Talking about Haruki Murakami mit Ursula Gräfe.

Haruki Murakamis Bücher sind magisch, inspirierend und einmalig. Seine Fangemeinde ist riesig – über eine Million sind es allein bei Facebook. Und auch ich bin eine Harukinistin (so nennen sich die Fans) unter den vielen. Getroffen habe ich Murakami-san bislang noch nicht. Aber ich bin Menschen begegnet, die für ihn arbeiten oder auch für den Autor schwärmen. Das ist genauso schön! Deshalb hat mich sein neues Buch Wenn der Wind singt / Pinball 1973 dazu inspiriert, das zu tun, was ich immer schon machen wollte: Über Haruki Murakami zu sprechen. Mit „Talking about Haruki Murakami“ präsentiere ich euch Interviews mit Menschen aus seinem Universum. Den Anfang macht heute seine deutsche Stimme – die Übersetzerin Ursula Gräfe.

Murakami_Spezial

Gleichzeitig ist dieses Projekt ein Geschenk und ein Dankeschön an euch alle. Die Klappentexterin feiert ihr fünftes Blog-Jahr! Es ist so wertvoll, dass ihr mich begleitet und hier kommentiert. Nun wünsche euch allen viel Freude mit „Talking about Haruki Murakami“!
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Ursula GräfeUrsula Gräfe studierte Japanologie, Anglistik und Amerikanistik an der Johann-Wolfgang-Goethe Universität Frankfurt am Main. Seit 1989 arbeitet sie als Literaturübersetzerin aus dem Japanischen und Englischen. 2004 erhielt sie den Japan Foundation Übersetzerpreis, zusammen mit Kimiko Nakayama-Ziegler. 2014 wurde sie für den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse nominiert. Neben Werken von Haruki Murakami übersetzte sie u.a. auch Ryū Murakami, Takashi Hiraide und Higashino Keigo in Deutsche.

Klappentexterin: Wie sind Sie als Übersetzerin zu Haruki Murakami gekommen und wann haben Sie das erste Buch von ihm ins Deutsche übertragen?

Ursula Gräfe: Das verdanke ich dem Literarischen Quartett mit Marcel Reich-Ranicki und Sigrid Löffler. Als es in der Sendung im Juni 2000 zu dem berühmten „Krach“ (https://www.youtube.com/watch?v=IFCSHEfQvY4) über Haruki Murakamis Roman Gefährliche Geliebte kam, stellte sich ganz nebenbei heraus, dass das Buch nicht aus dem Japanischen, sondern nach der amerikanischen Ausgabe übersetzt worden war. Hierauf beschloss der Dumont Verlag, Murakami von nun an nur noch aus dem Japanischen übersetzen zu lassen, und ich hatte das Glück, dass die Wahl auf mich fiel. Vielleicht lag es auch an den 750 Kilometern, die ich kurz zuvor zu Fuß nach Santiago de Compostela gepilgert war.
Meine erste Übersetzung war Naokos Lächeln (jap. Noruwei no mori) und erschien 2001. Übrigens kam die ehemalige Gefährliche Geliebte 2013 noch einmal in (meiner) Neuübersetzung aus dem Japanischen unter dem Titel Südlich der Grenze, westlich der Sonne im Dumont Verlag heraus.

Welche Herausforderung bringt das Übersetzen aus dem Japanischen mit sich?

Die Umwandlung – oder Anverwandlung – eines japanischen Texts in eine lesbare deutsche Fassung stellt sehr eigene Anforderungen. So kommt ja die japanische Sprache ohne Artikel, Mehrzahlbildungen, Konjugationen und die Beugung von Nomina aus. Zudem sind in ihr die kreativen und auch dekorativen Möglichkeiten in der Verschränkung von Sprache und Schrift immens und mit einem phonetischen Alphabet wie dem Lateinischen nicht einzuholen.
Meine große Sorge ist immer, einen Roman oder eine Erzählung zu „killen“, indem ich es nicht schaffe, mich frei zu schreiben, und deshalb den deutschen Lesern das Schöne und Spannende der Geschichte nicht angemessen vermittele. Dass er oder sie das Buch weglegt, weil ich an gewissen sprachlichen Eigenheiten klebe und dadurch den Lesefluss blockiere. Ein bewährtes Mittel dagegen ist natürlich die Erweiterung der eigenen sprachlichen Möglichkeiten. Dabei hilft vor allem das Lesen gut geschriebener Bücher in der Muttersprache. Als Klappentexterin stimmen Sie mir in diesem Punkt sicher zu? Ein bisschen „büchersüchtig“ – wie Sie es vor Kurzem genannt haben – sollte man schon sein.

Haben Sie ein Lieblingsbuch des Autoren?

Besonders gut hat mir immer Kafka am Strand gefallen. Regelrecht begeistert bin ich auch von den sieben neuen Erzählungen, die Haruki Murakami in dem Band Von Männern, die keine Frauen haben versammelt hat.

Wie war das, als sie im vergangenen Jahr bei der Verleihung des Welt Literaturpreises Haruki Murakami zum ersten Mal persönlich kennengelernt haben?

Ich fand ihn – und auch seine Frau – sofort sehr sympathisch. Beide sind ausgesprochen natürliche und freundliche Menschen. Yoko bewunderte sogar meinen Schal (Ikat aus Laos). Ich glaubte zu spüren, dass Haruki Murakami sich einerseits sehr über den Preis freute, sich aber erst entspannen konnte, nachdem er seine Dankesrede gehalten hatte. Sehr zur Auflockerung beigetragen hat Patti Smith, die als sein musikalischer Überraschungsgast eingeladen war. Jedenfalls war ich vollkommen aufgeregt.

Sind Sie auch der Meinung, dass Haruki Murakami endlich den Nobelpreis für Literatur erhalten sollte?

Natürlich würde ich mich sehr freuen, wenn er den Nobelpreis für Literatur erhielte. Andererseits ist er ja schon sehr erfolgreich, und es heißt, dass mehrere Autoren – ich glaube, Hemingway, Camus und Steinbeck – unter einer Schreibblockade litten, nachdem sie den Preis erhalten hatten. Obwohl ich mir das bei Haruki Murakami kaum vorstellen könnte. Auf alle Fälle drücke ich die Daumen.

Die Klappentexterin dankt Ursula Gräfe für das schöne Interview und wünscht der Übersetzerin alles Gute und weiterhin viel Erfolg!

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23 Gedanken zu “Talking about Haruki Murakami mit Ursula Gräfe.

  1. Vielen Dank!! Und du hast den berühmten „Krach“ mit in den Text gebracht. Herrlich.
    Was habe ich mich gerade nochmal amüsiert, dieses Interview ist wie eine kleine Zeitreise.
    Was mag Frau Löffler heute über ihre Bemerkung „literarisches Fastfood … McDonald … sprachloses und kunstloses Gestammel“ zu Murakamis Sprache denken?
    Reich-Ranicki würde mir sicher zustimmen, dass alle Fans hoffen, Murakami möge nie von einer Schreibblockade erwischt werden.
    In Erwartung noch vieler schöner Bücher von ihm, schicke ich dir sonnige Grüsse vom schönen Südstern, masuko

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    1. Liebe masuko,
      ich reiche das Dankeschön an Ursula Gräfe weiter, sie hat es mit in den Text gebracht. 😉 Ja, toll, oder? Immer wieder sehenswert. Wie auch Murakamis Bücher stets lesenswert sind.

      Sei herzlich gegrüßt
      Klappentexterin

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  2. Glückwunsch erst einmal zum 5. Blogjahr 🙂
    Das ist ein ganz entzückendes Murakami-Projekt – als „fellow“ Harukinistin freue ich mich natürlich riesig darüber. Spannendes Interview – ich bin gespannt wie es weitergeht …

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  3. Was für ein tolles Interview! Wirklich sehr spannend! Mit dem „Krach“ begann auch meine Leidenschaft für Murakami. Wir sollten damals im Deutsch-LK das Literarische Quartett nachahmen und haben uns dazu diese Folge angeschaut. Wir waren so fasziniert von dem Streit um das Buch, dass wir es danach auch alle lesen wollten – und es dann auch gemeinsam mit unserer Lehrerin getan haben. 🙂

    LG Cat

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  4. Hallo Klappentexterin,

    Yeah – Murakami-Wochen bei der Klappentexterin. Und zum Start gleich ein echter Kracher: Ursula Gräfe! Ich bin gespannt, wie Du das noch toppen willst. Freue mich mich auf die nächsten Beiträge zu diesem Special.

    LG Tobias

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  5. Liebe Klappentexterin,
    das ist eine tolle Idee mit dem Murakami Spezial. Masuko und Du habt mich mit dem Murakami-Fieber angesteckt. Habe einige gebrauchte Exemplare erstanden und werde diese jetzt nach und nach lesen.
    Glückwunsch auch zu Deinem 5. Blog-Jahr. Mach bitte weiter so wie bisher. Du bereicherst mein Leseleben ungemein. Dieses wäre ohne Deinen Blog gar nicht vorstellbar. Alles Gute weiterhin.
    LG
    lesesilly

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    1. Liebe lesesilly,
      oh, welche Exemplare hast du erstanden? Ich bin ganz neugierig!! Und masuko sicherlich auch. 😉

      Dir möchte ich ebenfalls ganz herzlich danken! Für deine lieben, wertschätzenden Worte und dafür, dass du so lange schon meinen Blog begleitest, ihn mit eigenen Impressionen füllst. Besonders schön ist es immer wieder, wenn meine Schätze auch zu deinen werden. Also auf weitere gemeinsame literarische Entdeckungen!

      Sei herzlich gegrüßt
      Klappentexterin

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  6. Liebe Klappentexterin,
    ich habe folgende Werke erstanden:
    Mister Aufziehvogel, Kafka am Strand und Wilde Schafsjagd. Das neue Buch habe ich mir natürlich auch zugelegt und angefangen zu lesen. Masuko hat mir ja noch 1Q84 empfohlen. Das wird wohl auch noch auf meiner Liste landen müssen. Was meinst Du dazu?
    LG
    lesesilly

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    1. Liebe lesesilly,
      das sind fantastische Murakami-Werke! Da sind sogar zwei meiner liebsten dabei: »Mister Aufziehvogel« und »Kafka am Strand«. »Mister Aufziehvogel« war mein erstes Murakami-Buch, daher spüre ich wohl eine besondere Verbundenheit mit diesem Buch. Hingeführt zu Murakami hat mich übrigens Kazuo Ishiguro mit seinem Buch »Als wir Waisen waren«.

      Nach »Mister Aufziehvogel« habe ich alle anderen Bücher nach und nach verspeist, irgendwann gab es den Disput beim Literarischen Quartett, und da war mein Lieblingsautor plötzlich in aller Munde. Durch Murakami fand ich dann zur japanischen Literatur und entdeckte weitere Autoren wie Banana Yoshimoto oder auch Klassiker wie Yasunari Kawabata. So viel zu Murakami und mir.

      Jetzt bin ich auf deine Geschichte mit Murakami gespannt. »1Q84« darf auf deiner Liste stehen bleiben, ebenfalls ein beachtenswertes Buch. Ein anderer Ton, du wirst es später lesen. Aber verdammt gut.

      Liebe Grüße
      Klappentexterin

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  7. Eine wundervolle Reihe, liebe Klappentexterin. Und das sage ich als bekennende Nicht-Harukinistin! Bislang zumindest – wer weiß, ob ich mich nicht doch eines Tages bekehren lassen werde. Ich fände es schön, in seinen Büchern das zu sehen, was ihr alle seht. Jetzt aber bin ich erst einmal gespannt auf die kommenden Beiträge. Schöne Grüße!

    Gefällt 1 Person

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