Zauberhafte Göre.

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Nun gibt es meinen Blog schon fünf Jahre – und es gibt immer noch große Aha-Erlebnisse für mich. So hat mich Monika Held mit ihrem zweiten Roman »Trümmergöre« daran erinnert, warum ich über Literatur schreibe: Weil ich Bücher wie dieses einfach unter lautem Jubel in die Welt tragen muss. So möchte ich alle Literatur-Interessierten inspirieren, an Büchern wie »Trümmergöre« nicht einfach vorbeizugehen, sondern sie in die Hand zu nehmen und einen Blick hineinzuwagen. Weil sie die Literaturwelt sehr bereichern und viel zu schade sind, nicht gelesen zu werden.

Die Autorin hat mich bereits mit ihrem Debüt »Der Schrecken verliert sich vor Ort« unglaublich beeindruckt. Dabei war das keine leichte Kost, die Geschichte war intensiv und schneidend wie spitzes Papier, an dem man sich verletzt. Aber so ist gute Literatur nun mal, sie bewegt und führt uns an unsere Grenzen. Ganz so schmerzvoll ist »Trümmergöre« nicht, wenngleich Monika Held erneut eine tragische Geschichte geschrieben hat, die ins Hamburg der Nachkriegszeit führt. Doch die Tragik wirkt weniger schwer, da Monika Held die Story auf eine ganz eigene, verrückte und liebenswerte Weise erzählt. Sie berührt und gleichzeitig verzaubert sie durch vielerlei Elemente.

Eine Wohnungsanzeige schickt Jula zurück in ihre Vergangenheit. Die angebotene Wohnung in der Wielandstraße, die sie vielleicht kaufen will, ist jene, in der sie ihr Vater mit vier Jahren bei ihrer Großmutter abgegeben hat. Die Mutter ist verstorben und der Vater als Diplomat viel unterwegs. Da ist kein Platz für ein kleines Mädchen, und so wächst Jula zunächst in den Armen der Großmutter auf, die sich die Wohnung mit ihrem Sohn Hans teilt. Aber sie ist verwundert, dass Hans sie Rabenaas nennt. Warum das so ist, bleibt dem Mädchen verschlossen. Offen hingegen ist die Tür des Onkels, und während ihre Großmutter arbeitet, nimmt Hans Jula mit zu seinem Autohandel. Und macht sie bekannt mit seinen zwielichtigen Freunden wie Trümmer-Otto und Schuten-Ede. Und die Flittchen, die bei ihrem Onkel übernachten, findet Jula mit ihren bunten Fußnägeln derartig anziehend, dass sie später auch ein Flittchen werden möchte.

So erlebt Jula ihre ersten Jahre anders als ihre Altersgenossen. Sie hat keine Freunde, dafür liebevolle Menschen, die sich rührend um die Kleine kümmern. Der Onkel führt sie in die Welt der Automobile ein und hat schon bald eine tolle Assistentin an seiner Seite. In Trümmer-Ottos Rotlichtbar macht Jula ihre Hausaufgaben, beginnt bald die Welt um sich herum zu zeichnen, auch die Stammgäste, zu denen sogar ein Mörder zählt. Aber davon erfährt Jula erst Jahre später. Genauso bezaubernd sind die Momente auf dem Hausboot Ass im Ärmel von Hans’ Freundin Ingemusch. Wenn der Puff geschlossen hat – dazu dient das Boot – nimmt sich Ingemusch Zeit für das Mädchen. Verwandelt einen dünnen Zopf in ein Lockenknäuel, spielt mit ihr Mühle, Flohhüpfen und Räuber-Skat.

Es sind verrückte Menschen, die Monika Held mit großer Empathie zeichnet und die mir ans Herz wachsen. Wie ihre Sprache, die spielerisch, poetisch und herzenswarm ist. Wundervolle Sätze streifen mein Gesicht, ich möchte sie wie eine Fellmütze aufsetzen und dann mit ihnen durch die Welt laufen. Luftsprünge mache ich bei besonders phantasievollen Gedanken, wie den Abschiedskuss des Vaters, den Jula so wiedergibt: »Der Kuss saß lebendig auf meinem Kopf wie eine kleine, warme Maus. Ich konnte sie berühren und streicheln. Sie ging beim Waschen nicht verloren und ließ sich nicht auskämmen.«

Voller Entzücken blicke auf diesen großartigen Roman und bin einfach nur glücklich, ihn gelesen zu haben. Monika Held hat mir wirklich ein wundervolles Leseerlebnis geschenkt. Sie ist eine Autorin, die ich weiterhin im Auge behalten werde und der ich viele LeserInnen wünsche. Im Augenblick natürlich vor allem der »Trümmergöre«. Denn eine so bezaubernde Göre trifft man nicht alle Tage.

Monika Held: Trümmergöre. Eichborn 2014, 240 Seiten, 19,99 €. Oder als eBook hier für 15,99 € downloaden.

Weitere Stimmen über das Buch

> Buzzaldrins Bücher
> Petra Hartlieb bei »Hartliebs Bücher«

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17 Gedanken zu “Zauberhafte Göre.

  1. Liebe Klappentexterin,

    nach dieser wundervollen Rezension habe ich mir auch die von Monika Helds Debütroman hier auf Deinem Blog durchgelesen. Ich hab mir gleich einen Vermerk auf meiner Bücherkaufliste gemacht. Vor allem an Büchern, die sich auf so einfühlsame Art mit dem 2. Weltkrieg auseinander setzen, sollte man niemals unbeachtet vorbei gehen.
    Aber auch die Trümmergöre klingt nach Deiner Rezension absolut lesenswert – ich persönlich bin ein absoluter Fan davon, wenn alltägliche Geschehnisse einmal aus ganz anderen Blickwinkeln betrachtet werden und wenn Geschichten mit Worten Bilder malen können. Und um genau so ein Buch scheint es sich ja hier zu handeln!
    Vielen Dank – ohne Dich wäre ich wahrscheinlich gar nicht auf die Autorin aufmerksam geworden.

    Herzliche Grüße
    Jule

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    1. Liebe Jule,
      es freut mich sehr, dass ich dich auf diese Weise auf »Der Schrecken verliert sich vor Ort« aufmerksam machen konnte. Doch wie ich von lesesilly (weiter unten) erfahren habe, war dies nicht ihr Debüt. »Melodie für einen schönen Mann« heißt ihr Erstling, der aber offenbar momentan nicht lieferbar, sondern sogar vergriffen ist. Wie schade! Da kann man nur hoffen, dass er noch einmal neu aufgelegt wird.

      Die beiden von mir besprochenen sind wirklich zwei beachtenswerte Romane, die – jedes auf seine Weise – ein nachhaltiges Leseerlebnis schenken. In diesem Sinne wünsche ich dir viel Freude beim Entdecken dieser bemerkenswerten Autorin.

      Herzliche Grüße
      Klappentexterin

      Gefällt 1 Person

  2. Oh, ja die Autorin ist unglaublich gut…Das erste Buch las ich schon mit Begeisterung (der Titel machte mich neugierig)….und nun ist ihr wieder so was Tolles gelungen….
    Empfehlenswert! Ein Lichtblick auf dem Büchermarkt.
    LG Smilla

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  3. Hach, es gibt auch Besprechungen, die dir vor Augen halten, warum du das geschriebene Wort so liebst. Es war mir mal wieder ein Vergnügen, deine Zeilen zu überfliegen und die Story um Jula klingt wirklich interessant. Ich wette, ohne deine Besprechung hätte ich das Buch nie in die Hand genommen. Jetzt aber mach ich das gewiss, versprochen. 😉

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    1. Große Freude über deine Zeilen! Dafür danke ich dir sehr! Das Cover ist leider nicht sehr einladend, es versteckt viel. Schade, dass dabei der wunderbare Inhalt untergeht. Doch um so schöner ist es, dass du es jetzt mit anderen Augen betrachtest und vielleicht bald lesen wirst. Hab eine schöne Lesezeit!

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      1. Ich finde, das ist das besondere am Lesen von Besprechungen anderer Buchliebhaber: dass man auf so manch verborgenen Schatz aufmerksam gemacht wird, zu dem man sicherlich nicht immer auf Anhieb oder manchmal auch nie gegriffen hätte. So bereichern wir uns alle unsere Lesemomente und finden das Glück auch in Unscheinbarem. Wobei das Cover ja gar nicht so unscheinbar ist! Vielen Dank dir. Ich werde berichten!! 😉

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  4. Liebe Klappentexterin,
    dieses Buch hatte ich auch schon mehrmals in den Händen, zumal mir „Der Schrecken verliert sich vor Ort“ auch so gut gefallen hat. Dies war allerdings nicht ihr erstes Buch. Dies heißt „Melodie für einen schönen Mann“ und ist auch sehr empfehlenswert. Monika Held weiß ihre Leser mit beeindruckenden Geschichten zu überzeugen.
    LG
    lesesilly

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    1. Liebe lesesilly,
      welch schöner Satz: »Monika Held weiß ihre Leser mit beeindruckenden Geschichten zu überzeugen.« Dem kann ich nichts mehr hinzufügen – außer ein Lächeln. Merci! Auch für den Hinweis zu ihrem eigentlichen Debüt. Ja, genau, du hattest es seinerzeit auch schon geschrieben, ich erinnere mich jetzt. Das Buch selbst ist ja leider vergriffen, doch das eBook kann ich mir noch downloaden hier und das werde ich.

      Liebe Grüße
      Klappentexterin

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      1. Und der erste Roman der Autorin heißt tatsächlich „Augenbilder“. Handelt von einer Fotografin, die von ihren Reisen Bilder mitbringt, die sie nicht gemacht hat, die ihr aber Geschichten erzählen. Leider auch vergriffen, antiquarisch derzeit nur zu Mondpreisen zu haben, aber vielleicht auch bald als eBook, wenn man den Verlag mal tritt …
        Viele Grüße!
        Robak

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      2. Das ist echt ärgerlich! Danke für die Info. Hoffen wir, dass ihr Erstling irgendwann nochmal neu aufgelegt wird. Ich werde es ansprechen, wenn ich mal jemanden vom Verlag sehe.

        Viele Grüße
        Klappentexterin

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