Talking about Haruki Murakami mit Stephan Kleiner.

Haruki Murakamis Bücher sind magisch, inspirierend und einmalig. Seine Fangemeinde ist riesig – über eine Million sind es allein bei Facebook. Und auch ich bin eine Harukinistin (so nennen sich die Fans) unter den vielen. Getroffen habe ich Murakami-san bislang noch nicht. Aber ich bin Menschen begegnet, die für ihn arbeiten oder auch für den Autor schwärmen. Das ist genauso schön! Deshalb hat mich sein neues Buch Wenn der Wind singt / Pinball 1973 dazu inspiriert, das zu tun, was ich immer schon machen wollte: Über Haruki Murakami zu sprechen. Mit „Talking about Haruki Murakami“ präsentiere ich euch Interviews mit Menschen aus seinem Universum. Am vergangenen Samstag hat die Übersetzerin Ursula Gräfe den Anfang gemacht, heute folgt der Lektor und Übersetzer Stephan Kleiner. Murakami_Spezial

______________________________________________________________

IMG_0106_aStephan Kleiner, geb. 1975, betreute als Lektor bei DuMont vor allem fremdsprachige Autoren wie Michel Houellebecq, Hilary Mantel und Haruki Murakami. Seit Januar 2015 ist er als freier Lektor und Übersetzer für DuMont und andere Verlage tätig. Im August erscheint seine Übersetzung von Josh Weils Roman Das gläserne Meer im DuMont Buchverlag.

Klappentexterin: Welches war das erste Buch, das Sie von Haruki Murakami lektoriert haben? Und wie war das für Sie?

Stephan Kleiner: Der erste von inzwischen wohl neun oder zehn Romanen Murakamis, die ich lektoriert habe, waren eigentlich zwei in einem: 1Q84 Band I und II. Der mittlerweile auf drei Bände angewachsenen Saga um Tengo und Aomame, die sich in einer Parallelwelt mit zwei Monden umkreisen, ist nach wie vor ein speziellen Platz in meinem inneren Bücherregal sicher. Nicht nur, weil es „mein erster“ Murakami war – mit Tengo, der ebenfalls als Lektor arbeitet, fand ich darin auch eine höchst interessante Identifikationsfigur. 1Q84 handelt unter anderem von der Frage, wie stark Literatur und Realität sich gegenseitig durchdringen. So viel sei gesagt: Nicht nur in Murakamis Werk ist die Membran dazwischen dünn und nach beiden Seiten durchlässig. Und wenn ich sage, dass ich auch in den darauffolgenden Romanen fast immer mindestens ein bestimmendes Element entdeckt habe, das zu meiner jeweiligen Lebenssituation zu passen schien, klingt das wiederum wie ein Phantasma aus einem seiner Bücher. Das eigentliche Geheimnis liegt wohl darin, dass es noch sehr viel mehr Menschen genauso geht. Wie er das schafft? Keine Ahnung.

Was macht die Bücher von Haruki Murakami in Ihren Augen so einzigartig?

Wie oben angedeutet, haben sie in den besten Momenten eine magische Qualität. Murakami macht die finsteren kleinen Ritzen zwischen den Welten für uns begehbar. Wie Alice im Wunderland folgen wir ihm in den Kaninchenbau und schrumpfen den Geheimnissen des Lebens entgegen. Wenn wir dann den Little People auf Augenhöhe gegenüberstehen, sehen wir klar.

Haben Sie ein Lieblingsbuch von Haruki Murakami? Falls ja, welches?

Hm, eigentlich nicht. Aber die 1Q84-Trilogie liegt mir aus den genannten und vielen weiteren Gründen (die wunderbar zwielichtige Stimmung! Die Action-Anteile! AOMAME!) schon sehr am Herzen. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja wirklich eine Fortsetzung …

Konnten Sie den Autor schon einmal persönlich kennenlernen?

Ja, ich hatte bisher zwei Mal das Vergnügen. Ein scheuer, aber ausgesprochen liebenswürdiger, warmherziger und lebensfroher Mensch. Wenn Sie ihn mal im Urlaub treffen, verwickeln Sie ihn in ein Gespräch über Jazz. Nach unserer ersten Begegnung schickte er mir eine Liste aller Schallplatten, die er in Berlin gekauft hatte. Sie war nicht kurz.

Sind Sie auch der Meinung, dass Haruki Murakami endlich den Nobelpreis für Literatur erhalten sollte?

Ach, hat er den noch gar nicht? Im Ernst: Wenn man gesehen hat, wie lichtscheu er zuletzt etwa den WELT-Literaturpreis entgegengenommen hat, weiß man gar nicht, ob man es ihm wünschen soll. Das ist einmal ein Schriftsteller, dem ich wirklich glaube, dass Preise ihm nichts bedeuten. Zudem halte ich seine Literatur für nicht sehr nobelpreiskompatibel. Und das ist durchaus als Kompliment gemeint.

Lassen wir ihn vielleicht lieber den Nobelpreisträger der Herzen Millionen treuer Leser sein. Ich glaube, das ist schon ganz gut so.

Die Klappentexterin dankt für das schöne Interview und wünscht Stephan Kleiner alles Gute und weiterhin viel Erfolg!

Advertisements

11 Gedanken zu “Talking about Haruki Murakami mit Stephan Kleiner.

  1. Liebe Klappentexterin,
    José Saramago sagte einmal «Die Weltliteratur wird von Übersetzern gemacht», und die Erfahrung zeigt, dass eine gute Übersetzung so gut wie mit keinem Wort Beachtung findet, aber gegenteiliges schon. Eigentlich schade! Ich fühle mich ertappt und werde das zukünftig, zumindest mit namentlicher Erwähnung, beherzigen. Talking about… das ist dein Part. Schon das Interview mit der Übersetzerin Ursula Gräfe hat mir beim Lesen große Freude bereitet. Wie sie von ihrer glücklichen Begegnung mit Marcel Reich-Ranicki und ihrer Pilgerreise nach Santiago de Compostela schreibt… Ich hätte zu gerne mehr darüber gelesen. Die Übersetzung aus dem japanischen ins deutsche stelle ich mir sehr schwierig vor. Hinzu kommt dann bestimmt auch der Zeitdruck. Vielleicht bin ich eine der wenigen die die Werke von Haruki Murakami nicht kennt. Lese ich deine Zeilen, ist es mir geradezu unangenehm, dass „Naokos Lächeln“ und „Kafka am Strand“ immernoch ungelesen im Regal stehen. Zwei Bücher, die ich mir einstmals zugelegt hatte, weil mich damals euer Murakami Leseprojekt im wahrsten Sinne des Wortes dazu verführt hatte . Ob man mit früheren Werken vertraut sein muss um mit „Wenn der Wind singt“ (ein schöner Titel) zu beginnen? Oft nehmen wir die Geschichten der Schriftsteller ganz unterschiedlich wahr. Das mag vor allem für Murakamis Werke gelten. Ich erinnere an Mr. Aufziehvogel der über Murakami seitenlang philosophieren kann. Das war damals für mich sehr spannend mitzuverfolgen, auch wenn ich von alledem keinen Plan hatte. Du liest Worte und auf einmal treibt es dich wie ein Blatt im Wind davon. So ergeht es mir, wenn ich deine Texte lese, oder auch dieses interessante Interview mit Stephan Kleiner. Ich sende dir liebe Grüße! 😉

    Gefällt mir

    1. Liebes herbstblatt101,
      eins der schönsten Dinge am Bloggen sind Momente wie dieser. Wenn ich Kommentare wie deinen lese und dem Echo der Worte noch lange lausche.

      Es ist so wertvoll, dass du das Zitat von José Saramago mitgebracht hast. Genauso ist es. Was würden wir ohne die vielen Übersetzer machen? Welche Werke blieben uns da verborgen? Spätestens nach der Begegnung mit Ursula Gräfe und dem Abend, als sie davon erzählte, wie das Übersetzen aus dem Japanischen ins Deutsche funktioniert, ist mir die Bedeutung des Übersetzens nochmal ganz bewusst geworden. Nicht, dass es das vorher nicht war. Keineswegs. Insofern geht es mir da ganz wie dir.

      Als mir mal eine Freundin erzählte, dass Übersetzer auch Urheber eines Werkes sind, habe ich begonnen unter jedem übersetzen Buch den Namen der Übersetzerin oder des Übersetzers zu setzen.

      Du weißt doch: Für jedes Buch kommt die richtige Zeit. Es muss dir also nicht unangenehm sein, dass du die beiden Bücher bislang nicht gelesen hast. Sieh es als kleine charmante Erinnerung, dass da noch was Feines in deinem Bücherregal wartet. 😉 Und ich erfreue mich an die Erinnerung des tollen Murakami-Projekts, das ich vor einiger Zeit mit drei Blogger-Kolleginnen initiiert hatte.

      Ein schönes Bild, das du da beschrieben hast. Ein Blatt im Wind. Daran halte ich mich jetzt fest und schwebe lächelnd in die Nacht.

      Auf ganz bald & liebe Grüße
      Klappentexterin

      Gefällt 1 Person

  2. Liebe Klappentexterin,

    was für eine wunderbare Idee, einen außergewöhnlichen Schriftsteller wie Murakami mit einer ganzen Serie von Beiträgen zu ehren!

    Ich habe eine ganze Zeit seine Bücher nahezu verschlungen und muss gestehen, dass ich an den Punkt kam, wo es mir einfach zuviel wurde und Abstand brauchte. Wenn ich nun so Deine Interviews lese, denke ich, dass die Pause lange genug war und ich es mal wieder wagen könnte und sollte 😉

    Danke dafür!!

    Liebe Grüße
    Stefan

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Stefan,
      lieben Dank für deine schönen Zeilen und die Freude, die ich darin finde! Ebenso schön, dass du demnächst vielleicht mal wieder in das Murakami-Universum einsteigen wirst. Da wünsche ich dir schon jetzt wunderbare Lesestunden! Und freue mich natürlich sehr, dass „Talking about Haruki Murakami“ dich dazu inspiriert hat.

      Im Übrigen hatte ich wie du auch so eine Zeit, in der ich alles von Murakami verschlungen habe, bis auf eins, das habe ich mir aufgehoben und vorm Erscheinen von »1Q84« als Appetizer gelesen. Die Rede ist von »Afterdark«.

      Liebe Grüße
      Klappentexterin

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s