Trolle Bücher. Teil Zwei.

Tarjei Vesaas / © Guggolz Verlag

Der norwegische Lesetraum geht in die zweite Runde – mit einem interessanten Mix an Literatur aus dem hohen Norden. Freut euch auf Klassiker, Krimis und Kinderbücher. Dazu ein biografisch gefärbter Roman, der von einem dunklen Kapitel Norwegens während der Zeit des Zweiten Weltkriegs erzählt. La oss gå!

Tarjei Vasaas – Das Eis-Schloss

»Das Eis-Schloss« erinnert mich an einen Eiskristall, denn Tarjei Vesaas erzählt in einer eisklaren Sprache von einem zarten Glück, das viel zu schnell zerbricht. Dieser moderne Klassiker der norwegischen Literatur erschien erstmals 1963. Und wieder einmal haben wir es dem Verleger Sebastian Guggolz zu verdanken, dass das Werk bei uns in einer neuen Übersetzung erscheint. »Das Eis-Schloss« erhielt seinerzeit den Preis des Nordischen Rats, den wichtigsten Literaturpreis Skandinaviens. Völlig zu recht, strahlt das Buch doch durch seine eindringlich, elegante Sprache, die den Leser mitsamt der Geschichte magisch anzieht: »Vier Augen voller Funkeln und Strahlen unter den Wimpern. Der ganze Spiegel davon erfüllt. Ich weiß nicht: Funkeln und Strahlen, Funkeln von dir zu mir, von mir zu dir, und von mir allein zu dir – in den Spiegel hinein und zurück, und keine Antwort darauf, was das jetzt ist, keine Auflösung.«

Sofort sehe ich die Protagonisten Unn und Siss an einem Winterabend vor mir. Sie sind zum ersten Mal unter sich, neugierig, zurückhaltend, und doch fragend. Denn die Freude zwischen ihnen ist zerbrechlich. In Unns Seele lauert ein lang gehütetes Geheimnis, das aus den Tiefen ihres Ichs heraus will. Es braucht viel Überwindung, denn das Mädchen hat noch nie jemandem davon erzählt. Siss soll es nun erfahren, aber sie ergreift die Flucht und will nur noch weg, nach Hause. Tarjei Vesaas erzählt von einer besonderen Freundschaft zwischen zwei elfjährigen Mädchen, einer Freundschaft, die eher einem rohen Diamanten gleicht. Sie kann nicht zu dem werden, was man den beiden Mädchen wünscht, denn das Schicksal hat was dagegen: Der kalte Atem des Winters bringt eines der Mädchenherzen zum Stillstand.

Was geschehen ist? Nur soviel: Der Autor spricht über den Verlust in seiner ganz eigenen Sprache, die einfach nur einzigartig ist. Taucht ein in dieses faszinierende, winterliche Buch, das mich berührt und mit seinen stimmungsvollen Naturbeobachtungen regelrecht begeistert hat. Und durch seine tiefe Menschlichkeit, wie ein warmes Mäntelchen um das trauende Mädchen legt.

Tarjei Vesaas: Das Eis-Schloss. Aus dem Norwegischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel übersetzt. Mit einem Nachwort von Doris Lessing, das von Frank Heibert aus dem Englischen übersetzt wurde. Guggolz Verlag, 2019, 199 Seiten, gebunden mit Lesebändchen, 22,- €.

Jan Kjærstad Berge

Jan Kjærstad / © Cato Lein

In der literarischen Welt sind die Norweger berühmt für ihre erstklassigen Krimis. Als ich beim Septime Verlag auf »Berge« von Jan Kjærstad stieß, war meine Neugier geweckt. Jan Kjærstad gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Autoren Norwegens. Er zeichnet sich durch sein vielseitiges Schreiben besonders aus. So hat der Autor bereits Romane, Novellen, Bilderbücher, Kurzgeschichten, Essays und Artikel verfasst. Sein aktuelles Projekt ist ein außergewöhnlicher Krimi geworden.

»Berge« legt gleich los, mit einem Mord an fünf Menschen. Einer der Toten ist Arve Storfjeld, ein beliebter Politiker der norwegischen Arbeiterpartei, sowie vier Mitglieder seiner Familie. Das Land fällt nach dieser Tat in eine Schockstarre, und zunächst glauben alle an einen Anschlag. Während das Land noch über Motive und Täter rätselt, wird eine Person sofort hellwach: Ine Wang. Die Journalistin steckt eigentlich mitten in einem persönlichen Tief, aber der schreckliche Mord ändert ihr Leben sofort. Erst kürzlich hat sie ihre Biografie über Arve Storfjeld beendet, das Manuskript liegt beim Verlag und soll demnächst veröffentlicht werden.

Ine Wang ist eine von drei Protagonisten, denen der Autor eine eigene Stimme gibt und die mit dem Mord und der Familie irgendwie in Verbindung stehen. Die anderen beiden in diesem mysteriösen Figurenensemble sind der Amtsrichter Peter Malm und ein gewisser Nicolai Berge, seines Zeichens Geliebter einer der Getöteten. Mysteriös deshalb, weil sich der dichte Nebel um die Figuren herum nie ganz auflöst. So verwundert es nicht, dass dieses spannende Buch kein gewöhnlicher Krimi ist. Zu raffiniert die Geschichte, psychologisch zu ausgefeilt der Plot, sehr klug erzählt. Geradezu rauschhaft habe ich diesen packenden Roman bis zur letzten Seite durchgelesen. Und davon keine einzige Minute bereut.

Jan Kjærstad: Berge. Aus dem Norwegischen übersetzt von Bernhard Strobel. Septime, September 2019, 504 Seiten, gebunden mit Lesebändchen, 26,- €.
Auch literaturleuchtet hat sich das Buch genauer angeschaut und teilt meine Begeisterung. Neugierig geworden? Dann schaut mal hier vorbei.

 

Maria Parr – Manchmal kommt Glück in Gummistiefeln

Wie wichtig Norwegen der Lesenachwuchs ist, verdeutlichte die norwegische Kronprinzessin. Sie reiste mit Autoren und Illustratoren in einem Literaturzug von Berlin über Köln nach Frankfurt. »Diese so unterschiedlichen Autoren und ihre Bücher zeigen, wie vielfältig die norwegische Literatur ist. Das gilt nicht zuletzt für die Kinder- und Jugendliteratur«, sagte Mette-Marit. Mit an Bord auch Maria Parr und ihr neues Werk »Manchmal kommt Glück in Gummistiefeln.« Trille heißt der Romanheld, und er hat mir viel zu erzählen. Der Junge lebt mit seiner Familie in einem kleinen Städtchen am Fjord. Manchmal fährt er mit seinem jung gebliebenen 78jährigen Großvater und seiner besten Freundin Lena auf der »Troll« aufs Meer hinaus zum Angeln. Dabei werfen sie hin und wieder auch eine Flaschenpost ins Meer.

Aber auch zu Lande ist einiges los, denn Lena möchte die weltbeste Torhüterin werden, und ein eigenes Floß wollen beide auch noch haben. Eines Tages stoßen Lena und Trille beim Blaubeersammeln auf einen unbekannten Hund. Neugierig folgen sie dem Tier und lernen schon bald seine Besitzer kennen: eine niederländische Familie, die das Haus von Hügel-Jon beziehen. Und sie haben eine Tochter, Birgitte, ein blondgelocktes Mädchen, das Trille gleich seine »Sonne« nennt, und sie wird so schnell nicht mehr von seiner Seite weichen. Oh ja, sie wird so einiges durcheinanderbringen und für viel Aufregung sorgen.

Wie bereits in »Sommersprossen auf den Knien« springe ich erneut durch Maria Parrs witzige, erfrischende Sprache wie über Steine, die aus dem Meer herausragen. Dazu hat Barbara Korthues einige Szenen wunderbar farblich illustriert. Ein kleines Gesamtkunstwerk also, und es ist nicht verwunderlich, dass Maria Parr auch für dieses Buch den renommierten norwegischen Bragepreis erhalten hat. Ein Buch für alle Kinder ab 9 Jahren und für alle Erwachsenen, die es im Herzen immer noch sind.

Maria Parr: Manchmal kommt Glück in Gummistiefeln. Aus dem Norwegischen übersetzt von Christel Hildebrandt. Illustrationen von Barbara Korthues. Dressler Verlag, Juli 2019, 203 Seiten, gebunden, 15,- €.

Simon Stranger – Vergesst unsere Namen nicht

G wie eine Gedenktafel – für die Opfer des Holocaust. »Vergesst unsere Namen nicht« von Simon Stranger gleicht solch einem wichtigen Mahnmal. Die Kapitel seines Buches beginnen mit den Buchstaben des Alphabets, folgerichtig also mit dem A: »A wie alles, was verschwinden und in Vergessenheit fallen wird.« Strangers biographisch gefärbter Roman schreibt genau dagegen an, indem er uns die bewegende Familiengeschichte seiner jüdischen Frau Rikke erzählt. Und damit auch die dunkle Geschichte Norwegens während des Zweiten Weltkrieges.

Dafür muss man stark sein, denn Simon Stranger spart nichts aus und schildert die schrecklichen Grausamkeiten detailliert, zu denen die Menschen so fähig sind. Grete, die Mutter von Rikke, ist fünf Jahre nach dem Krieg mit ihrer Familie in das als »Bandenkloster« bezeichnete Haus in Trondheim gezogen. Während des Zweiten Weltkrieges wurden dort Widerstandskämpfer und Juden gefoltert und umgebracht. Simon Stranger wollte mehr über das Haus wissen und begibt sich auf Spurensuche. Seine Recherche führt ihn zu Henry Oliver Rinan, dem Chef des »Bandenkloster«. Er erzählt Rinans Lebensgeschichte, wobei er immer wieder das bewegende, aufwühlende Leben von Rikkes Familie und seine eigenen Gedanken mit einwebt.

Die Erzählstränge gehen fließend ineinander über, es gibt keine Trennlinie. Wenngleich sich alles sehr flüssig liest, brauche ich oft Lesepausen, um die schrecklichen Schilderungen der Vergangenheit zu verarbeiten. Gleichwohl gibt es Momente, in denen das Licht der Hoffnung durch die düsteren Seiten hindurchscheint. Zum Beispiel, als der Autor von vier mutigen Männern berichtet, die tausende Kinder, Frauen und Männer über die Grenze gebracht und so vor Erschießung und Deportation gerettet haben. Ohne diese Helden wäre Rikke nicht geboren, und viele andere ebenso nicht.

»Vergesst unsere Namen nicht« ist ein beklemmendes und dennoch sehr wichtiges und unglaublich gut erzähltes Dokument der Zeitgeschichte, das 2018 von Norwegens Buchhändlern ausgezeichnet wurde. Ein Buch gegen das Vergessen und mit einer klaren Botschaft: Es darf nie wieder derart Grauenvolles passieren.

Simon Stranger: Vergesst unsere Namen nicht. Aus dem Norwegischen übersetzt von Thorsten Alms. Eichborn, August 2019, 350 Seiten, 22,- €.

Eine ausführliche und empfehlenswerte Besprechung findet ihr bei: Bookster HRO.

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Ihr wollt noch mehr über die Literatur aus Norwegen erfahren? Dann schaut mal bei diesen Blogs vorbei. Dort findet ihr sehr lesenswerte Beiträge:

  • masuko13 – Masuko war mit einer Gruppe von Buchhändlern in Norwegen. Wer verbirgt sich hinter NORLA? Die Antwort und noch weitere spannende Einblicke schenkt sie euch in verschiedenen Beiträgen.
  • literaturleuchtet: In drei Beiträgen zeigt uns Marina ihre Favoriten.
  • Zeichen und Zeiten: Constanze hat einen sehr berührenden Bericht über ihre ganz besondere Beziehung zu Norwegen geschrieben.
  • Bücherkaffee: Alex war ebenfalls in Norwegen und hat auf ihrem Blog viele spannende Texte verfasst.

4 Gedanken zu “Trolle Bücher. Teil Zwei.

  1. Vesaas muss ich nun wirklich lesen, so viele, die es empfehlen. Von Kjaerstad kann ich Dir auch sehr Das Norman-Areal ans Herz legen. Stranger ist auch eines meiner Lieblingsbücher der letzten Wochen und Monate. Vielen Dank für die freundliche Erwähnung. Viele Grüße

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