Wie der Biss in einen Granny Smith.

Stellt euch vor, ihr wacht eines Tages auf und erkennt die linke Seite nicht mehr, ohne dass euch das bewusst ist. Es braucht nur jemand links von euch zu stehen, der redet und ihr seht ihn einfach nicht. Oder ihr wollt euch schminken und lasst das linke Auge aus, weil es euch nicht mehr bewusst ist. Dieser Defekt hat einen Namen: Linksseitiger Neglect. Lisa Genova hat mir das Krankheitsbild in ihrem Roman „Mehr als nur ein halbes Leben“ näher gebracht.
Sarah passiert genau das, als sie eines Tages aus dem Koma erwacht. Nach einem Verkehrsunfall dreht sich ihr Leben um 180 Grad, aus einer erfolgreichen Businessfrau und liebevollen Mutter wird ein Mensch, der von vorn beginnen und sich dem linksseitigen Neglect stellen muss. Sarahs Welt spielt sich von nun an rechtsseitig ab, folglich sieht und spürt sie nur Dinge, die sich rechts befinden. Dabei hat sie etwas von einem zweigeteilten Menschen, den man durchgeschnitten hat, bis auf den Kopf, der denkt und fühlt wie vor dem Unfall. Und das macht Sarah ihr Leben schwer. Sie möchte sich wie früher bewegen, kann aber nicht und gerät so an Grenzen, die ihr der Körper auferlegt.
Lisa Genova erzählt ein bewegendes Schicksal, das sich zunächst sehr schmerzvoll anhört, was es aber nicht immer ist. Die Geschichte hat einen lockeren Stil und enthält Passagen, in denen mir ein Lächeln entschlüpft. Sie erinnern mich an kurze Sonnenstrahlen, die durch graue Wolken schlüpfen. Es sind Sarahs eigenwillige Gedanken, die oft etwas Kraftvolles haben, so als würde ich in einen Granny Smith beißen: „Denn auch wenn ich noch immer auf eine vollständige Genesung hoffe, so habe ich doch gelernt, dass ich mein Leben trotz aller Einschränkungen in vollen Zügen genießen kann.“ So öffnet sich der anfangs versperrte Weg für Hoffnung und Zuversicht.

Lisa Genova.
Mehr als nur ein halbes Leben.
2011, 384 Seiten, 16,99 €.
Bastei Lübbe.

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18 Gedanken zu “Wie der Biss in einen Granny Smith.

  1. Das klingt sehr interessant. von dieser krankheit habe ich noch nie etwas gehört. … ein schweres schicksal, ich glaube, der punkt ist, man muss irgendwann einfach die kraft haben, es anzunehmen und zu akzeptieren, daß es jetzt zum eigenen leben gehört. das hat nichts mit resignieren zu tun, es hat damit zu tun, zu lernen, unter neuen „randbedingungen“ weiter zu leben, mit allen facetten, die das leben bietet. (und allen rückschlägen…)

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    1. Auch für mich war das eine Krankheit, die ich vorher nicht kannte, verehrter flattersatz. Irgendwie las sich das anfangs fremd und komisch, denn es ist schwer vorstellbar, dass ich meine linke Seite nicht mehr wahrnehmen kann, ohne das zu wissen. Du sagst es, genau darum geht es hier – neben der Krankheit -, das Annehmen von den neuen „Randbedingungen“.

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  2. Von dieser Krankheit habe ich auch noch nichts gehört bisher. Ich habe in „Das innere Auge“ von Oliver Sachs über einige ähnlich gelagerte Krankheiten gelesen, die von Sachs in interessanten Fallgeschichten vorgestellt werden …
    Im letzten Jahr habe ich Lisa Genovas Roman „Mein Leben ohne Gestern“ gelesen. Ein Roman, der mich sehr begeistert hat und mir daneben auch sehr viel Angst gemacht hat. Ich hatte zuvor befürchtet, dass mir das Buch zu trivial oder „massengerecht“ sein könnte, aber es hat mir wider erwartend gut gefallen. „Mehr als nur ein halbes Leben“ wandert auf jeden Fall auf meinen schon reichlich vollen Wunschzettel, danke für die schöne Vorstellung!

    Liebe Grüße
    Mara

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    1. Ja, es ist schon erstaunlich, was es alles gibt, liebe Mara. Erschreckend und erstaunlich zugleich. Oliver Sacks ist ein Autor, der sich in seinen Büchern mit Neurologie beschäftigt, stimmt, ich erinnere mich. Gelesen habe ich von ihm noch nichts, aber ich habe von ihm einen Doppelband in meinem Regal zu stehen.
      Ich kann dir da nur zustimmen, was Lisa Genova betrifft, denn ich hatte ähnliche Befürchtungen wie du, die jedoch relativ schnell verflogen sind. Schließlich war mir die Autorin noch in guter Erinnerung, da „Mein Leben ohne Gestern“ von vielen Seiten gelobt wurde. Ich bin gespannt darauf.

      Liebe Grüße
      Klappentexterin

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  3. Auch mir hat dieses Buch sehr gut gefallen. Lisa Genova hat einen flüssigen Erzählstil und bringt die sachlichen Aspekte so mit ein, dass sie die ganze Geschichte sehr schön abrunden. Die Thematik des linksseitigen Neclect ist hochinteressant, da ich ebenfalls noch nie vorher von dieser Krankheit gehört habe. Auch ihr erstes Buch „Mein Leben ohne gestern“ ist sehr zu empfehlen, zumal das Thema Alzheimer momentan wieder in der Presse aktuell ist (s. Rudi Assauer). Alles in allem zwei gelungene Werke einer interessanten Erzählerin.

    Viele Grüße
    lesesilly

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    1. Da haben wir wieder ein gemeinsames Buch, das uns gleichermaßen begeistert. Wie schön! Ich habe oben schon geschrieben, dass ich erstaunt und erschrocken bin, was es nicht alles für Krankheiten gibt. Die Autorin hat ihren Lesern den linksseitigen Neglect wirklich sehr nah gebracht, auf eine angenehme, leicht verständliche Weise. „Mein Leben ohne Gestern“ werde ich in jedem Fall bald lesen.

      Viele Grüße
      Klappentexterin

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  4. Klingt nach einem interessanten Buch. Ich habe auch selbst schon mit Menschen zusammengearbeitet, die einen Neglect haben. Meistens sind das ältere Menschen, die zuvor einen Schlaganfall hatten.

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  5. Oh, noch ein Buch, das ich mir auf deine Empfehlung kaufen muss. „Still Alice“/ „Mein Leben ohne Gestern“ hat mir schon unheimlich gut gefallen. Ich musste sogar ein Tränchen beim Lesen verdrücken. Danke für den Tipp, Mila

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    1. „Mein Leben ohne Gestern“ werde ich demnächst – wenn die Welt draußen ein bisschen wärmer und bunter ist – lesen. Mara schrieb oben, dass ihr das Buch Angst gemacht hat und du von einem Tränchen. Das sind eindeutige Indizien dafür, dass ich das Buch in einer leichten Zeit aufschlagen möchte.

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      1. Auch ich würde dir raten mit der Lektüre zu warten, bis wir eine etwas fröhlichere Jahreszeit erreicht haben! Mir hat das Buch sehr gut gefallen, aber es hat mir in der Tat enorm Angst gemacht und auch ich habe sicherlich das ein oder andere Tränchen verdrückt beim Lesen. Mir tat Alice so unendlich leid, da ich so gut nachfühlen konnte, wie schwerwiegend die Erkrankung für sie war, gerade weil sie Sprache und Arbeit mit Sprache so sehr liebt. Ich wüsste nicht, was ich tun würde, wenn ich darauf verzichten müsste … 😦

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  6. Das Cover hat mich spontan an „Der Geschmack von Apfelkernen“ von Katharina Hagena erinnert. Das Thema ist ein ganz anderes, wie ich feststellen muss. Es gibt tragische Krankheiten und ich bewundere jeden Menschen, der dann trotzdem noch positiv in die Welt blicken kann. Das braucht viel Mut.

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    1. Stimmt, das sieht dem Buch sehr ähnlich. Auf dem ersten Blick erwartet man etwas anderes. Davor habe ich auch großen Respekt, wenn Menschen trotz tragischer Krankheiten das Positive nicht aus den Augen verlieren.

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  7. … ich werde das Buch auch auf meine Leseliste setzen. LG Beate
    PS Jetzt einmal ganz unabhängig vom Inhalt: Ich finde das Cover sehr schön. „Mehr als nur ein halbes Leben“ hätte deshalb zu den Büchern gehört, die ich, wenn ich sie in einer Buchhandlung gesehen hätte, auf jeden Fall einmal in die Hand genommen und den Klappentext gelesen hätte.

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