Kaffee. Und die Kunst, das Leben zu meistern.

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„Sie werden dieses Buch lieben!“ Mit diesem Satz hatte mich seinerzeit der Verleger Rainer Weiss auf eine seiner Herbstneuheiten beim zweiten Kurt Wolff Pressesalon aufmerksam gemacht: Hertzmann’s Coffee ist der Titel, geschrieben hat es Vanessa F. Fogel. Bis dato hatte ich aus diesem Verlag noch kein Buch gelesen und die Autorin war mir ebenfalls unbekannt. Aber eine neugierige We read Indie-Bloggerin stürzt sich natürlich gerne in das Abenteuer.

Vanessa F. Fogel wurde 1981 in Frankfurt am Main geboren und wuchs in Israel auf. Spiegel Online schrieb über ihr Debüt Sag es mir folgendes: „Es dürfte sich lohnen, Vanessa F. Fogel auf ihrem Weg als Autorin im Auge zu behalten.“ (Die ausführliche Rezension gibt’s hier.) Ohne ihren Erstling zu kennen, möchte ich dem zustimmen. Hertzmann’s Coffee ist ein Buch, das mein Herz erobert hat. Langsam erst, aber stetig. Zu Beginn dachte ich: Eine junge Frau schreibt aus der Sicht eines 80jährigen – ob das gelingen und überzeugen kann? Bevor ich weiter grübeln konnte, hatte mich der liebenswerte Ich-Erzähler schon auf seine Seite gezogen. Yankele nicht zu mögen, ist schier unmöglich.

Der Roman spielt in drei Erzählperspektiven. Zunächst wendet sich Yankele den Lesern zu. Ein Geburtstagsessen hat wie ein Sturm den Frieden der Familie zunichte gemacht und alle Beteiligten mächtig durcheinander gewirbelt. Nachdem Yankele seinen Kindern eröffnete, dass sein Sohn Eliot zukünftig der Geschäftsführer seiner Kaffeefirma werden soll, ist der Ärger groß. Ausgerechnet Eliot! Ein Aufschrei geht durch die Anwesenden, denn Eliot ist das schwarze Schaf der Familie. Die beiden anderen Kinder, die sich als rechtmäßige Nachfolger sehen, sind erzürnt und zutiefst verletzt. Als wäre das nicht schon schlimm genug, stürzt Yankele am besagten Abend und bricht sich seinen Arm. Trotz dieses Dilemmas lässt sich Yankele nicht unterkriegen und kauft sich am nächsten Tag eine Videokamera. Der Verkäufer spricht – in seinen Augen – wie in einer fremden Science-Fiction-Sprache. Digital? Youtube? Wörter, mit denen Yankele nicht viel anfangen kann, aber er willigt ein, dass der Verkäufer seine Aufnahmen ins Internet stellen darf. Schließlich gebe es da eine Person, die weit weg wohne und die sein Video sehen soll. So beginnt ein nächtliches Abenteuer, in dem er seine Familiengeschichte erzählt: „Meine erste Familie ist nicht mehr. Ein Nichts, eine Leere, aus der heraus ich meine zweite Familie gegründet habe, diese Familie, auf die ich stolz war. Bis jetzt.“

Dann führt mich die Autorin nach Caracas, Venezuela. Fragezeichen tauchen in meinem Kopf auf, und ich sehe zunächst keinen Zusammenhang zur bisherigen Geschichte. „Wenn meine Mutter gestorben ist, werde ich ganz allein sein auf der Welt.“ Damit beginnt die zweite Ebene, erzählt von einem Jungen, und das sehr, sehr traurig. Erst bin ich ein wenig verwirrt, aber mein neugieriges Leserherz sagt: Lies weiter! Viele Seiten später löst sich so einiges auf. Und dann kommt auch schon die dritte Ebene, die in Berlin spielt. Hier spricht ebenfalls ein Junge: Marc, Yankeles Enkel. Ein kluger, nachdenklicher und sensibler Kopf, der mit mir durch meine Stadt fährt und die Stimmung wunderbar wiedergibt. Der von seiner Familie erzählt und seinem Wunsch, nach New York zu reisen, um in Lancaster bei einem wichtigen Puzzle-Wettbewerb teilzunehmen. Dafür wollte er sich für einen Tag von seiner Familie absetzen, ohne, dass es jemandem auffallen würde. Leider fällt gerade in diesem Jahr die Familienreise nach New York flach. Einzig sein älterer Bruder könnte mit Marc fahren, aber mit ihm steht er ein bisschen auf Kriegsfuß. Wie das eben manchmal zwischen Geschwistern so ist.

Vanessa F. Fogel hat einen wundervollen Generations- und Familienroman geschrieben. Der hier und da durchaus Fragen offen lässt. Doch genau das gehört zum Spannungsbogen dazu. Es ist so, als würde die Autorin viele Knoten langsam lösen. Der Kaffee spielt hier natürlich eine wichtige Rolle. Der Kaffee wurde nach dem Krieg für Yankeles zur finanziellen Lebensgrundlage, als er begann, mit diesem seltenen Rohstoff zu handeln. Dabei erwarb er sich bald „den Ruf als Nummer-eins-Kaffeehändler“ und baute sich so die Basis für sein Kaffee-Unternehmen. In dem Buch finden sich nicht nur vielerlei schöne lebenskluge Sätze, sondern auch wunderbare Kaffee-Zitate: „Kaffee ist großartig, weil er heiß und flüssig ist und himmlisch duftet. Wenn man sich mit ihm bekleckert, ist er das einzige Getränk, das man nicht abwaschen möchte.“

Was Hertzmann’s Coffee für mich auszeichnet, sind eine Handvoll Dinge: die Herzenswärme, der Witz, die lebensklugen Betrachtungen, die liebenswerten Figuren, die besondere Ehe zwischen Yankele und Dora. Diese Beziehung ist so liebevoll und wunderschön, wie ein warmes Federbett im Winter. Zwei liebende Menschen, denen ich lächelnd lausche, und die mich entzücken. Gleichzeitig schmunzle ich über den feinen Witz, den die junge Autorin versprüht und erfreue mich an den vielen Glücksmomenten. Mal sind sie still und nachdenklich, mal übermütig leicht und unglaublich erhellend. Die junge Autorin zeigt das Leben in seinen vielseitigen Facetten und die Kunst, dieses zu meistern.

Dieses Buch enthält jedoch noch eine weitere, tragische Geschichte, die mich bis Innerste bewegt: Vanessa F. Fogel ist die Enkelin eines polnischen Juden, und sie verarbeitet in ihrem Roman ein Schicksal, wie es sie viele in Zeiten des Holocaust gab. Sie zeigt auch, wie es sich anfühlt, seine Familie in den Wirren des Krieges zu verlieren und zu Suchenden zu werden. Mein Fazit: Dieser Roman ist ein erfrischendes und eindringliches Leseerlebnis, das mich bis zur letzten Seite begeistert hat. Der Verleger hatte recht: Ich liebe dieses Buch!

Vanessa F. Fogel: Hertzmann’s Coffee. Aus dem Englischen übersetzt von Eva Bonné. weissbooks, Juli 2014, 320 Seiten, 22,90 €. Das Buch könnt ihr sofort und portofrei bei ocelot.de bestellen. Oder das eBook hier für 14,99 € downloaden.

Mit dem Buch ist an dieser Stelle Schluss, doch mit der Autorin geht es hier am kommenden Sonntag weiter. Dann erwartet euch Interview mit Vanessa F. Fogel.

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13 Gedanken zu “Kaffee. Und die Kunst, das Leben zu meistern.

  1. Liebe Klappentexterin,
    Du hast mich jetzt wirklich sehr neugierig gemacht. Ich hatte dieses Buch schon mal im Laden in der Hand, war mir aber nicht sicher was mich erwartet und habe es wieder weggelegt. Nach Deiner überzeugenden Besprechung werde ich es jetzt aber sicher lesen. Vielen Dank dafür.
    LG
    lesesilly

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    1. Liebe lesesilly,
      du wirst viel Freude mit dem Buch haben! Es ist eins mit ganz viel Herzenswärme. Freut mich sehr, dass ich dir mit meiner Rezension die Tür zum Buch öffnen konnte. Ich wünsche dir wunderbare Lesestunden mit dem Buch und bin neugierig auf deine Leseeindrücke!

      Sei lieb gegrüßt,
      Klappentexterin

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  2. Liebe Klappentexterin,
    ich mochte das Buch gleich, als ich es im Verlagsprospekt entdeckt habe. Nun liegt es hier aber schon eine Weile ungelesen herum. Da lese ich aus deiner schönen Besprechung (Kaffee und Familie und Erzählebenen), dass es sich doch mal bald zu mir auf das Sofa setzen sollte. Mal schauen, wann es den Weg findet.
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Liebe Claudia,
      ihr werdet euch sicherlich sehr gut verstehen auf deinem Sofa. 😉 Kennst du das Debüt von Vanessa F. Fogel? Ich noch nicht, möchte es aber auf jeden Fall noch lesen.

      Viele Grüße
      Klappentexterin

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      1. Nein, kenne ich nicht. Ich bin erst jetzt auf die Autorin aufmerksam geworden. Nun rangelt sie im Regal doch tatsächlich mit Murakami – und der steht schon zweifach da, denn am neuen Buch konnte ich schon alleine wegen des Covers und vor allem wegen der Geschichte um Gregor Samsa nicht widerstehen…

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  3. Danke, liebe Klappentexterin für diesen tollen Tipp. Habe das Buch die letzten beiden Tage verschlungen und mich mit Yankele und Dora so wohlgefühlt. So möchte man alt werden. Mit so viel Liebe und Herzlichkeit. Gleichzeitig schwingt natürlich auch viel Melancholie mit, was dieses Buch aber auch so besonders macht. Ein wirklich empfehlenswerter Schmöker.
    LG
    lesesilly

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    1. Oh, wie schön! Wenn du mich jetzt sehen könntest! Ich freue mich wahnsinnig, dass dich das Buch genauso glücklich gemacht hat wie mich. Und deine Beschreibungen decken sich mit meinen. Toll! Lieben Dank für deine Begeisterungsrufe!

      Liebe Grüße
      Klappentexterin

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  4. Ich hatte das Buch auch schon ein-, zweimal in der Hand, bin bislang aber immer mit einem – trotz Kaffee! – für mich in diesem Moment noch interessanteren Titel aus der Buchhandlung spaziert. Jetzt bin ich aber wirklich neugierig geworden! Merci 🙂

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