Clemens J. Setz über Haruki Murakami.

Haruki Murakami war wieder in Berlin. Und dieses Mal wusste ich davon. Ich habe ihn zwar wieder nicht leibhaftig zu Gesicht bekommen (wie schon vor Jahren nicht), dafür aber eine andere Verbindung zum Meister herstellen können. Denn der japanische Autor hat am vergangenen Freitag den mit 10.000 € dotierten „WELT“-Literaturpreis 2014 in Berlin entgegengenommen. 400 geladene Gäste waren live dabei, und die Klappentexterin konnte immerhin das Gefühl genießen, dass Murakami-san ganz in der Nähe weilte. Und die Verbindung? Nun, der Autor Clemens J. Setz hat die Laudatio auf den berühmten Preisträger gehalten. Und er war so freundlich, mir ein paar Fragen zu beantworten.

smith_murakami_setzPatti Smith, Haruki Murakami, Clemens J. Setz

Klappentexterin: Was verbindet dich mit Haruki Murakami?
Clemens J. Setz: Bewunderung für seine Bücher. Ich habe sicher einiges von ihm „gelernt“, vor allem diese Idee, dass jazz-artige freie Improvisation ein wichtiger Teil von erzählender Prosa ist.

Wie war das, eine Laudatio auf einen der besten Autoren der Welt zu schreiben?
Ich habe dafür alle seine Romane noch einmal gelesen. Das war lustig, aber auch anstrengend, weil man schnell einen Ohrwurm von ihm bekommt und dann irgendwie darüber schreiben soll. Die Fähigkeit, jemanden wirklich zu loben, sodass es über ein „hey, das ist gut“ hinausgeht, entwickelt sich leider erst relativ spät im Leben. Man lernt eher, zu kritisieren, was auch lebenswichtig ist, nehme ich an. – Ich war ein bisschen nervös, ob Herrn Murakami die Rede gefallen würde.

Wie hast du die Verleihung erlebt? Gab es ein besonderes Highlight?
Patti Smith hat drei Songs gesungen! Sie war als Überraschungsgast da. Murakami ist nämlich einer ihrer Lieblingsautoren. Ich hatte Ganzkörpergänsehaut, als sie mit ihrem Set fertig war, noch ein Song mehr und ich wäre aufgesprungen und hätte meine eigene kleine Mosh-pit gebildet… Und dann, stell dir vor, musste ich auf die Bühne gehen, um die Lobrede zu halten, nach Patti Smith! Ich war total nervös.

Können wir deine Laudatio irgendwo nachlesen?
In der neuen „Welt“ wurde sie abgedruckt. (Anmerkung der Klappentexterin: In der „Welt“ vom 9. November 2014. Jetzt auch online hier nachzulesen.)

Immer wieder tauchen verschiedene Meinungen über Murakamis Werke auf. Während die einen den japanischen Autor über alles schätzen, können andere die Begeisterung gar nicht nachvollziehen. Hast du eine Erklärung dafür?
Es gibt halt verschiedene Menschen mit verschiedenem Nervensystem, ich glaube, mysteriöser ist die Angelegenheit nicht. Ich kenne sogar Menschen, für die die Gedichte von Ernst Herbeck keinen Reiz besitzen. Diese Menschen sind mir ein Rätsel. Aber es gibt sie.

Welches ist dein Lieblingsbuch von Haruki Murakami und warum?
Meine Lieblingsgeschichte ist „Frosch rettet Tokio“ aus dem Erzählband „Nach dem Beben“. Sie ist ungewöhnlich zart und poetisch, sie beginnt als fantastische Erzählung und entwickelt sich zu einer großen, bewegenden Studie von Freundschaft und Einsamkeit. Mein Lieblingsroman von Murakami ist „Mister Aufziehvogel“ (obwohl ich das Buch auf Englisch gelesen habe, „The Wind-up Bird Chronicle“). Es enthält große, archetypische Bilder, die auf eine ganz elementare Weise wirken.

Ich danke Clemens J. Setz herzlich für das schöne Interview!

Und hier habe ich noch einen Link, der direkt zum „Welt“-Interview mit Patti Smith führt. Dort spricht die Sängerin über ihre Begeisterung zu Haruki Murakamis Büchern.

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10 Gedanken zu “Clemens J. Setz über Haruki Murakami.

  1. Liebe Klappentexterin, wenn ich könnte, würde ich den Gefällt-mir-Button für dieses sympathische Schwätzchen auch 10 x drücken 🙂 Find ich echt toll, dass Clemens J. Setz sich Zeit dafür genommen hat!

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  2. Liebe Klappentexterin,
    Du machst aber auch alles, um meine Leseliste in eine ganz bestimmte Ordnung zu sortieren! 🙂 Lange kann ich dem Druck nicht mehr standhalten… Ein schönes Interview – und dann noch Patti Smith auf der Bühne: super.
    Viele Grüße, Claudia

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  3. Dank dieses wundervollen Interviews hast du mir ein besonderes Gefühl geschenkt: ich bin durch die Zeit und durch die Wände gegangen – hin zu Clemens Setz und Patty Smith und zu Murakami. Für ein paar Sekunden bin ich in eine andere Welt eingetaucht. Jetzt fühlt es sich nicht mehr so schlimm an, nicht dabei gewesen zu sein.

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    1. Möge mein Trostpflaster auch deines sein, liebe masuko. 😉 Hach, mir ging es da wie dir und ich freue mich, dass du das Interview ebenfalls genossen hast und es dich ein bisschen trösten konnte, nicht unter den 400 geladenen Gästen gewesen zu sein.

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  4. Die meisten hätten wohl gesagt: »Geschmäcker sind verschieden«, aber nein, Herr Setz schreibt: »Es gibt halt verschiedene Menschen mit verschiedenem Nervensystem, ich glaube, mysteriöser ist die Angelegenheit nicht.« Ein wunderbarer Satz! Und dass dieser grandiose Autor so sehr in den Büchern von Murakami aufgeht, ist hoffentlich ein (weiterer) Anlass für mich, endlich meine Skepsis zu überwinden und es ein zweites Mal mit dem Japaner zu probieren. Merci für das feine Gespräch, liebe Klappentexterin!

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    1. Merci für deinen feinen Kommentar! Der bringt warmes Licht in diesen tristen Sonntag. Berlin ertrinkt heute im Grau, da retten mich solche schönen Worte. Was du über Clemens Antwort schreibst, kann ich nur bestätigen. Herrlich!
      Während du dich motiviert fühlst, dich nochmal Murakami zu nähern, möchte ich Clemens Setz‘ Welt entdecken. Wir beide treffen uns dann einfach in der Mitte und werten das Gelesene aus. Was meinst du? Welches Buch würdest du mir an dieser Stelle empfehlen?

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      1. Oh, liebe Klappentexterin, jetzt muss ich mich outen. Denn in Wahrheit kenne ich noch recht wenig von Herrn Setz, aber das zumindest liebe ich. 😉 Und zwar habe ich Die Frequenzen gelesen, ein großartiger Roman, außerdem mag ich, was er woanders, außerhalb seiner Bücher schreibt, auf Facebook beispielsweise oder auch ab und an in Zeitungen. Ich mag seinen Blick auf die Welt, sein Gespür für skurrile und außergewöhnliche Geschichten, seine unglaublich große Neugier und sein Interesse an allem und jedem. Und natürlich seine Erzähllust, seine Fabulierlust. Das ist in den Frequenzen ebenso spürbar wie auch in jedem noch so kleinen Facebook-Posting.

        Aber da diese Frage nach dem perfekten Werk zum Einstieg nicht irgendjemand stellt, sondern du, würde ich vielleicht so antworten: Nach dem zu urteilen, was ich über Indigo oder auch die Erzählungen Liebe zu Zeiten… weiß, würde ich dir diese vielleicht nicht unbedingt ans Herz lesen, sondern tatsächlich eher die Frequenzen. Über seinen Debütroman Söhne und Planeten weiß ich leider zu wenig, um ihn einschätzen zu können.

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