Heiter bis wolkig.

Ich habe mich verliebt. Wieder einmal hat mich David Foenkinos verzaubert und mir mit seinem neuen Roman „Souvenirs“ besondere Lesestunden geschenkt, in denen ich das Gefühl hatte, zu fliegen und die Sonne im Herzen zu tragen, (auch wenn zum Schluss ein unerwarteter Regenschauer auf mich niederging).

Wie bereits in „Nathalie küsst“ konfrontiert mich der französische Autor auch dieses Mal mit den Schattenseiten des Lebens. Gleich zu Beginn berichtet der Ich-Erzähler vom Tod seines Großvaters. Zunächst nimmt ihn der Tod sehr mit, bald hingegen löst sich die dunkle Wolke auf und das Leid verschwindet, bis er seine trauernde Großmutter besucht. Er spürt ihre Leere und Hoffnungslosigkeit: „Ihre Welt war mit dem Tod meines Großvaters zusammengebrochen. Was konnte ihr einen Anreiz geben, sie wieder aufzubauen?“ Von diesen nachdenklichen Worten gibt es zahlreiche. Seine Art durchs Leben zu laufen, aufmerksam denkend und träumerisch wandelnd, setzt in mir einiges in Bewegung. Ich möchte mit ihm im Hotel sitzen, in dem er als Nachtportier arbeitet. Ich möchte ihm auf die Schulter klopfen und sagen, dass er seinen Weg schon finden wird. Jetzt schwimmt er noch im Ungewissen, findet dafür im Schreiben Halt und wünscht sich, Schriftsteller zu sein. Eine konkrete Romanidee hat er allerdings noch nicht, die schlummert in den Tiefen seiner Seele. Wird er sie aufspüren?

Eine weitere große Rolle in dem Roman spielt das Alter, ein Lebensabschnitt, in dem die Zukunft zu einem kleinen Punkt zusammenschrumpft und die Vergangenheit die Größe eines Fußballfeldes hat. So ergeht es der Großmutter, sie ist gefangen, im Nichtmehrganzkönnen und dem Nochwollen. Nachdem sie in der Wohnung hingefallen ist und sich verletzt hat, kommt sie widerwillig in ein Altenheim, in das sie aber eigentlich nicht hingehört, lauscht man den Worten ihres Enkels: „Entweder sah meine Großmutter noch so jung aus, oder die Leute hier gingen schon auf die hundert zu. Das war kein Altenheim in dem Sinne, dass sich Menschen im Alter aus dem Berufsleben zurückzogen und zur Ruhe zu setzen, das war ein Sterbeheim.“ Nicht nur seine Großmutter beschäftigt den Ich-Erzähler. Seine Eltern sind Verlorene, die sich jetzt im Ruhestand zunächst wiederfinden müssen. Während der Vater mit einer inneren Leere kämpft, zieht es die Mutter in die Ferne.

David Foenkinos trägt mich erneut mit seiner leichten Art durch die Geschichte, die an einigen Stellen mit schweren Steinen besetzt ist. So fühlt sich das Ausmaß der Dramen nur halb so schlimm an, nicht wie ein Orkan, eher wie ein Windstoß, der kurz das halbgeöffnete Fenster aufspringen lässt. Er überrascht mich wieder mit kleinen Nebensächlichkeiten wie seinen unaufdringlichen Fußnoten und den Erinnerungen bedeutender und ganz normaler Menschen. Die schieben sich in kursiver Schrift zwischen die einzelnen Kapitel und zeigen auf diese Weise nicht nur Lebensstücke von allen Beteiligten des Romans – selbst von den Nebenfiguren -, sondern auch von Persönlichkeiten wie Patrick Modiano, Francis Scott Fitzgerald oder Serge Gainsbourg. Doch letztlich überwiegt für mich eine tiefe Verbundenheit mit dem Ich-Erzähler, den ich ins Herz geschlossen habe. David Foenkinos hat einen sehr symphatischen und liebenswerten Helden erschaffen, den ich nur lieben kann. Mit anderen Worten: Foenkinos löst die Distanz zwischen dem Protagonisten und mir auf. Wir reichen uns die Hände, spüren eine vertraute Nähe und in mir geht die Sonne auf.

„Souvenirs“ wäre perfekt, wenn er sich für mich auf den letzten Metern nicht drehen würde. Zum Ende hin zieht Foenkinos seinen Roman wie einen Reißverschluss auf und vor meinen Augen schlüpft das Unerwartete heraus und schleicht davon. Der Geschichte wird jede Überraschung entzogen, wobei der Plot für mich an Kraft verliert, weil alles vorhersehbar wird, viel anders als auf den Seiten zuvor. Regen prasselt auf mich nieder und ich rutsche nach meinen Luftsprüngen aus. Plötzlich fällt das Funkeln aus meinen Augen und die ganze Szenerie schmeckt wie abgestandener Kaffee. Mein Puls verläuft wieder in ganz normalen Bahnen und ich sehne mich nach der Sonne. Aber vielleicht sind das nur meine eigenen Erwartungen, die nicht erfüllt worden sind und euch ergeht es da anders. Und ehrlich gesagt, mag ich den Roman immer noch sehr, zu besonders waren die vorangegangen Seiten, die überwiegen. Ich werde die schönen Erinnerungen weiterhin in meinem Herzen tragen und lächelnd an die Momente zurückdenken, in denen die Sonne in mir aufging, trotz des Regenschauers.

David Foenkinos.
Souvenirs.
Juli 2012, 332 Seiten, 17,95 €.
C.H. Beck.

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20 Gedanken zu “Heiter bis wolkig.

  1. Liebe Klappentexterin,
    herzlichen Dank für diese wieder einmal wundervolle Besprechung. Ich hatte beinahe das Gefühl am Ende gemeinsam mit dir im Regen zu stehen, so sehr haben mich deine Worte gefangen genommen und mitgerissen. Das Buch liegt hier bereits auf meinem Stapel an Büchern, die ich möglichst bald lesen möchte und ich bin schon sehr darauf gespannt, wie ich das Ende empfinden werde.
    Ganz liebe Grüße
    Mara

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    1. Liebe Mara,
      hab vielen Dank für deinen Besuch und deine Gedanken, die ich immer wieder gern lese. Du hast alles noch vor dir, wie schön! Da kannst du dich wirklich freuen! Ich bin auf deine Meinung gespannt und darauf, ob dich auch der Regen erwischt. Doch eins weiß ich schon jetzt: Du wirst diesen Foenkinos-Roman erneut ins Herz schließen. Ganz bestimmt!

      Liebe Wochenendgrüße
      Klappentexterin

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  2. Liebe Klappentexterin,
    den Roman „Nathalie küsst“ von Foenkinos habe ich geliebt. Ich fand die Sprache absolut faszinierend und auch das mit den verschiedenen Einschüben von z. B. Liedern und Anmerkungen fand ich interessant gemacht. Eigentlich wollte ich den neuen Roman auch lesen, aber nach Deiner Rezension bin ich mir nicht mehr so sicher. Auf der einen Seite klingt es nach einem lesenswerten Buch, andererseits warnst Du ja vor dem Ende. Trotzdem lesen?
    LG
    lesesilly

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    1. Liebe lesesilly,
      so viel sei schon verraten: Auch in „Souvenirs“ wirst du deine Freude mit der Sprache und den besonderen Feinheiten (Fußnoten etc.) haben, solltest du zum Buch greifen. Und nicht zu vergessen, ist der liebenswerte Romanheld. Alles in allem überwiegt das Schöne und wer weiß, vielleicht stört dich dieser Umschwung überhaupt nicht.

      Herzlichst,
      Klappentexterin

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  3. Liebe Klappentexterin,
    Deine Rezension hat mein Herz bewegt. Ich konnte in Deiner Stimmung mitschwingen. „Souvenirs“ kommt unwiderruflich auf meine Endloswunschliste.
    Danke fürs Vorstellen.

    LG
    Annegret

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  4. Ich finde mich in deinen Worten absolut wieder. Von heiter wurde es wolkiger und wolkiger, und auch ich stand am Ende im Regen und blinzelte enttäuscht … Schade, da hätte man meiner Meinung nach noch mehr daraus machen können. Den Zauber von „Nathalie küsst“ hat „Souvenirs“ nicht.

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  5. In der letzten Zeit verliebst du dich ziemlich häufig, liebe Klappentexterin! 🙂
    Nein, es macht irre viel Spaß deine heiter-bis-wolkig-Zeilen zu lesen. Es ist nur so, ich komme momentan nicht einmal dazu „Katzentisch“ endlich auszulesen. Es ist wie verhext. Erst bekomme ich keine Bücher zum rezensieren und mit einem Mal werde ich überhäuft. Wenn „Souvenirs“ als Paperback erscheint, dann schlag ich natürlich zu. Danke für deine schönen Zeilen zum neuen Foenkinos.

    Lieben Gruß,
    Tanja

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    1. Das stimmt, liebe Tanja! Es waren einfach zu wunderbare Bücher, da geht das Verlieben bei mir immer recht schnell. ; ) Das ist ja echt schade mit dir und dem „Katzentisch“. Hmmm. Soll ich für dich einfach mal die Zeit anhalten, damit du in Ruhe lesen kannst? Oder kannst du dich gerade nur nicht entscheiden und liest mehrere Bücher gleichzeitig?
      „Souvenirs“ ist als Paperback deluxe erschienen, was viele Verlage mittlerweile anbieten, ein größeres Taschenbuch zu einem höheren Preis.

      Viele Grüße
      Klappentexterin

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      1. Das ist lieb. Ich wäre dir sehr verbunden wenn du das für mich machen könntest. Wirklich sehr entgegenkommend! 😉
        Aber du liegst mit deiner Vermutung völlig richtig, momentan lese ich drei Bücher gleichzeitig. Normalerweise liegt mir das nicht. Besonders deswegen, weil ich weiß, dass meine Konzentration erheblich nachlassen könnte, und somit wichtige Details in Vergessenheit geraten. Der neue Roman von Ondaatje ist spannend zu lesen, aber auch sehr anspruchsvoll. Oh ja, dieses tolle Buch erfordert höchste Aufmerksamkeit! 😉 Das „Souvenirs“ als Paperback deluxe veröffentlicht wurde, wusste ich gar nicht. Momentan muss ich mich ein bisschen zurückhalten, denn mein Göttergatte hatte Geburtstag, und so ist es selbstverständlich, dass er sich erstmal seine Wünsche erfüllt. Da muss ich nach meinem letzten Buchkauf zurückstecken. Aber ich habe mir kürzlich – dank deiner Rezension – ein anderes Buch gegönnt. „Eine Frage der Höflichkeit“ steht jetzt im Regal und wartet sehnsüchtig darauf gelesen zu werden. Mal sehen, wann ich in den Genuss kommen werde.

        Ich sende dir liebe Grüße und wünsche einen sonnigen Feierabend.

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      2. Ja, das kann ich gut nachvollziehen, nicht jedes Buch kann man zu jeder Zeit lesen. Der Ondaatje steht übrigens auch noch auf meiner langen Wunschliste. Ohhh, du hast „Eine Frage der Höflichkeit“? Wie toll! Das ist wirklich ein großartiger Lesegenuss! Dann lass mich mal weiter mit der Zeit verhandeln, damit du bald mehr lesen kannst.

        Sonnige Sonntagsgrüße
        Klappentexterin

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  6. Liebe Klappentexterin,

    vielen Dank für deine wuderbare Rezension.
    Um „Nathalie küsst“ schleicht ich bereits eine Weile herum. Leider ist aktuell die Zeit für ’s lesen bei mir recht knapp und so werde ich noch etwas warten bis es in mein Regal wandert.

    Sonnige Grüße aus Dresden,
    Julia

    PS: Weiß hier jemand zufällig wie ich den Avatar ändern kann? In meinem wordpress-Profil gibt es keine Möglichkeit ein Bild hochzuladen 😦

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  7. Ich bin gerade dabei, meine Gedanken zum Buch zusammenzufassen und stelle fest, dass es schwierig ist, Deine Worte nicht zu wiederholen, denn Du sprichst auch mir aus der Seele. Ich glaube, ich darf das nächste Mal Deine wunderschönen Rezensionen erst dann lesen, nachdem ich meine geschrieben habe 😉
    Herzlichst
    Bibliophilin

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    1. Liebe Bibliophilin, hach, das ist schön! Da sind wir zwei Parallelen, die sich anlächeln, nicht wahr? Hab vielen Dank für dein Kompliment und deinen schönen Kommentar, der mich auf deine Rezension schon sehr neugierig macht! Herzlichst, Klappentexterin

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