Das Geheimnis des Schreibens.

Baeschlin VerlagVielleicht ist Solothurn genau der richtige Ort, um dem Geheimnis des Schreibens auf die Spur zu kommen. Denn dort konnte ich innerhalb weniger Tage einige Lesungen erleben und interessanten Gesprächen mit Autoren lauschen. Wo Herr Klappentexter über das große Ganze geschrieben hat, widme ich mich nun vorrangig den Lesungen sowie den kleinen bezaubernden Dingen vor und hinter den Kulissen.

Bücher für alle.

Auf dem Weg in das Epizentrum der Literaturtage komme ich an einem öffentlichen Bücherschrank vorbei. Von weitem sehe ich Bücherfreunde, wie sie neugierig mit ihren Augen den Inhalt durchforsten. Leicht gebeugt lesen sie sich durch die Regalreihen. Das möchte ich natürlich auch gleich. Sehe schöne Bücher von geschätzten Autorinnen wie Irène Némirovsky, Connie Palmen etc. »Nein, liebe Klappentexterin, nein!« höre ich eine Stimme in meinem Ohr streng rufen. »Zu Hause warten noch so viele ungelesene Bücher auf dich. Überlass diese doch den Menschen, die nicht so viele wie du haben.« Da hat er Recht. Schweren Herzens gehe ich weiter.

Lesemarathon an den Literaturtagen.

Um wenige Minuten wieder vor Freude zu leuchten, als ich meine Solothurner Literaturtage mit dem Dörlemann Verlag beginne. Der unabhängige Verlag hat kürzlich eine Crowdfunding-Aktion gestartet. Der Verlag braucht insgesamt 60.000 Franken für neue Projekte, da die Franken-Stärke und Euro-Schwäche alle Reserven aufgebraucht hatten. Just, als ich den Beitrag schreibe, darf ich freudig verkünden: Das erste Ziel ist erreicht. Jetzt wird weiter gesammelt, damit sich der Verlag Nachwuchs holen und eine Volontariatsstelle besetzen kann.

Von den Schattenseiten des Geldes ist an dem Freitag jedoch nichts zu spüren. Die Sonne strahlt von einem Himmel, der sich im sommerlichsten Hellblau zeigt. Und ich kann mein Glück kaum fassen – drei Tage nichts als Literatur. Dazu sind wir in einer wunderschönen Stadt, umgeben von dem Ausläufer des Juragebirges, das mich heute Morgen bereits begrüßt hat. Jetzt versteckt es sich hinter der Stadt und ich erblicke dafür allerhand Menschen, die wie ich großen Appetit auf Literatur haben. Erstaunlich viele ältere Besucher nehme ich wahr. Ein Bild, das sich in den nächsten Tagen nicht ändern wird. Woran mag das liegen? Sind die Eintrittspreise zu hoch? Oder interessiert sich die Jugend nicht für die Welt der Bücher?

Während ich noch darüber nachsinne, tippt mir plötzlich jemand auf die Schulter: Sabine Dörlemann steht lächelnd vor mir. Große Wiedersehensfreude. Die Verlegerin macht mich mit ihrer Autorin Henriette Vásárhelyi bekannt. Sie wird gleich auf dem Außenpodium des Landhausquais aus ihrem neuen Buch »Seit ich fort bin« lesen. In ihrem zweiten Roman erzählt die Autorin von einer jungen Frau, die zur Hochzeit ihres Bruders zurück in die Heimat reist. Und dort mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert wird.

Ein ruhiges, sehr stimmungsvolles Buch mit einem ganz eigenen Charakter. Ihr Debüt »immeer« wurde 2012 mit dem Studer/Ganz-Preis für das beste unveröffentlichte Prosadebüt ausgezeichnet und hat mir seinerzeit sehr gefallen. Als ich mich setze, entdecke ich unter den Zuhörern Dana Grigorcea – eine weitere Dörlemann-Autorin. 2015 erhielt sie in Klagenfurt beim Wettlesen aus ihrem Roman »Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit« (jetzt auch als Taschenbuch bei Ullstein erschienen) den 3sat-Zuschauerpreis. Wir winken uns zu und finden uns später mit Henriette Vásárhelyi in einem Gesprächskreis wieder. In wenigen Minuten folgt Dana Grigorcea ihrer Kollegin auf die Bühne, um ihr erstes Kinderbuch vorzustellen.

Auf meine Bitte hin, zieht sie es aus ihrem Solothurner Jutebeutel und zeigt uns »Mond aus!« (erschienen im Baeschlin Verlag). Darin geht es um einen kleinen Wolf, der nicht schlafen kann, weil der Mond viel zu hell leuchtet. Die Idee sei im Kinderzimmer entstanden, erzählt sie zunächst lächelnd uns – und später dem Publikum, das begeisternd an ihren Lippen hängt. Sich der lachenden Dana Grigorcea zu entziehen ist genauso unmöglich, wie die Suche des kleinen Wolfs nach Schlaf. Zum Einschlafen dürften sich ihre beiden Kinder immer Geschichten wünschen. Ihr Sohn liebt das Märchen Rotkäppchen. Und wollte daher eine Geschichte mit einem Wolf. Als sie der Illustratorin Anne Luchs ihre Idee erzählte, war diese begeistert. Und so schufen beide gemeinsam das Bilderbuch. »Besonders schön fand ich die kleinen Feinheiten, die Anna Luchs gesetzt hat«, berichtet die Autorin. Das Buch trifft mitten ins Herz der Heranwachsenden und die Autorin verwandelt sich stets in den Wolf und ruft: »Ich will schlafen!«

Die Einschlafgeschichte sei ihre bisher erfolgreichste. »Am Ende haben die Kinder großes Mitgefühl mit dem Wolf und schlafen mit ihm zusammen ein«, sagt die Zürcher Autorin. Sie habe sich sehr mit Mitgefühl bei Kindern beschäftigt und es sei ihr wichtig, dass es die Sprösslinge frühzeitig entwickeln. Als zum Abschluss das Publikum klatscht, bellt plötzlich ein Hund. Die Autorin ruft ihm begeistert zu: »Du bringst mir Glück!«. Schöner kann eine Lesung nicht enden.

Blind Date unter Autoren.

»Im Dialog« ist eine Literaturveranstaltung, die ich erstmalig in Solothurn kennenlerne. Stellt euch dazu ein Blind Date zwischen zwei Autoren vor, die sich vorher nicht persönlich kannten. Einzig das Buch des anderen stellt eine Verbindungslinie her. Diese Form sei ein gewisses Risiko, sagt der Schweizer Autor Urs Faes, immerhin sind Autoren mitunter sehr kritische Leser ihrer Kollegen und nicht selten gibt es offene Rivalität. Er trifft auf Kathy Zarnegin, die diese Bemerkung charmant mit einem Lächeln umgeht. So ist die anfängliche Skepsis schnell verflogen wie der Wind, der sich durch die offenen Fenster in den Landhaussaal hineinschleicht. Im Vorgespräch – ganz so unvorbereitet ist das Gespräch dann doch nicht – habe man sich auf das »Du« geeinigt. Das schafft sofort eine persönlichere Atmosphäre. Zum Aufwärmen lesen die beiden kurz aus ihren Büchern und steigen danach ins Gespräch ein.

»Ist das Schreiben auch eine Antwort auf Verlust?« fragt Urs Faes seine Kollegin. Sie antwortet: »Schreiben ist ein Kampf gegen die Abwesenheit. Das war für mich ein berührendes Erlebnis in deinem Buch.« Es sei schon erstaunlich, wie viele Gemeinsamkeiten beide Autoren hätten, sagt die Autorin von »Chaya« (erschienen bei weissbooks).

Es sei vor allem wichtig, eine Sprache zu finden, damit das Erzählte etwas beim Leser auslösen könne. Als Lyrikerin lege Kathy Zarnegin einen hohen Anspruch darauf, wie ein Text klingt. Wenngleich der Plot stimmig sein müsse, zähle genauso die Melodie der Sprache zu ihrem wichtigsten Handwerk. Man müsse einen Sog erzeugen, ergänzt Urs Faes. »Wenn der Leser anfängt zu hinterfragen, ob beispielsweise eine Putzfrau wirklich so spreche, ist etwas falsch gelaufen.« Mir gefällt hierbei das Bild, als Kathy Zarnegin davon erzählt, wie sie an das Schreiben herangeht. Sinnbildlich gesprochen mit einem geschlossenen und einem geöffneten Auge, wie es die Maler oft machen. Damit das eine Auge schärfer sieht und das andere im Schwebezustand weilt, um im Kosmos die Ideenquelle anzuzapfen.

Verpasst man beim einsamen Schreiben nicht manchmal das Leben vor der Tür? Kathy Zarnegin verneint die Frage. Es ist ja eine Entscheidung, sich dem Schreiben hinzugeben. »Wir haben das Glück, verschiedene Leben haben zu können«, sagt sie. Für Urs Faes ist die Diskrepanz zwischen der Zurückgezogenheit und dem Leben draußen manchmal eine Herausforderung. Und da wir gerade beim Thema Herausforderung sind. Es ist tatsächlich etwas daran an dem Mythos von der Angst vorm weißen Blatt. Die große Angst vor der Leere, bevor man etwas Neues beginnt. Urs Faes kann schon mal bis zu zwei Stunden in seiner Schreibstube sitzen, bis ihn der Blitz der Inspiration trifft. Kathy Zarnegin hält das nicht aus. Sie macht dann einfach erstmal sauber.

Während ich bei Urs Faes und Kathy Zarnegin sitze, befindet sich meine Bloggerkollegin Caterina von SchöneSeiten parallel im Zukunftsatelier und lauscht Christiane Frohmanns Impulsreferat über »Flow-Menschen«. In ihrem Solothurn Beitrag über die Solothurner Literaturtage bedauert sie, nicht anschließend bei Sieglinde Geisels Vortrag über die Vereinbarkeit von Blogs und Kritik dabei gewesen zu sein. Wie gut, dass ich flitzen kann. So nehme ich nach der Veranstaltung meine Beine in die Hand und eile vom Landhaus ins Zukunftsatelier. Wirklich praktisch, dass die Wege in Solothurn kurz sind. Wie schwierig, dass einem zwischendurch immer kleine, besondere Dinge aufhalten, wie ein auffallend schönes Fahrrad aus Schweizer Produktion oder die vielen bezaubernden Schaufenster.

Blogs und Kritik.

Blog und Kritik ist nichts Neues und wird immer wieder gern diskutiert. So auch beim Vortrag »Blog oder Kritik«. Und dem interessanten Einblick in das Onlinemagazin »tell«, das sich vielen spannenden Themen rund um die Literatur widmet. Dort findet all das Platz, wofür Zeitungen oft keinen mehr haben. So auch für den Page-99-Test, eine umstrittene Methode, den Inhalt eines Buches zu beurteilen.

Bei diesem Test schlägt man einfach die Seite 99 eines Buches auf und entscheidet dann spontan, ob das Werk was taugt oder nicht. Was unterscheidet das tell-Magazin nun von einem Blog? Ist es nicht auch ein Blog? Eins eint uns in jedem Fall alle: Wir bekommen kein Geld. Können aber an solchen literarischen Veranstaltungen wie dieser teilnehmen, was sehr bereichend für den Geist ist. Größere Plattformen wie »tell« schauen schon mehr nach möglichen Einnahmequellen. Immerhin hängen da auch mehr Köpfe hinter – sechs sind’s insgesamt.

Wie sehen wir Blogger uns? Wie sieht es mit der Kritik aus? Die Frage wirft Philipp Theisohn von der Universität Zürich in den Raum, der mit seinen Studenten die Solothurner Literaturtage auf einem Blog begleitet. Sicherlich findet Kritik auf einigen Blogs statt, aber ich habe meinen Blog für meine Herzensbücher geschaffen, sage ich ins Mikrofon. Ich werde nicht dafür bezahlt, dass ich mich mit Büchern auseinandersetze, die mich nicht berühren und inspirieren. Das habe ich bereits am Abend zuvor bei einem Come-together mit einigen Schweizer Verlagen und anderen Bloggern und Schreibern verdeutlicht. Die Frage wird es wohl immer geben. So bleibt es spannend im Netz und überall dort, wo über Literaturkritik gesprochen wird.

Erschlagt die Armen!

Klappentexterin_Shumona
Endlich trifft die Klappentexterin Shumona Sinha. SchöneSeiten hat den Moment festgehalten.

Am Sonntagmorgen erwartet mich ein weiteres Highlight. Zweimal habe ich Shumona Sinha bereits verpasst, doch in Solothurn treffe ich nun endlich das erste Mal auf die französische Autorin, die 2016 mit ihrem Buch »Erschlagt die Armen!« (erschienen bei der Edition Nautilus) mit dem Internationalen Literaturpreis ausgezeichnet worden ist. Ein schmales Buch mit großer Wucht! Ein Buch, das mir gleichzeitig Bauchschmerzen bereitet und mich sprachlich begeistert hat. Sinhas aktuelles Buch »Kalkutta« ist viel ruhiger, gefühlt eine kleine Atempause, bis ihr nächster Roman »Staatenlos« im September erscheint. Der verspricht, erneut sehr impulsiv zu werden und thematisch an »Erschlagt die Armen!« anzuknüpfen.

Die Veranstaltung wird simultan übersetzt, und ich bin gleich zweimal beeindruckt: Von der schnellen Übersetzung aus dem Französischen ins Deutsche sowie von der Autorin, die wie eine Fontäne sprudelt. Anfangs versuche ich mitzuschreiben, aber bald bleibt mein Stift in der Luft hängen und ich atme die französischen Klänge ein, lausche der Stimme in meinem Ohr. Auch zum Schreiben hat sie etwas Schönes zu sagen: Das schaffe ihr die Möglichkeit, ihre persönliche Realität in ihren Büchern zu verarbeiten. Und es ist nicht wenig, was sie beschäftigt.

Shumona erzählt davon, wie sie sich mit zwanzig Jahren in die französische Sprache verliebte und anfing, diese zu lernen. Die Sprache war es, die sie 2001 mit einem Stipendium aus Kalkutta nach Frankreich brachte, wo sie an der Sorbonne studierte. Das Land, in dem sie heute lebt, erscheint ihr dennoch manchmal weit weg. Bisweilen gebe es Situationen, in denen sie sich wie ein Fremdkörper fühle und sie vergleicht sich mit einem Igel. Anfangs war sie überrascht, jetzt wütend, wenn andere ihr Erstaunen darüber äußern, dass sie Französisch spreche. Ebenso beklemmend, wenn sie beispielsweise am Flughafen ihre Unschuld beweisen müsse.

So ist die Autorin hin- und hergerissen zwischen zwei Identitäten, kann ihre Heimat aber nicht ganz abstreifen. Sie schaut auch nach Indien, ist bewegt von der wachsenden Ungleichheit wie auch über die zunehmenden Vergewaltigungen von Frauen. Hinter dem teilweise nicht nur der Trieb, sondern auch der Zorn über den ungleich verteilten Wohlstand stehe. Die frühere Mittelschicht gehöre jetzt zur gehobenen, doch es gebe weiterhin sehr, sehr viel Armut. Den Themen widmet sich Shumona Sinha in »Staatenlos«, in dem es um zwei entwurzelte Frauen geht. »Meine Bücher sind Essays in Romanform«, sagt sie. Wir dürfen gespannt sein, was uns im nächsten Buch erwartet. Ich bin es jedenfalls schon sehr.

Kommt nach Solothurn!

Ich bin dem Geheimnis des Schreibens ein bisschen auf die Spur gekommen. Schreiben bleibt in jedem Fall oft autobiographisch. Es kommt darauf an, wie viel sich die Autoren aus ihrer Farbpalette bedienen und die Bilder verschwimmen lassen. Nun, das ist keine neue Erkenntnis. Dennoch ist es äußerst bereichernd, wenn uns die Autoren an ihren Gedanken und Schreibprozessen teilhaben lassen, insbesondere dann, wenn sich spannende Gespräche auf der Bühne ergeben. So kehre ich reich gefüllt zurück aus einer wundervollen kleinen Stadt, die viel Schönes und noch mehr Kultur zu bieten hat. Immer eine Reise wert, aber besonders im Mai, wenn die Welt der Literatur zu Gast ist.

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2 Gedanken zu “Das Geheimnis des Schreibens.

  1. Ach…seufz…wie wunderbar, Literaturtage. In der Schweiz! Da wäre ich jetzt auch gerne. Liebe Grüsse und viel Dank für den Bericht!

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