Eine Reise in die Seele der Menschen.

Holz ist das erste Wort, das mir zu diesem Buch einfällt. Das zweite lautet Reise und zusammen ergeben sie: Eine hölzerne Reise. Das mag vielleicht ein bisschen komisch klingen, bisweilen ein Stirnrunzeln erzeugen, doch genau das beschreibt für mich „Winesburg, Ohio“ von Sherwood Anderson. Das Buch ist 1919 erschienen und wurde jetzt von Eike Schönfeld neu übersetzt.

Verwundert ist noch ein Wort, das mir in den Sinn kommt. So fühle ich mich auf den ersten Seiten dieses Klassikers. Die Sätze sind alles andere als geschmeidig. Vielmehr sind sie unruhig, krächzend wie eine Schar schwarzer Raben, die von einem Baum aufsteigen und ihre scharfen Laute in die Luft ausatmen. Der amerikanische Schriftsteller hält mich trotzdem fest, zieht mich mit einem nüchternen Ton und einer unbekannten Form des Geschichtenerzählens in sein bekanntestes Werk.
Sherwood Anderson hat die „interlinking short stories“ erfunden. Bei dieser Gattung gehen der Roman und die Kurzgeschichte eine Symbiose ein, ohne dass sie sich zu nahe kommen. Die Kapitel sind in sich abgeschlossen, können unabhängig von einander gelesen werden, doch sie gehören aufs Ganze gesehen zusammen wie eine Stadt mit vielen Häusern. Darum geht es auch in dem Buch, um eine Ansammlung von Häusern, das Leben einzelner Menschen in Winesburg, Ohio.

Für mich ist es eine Zeitreise in die Vergangenheit, als das Pferd noch zum Hauptverkehrsmittel zählte. Und es ist eine Reise in die Seele verschiedener Menschen. In den meisten Geschichten finde ich eine Tragik, die wie Raureif in den Herzen liegt und durch das Erzählen aus der Tiefe des Schweigens nach oben getragen wird. Ich denke da an Wing Biddlebaum in „Hände“. Anderson beschreibt den Protagonisten so exakt, dass sich mir gleich danach ein Bild von einer alten Trauerweide formt: „Wing Biddlebaum, ständig verängstigt und verfolgt von einer gespenstischen Gedankenschar, betrachtete sich in keiner Weise als Teil des Lebens dieser Stadt, in der schon seit zwanzig Jahren lebte.“ Ich horche auf. Was mag mit diesem Mann passiert sein? Die Hände, es sind die Hände, die sein Schicksal gelenkt haben. Das verrät der Autor vor Beginn der Geschichte und später in der Erzählung selbst. Die Kapitel-Überschriften sind ein verlässliches Mittel, an denen ich mich festhalte. Sie sind klar, präzise, halten stets ihr Wort und fungieren als Namenschilder, die vor jedem Haus unter dem Klingelschild angebracht sind.

Oberflächlich gesehen sind die meisten Personen verrückt. In ihnen scheint der Teufel zu tanzen, wenn ich zum Pfarrer Curtis Hartman in „Die Kraft Gottes“ schaue. Er entdeckt eines Sonntagmorgens im oberen Zimmer des Nachbarhauses eine junge Dame, die rauchend in ihrem Bett ein Buch liest. Diese Szene hat etwas leicht Verwegenes, bei dem die Neugier wie eine Fontäne empor schießt. Den Pastor erfasst sofort eine Lawine an wilden Gedanken: „Bei der Vorstellung einer rauchenden Frau packte ihn Entsetzen, und er zitterte bei dem Gedanken, dass sein Blick, nachdem er ihn vom Buch Gottes erhoben hatte, auf die bloßen Schultern und den weißen Hals der Frau gefallen war. Ganz schwindelig im Kopf ging er hinab auf die Kanzlei und hielt eine lange Predigt ohne auch nur einen Gedanken an seine Gebärden oder seine Stimme.“

So wie der Pfarrer verlieren die Personen in den Episoden für Momente den festen Halt, taumeln unsicher durch ihr Dasein, werden hin- und hergeschaukelt wie auf stürmischer See. Je weiter ich in die Erzählungen eintauche, um so mehr stellt sich heraus, dass die Menschen nicht verrückt sind, sondern einsam, verloren und melancholisch. Und in alldem bleibt es still, es kommt kaum zu großen explosionsartigen Ausbrüchen. Bei manchen setzt die Erkenntnis ein, der Gedanke an Flucht packt sie, doch die verdampft schneller im Boden als sie sehen können. Nur einem Stadtbewohner gelingt der Wendepunkt: George Willard, der junge Reporter beim „Winesburg Eagle“. Das überrascht mich nicht, denn in ihm finde ich die frische Lebendigkeit, die den meisten im Laufe der Jahre abhanden gekommen ist. George Willard taucht übrigens in jeder Geschichte auf, wie eine Fliege summt er durch alle Lebenshäuser. Wer ist George Willard? Vielleicht der Autor selbst?

Und was bleibt mir am Ende meiner hölzernen Reise? Viel mehr als ich zunächst dachte. Sherwood Anderson gelingt es trotz seines eigenwilligen Stils, mich zu fangen. Ich, die sonst nur in wunderschönen geschriebenen Werken aufblühe, erwache auch hier und strahle. In der Editorischen Notiz heißt es: „Winesburg, Ohio ist ein sprödes Werk, sprachlich passend zu seinen ungewöhnlichen, schweigsamen oder um Worte ringenden Akteuren – ein Werk der Abweichung.“ Besser hätte ich es nicht schreiben können.

Sherwood Anderson.
Winesburg, Ohio.
2012, 299 Seiten, 21,95 €.
Manesse Verlag.

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14 Gedanken zu “Eine Reise in die Seele der Menschen.

  1. Liebe Klappentexterin,
    bist du eigentlich wahnsinnig? Wie viele Bücher soll ich mir denn noch kaufen, weil du sie derart einprägsam vorstellst? Wie kann ich Büchersüchtige bei solchen wunderschönen Sätzen widerstehen?
    „Die Sätze sind alles andere als geschmeidig. Vielmehr sind sie unruhig, krächzend wie eine Schar schwarzer Raben, die von einem Baum aufsteigen und ihre scharfen Laute in die Luft ausatmen.“
    Jetzt muss ich das Buch haben, dabei hatte ich mir gerade erst Sparsamkeit auferlegt. Trotzdem danke. LG Mila
    P.S.: Lesewelle hat es auch gerade vorgestellt und war begeistert und benutzte das schöne Bild der Spaziergängerin im Buch… Zweiter Grund zum Kauf. Und dann mag ich den Manesse-Verlag auch sehr gerne. Dritter Grund.

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    1. Ja, das bin ich, liebe Mila! : ) Der Vorteil an Büchern ist ja, dass sie nicht schlecht werden können. Sherwood Anderson ist wirklich einmalig mit seinem spröden Stil und die Geschichten… nein, ich schreibe nicht mehr weiter und freue mich dafür, dass dieses Buch auch zu dir finden wird. Ich kann deine Gründe übrigens nur unterstreichen! Bei Lesewelle schaue ich doch gleich mal vorbei. Danke für den Hinweis!

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  2. Liebe Klappentexterin

    Deine Rezension bringt mich gleich nochmals zum Lächeln. Wenn du mein Gesicht sehen könntest, sähest du ein Strahlen darauf. Es freut mich sehr, dass auch dir Sherwood Anderson so schöne Lesemomente beschert hat. Ich bin sehr froh, dass der Leser durch den Manesse Verlag diesen Autor, den man unbedingt beachten sollte, entdecken darf.

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    1. Das ist so schön, dann geht es dir wie mir, als ich vorhin bei dir gewesen bin! Ob du es glaubst oder nicht, ich habe dein strahlendes Gesicht wirklich gesehen! : ) Deine abschließenden Worte gefallen mir auch sehr und treffen auf meinen Zuspruch. Es freut mich ebenfalls, dass der Manesse Verlag Sherwood Anderson Aufmerksamkeit schenkt! Eine wertvolle Publikation!

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  3. …und wieder ein neues Buch auf meiner „Muss ich haben“-Liste. Bei „interlinking short stories“ musste ich sofort an Jhumpa Lahiri denken, diese Art von Kurzgeschichtenroman mag ich wirklich gerne. Und Klassiker wollte ich ja ohnehin wieder mehr lesen! Gut, dass Bücher kein Verfallsdatum haben! 🙂

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    1. Das freut mich! Jhumpa Lahiri habe ich mir gleich mal notiert… schnell im heimischen Bücherregal nachgeschaut. Und siehe da, unter L steht das Buch „Einmal im Leben“, noch ungelesen. Große Freude und ein liebes Dankeschön an dich! In diesem Sinne: Gut, dass Bücher kein Verfallsdatum haben. : )

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  4. Das fand ich jetzt sehr interessant – mit der Erfindung der „interlinking short stories“, denn das habe ich ja gerade bei Elizabeth Strout gelesen. Wusste ich gar nicht. Dank dir bin ich nun klüger 😉

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  5. Die Struktur finde ich auch sehr interessant, diese interlinking short stories. Ähnliches gibt es bei den „Kleinen Gemeinheiten“ von Panos Karnezis oder noch früher (aber später als bei Sherwood) bei Kate Atkinson in „Not the End of the World“. Mir gefällt das gut : )

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  6. Liebe Klappentexterin,
    welch eine wunderbare Vorstellung trotz der „Sprödigkeit“ der Personen! Da möchte man gleich anfangen zu lesen. Es ist schon faszinierend, daß auch „alte“ Bücher noch brillieren können.

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