Große Geschichte im Spiegel der kleinen Leute.

Die Angst ist allgegenwärtig. Sie kriecht aus der Geschichte direkt in mich hinein. So sehr ich mich winde, sie bleibt und kommt mir immer näher. Bald krallt sie sich mit ihren Klauen an mich fest. Ich winde mich atemlos und komme zum ersten Mal an einen Punkt, an dem ich mich frage, ob ich ein Hörbuch beenden soll oder nicht. Ich bleibe. Zu groß und wichtig scheint mit „Jeder stirbt für sich allein“ von Hans Fallada, das Ulrich Noethen eindrucksvoll vorliest.

Als Hans Fallada aus einer Gestapo-Akte vom Schicksal eines Berliner Ehepaars erfuhr, schrieb er 1946 in nur vier Wochen „Jeder stirbt für sich allein“. Im Mittelpunkt stehen Anna und Otto Quangel, die im Zweiten Weltkrieg ihren geliebten Sohn, Ottochen, verloren haben. Während Otto Quangel seiner Schwiegertochter Trudel die Nachricht überbringt, keimt in ihm der erste zarte Samen des Widerstandes. In seinem Kopf klopfen Sätze wie: „Dieser verdammte Krieg!“ „Was allein wichtig ist, das ist: Ich muss rauskriegen, was das mit dem Hitler ist. Erst schien doch alles gut zu sein, und nun plötzlich ist alles schlimm. Plötzlich sehe ich nur Unterdrückung und Hass und Zwang und Leid, so viel Leid…“ Otto Quangel hinterfragt erstmalig den Staat und sein Tun, fühlt sich dennoch unfähig zu handeln. Trudel erzählt ihm ganz aufgebracht, dass man etwas dagegen unternehmen muss und sie das im Verborgenen mit einer kommunistischen Zelle macht. Trudel merkt zu spät, dass sie sich verplappert hat und bittet Otto Quangel nichts davon zu sagen. Er verspricht es, hat er sich noch nie was aus Politik gemacht. Und doch sollte dies der Auslöser für einen Plan sein, der sich in ihm breit macht. Im Stillen reift aus dem Samen eine Pflanze, die wächst und größer wird, bis sie in die Höhe schießt und nicht mehr anders kann, als nach draußen zu dringen. Karten will er schreiben und sie verteilen, seinen kleinen Widerstand gegen die Diktatur und den Krieg in die Öffentlichkeit bringen. Dies vertraut er seiner Anna an jenem Sonntag an, als er zum ersten Mal keinen Nachmittagsschlaf hält.

Um die Quangels herum webt Hans Fallada das Schicksal weiterer Menschen aus der Berliner Jablonskistraße wie das der Postbotin Eva Kluge, die sich mit ihrem Ehemann Enno herumplagt. Hatte sie ihn eines Tages aus der Wohnung gejagt, nachdem sie genug hatte von seinen Frauengeschichten und seiner faulen Haut. Enno Kluge ging schon lange nicht mehr arbeiten und sie musste für die Familie sorgen. Interessant und bewegend sind die Wendungen, die sich in dem Buch leise bemerkbar machen. Ich denke dabei an den Kommissar Escherich von der Gestapo, dem der Fall „Klabautermann“ – so bezeichnet er den Schuldigen, der die Postkarten verteilt – zum persönlichen Verhängnis wird.

Der Ton der Geschichte erinnert mich an eine raue, kalte, abgenutzte Wand. Genau das transportiert Ulrich Noethen mehr als mir manchmal lieb ist. Die bissigen Flüche der Regimeanhänger schießen wie Schüsse aus Maschinengewehre in mein Ohr. Schneidende Buchstaben machen mich fast taub und ich muss öfter die Stopp-Taste drücken. Irgendwann sehe ich die Angst nicht nur vor mir, sondern spüre sie in mir, ein stechender Schmerz, den ich nicht abschütteln kann. Ulrich Noethen hat kein Erbarmen, er schießt und schießt. Ich schwanke und verliere den Halt. Durch seine Stimme, die sich meisterhaft in jeden Protagonisten einfühlt, nähert sich mir jede Szenerie und Person, dass ich das Gefühl habe, plötzlich dort drin zu stehen. Jede Nuance bahnt sich ihren Weg. Ulrich Noethen verleiht Falladas Roman eine bewegende, beklemmende Note und mir wird wieder einmal bewusst, wie wichtig Literatur sein kann, vor allem dann, wenn sie mir wie bei dem Hörbuch sehr nah kommt.

Über dieses Werk ist schon viel geschrieben worden und ich wusste, worauf ich mich einlasse, dennoch bin ich überwältig und betroffen, beinah sprachlos. „Jeder stirbt für sich allein“ klärt auf eine besondere Weise über die Schrecken des Zweiten Weltkrieges auf. Nicht nur das. Hans Fallada betrachtet in seinem Roman den Krieg aus der Sicht der kleinen Leute. Das große Ganze zerlegt sich in kleine Teile, die dadurch noch greifbarer und deutlicher herausstechen. Nicht, dass das Schicksal ohne die Bewohner der Jablonskistraße weniger einschneidend ist, nein, aber das Kriegsdrama rückt auf diese Weise noch direkter an mich heran. Dadurch, dass Fallada alle Facetten offenlegt, strömt aus dem Werk eine gewaltige Kraft, der ich mich nicht entziehen kann, so sehr sie aufrüttelt. Ich spüre den Hass, die unerbittliche Systemtreue, den Widerstand und am schlimmsten für mich: das Menschenunwürdige und die Angst. Mein Blut rast durch meinen Körper und ich bin froh, dass ich alldem entkommen kann, wenn ich auf Stopp drücke. In Anbetracht dessen erscheinen mir einige Probleme der heutigen Zeit in einem anderen Licht. Ich bin zutiefst dankbar, dass diese furchtbare Angst nach dem Ende der Geschichte in ihr Loch zurückgekrochen ist. Die Menschen damals konnten das nicht.

Hans Fallada.
Jeder stirbt für sich allein.
Vorgelesen von Ulrich Noethen.
09 Std. 23 Min. (gekürzt), 20,95 €.
audible.de

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15 Gedanken zu “Große Geschichte im Spiegel der kleinen Leute.

  1. Liebe Klappentexterin,

    Deine sehr eindringliche Rezension hat mir gut gefallen. Man merkt, wie sehr Du in die Geschichte eingegangen bist. Bravo!
    Ich habe auch noch ein Buch zu lesen von Hans Fallada: „Kleiner Mann – Was nun?“ Ich bin schon sehr gespannt auf Fallada.

    LG
    Annegret

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    1. Liebe Annegret, danke für deinen Kommentar! Dies war meine erste Begegnung mit Hans Fallada, wirklich sehr bewegend und ich weiß schon jetzt: Es wird nicht die einzige bleiben. Welche Werke hast du von Fallada bereits gelesen? Ich wünsche dir eine spannende Lesezeit mit „Kleiner Mann – was nun?“ LG, Klappentexterin

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      1. Liebe Klappentexterin,
        dies ist mein erstes Buch von Hans Fallada. Ich bin schon sehr gespannt auf mein Buch.
        LG
        Annegret

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  2. Ich habe das Buch – oder besser gesagt, die Neuausgabe gerade frisch auf dem SuB, nach der Suite francaise ist es dann dran. Zuvor habe ich bereits die alte Fassung gelesen und kann deinem Eindruck nur zustimmen. Am Ende ist man froh, dass man „nur“ ein Buch gelesen bzw. gehört hat und nicht selbst in einer solchen Situation steckt.

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    1. Irène Némirovsky gehört mit zu meinen liebsten Autorinnen, schön hier ihrem Namen zu begegnen. Einiges habe ich schon von ihr gelesen, doch ihr großes Werk Suite francaise liegt noch vor mir. Nun aber zu Fallada. Interessant finde ich, dass du beide Fassungen liest und bin natürlich sehr auf deinen Eindruck gespannt und die Vergleiche, die du sicherlich ziehen wirst. Meine Hörbuchfassung war gekürzt, aber im Regal steht noch die Neuausgabe. Die werde ich bestimmt auch noch einmal aufschlagen. Vorher möchte ich aber noch andere Bücher von Fallada entdecken. Ja, am Ende ist man froh, es nur gelesen zu haben und atmet auf.

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      1. Also wenn du Tipps zu Fallada möchtest, ich habe seine Romane alle hier – auch die Kindergeschichten sind überaus reizend. Es muss ja nicht immer „Kleiner Mann, was nun?“ sein, obwohl das eine wunderbar traurige Geschichte ist.

        Suite francaise ist mein zweiter Roman von Nemirovsky, sehr geschichtsträchtig und aufgrund der vielen handelnden Personen noch etwas verworren – aber er gefällt mir.

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  3. ch habe gerade eben diese, neue fassung gelesen, nein gelebt. gottseidank mit über 60 jahren abstand…es ist ein sehr, sehr eindringliches buch, das pflichtlektüre sein sollte. die diskussion auf
    anderen blogs, warum sich fallada nicht an die biographie der original vorbilder, des ehepaares hampel, hält, finde ich persönlich irrelevant.
    er hat schließlich einen roman, keine biographie geschrieben und hatte eine, neudeutsch, message.
    lieben gruß,
    susa

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    1. Das stimmt, liebe susa, so ein Buch sollte zur Pflichtlektüre werden. Erst kürzlich habe ich mich mit einer Leserin darüber unterhalten. Das, was Fallada am Ende aus den Fakten geschaffen hat, vor allem wie schnell (!), bleibt für mich eindrucksvoll. Er hat auf sehr eindringliche Weise den Widerstand und die Lebenssituation (damit verbunden die Ängste) der kleinen Leute dargestellt und für mich zählt nur das. „Jeder stirbt für sich allein“ bleibt unvergessen. Viele Grüße, Klappentexterin

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  4. Liebe Klappentexterin,
    auch ich bedanke mich für deine eindrückliche Rezension. Ich freue mich vor allem darüber, dass es dir gelungen ist, mir auch mal ein Hörbuch schmackhaft zu machen. Obwohl ich als Kind so gerne Hörbücher gehört habe (die obligatorische TKKG-Folge zum Einschlafen), kann ich mittlerweile irgendwie nicht mehr viel mit Hörbüchern anfangen. Da hast du mich dann doch noch mal zum Umdenken angeregt.

    „Jeder stirbt für sich allein“ habe ich letzten Sommer gelesen und war sehr begeistert, sehr berührt. Hans Fallada zeigt in seinem Roman wieviel Mut und Widerstandskraft auch die sogenannten „kleinen Leute“ gehabt haben und dass es Menschen gab, die – auch im Kleinen – versucht haben, sich gegen die bestehenden Verhältnisse zu wehren. Ein wirklich großartiger Roman, ich habe mich damals sehr gefreut, dass er dank des Aufbau-Verlags noch einmal neu erschienen ist.

    Ganz liebe Grüße
    Mara

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    1. Und ich danke für deinen ausführlichen Kommentar, liebe Mara. Ich höre übrigens gern Klassiker in Hörbuchform. Was mir hier nur nicht ganz bewusst war, war die Tatsache, wie sehr sich so ein Roman vorgelesen verändern kann. So sehr verändern. Mich freut es, wenn ich dich auf diesem Wege zum „Bücherhören“ anregen konnte.

      Die große Wiederentdeckung kommt mE aus dem Ausland, als Dennis Johnson den Roman ins Englische übersetzen ließ und damit im englischsprachigen Raum viel Erfolg hatte. Danach erschien dann die Originalfassung beim Aufbau-Verlag. Wirklich schön, dass das Buch so im Licht der Öffentlichkeit steht und uns bewegend begeistern konnte. Herzlichst, Klappentexterin.

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  5. Ich habe mir die englische Ausgabe schon Ende 2010 gekauft. Seitdem hütet sie das Bücherregal. Deine Rezension bringt mich nun dazu immer wieder zum Regal hin zu schielen, bald bin ich so weit und lasse sie vom Regal zum Nachttisch umziehen.

    LG, Katarina 🙂

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    1. Dann wünsche ich dir bald interessante Lesestunden mit dem Werk, liebe Katarina. Ich finde es wunderbar, dass das Buch demnächst auf deinem Nachttisch liegen wird. Eine Frage habe ich aber noch: Wie kommt’s, dass du dich für eine englische Ausgabe entschieden hast? LG, Klappentexterin.

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      1. Ich hab’s damals bei Waterstones in Edinburgh entdeckt und wusste zunächst nicht, dass es sich um eine Übersetzung handelt. Wenn mir das Buch gefällt, bin ich durchaus nicht abgeneigt es ein zweites Mal, dann auf Deutsch, zu lesen.
        Mal abgesehen davon finde ich es schon schön, dass es Falladas Worte bis nach Groß Britannien geschafft haben.
        LG, Katarina 🙂

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