Es lebe die Freundschaft!

Wir hatten uns lange, das Buch und ich. Als ich »Schlafen werden wir später« von Zsuzsa Bánk begann, war es grau und kalt draußen. Jetzt hat die Sonne die Kraft eines frühen Sommertages: Blüten strecken sich ihr hungrig entgegen, erste Insekten schwirren auf dem Balkon, ich atme auf. Und spüre gleichzeitig den schweren Atem des Abschieds im Gesicht. Man sagt, Bücher können wie gute Freunde sein. So ist es mir mit diesem berührenden Briefroman ergangen. Deshalb bin ich hin- und hergerissen zwischen Aufbruchfreude und Abschiedsschmerz. Aufbruchfreude, da es mich lange festgehalten hat, länger als zunächst angenommen. So habe ich die vielen eintrudelnden Neuerscheinungen ruhen lassen müssen, um dem Buch die Zeit zu geben, die es fordert. Doch man schenkt sie ihm gern, wenn man sich darin fest verankert hat und wohl fühlt. Abschiedsschmerz, weil ich Márta und Johanna vermissen werde. Selbst nach der Lektüre frage ich mich hin und wieder, was sie nun machen und wie es ihnen wohl geht. Und in all dem kreisen Gedanken wie Möwen durch meinen Kopf, kreischen und wollen hinaus. Auf den Blog, in der Hoffnung, dass wir uns wieder gerade biegen, die Gedanken und ich, und dabei vielleicht weitere Freunde für das Buch aufspüren können. Das wäre schön. »Schlafen werden wir später« ist ein Buch, das seine Liebhaber finden wird. Ich bin eine davon. Warum, das möchte ich euch erzählen.

Wie eingangs beschrieben, hat die Autorin für ihr neues Werk die Form des Briefromans gewählt. Die beiden Protagonistinnen, Márta und Johanna schreiben sich regelmäßig Mails. Es ist ein Meer voller Gedanken und Gefühle, in denen die beiden Freundinnen abwechselnd rudern, schwimmen und manchmal kurz davor sind, unterzugehen. Weil der Alltag oder die Narben der Vergangenheit sie erdrücken und kein Streifen Tageslicht in ihre Zimmer hineindringt. Beide eint, dass sie in der Mitte des Lebens stehen. Wo wollen sie hin? Was ist das weitere Ziel? Wo das Glück? So kreisen sie oft nachts oder frühmorgens wie Falken in luftiger Höhe um ihr Umfeld oder das eigene Leben. Ich bin die stille Betrachterin.

Zitate aus Büchern finden in kursiver Schrift immer wieder in die Mails der beiden Freundinnen. Wer sie erkennt, jubelt. Wer nicht, ist beeindruckt, zückt das Notizbuch und schreibt’s auf, um später im Internet den Ursprung herauszufinden. Und dann ist da der Kern, der Glanzpunkt des Buches: die Sprache, hin und wieder verspielt wie ein kleines Katzenjunges. Unglaublich phantasievoll, bildreich und rhythmisch, dass ich manchmal tanzen möchte, vor und zurück, einmal links herum und rechts herum. Wenn sich Márta und Johanna freuen, freuen sie sich nicht nur einmal, sondern gleich »dreimal hintereinander«. Genauso lieben sie sich über alles, und schreiben sich das. Ich tauche in die nicht enden wollenden Sätze, die mitunter Knäule in die Augen wickeln. Und komme erst wieder nach oben, wenn der Busfahrer meine Station ansagt oder die Augen wie Jalousien am Abend zufallen. Während die Welt um sie herum schläft, verschieben sie den Schlaf auf später.

Jeder Leser, der wie ich sprachvergnügt in Büchern nach schönen Beschreibungen Ausschau hält, wird hier schnell beglückt. So sitze ich in Mártas »Wortzimmern« und »Satzhäusern«, bin »viertelglücklich«, manchmal spüre auch ich dieses »Herzklappenflattern« aus Johannas Innenleben. Der Atem geht langsamer und die nachdenkliche Stimmung eines Abends macht sich breit, wenn ich Gedanken wie diesen auffange: »Dieses Leben, Márta, da liegt es also vor uns. Und was fangen wir zwei nun wirklich damit an? Wir fassen es ja nicht an, wir packen und schütteln es nicht. Wir bleiben nicht stehen an einer bestimmten Stelle. Um es besser anzusehen und zu erkennen. Wir sagen nicht, das ist es. Sieh nur, unser Leben. Unsere Tage reihen sich auch ohne unser Zutun aneinander.«

Und doch stehen beide mitten im Leben und versuchen zu überleben. Sie halten sich über die Entfernung fest umklammert, voller Liebe und Freundschaft, das ist berührend, für manchen Leser vielleicht zu viel, aber für mich genau richtig. Johannas Geister aus der Vergangenheit sind die überstandene Brustkrebserkrankung, die Angst eines Rückfalls und die Trennung ihres langjährigen Partners. Nun ist Johanna in ihren schwarzen Wald geflüchtet, doch die »Markusgedanken« schlängeln sich auch durch die eng beieinanderstehenden Bäume. Einzig die Doktorarbeit über Annette von Droste-Hülshoff zieht die Deutschlehrerin, neben den Mails an ihre Freundin, aus dem finsteren Tal des Schwarzwaldes hinaus auf die goldig schimmernde Spitze der Hoffnung.

Márta indes kämpft an vielen Fronten. Der Geldfluss ist nicht so beständig wie bei ihrer Freundin, da sie kein festes Einkommen hat. Permanente finanzielle Unsicherheit nagt an ihrer Substanz. Als freischaffende Autorin ist sie auf Lesereisen und Schreibworkshops angewiesen, die sie annimmt. Und dann außerhalb in fremden Städten von Ängsten und Fragen geplagt wird. Geht’s den Kindern gut? Sind sie gesund? Loslassen wäre das Wort der Stunde. Doch davon sind beide Freundinnen noch weit entfernt.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Beziehung mit Simon, ebenfalls freischaffend als Dramaturg  und Autor, etliche Narben hinterlassen hat. Sie streiten sich oft, werden laut, und das spüren auch die drei Kinder Mia-Molke, Henri und Franz. Eine allumfassende Unruhe raubt Márta ihren innig gewünschten Frieden. Eigentlich möchte sie nur eins: Schreiben. Doch der Wunsch versinkt oft unter schmutziger Wäsche und den weinenden, streitenden, fiebernden Kindern. Hin- und hergerissen und doch voller Liebe zu ihren Schützlingen ist Márta, die sich ihrer Freundin offenbart, frühmorgens oder spätabends von ihren Zweifeln und Ängsten frei schreibt und dennoch gefangen bleibt im eigens angelegten Käfig.

Zsusza Bánk mutet ihren beiden Protagonistinnen viel zu, aber das kennen wir schon aus ihren anderen Büchern. Trotz aller Herausforderungen, erfreut mich das Buch mit zahlreichen tröstlichen Momenten. Einige Gedanken der beiden Frauen sind vertraut und so werden sie für mich zu Schwestern im Geiste. Doch die viel bedeutsamere Botschaft der Autorin ist die, dass wir alle zu kämpfen haben, jeder auf seine Weise. Es gibt Gipfelstürme und Abstürze in finstere Täler, doch all das gehört zum Leben dazu, wie die kleinen Lichtpunkte zwischendurch, hoffnungsfrohe Momente des Durchatmens und Glücklichseins. Das erkennen auch die beiden Freundinnen. »Schließlich kümmern wir uns darum, unser Leben nicht auseinanderfallen zu lassen. All die Jahre haben wir uns um nichts anderes gekümmert, Márti. Sieh nur, wir halten seine Fäden zusammen. Es geht, es läuft. Wir surren und atmen. Mit dem Sterben haben wir noch nicht einmal begonnen. Sogar ich lebe weiter. Sogar ich spiele weiter mit. Wir stehen auf, wenn es noch dunkel ist. Am Abend schlafen wir bei Tisch nicht ein. Obwohl uns genau danach ist.« Aber das verschieben sie, schlafen werden sie ohnehin später.

Für alle Zsuzsa Bánk Leser ist »Schlafen werden wir später« wie die Hand einer vertrauten Freundin: Warm, herzlich und gewohnt langsam erzählt, sprachlich ein Hochgenuss. Wir kommen nach Hause und fühlen uns geborgen. Für die anderen Leser könnte es ein aufregendes Experiment werden, das aufgeht oder nicht. So bleibt die Literatur allseits ein spannendes Abenteuer, das unser Leben in jedem Fall bereichert.

Zum Buch ist nun alles gesagt. Doch bereits am Freitag kommt die Autorin bei mir zu Wort. Da gibt es ein kleines Interview mit Zsuzsa Bánk auf meinem Blog.

Zsuzsa Bánk: Schlafen werden wir später. S. Fischer, Februar 2017, 683 Seiten, 24,- €. Direkt und portofrei bei Hugendubel.de bestellen.

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14 Gedanken zu “Es lebe die Freundschaft!

  1. Liebe Klappentexterin,
    ich mag die Bücher von ZsuZsa Bank unheimlich gerne und hab natürlich dieses hier auch sofort nach Erscheinen verschlungen. Du hast schon recht. Man muss es sehr langsam lesen und es sich „auf der Zunge zergehen lassen“. Ich war aber in einem regelrechten Sog und konnte es nicht zur Seite legen.
    Die Handlung ist ja eher unaufgeregt, aber die Sprache. Die ist wirklich einmalig. Und in ganz vielen Dingen spricht mir die Autorin direkt aus dem Herzen. Dies ist auf alle Fälle ein Buch zum Wiederlesen und ich werde mir auch nochmals ihre „hellen Tage“ zu Gemüte führen. Das konnte mich damals auch wahnsinnig begeistern.
    Ich freue mich schon sehr auf Dein Interview mit ihr und bin gespannt.
    Liebe Grüße
    lesesilly

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    1. Liebe lesesilly,

      da haben wir wieder einmal eine Autorin, die uns beiden gefällt. Das freut mich sehr! Natürlich auch, dass du »Schlafen werden wir später« ebenfalls mit Hochgenuss gelesen hast. Ja, die Sprache ist wirklich eine ganz besondere, eine, die uns innehalten lässt und verzaubert. Wie wahr, das Buch, wie auch ihre anderen sind in jedem Fall Werke, die man nochmal und nochmal lesen möchte.

      Liebe Grüße und ein schönes buchiges Wochenende wünsche ich!

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  2. Ich habe noch nichts von der Autorin gelesen, aber dieser Text ist so schön und gefühlvoll geschrieben, dass er mich neugierig macht! Dankeschön dafür! Solche Rezis allein sind es schon wert, bei den Klappentextern vorbeizuschauen!

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    1. Wir freuen uns und danken ganz herzlich für die schönen Worte! Die Klappentexterin ist sehr neugierig, ob es zwischen Zsuzsa Bánks Büchern und der neuen Leserin funkt. In jedem Fall wünschen wir viel Freude beim Entdecken dieser Autorin wie auch anderer.

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  3. Vielen Dank für diese wunderschöne Rezension, der ich aus tiefstem Herzen zustimmen kann. Ich habe das Buch in den vergangenen Wochen gelesen. Es hat mich tief berührt und gerührt. Beide Briefeschreiberinnen sind mir ans Herz gewachsen und ich konnte mich immer wieder auch in beiden Frauen finden. Ich möchte mich nun mal mit „der Droste“ beschäftigen und auch Meersburg besuchen.
    Für mich kam noch ein weiterer wichtiger Aspekt in diesem Buch hinzu:
    Die vielen genauen Ortsbeschreibungen treffen auf biographische Bezüge in meiner Familie. Meine Mutter wuchs nach dem Krieg in der benannten Straße in Höchst auf und besuchte die gleiche Schule. Die Freiburger Beschreibungen sind mir sehr vertraut: die Cafés, Gassen und sonstige Orte ebenfalls. Beim nächsten Freiburgbesuch werde ich mir auf jeden Fall das Kokoschka Gemälde ansehen!
    Ich lese gerne hier und diese Rezension bestätigt mich, es wieder zu zun. Vielen Dank!

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    1. Liebe Kathrin,

      vielen lieben Dank für deinen schönen Kommentar! Hach, wie toll, noch eine begeisterte Leserin! Mir geht es da wie dir, Zsuzsa Bánk hat meine Neugier ebenfalls geweckt. So möchte ich „Der Knabe im Moor« und »Die Judenbuche“ lesen.

      Interessant finde ich bei die kleinen Parallelen aus dem Buch, die sich mit deinem Leben verknüpfen. Ich wünsche dir eine wunderbare Erkundungstour!

      Herzlich,

      Klappentexterin

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  4. Hi,

    ich habe schon „Ein wenig Auszeit mit Hanya Yanagihara“ gefeiert und mir darauf das Buch „Ein wenig Leben“ gegönnt.

    Danke dafür, es war wirklich ein schönes Leseerlebnis!

    Jetzt kommt auch „Schlafen werden wir später“ auf meine Wunschliste.

    Freundliche Grüße
    Stefan Schürrer

    Gefällt 1 Person

  5. Liebe Klappentexterin,

    was für ein schöner Beitrag! Dieses Buch klingt so, als müsste ich es unbedingt auf die Weihnachtswunschliste setzen (ja, so etwas habe ich für ganz besondere Bücher), denn nach genau solchen Büchern suchen meine Eltern immer, wenn sie mir ein Buch schenken wollen – nach dem ganz besonderen.

    Danke also dafür und Hut ab für einen wahrlich zauberhaft geschriebenen Beitrag!

    Liebe Grüße
    Sarah

    Gefällt 1 Person

  6. Eine wunderbare Buchbeschreibung, die für mich vor allem bedeutete, bestimmen zu können, WANN ich es lesen möchte (das OB, ist ohnehin keine Frage mehr). Es klingt nach einem Buch für einen Urlaub, zwischen zwei eher rasanten Geschichten, da kann ich mich auf die Sprache, das langsame Takten, einlassen, ihm Zeit geben, nachspüren und nachdenken. P.S. Der Knabe im Moor ist auch auf YouTube ein Erlebnis. Ich bin Sprecherin und suchte nach einer Ballade zum Studieren und Vorsprechen – da war Der Knabe im Moor eine echte Entdeckung (auch für die belesenen Audiobook-Teams!).

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