Der perfekte Liebeskummerroman!

Wenn ich könnte, dann würde ich mit Dominique einen Kaffee trinken, irgendwo in einem Pariser Café. Um uns herum gäbe es ein lautes Stimmengewirr. Ich würde sie fragen, wie es ihr geht und was aus der Sache mit Luc geworden ist. Aber das funktioniert nicht, weil es sich bei Dominique nur um eine Romanfigur von Françoise Sagan handelt. So bleibe ich schweigend zurück, blicke auf „Ein gewisses Lächeln“ von der französischen Schriftstellerin, in dem Dominique von ihrer Affäre mit Luc erzählt. Was für eine mitreißende, sinnliche und tragische Liebesgeschichte, die wieder den typisch französischen Charme versprüht.

Dominiques Leben hat etwas von einem ruhigen See. Die Studentin lebt in den Tag hinein, studiert an der Sorbonne und ist mit Bertrand zusammen. Er ist ihr erster Liebhaber, mit dem sie den Duft ihres Körpers kennengelernt hat. Françoise Sagan entzückt mich mit einer wunderschönen Beschreibung: „Man entdeckt den eigenen Körper, seine Länge, seinen Geruch, immer an den Körpern der anderen – erst mit Mißtrauen, dann mit Dankbarkeit.“ Eine wohlige Zärtlichkeit setzt sich zu mir und haucht ihren sanften Atem aus. Trotzdem nehme ich eine Unruhe in Dominiques weiteren Gedanken wahr, etwa eine bestimmte Sehnsucht, bei der die Füße unruhig hin und her wippen. Die Sehnsucht bekommt bald einen Namen, nur drei Buchstaben: Luc. Er ist der weitgereiste Onkel von Bertrand, der sie mit ihm bekannt macht. Das Eis zwischen den Fremden schmilzt und Dominique weiß sehr schnell: „Er mußte mein Freund werden.“ Das wird er auch, zusammen mit seiner liebenswürdigen Frau Françoise. Beide schließen Dominique ins Herz, sie kaufen ihr sogar einen Mantel, den sie zum Ärger von Bertrand annimmt. Bereits hier zeigt sich, dass Bertrand ein vollkommen anderer Mensch als Dominique ist, so anders, dass ich schon jetzt einen Riss in der jungen Liebe wahrnehme.

Dominique fühlt sich zu Luc hingezogen, „möchte dieses Gesicht“ in ihre Hände nehmen. Ganz zart, wie ein Schneeglöckchen, das sich durch die kalte Erde nach oben kämpft, nimmt die Beziehung zwischen Luc und der Studentin Gestalt an, ohne dass zunächst etwas passiert. Bis Luc ihr eines Abends einen Vorschlag unterbreitet: Er will ein Abenteuer. Dominique fühlt sich zunächst ein wenig überrumpelt: „Ich begann dumm zu lachen. Ich war unfähig zu reagieren.“ Aber Luc, der Charmeur, scharwenzelt um seine Katze, raubt ihr die Angst und spricht aus, was beide verbindet: „In gewisser Hinsicht“, sagte Luc ernsthaft, „gibt es da etwas. Ich will sagen: zwischen uns. Sonst habe ich im allgemeinen für junge Mädchen nicht sehr viel übrig. Aber wir sind vom gleichen Schlag. Ich meine, es wird weder so dumm noch so abgedroschen sein. Und das kommt selten vor. Also denken Sie darüber nach.“

Und so kommt, was kommen muss. Beide nähern sich wie zwei Tropfen aufeinander zu, die zu einem Fleck werden. Luc und Dominique sind Seelenzwillinge, die sich einfach finden mussten. Françoise beschreibt es Dominique so: „Sie haben die gleiche Natur wie Luc. Ihr seid beide etwas unglückliche Naturen, dazu bestimmt, von Venusmenschen wie mir getröstet zu werden. Sie können dem nicht entgehen…“ Während die eine Natur oben schwimmt, in dem Fall Luc, versinkt die andere immer mehr und verliert ihr Herz an diesem Mann, ohne es zunächst selbst wahrhaben zu wollen. Beide verbringen zwei Wochen an der Riviera, zwei glückliche Wochen, aus denen Dominique zum Ende nicht aussteigen möchte und die mehr nach sich ziehen werden, als sie es sich zunächst eingestehen will.

Wenn es einen idealen Liebeskummerroman gibt, dann diesen! Françoise Sagan begibt sich vollkommen in die Lage einer unglücklich Verliebten. Niemals wird es zu rührselig oder schwer, vielmehr sitzt eine Leichtigkeit zwischen den Zeilen und verscheucht das Tragische auf die letzten Reihen. Ich finde eine stille Melancholie, die sich hinter klaren und bildhaften Wörtern versteckt, beinahe so als würde der Mond leise seufzen und den Sternen zu zwinkern.
Die französische Autorin zeichnet auch das Bild einer Affäre, von der man von vornherein weiß, dass es nur einen Gewinner und eine Verliererin gibt. Obwohl ich Dominique nicht als solche bezeichnen möchte, denn sie ist ein Mädchen mit Kopf und Verstand, selbst wenn das Gefühl der Liebe sie zunehmend aufsaugt. Vieles kann ich nachempfinden wie die Worte, die sie anfangs über Luc fallen lässt: „Wahrscheinlich war er der erste Mensch, mit dem ich mich vollkommen wohl fühlte und nicht im geringsten langweilte.“ Vielleicht ist es das, was mich auf besondere Weise an das Buch bindet, denn wie Dominique kenne ich so einen Menschen. Nur hatte ich das Glück, dass ich ihn mir nicht teilen musste. Schade, ich hätte es Dominique gern erzählt. So bleibt mir das gewisse Lächeln, das ich insgeheim auf meinen Lippen aufblitzen lasse.

Françoise Sagan.
Ein gewisses Lächeln.
2011, 144 Seiten, 9,90 €.
Verlag Klaus Wagenbach.

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23 Gedanken zu “Der perfekte Liebeskummerroman!

  1. Liebe Klappentexterin,

    auch ich bin ein Fan von frankophiler Literatur. Von Deiner Empfehlung des Romans „Kümmernisse“ war ich ja auch sehr begeistert. Francoise Sagan habe ich vor lange Zeit gelesen, dies war „Bonjour tristesse“, welches mir auch sehr gut gefallen hat. Meine absolute französische Lieblingsschriftstellerin ist allerdings Anna Gavalda, ich liebe ihre Bücher! Hast Du schon mal etwas von Ihr gelesen?

    Liebe Grüße
    lesesilly

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    1. Liebe lesesilly,
      ich denke, dass dir dieses Werk sehr gefallen wird, zumal es ja nicht deine erste Sagan ist. Hast du eigentlich auch die Verfilmung zu “Bonjour tristesse” gesehen? Oh ja, ich kenne Anna Gavalda und mag sie sehr.

      Liebe Grüße
      Klappentexterin

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  2. Mein Nachbar sitzt soeben im TGV nach Paris. Vielleicht trifft er Dominique in einem Café und tröstet sie etwas mit netten Worten?

    Es ist doch einfach wieder einmal so, dass französische Literatur total verzaubert. Noch ein Buch mehr für den Merkzettel, das nimmt ganz schlimme Formen an nach deiner, ach so umwerfenden Rezension. Es ist lange her, dass ich Françoise Sagan gelesen habe.
    Danke, für den Tipp.
    LG
    buechermaniac

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    1. Ein schönes Bild von deinem Nachbarn und Dominique. Da kann ich mir ein Lächeln nicht verkneifen. Merci beaucoup! Ja, man fragt sich schon, wie machen das die Franzosen? Schade nur, dass ich die Bücher nicht in der Originalfassung lesen kann, das wäre sicherlich noch ein bisschen schöner. Freut mich jedenfalls sehr, dass ich dich so wieder an Françoise Sagan erinnern konnte!

      LG
      Klappentexterin

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      1. Ich habe „Ein verlorenes Profil“ und „Stehendes Gewitter“ gekauft. Was ich allgemein bei den alten Auflagen feststelle, ist, dass die Cover ungemein kitschig sind. Die einen Leser könnte das glatt abschrecken. Ich habe auch gleich ein Einband entfernt deswegen.
        LG
        buechermaniac

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      2. Die beiden Titel sind mir (noch) unbekannt, das ändert sich ja bald, dank dir. Ich bin gespannt, was du dazu schreiben wirst! Die kitschigen Cover sind mir auch schon aufgefallen. Bei Taschenbüchern kannst du das Cover leider nicht einfach so entfernen. In diesem Sinne, lebe das gebundene Buch! ; )

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  3. Liebe Klappentexterin,

    du kennst das bestimmt: Man sieht etwas, erinnert sich an vorherige Begegnungen (in diesem Fall Romane wie „Bonjour tristesse“, „Lieben Sie Brahms?“ und „Ein verlorenes Profil“). Es sind schöne Erinnerungen, die das Herz sachte anstupsen und das Gemüt lächeln lassen. Doch dann kommt da ein Satz, der das Herz wie in einem Schraubstock zu zerquetschen droht, weil er so wahr, so persönlich ansprechend, so universell, kurzum: weil er so ein Volltreffer ist. Solch ein Satz ist mir eben begegnet, denn genau das habe ich bei meiner ersten große Liebe gefühlt: „Wahrscheinlich war er der erste Mensch, mit dem ich mich vollkommen wohl fühlte und nicht im geringsten langweilte.“

    Womit ich jetzt keine Wahl mehr habe. Morgen gehe ich in die Buchhandlung, kaufe mir „Ein gewisses Lächeln“ und werde den Roman am Wochenende lesen. Eine natürliche Konsequenz. Schuld bist wie immer du. Dafür danke ich dir sehr!

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    1. Liebe nantik,
      oje, was habe ich da wieder angestellt? Hab dich verführt…… hach! ; )
      Ja, das kenne ich und ich danke dir für die wundervolle Beschreibung, in die ich mich habe hineinfallen lassen, zu vertraut und bekannt waren deine Sätze, zu schön das ganze Bild, das dabei entstanden ist. Und sag, sind es nicht meist die kleinen Zufälle, die uns oft zu Büchern führen? Ich bin entzückt und wie immer neugierig, was zu der Lektüre sagst.

      Viele Grüße
      Klappentexterin

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      1. Liebe Klappentexterin,

        wie soll ich in Worte fassen, was ich eigentlich nur fühlen kann? Diese präzise, nüchterne und trotzdem so gefühlvolle Sprache! Und dann erst diese scharfe Sicht auf die Welt und deren Menschen! War Sagan wirklich erst 20 Jahre alt, als sie dieses kleine Seelenkunstwerk geschrieben hat? Das klingt alles so abgeklärt und weise und erfahren! Aber sie war eben ein Produkt ihrer Zeit, diese Francoise Sagan. Man spürt den Existenzialismus auf jeder Seite, ohne dass er aufdringlich wirken würde. Er ist sogar notwendig, denn ansonsten würde Kitsch all das Schöne und Wahre zerstören. Aber so? Reine liebe statt verschwurbelte Romantik. Aber am schönsten war für mich die Sprache! Sie war wirklich so schön, dass ich mir Wort für Wort selbst vorgelesen habe. Und es war ein Genuss: http://lesegedanken.wordpress.com/2012/03/04/fremde-worte-eigene-stimme/

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      2. Liebe nantik,
        was für eine Freude, deine Zeilen zu lesen! Es ist so schön, die Begeisterung mit dir zu teilen, durch deine Beschreibung das Gelesene noch einmal zu reflektieren. Hach, ganz wunderbar ist das! Hab vielen lieben Dank dafür!

        Herzlichst,
        Klappentexterin

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    1. Merci beaucoup für den Link! Eine wunderschöne Rezension, die mir u.a. das literarische Schaffen und Leben von Françoise Sagan nochmals vor Augen geführt hat! Jawohl, da hat uns die französische Literatur mal wieder um den „Lese-Finger“ gewickelt.

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  4. Ja, das hatte ich auch schon oft, dass ich so in ein Buch getaucht bin, dass ich mich gefragt habe, wie es der Romanfigur jetzt wohl geht und sie gerne getroffen hätte, um mehr zu erfahren…..

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