Es ist schrecklich. Und schrecklich wichtig.

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Lesen bis es wehtut und ich mich zusammenrolle wie eine Katze. Ein Satz, der immer wieder vor meinem inneren Auge aufblitzt und hinauswill, hier her auf dieses weiße Stück Papier. Dort will er sich ausstrecken und atmen, den Schrecken vergessen, der noch in den Knochen sitzt. Ich wusste, dass es solche Lesemomente gibt, habe sie selbst bereits erlebt, aber selten so intensiv und schneidend wie bei Der Schrecken verliert sich vor Ort von Monika Held.

Heiner ist Kommunist, kommt aus Wien und ist ein Auschwitz-Überlebender. Im Frühsommer 1964 hat er endlich sein Ziel erreicht: „Er wollte ein glaubwürdiger Zeuge sein, dafür war er am Leben geblieben.“ Nun befindet er sich im Frankfurter Gerichtssaal im Zeugenstand und soll gegen SS-Männer aussagen. Doch die Verhandlung setzt dem Mann mehr zu als er sich hat vorstellen können. Hinter ihm sitzen die Verbrecher, die das Gericht verhöhnen und Grimassen schneiden, vor ihm fliegen die lästigen Fragen umher: „Wo soll das gewesen sein? An welchem Tag, in welchem Monat, mittags oder abends? Aus welcher Entfernung haben Sie das gesehen? Zehn Meter, zwanzig Meter? Sie wollen aus fünfzig Metern Entfernung ein Gesicht erkennen?“ Es ist nicht die Vergangenheit, die ihn im Gerichtssaal den Atem raubt, es ist die „Wahrheitssuche im Sinne des Strafgesetzbuches“. Ich spüre Heiners Herzschlag und die Schweißperlen, die sich auf seiner Stirn sammeln müssen, die Anstrengung, das Aushalten müssen. Atmen, atmen, langsam. Ruhe. Monika Held bringt mich an meine Grenzen. Später öffnet sie das Tor nach Auschwitz, holt mir die grauenvollen Taten in mein friedliches Zuhause. Ich fühle Schmerz, ich atme Schmerz und falle schließlich in ein Feld aus Stacheldraht.

„Der Tod ist mein Schatten, er begleitet mich wie ein leichter Kopfschmerz. Er ist da, um zu sagen: Vergiss nicht die Kostbarkeit des Augenblicks.“  Die Worte kommen aus Heiners Mund. Und bleiben nicht die einzigen, die nach draußen dringen: „Ich bin ein Wrack. Ich habe Fleckfieber, Typhus und Tuberkulose überlebt. Ich leide unter akuten Erschöpfungszuständen und chronischer Bronchitis. Ich habe Durchblutungsstörungen.“ Davon lässt sich die zehn Jahre jüngere Lena indes nicht abschrecken und wirft den Ball zurück: „Weißt Du, was ein Wrack ist, schrieb Lena. Ein Wrack ist ein >herumtreibender Gegenstand<, unbrauchbar geworden durch Verfall oder Beschädigung. Um Verfall handelt es sich nicht bei Dir.“ Lena hält an Heiner fest, nachdem er in ihr Leben getreten ist. Sie ist seine Retterin der Gegenwart. Sie ist der Anker, an dem sich Heiner festklammern kann. Das macht er auch, als er am 5. Juni 1964 im Gerichtsflur langsam zusammensackt. Lena hält ihn an den Schultern fest. Genau dort, wo sich der Fall abwendet, beginnt eine Liebe, eine ganz besondere.

Monika Helds Roman ist ein tiefer, dunkler Brunnen mit vielen spitzen Kanten, an denen ich mich stoße, während ich hinabsteige. Ich weiß, ich könnte kehrtmachen und höre eine Freundin: Warum tust du dir das an? Weil ich meine Augen nicht verschließen kann und sehen will, was mir die Autorin zu erzählen hat. Sie hat mit Heiner Rosseck einen authentischen Zeitzeugen geschaffen, an dessen Beispiel die Verbrechen des Nazi-Regimes brutal nachvollziehbar wird. Sie zeigt, wie es ist, mit dieser Vergangenheit zu leben. Eine Welt, von der Heiner nicht müde wird, sie immer wieder heraufzuziehen. Er hält an ihr fest wie an seinem „mit hellem Sand gefülltes Senfglas“. Lena denkt an eine Erinnerung an einen Urlaub. Der Sand enthält aber keine schönen Träume, sondern Menschenreste: „Wenn du in Birkenau vom Frauenlager hinüber gehst zum Krematorium II, dann entdeckst du dort einen schmalen Pfad, nichts Besonderes. Die Menschen achten nicht darauf, sagte er, wenn es unter ihren Füßen knirscht. Kleine Steinchen eben, Kies, Sand. Aber was dort wirklich unter den Füßen knirscht, sind die Reste verbrannter Menschen.“ Monika Held nimmt mich mit an den Ort des Schreckens, den Heiner Lena zeigen will. In Polen trifft er auf ehemalige Inhaftierte, gute Freunde, mit denen er gemeinsam in die Vergangenheit taucht. Diese Freundschaften sind warm, herzensgut und an manchen Stellen mit makabren Witzen durchzogen.

Obwohl Heiner viel Raum in diesem bemerkenswerten Roman einnimmt, schenkt die Autorin Lena ebenfalls ausreichend Platz. Sicherlich auch, um die Sicht der Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Monika Held versieht den dunklen Brunnen mit einer warmen, leuchtenden Flamme. Lena. Sie muss einiges aushalten, und ist manchmal zu schwach für die schweren Stürme der Vergangenheit, doch sie leuchtet weiter. Die Auslöser für die Konflikte sind meist klein, und haben eine große Wirkung. Da wären z.B. die Wörter, an denen sich beide spalten und bei denen ihre Liebe zu zittern beginnt, weil einer Schwierigkeiten hat, den anderen zu verstehen. Rampe ist eins davon. Überall gibt es heutzutage welche, aber „Heiner denkt nur an die eine.“ Ihrer Kinderfrau Olga gesteht sie in Danzig: „Nichts ist ohne doppelten Boden und an jeder Ecke warten Erinnerungen.“ Trotz dieser Barrieren gibt Lena nicht auf, hält an der Liebe fest, die sie oft mit der Vergangenheit teilen muss. Ihre Freundin Gesa kann das nicht nachvollziehen und hakt wie ein Vogel auf ihren Kopf, stellt Lena Fragen nach dem Wieso und man ahnt schon, dieser fragenden Freundin kann sie nie die Antwort liefern, die sie hören will. Dennoch versucht Lena, ihre Gefühle in schöne Metaphern zu tauchen, so dass sie den süßen Duft der Liebe verströmen. „Er lässt mich in sein Leben, sagte Lena, er hat dort  Platz für mich gemacht. Was immer er denkt, er denkt mich dazu. Wenn man Liebe beim Röntgen sehen könnte, wäre sie im ganzen Organismus verteilt wie Lungenbläschen in der Lunge.“ Für Gesa reicht das nicht aus, aber für Lena und wer Lena durch Monika Held kennt, der versteht sie, nickt ihr verständnisvoll zu.

Der Schrecken bleibt bis zur letzten Seite. Monika Held hat mit feinfühliger Hand eine beklemmende Geschichte geschrieben, von der ich mich erst allmählich lösen konnte, bis ich langsam aufstehen konnte. Die Sonne spüren, den Wind fühlen, glücklich sein über diesen Augenblick und trotzdem wissen, dass wir niemals den Blick nach hinten vergessen dürfen. Monika Held hat es mir gezeigt. Und deutlich gemacht, wie wichtig die Aufarbeitung dieses Themas ist. Immer noch und immer wieder.

Monika Held: Der Schrecken verliert sich vor Ort. Eichborn Verlag, März 2013, 272 Seiten, 19,99 €.

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29 Gedanken zu “Es ist schrecklich. Und schrecklich wichtig.

  1. Beeindruckend, dein Text! Ich habe den Roman vor unzähligen Monaten gelesen, erinnere aber viele Details. Schreckliche (die „Rampe“!), aber auch sehr viele schöne Details. Nur, weil die Liebe zwischen Lena und Heiner so intensiv und so schön leuchtet, kann man das Buch überhaupt aushalten. Danke, dass du mich daran erinnert hast!

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    1. Der Schrecken verliert sich vor Ort ist ein sehr intensives Buch. Und wie du schreibst, die Liebe zwischen Lena und Heiner etwas Besonderes, wärmend, tröstend, leuchtend.
      Ich danke dir für die geteilte Begeisterung zu diesem eindrucksvollen Buch!

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  2. Ich lese deine Zeilen und will ganz schnell Monika Helds Text lesen! Danke dafür, denn in der Hand habe ich es schon gehalten – nur habe ich mich nicht getraut, es mit nach Hause zu nehmen.

    Liebe Grüße
    Franzi

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  3. Hallo liebe Klappentexterin,
    eigentlich habe auch ich große Scheu vor dem schweren Thema, aber die Beschreibung von Lena die Liebe von Heiner und Lena, die so leicht zu erschüttern, zitterig ums überleben kämpft und irgendwie siegt, hat mich schon neugierig gemacht!!
    Liebe Grüße
    Sabine Bärbel Patjens

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    1. Liebe Sabine Bärbel Patjens,
      ich kann die Scheu gut nachvollziehen, denn mir ging es zunächst nicht anders. Aber einmal in dem Buch gewesen, konnte ich einfach nicht mehr aufhören zu lesen. Die Liebe der beiden ist wie ein Rettungsanker, eine Atempause zwischen den erschütternden Seiten.

      Herzlichst,
      Klappentexterin

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  4. Sehr schöne Besprechung!

    „Die Auslöser für die Konflikte sind meist klein, und haben eine große Wirkung. Da wären z.B. die Wörter, an denen sich beide spalten und bei denen ihre Liebe zu zittern beginnt, weil einer Schwierigkeiten hat, den anderen zu verstehen. Rampe ist eins davon.“

    Tatsächlich habe ich eine Auschwitz-Überlebende getroffen, der es ähnlich erging. Sobald sie den Buchstaben O erblickt hat, bekam sie Panikattacken. Ein Synonym für Oświęcim=Auschwitz. Schnell musste sie beim Lesen weiterblättern und ihm entfliehen. So mancher ehemalige Häftling hat mit derartigen Problemen und Nachwirkungen zu kämpfen. Erschreckend!

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  5. Dieses Buch hatte mich im letzten Jahr gleichermaßen beeindruckt und verstört. Monika Held versteht es, in einer wunderbaren Sprache eine faszinierende Geschichte zu erzählen. „Melodie für einen schönen Mann“ hat mir damals auch sehr gut gefallen. Wäre bestimmt auch etwas für Dich.
    LG
    lesesilly

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  6. „… den Blick niemals nach hinten vergessen.“ – ja das ist wichtig, sehr wichtig! Deine Besprechung hat mich wirklich mitgenommen. Ich glaube, die Liebe ist es, welche sich wie eine warme Zudecke über einen legt.

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