Das Glück kommt auf vier Pfoten.

takashi_hiraide_der_gast_im_garten

Ganz leise und anmutig schlich sich »Der Gast im Garten« von Takashi Hiraide an mich heran. Neugierig wie ein Kätzchen stupste ich das Buch auf und blätterte vorsichtig darin. Schon nach den ersten Seiten schnurrte ich und spürte – hier bin ich richtig.

Bezaubernd ist der Anfang dieses kleinen Büchleins: »Zuerst sah es aus wie Wolkenfetzen, die auf der Stelle schwebten. Dann schien der Wind sie bald nach rechts, bald nach links zu wehen.« Hinter den Wolkenfetzen verbirgt sich das Kätzchen Chibi, das eines Tages beim Erzähler und seiner Frau auftaucht. Chibi ist eigentlich bei den Nachbarn zu Hause. Doch ihre Neugier führt sie immer wieder zu dem Paar, das sich außerhalb Tokios ein Gartenhaus angemietet hat. Erst vorsichtig tapsend, bald schon äußerst selbstbewusst krabbelt Chibi in ihr Schlafplätzchen im Schrank. Manchmal jedoch will sie – wie alle kleine Katzen – einfach nur spielen oder sich die frisch gebratenen Sardinen schmecken lassen.

Kapitel_13© Quint Buchholz, München

Urplötzlich taucht das zarte Glück auf, wie die umherschwirrenden Sporen einer Pusteblume tanzt es in das Leben des Paares. Beide sind Mitte Dreißig, kinderlos und arbeiten in der Verlagsbranche. Der Erzähler kündigt jedoch seine Stelle, um endlich selbst zu schreiben. Aber stets bleibt Chibi der Mittelpunkt dieser Geschichte. Mit ihrem bezaubernden Wesen zieht sie die volle Aufmerksamkeit auf sich. Auch ich kann ihr nicht lange widerstehen. Alles dreht sich um das Kätzchen. Und der Erzähler ist ein genauer Beobachter, dem nichts entgeht. So beobachtet er nachts seine Frau, die mit Chibi durch den Garten läuft, immer still der kleinen Katze folgend. Dann holt sie ein Tischtennisbällchen aus der Tasche, und die Samtpfote fängt sofort begierig an zu spielen. Das ist nur eine Episode von vielen, die sich beglückend aufs Gemüt setzt.

Nun, wie wir alle wissen, ist selbst das kleinste Glück vergänglich wie ein Tautropfen. Diese Erfahrung macht auch das katzenverliebte Pärchen, dem schon bald Veränderungen auf ihrer Insel des Glücks ereilen. Doch genau hierin liegt der Reiz dieser zärtlichen Geschichte. Sich jeden Moment des Glücks bewusst zu sein, es zu packen wie ein Knäuel und mit allen Sinnen auszukosten. So lange, bis die ersten Regentropfen dazwischen peitschen. Und während die Regentropfen sich ihren Platz bahnen, das schöne Gefühl einfach weiter im Herzen zu tragen.

Kapitel_16© Quint Buchholz, München

Auf den Seiten des Buches verbirgt sich – neben der verspielten Zauberhaftigkeit – eine wundervoll atmende Ruhe, wie sie mir aus vielen japanischen Büchern vertraut ist. Hier gibt es keine laut krachenden Plots, viel mehr fließt das Geschehen einem leisen Bergbach gleich still vor sich hin. Die poetische Sprache von Takashi Hiraide tupft leuchtend schöne Punkte in diese Erzählung. Getragen werden sie auch von den Naturbeschreibungen im Garten, die meine Augen genauso entzücken wie Quint Buchholz’ Illustrationen. So ist »Der Gast im Garten« zuallererst eine wundervolle Liebeserklärung an alle Katzen dieser Welt! In jedem Fall werden Fans japanischer Literatur mit dieser schwebenden wie tiefsinnigen Lektüre unvergessliche Momente des kleinen Glücks erleben.

 Takashi Hiraide: Der Gast im Garten. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Insel Verlag, März 2015, 133 Seiten, 14,- €. Hier geht’s zur Leseprobe.

Eine weitere schöne Rezension findet ihr bei Japanische Literatur.

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13 Gedanken zu “Das Glück kommt auf vier Pfoten.

  1. Eine ganz wunderbare Buchbesprechung – ich werde Der Gast im Garten auf jeden Fall mit in den Urlaub nehmen.

    Ich blogge erst seit einigen Monaten und bin kürzlich auf deinen Blog gestoßen. Er gefällt mir wirklich sehr gut.

    Viele Grüße Rosa

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    1. Liebe Rosa,

      wie schön, das freut mich sehr! Dann wünsche ich dir mit dem Büchlein einen wunderbaren Urlaub!

      Gespannt bin ich auf deinen Blog wie auf die Bücher, die du dort besprichst.

      Auf bald & herzlich
      Klappentexterin

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