11/die-welt-ist-meine-innerei/ gelesen, kennenlernen konnte und habe sie auch und das habe ich immer wieder im „Literaturgeflüster“ geschrieben für ein großes Talent gehalten, halte sie immer noch dafür und nur befürchtet, daß ich mit den „Worträuschen“ wie bei Andrea Winklerhttps://literaturgefluester.wordpress.com/2010/11/02/priessnitzpreis-an-andrea-winkler/und Richard Obermayr https://literaturgefluester.wordpress.com/2015/08/08/das-fenster/ meine Schwierigkeiten haben werde.
    Beim Bachmannpreis ist mir schon aufgefallen, daß der, Text der dort gelesen wurde, mir sehr antiqiert und altmodisch erschienen ist und das hat sich jetzt beim Lesen verstärkt.
    Da sind mir ganz ehrlich sehr viele Metaphern, Adjektive und Wortwendungen aufgefallen, die ich, wenn ich nicht wüßte, daß sie von Valerie Fritsch stammen für kitschig halten würde, auch die Geschichte mit den Fehlgeburten der Großmutter in Marmeladegläsern, die die Kinder dann staunend betrachten dürfen.
    „Adern rot wie ein Baum“ sollten da die Lektoren nicht aufheulen oder das „Meersalz verklebte Haar“ und und…
    Ich habe mir auch sehr viel unterstrichen, das tue ich bei jedem Buch, aber diese poetische Sprachschönheit, die Worträusche, mit denen ich dann etwas ratlos wäre, sind mir nicht aufgefallen, eher eine Aneinanderhäufung von billigen Metaphern, in der wahrscheinlich sehr einfachen Geschichte vom Weltuntergang in dem Raum und Zeit keine Rolle spielen, weil es sprachlich so schön erzählt wird.
    So hätte ich Valerie Fritsch auch eingeschätzt, in den ersten Kapiteln aber leider nicht gefunden, so daß ich die allgemeine Verzücktheit nicht ganz nachvollziehen kann.
    Ich habe bei meinem bisherigen Longlistenlesen zwei Bücher gefunden, wo das meiner Meinung nach viel eher vorhanden war und da steht sicher an erster Stelle Monique Schwitter https://literaturgefluester.wordpress.com/2015/08/25/eins-im-anderen/, die mir beim Bachmannlesen gar nicht so aufgefallen ist und dann auch Key Wayand https://literaturgefluester.wordpress.com/2015/08/28/applaus-fuer-bronikowski/ trotz seiner mir etwas Schwierigkeiten machenden Komik, aber ich bin ja eine für die die Handlung sehr wichtig ist und die statt „Papageienbunte Dirnen an den Rastplätzen der Matrosen“ eher Prostituierte oder Sexarbeiterinnen sagen würde.

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