Bücher zur Zeit! Das Geschenke-Spezial, Teil 2.

Weihnachtszeit ist Bücherzeit. Zum Glück, einerseits. Andererseits sind das für mich als Buchhändlerin aufreibende Zeiten. Am Abend sind nicht nur die Füße müde, die Zunge hat einen Knoten und der Kopf ist leer gepustet, als wäre dort ein Hurrikan durchgefegt. Wesentlich entspannter sind die ruhigen Nachmittage an freien Tagen zu Hause und dabei über Lieblinge zu schreiben. So schließe ich heute an Herrn Klappentexter an, der vergangene Woche unser Geschenke-Spezial einläutete. Schenkt also Bücher! Weiterlesen

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Ein liebenswerter Chaot.

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Mark Twain und ich haben eine Gemeinsamkeit. Besser gesagt, wir teilen uns einen Satz: „Ich war schon immer kopflos.“ Darüber schmunzele ich noch jetzt wie über viele weitere Stellen aus „Meine geheime Autobiographie“, die Harry Rowohlt in einer gekürzten Hörbuchfassung meisterhaft vorliest. Dass der Sprecher und der Autor eine wunderbare Symbiose eingehen, konnte ich damals bei der Preview feststellen. Daher habe ich mich für diese Form entschieden. Eine gute Entscheidung, eine sehr gute, wie ich feststellen durfte.

Im Gegensatz zu anderen Rezensenten bin ich ohne große Erwartungen an dieses Werk herangegangen. Bisher kannte ich weder Mark Twain genauer, noch seine Romane. Die erste Lücke ist jetzt nach diesem Hörgenuss beseitigt, die andere möchte ich ebenfalls schnellstmöglich mit seinen Büchern schließen. „Tom Sawyers Abenteuer“ kenne ich aus Kindheitstagen nur aus dem Fernsehen. Weil die Bücherwelt die schönere von beiden ist, möchte ich demnächst lesend in das Mark Twain-Abenteuer steigen.

„Meine geheime Autobiographie“ ist ein bereicherndes Œuvre an Reflexionen, Gedanken und Beobachtungen, die der Autor im Laufe seines Lebens gesammelt hat. Es dauert nicht lange bis sich mein Herz für diesen Mann erwärmt. Ich erlebe großartige Augenblicke, als Mark Twain von der Zeit auf der Farm seines Onkels berichtet. „Für einen Jungen war sie ein himmlischer Ort, diese Farm meines Onkels John. Das Haus war ein doppeltes Blockhaus mit einem geräumigen (überdachten) Gang, der es mit der Küche verband. Im Sommer wurde der Tisch mitten in diesem schattigen und luftigen Gang gedeckt, und die üppigen Mahlzeiten – ach, ich muss weinen, wenn ich nur daran denke.“ Die folgende Aufzählung der köstlichen Speisen treibt nicht nur Mark Twain das Wasser im Mund zusammen. Ich rieche die duftenden Kekse und den geräucherten Schinken, schmecke die frisch gekochten Maiskolben. Wenige Sekunden später weiter verscheucht er das schlechte Gewissen sofort in den Keller, das sich bei solchen Schlemmereien automatisch einstellt: „Ich bezweifle, dass Gott uns irgendetwas geschenkt hat, was, in Maßen genossen, ungesund ist, ausgenommen Mikroben. Trotzdem gibt es Menschen, die sich alles und jedes Essbare, Trinkbare und Rauchbare, das sich einen zweifelhaften Ruf erworben hat, strengstens versagen. Diesen Preis zahlen sie mit ihrer Gesundheit. Und Gesundheit ist alles, was sie dafür bekommen. Wie seltsam das ist. Als verschleudere man sein gesamtes Vermögen für eine Kuh, die keine Milch mehr gibt.“ Das ist er, der waschechte Kritiker, der kein Blatt vor dem Mund nimmt und all das ausspricht, was ihn bewegt.

Mark Twain war ein aufmerksamer Beobachter der Gesellschaft, er schimpfte über Politiker und über die Reichen. Kritische laute Töne erlebe ich bei der Schilderung über das Massaker auf den Phillipinen, bei denen etliche unschuldige Menschen – die Wilden, wie sie bezeichnet wurden – ums Leben gekommen sind. Besonders rührend sind die Passagen, in denen seine Tochter Susy zu Wort kommt, die 1885 mit Fünfzehn die Biographie über ihren Vater begann. „Er ist ein sehr guter Mensch und ein sehr komischer. Er ist sehr aufbrausend, aber in unserer Familie sind wir das alle. Er ist der liebenswürdigste Mann, den ich je gesehen habe oder zu sehen hoffe – und oh, so zerstreut. Er erzählt ganz entzückende Geschichten.“ Mark Twain klinkt sich in Susys Aufzeichnungen ein und gibt seinen süßen Senf dazu, immer sehr liebevoll und rührend. Genauso herzerwärmend sind die weiteren Schilderungen über seine Familie und seine geliebte Frau, die für ihn mehr war als nur eine Frau. Sie war sein Fels in stürmischen Zeiten, sein Stern in den düsteren Momenten und so etwas wie seine Spielkameradin, war sie zeitlebens „Mädchen und Frau“. Diese Stellen waren meine liebsten, denn in ihnen findet sich so viel Liebe und Aufrichtigkeit, so dass mir an einigen Stellen fast das Herz still zu stehen schien und die Tränen kamen. Ich erinnere mich da besonders an den frühen Tod des einzigen Sohnes, Susy und dem seiner Frau.

Hatte ich anfangs Zweifel, ob mich die gekürzte Hörbuchfassung erfüllen würde, dachte ich in der Mitte des Werkes mit keiner Silbe mehr daran. Das Bild über Mark Twain wird mit jeder Minute runder. Ich lerne einen warmherzigen, leicht chaotischen und ehrlichen Menschen kennen, der zu seinen Leidenschaften wie zu seinen Fehlern gleichermaßen steht und auf vielseitige Weise aus der damaligen Zeit berichtet. Mark Twains Leben breitet sich wie eine bunte Patchworkdecke über mich aus, unter die ich gern krieche. Ich schmunzle an etlichen Stellen und spule bei manchen zurück, weil mich einige Sätze zutiefst beeindrucken. Sie sind klug, weise und liebreizend. Diese Freude habe ich auch Harry Rowohlt zu verdanken, der mit seiner Bärenstimme brummt, summt und geradezu Freude versprüht. Seine Zunge knetet die Worte zu einem wohligen Sound, der mich hungrig macht und mitreißt, so dass ich zum Schluss traurig und zugleich erfüllt bin, nachdem der letzte Satz verhallt ist.

Mark Twain.
Meine geheime Autobiographie.
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Hans-Christian Oeser.
Vorgelesen von Harry Rowohlt.
Gekürzt, 05 Std. 15 Min., 13,95 €.
audible.de

Vom Echo der Erinnerungen.

Dieses Hörbuch ist wie ein langer Seufzer, der die Kraft einer Sturmböe hat. Melancholische und nachdenkliche Gedanken fallen aus dem iPod. Anfangs rieseln sie ruhig nieder wie kleine Schneeflocken, die in den Wimpern hängenbleiben, sich ausruhen und das schnelle Echo der Zeit auffangen wollen. Später schreitet eine Unruhe in den Schauplatz und pustet das Langsame aus dem Kopf. Manfred Zapatka ist der derjenige, der dies auf sehr einnehmende Weise macht, indem er mir Julian Barnes‘ aktuellen Roman „Vom Ende einer Geschichte“ vorliest.

Die Geschichte schwebt zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart wie reife Äpfel, die uns anlachen und sich doch nicht greifen lassen. Ebenen verschieben sich in dem Roman, verlieren an Gleichgewicht und setzen ein großes Entsetzen in Bewegung. So geht es Tony Webster, dem Ich-Erzähler. Er hat sich in seinem Ruhestand eingerichtet und ist ein gewöhnlicher älterer Mann, der sich selbst als Mittelmaß bezeichnet, von der Schulzeit bis heute. Als ihn ein Brief erreicht, gerät er ins Wanken, die Vergangenheit ereilt ihn, eine schmerzhafte Ohrfeige, dessen Abdruck er noch spürt. Sie rührt die Erinnerungen in einem Topf durcheinander und erstickt das ruhige Leben. In dem Brief findet Tony eine Erbschaft, mit der er so nicht gerechnet hat und die still gelegten Ecken in seinem Kopf wieder aufweckt.

Julian Barnes erhielt für diesen Roman den Booker Prize und darf sich zu Recht mit dieser Auszeichnung schmücken. „Vom Ende einer Geschichte“ ist ein Roman, der auf engem Raum viel erzählt und beeindruckend im Gedächtnis zurückbleibt. Ein großer, dichter Wald, in dem hinter jedem Baum eine Überraschung wartet. Barnes erzählt von Freundschaft, Liebe, Erinnerungen, Eifersucht, dem Erwachsenwerden und der Reue, vom verletzten Stolz und dem Selbsthass. Im Mittelpunkt setzt er eine Freundschaft zwischen drei Jungen, die sich für etwas Besonderes halten. In jungen Jahren lesen sie viel, tragen ihre Armbanduhren mit dem Ziffernblatt zur Innenseite des Arms. „Natürlich war das eine affektierte Marotte, aber vielleicht auch mehr. Sie ließ die Zeit wie etwas Persönliches, ja Geheimes erscheinen.“ Irgendwann stößt Adrian zum Dreiergespann dazu. Er ist anders, eine Gerade, die das Viereck nicht ganz schließen kann und doch gehört er bald zum Kern dazu. Erst beim Fortschreiten der Geschichte zeigt sich die tragische Rolle, die der Autor dieser Figur zuschreibt.

Julian Barnes schickt seine Leser auf eine philosophische Reise. Er öffnet Türen und zieht uns auf Stühle, die mit Fragezeichen belegt sind. Wie sehr dürfen wir unseren eigenen Erinnerungen vertrauen? Verdecken wir das Unschöne mit schönen Dingen? Müssen wir uns für vergangene Taten schämen oder sind sie nur Ausdruck eines Gefühls, das hinauswollte? Er präsentiert uns einen scheinbar zufriedenen Mann, der plötzlich von Reue eingeholt wird und sich für das schämt, was er einst getan hat.

Genauso beeindruckend ist die raffinierte Entwicklung der Geschichte, wie sie mit jedem Satz an gefühlter Geschwindigkeit zunimmt, obwohl sich an der Erzählweise nichts ändert. Viel mehr sind es die Ereignisse, die sich vor mir aufrollen und gerade zum Schluss ein erstauntes Raunen aus dem Hals zieht.

Manfred Zapatka fügt sich hervorragend in die Rolle des Ich-Erzählers. Ich denke dabei an ein gefülltes Weinglas. Julian Barnes‘ Roman ist ein schwerer Wein und Zapatka das Glas, der mir auf diese Weise das Getränk in den Gaumen fließen lässt. Sein dunkles Timbre spiegelt die nachdenkliche Stimmung wieder und trägt sie an die Oberfläche. Zapatka ist sich der Tiefe des Romans bewusst und liest die Sätze langsam vor. So fühle ich jede Regung, jeden Gemütszustand des Protagonisten wie den eigenen Herzschlag. Damit dürfte es nicht verwundern, dass selbst nach dem Ende dieses Hörbuchs Julian Barnes Sätze wie ein Echo in meinen Ohren hallt, wie die Erinnerungen selbst.

Julian Barnes.
Vom Ende einer Geschichte.
Vorgelesen von Manfred Zapatka.
06 Std. 04 Min. (ungekürzt), 15,95 €.
audible.de

Große Geschichte im Spiegel der kleinen Leute.

Die Angst ist allgegenwärtig. Sie kriecht aus der Geschichte direkt in mich hinein. So sehr ich mich winde, sie bleibt und kommt mir immer näher. Bald krallt sie sich mit ihren Klauen an mich fest. Ich winde mich atemlos und komme zum ersten Mal an einen Punkt, an dem ich mich frage, ob ich ein Hörbuch beenden soll oder nicht. Ich bleibe. Zu groß und wichtig scheint mit „Jeder stirbt für sich allein“ von Hans Fallada, das Ulrich Noethen eindrucksvoll vorliest.

Als Hans Fallada aus einer Gestapo-Akte vom Schicksal eines Berliner Ehepaars erfuhr, schrieb er 1946 in nur vier Wochen „Jeder stirbt für sich allein“. Im Mittelpunkt stehen Anna und Otto Quangel, die im Zweiten Weltkrieg ihren geliebten Sohn, Ottochen, verloren haben. Während Otto Quangel seiner Schwiegertochter Trudel die Nachricht überbringt, keimt in ihm der erste zarte Samen des Widerstandes. In seinem Kopf klopfen Sätze wie: „Dieser verdammte Krieg!“ „Was allein wichtig ist, das ist: Ich muss rauskriegen, was das mit dem Hitler ist. Erst schien doch alles gut zu sein, und nun plötzlich ist alles schlimm. Plötzlich sehe ich nur Unterdrückung und Hass und Zwang und Leid, so viel Leid…“ Otto Quangel hinterfragt erstmalig den Staat und sein Tun, fühlt sich dennoch unfähig zu handeln. Trudel erzählt ihm ganz aufgebracht, dass man etwas dagegen unternehmen muss und sie das im Verborgenen mit einer kommunistischen Zelle macht. Trudel merkt zu spät, dass sie sich verplappert hat und bittet Otto Quangel nichts davon zu sagen. Er verspricht es, hat er sich noch nie was aus Politik gemacht. Und doch sollte dies der Auslöser für einen Plan sein, der sich in ihm breit macht. Im Stillen reift aus dem Samen eine Pflanze, die wächst und größer wird, bis sie in die Höhe schießt und nicht mehr anders kann, als nach draußen zu dringen. Karten will er schreiben und sie verteilen, seinen kleinen Widerstand gegen die Diktatur und den Krieg in die Öffentlichkeit bringen. Dies vertraut er seiner Anna an jenem Sonntag an, als er zum ersten Mal keinen Nachmittagsschlaf hält.

Um die Quangels herum webt Hans Fallada das Schicksal weiterer Menschen aus der Berliner Jablonskistraße wie das der Postbotin Eva Kluge, die sich mit ihrem Ehemann Enno herumplagt. Hatte sie ihn eines Tages aus der Wohnung gejagt, nachdem sie genug hatte von seinen Frauengeschichten und seiner faulen Haut. Enno Kluge ging schon lange nicht mehr arbeiten und sie musste für die Familie sorgen. Interessant und bewegend sind die Wendungen, die sich in dem Buch leise bemerkbar machen. Ich denke dabei an den Kommissar Escherich von der Gestapo, dem der Fall „Klabautermann“ – so bezeichnet er den Schuldigen, der die Postkarten verteilt – zum persönlichen Verhängnis wird.

Der Ton der Geschichte erinnert mich an eine raue, kalte, abgenutzte Wand. Genau das transportiert Ulrich Noethen mehr als mir manchmal lieb ist. Die bissigen Flüche der Regimeanhänger schießen wie Schüsse aus Maschinengewehre in mein Ohr. Schneidende Buchstaben machen mich fast taub und ich muss öfter die Stopp-Taste drücken. Irgendwann sehe ich die Angst nicht nur vor mir, sondern spüre sie in mir, ein stechender Schmerz, den ich nicht abschütteln kann. Ulrich Noethen hat kein Erbarmen, er schießt und schießt. Ich schwanke und verliere den Halt. Durch seine Stimme, die sich meisterhaft in jeden Protagonisten einfühlt, nähert sich mir jede Szenerie und Person, dass ich das Gefühl habe, plötzlich dort drin zu stehen. Jede Nuance bahnt sich ihren Weg. Ulrich Noethen verleiht Falladas Roman eine bewegende, beklemmende Note und mir wird wieder einmal bewusst, wie wichtig Literatur sein kann, vor allem dann, wenn sie mir wie bei dem Hörbuch sehr nah kommt.

Über dieses Werk ist schon viel geschrieben worden und ich wusste, worauf ich mich einlasse, dennoch bin ich überwältig und betroffen, beinah sprachlos. „Jeder stirbt für sich allein“ klärt auf eine besondere Weise über die Schrecken des Zweiten Weltkrieges auf. Nicht nur das. Hans Fallada betrachtet in seinem Roman den Krieg aus der Sicht der kleinen Leute. Das große Ganze zerlegt sich in kleine Teile, die dadurch noch greifbarer und deutlicher herausstechen. Nicht, dass das Schicksal ohne die Bewohner der Jablonskistraße weniger einschneidend ist, nein, aber das Kriegsdrama rückt auf diese Weise noch direkter an mich heran. Dadurch, dass Fallada alle Facetten offenlegt, strömt aus dem Werk eine gewaltige Kraft, der ich mich nicht entziehen kann, so sehr sie aufrüttelt. Ich spüre den Hass, die unerbittliche Systemtreue, den Widerstand und am schlimmsten für mich: das Menschenunwürdige und die Angst. Mein Blut rast durch meinen Körper und ich bin froh, dass ich alldem entkommen kann, wenn ich auf Stopp drücke. In Anbetracht dessen erscheinen mir einige Probleme der heutigen Zeit in einem anderen Licht. Ich bin zutiefst dankbar, dass diese furchtbare Angst nach dem Ende der Geschichte in ihr Loch zurückgekrochen ist. Die Menschen damals konnten das nicht.

Hans Fallada.
Jeder stirbt für sich allein.
Vorgelesen von Ulrich Noethen.
09 Std. 23 Min. (gekürzt), 20,95 €.
audible.de

Der salzig-saure Raketenflug!

Warum muss ich bei diesem Hörbuch an Gewürzgurken denken, die ins All fliegen? Ich habe keine Ahnung! Fakt ist: „Petropolis – Die große Reise der Mailorder-Braut Sascha Goldberg“ von Anya Ulinich ist ein sehr komisches und außergewöhnliches Debüt, bei dem die Arme zappeln und der Kopf seltsam wackelt. Da kann es durchaus zu schrägen Gedanken kommen. Jasmin Tabatabai wird mir dies sicherlich bestätigen können, denn sie saß als Vorleserin wie ich mittendrin in dem Roman.

Sascha Goldberg ist nicht zu beneiden. Man stelle sich ein molliges, dunkelhäutiges, jüdisches Mädchen in Russland vor. Sie lebt zusammen mit ihrer Mutter in der sibirischen Kleinstadt Asbest 2. Den Vater gibt es noch, nur ist er nach Amerika geflüchtet. Die Mutter hat beschlossen, ihrer Tochter „ein außerschulisches Betätigungsfeld zu beschaffen“, denn „Kinder der Intelligenzija hocken nicht nachmittags zu Hause und frönen der Idiotie.“ Ein Klavier passt nicht in die beiden vollgestopften Zimmer. Also muss als Ersatz eine Geige her. Kaum angeschafft, eröffnen gleich drei Lehrer, dass Sascha kein musisches Talent besitzt. Auch die anderen beiden Alternativen – das Eiskunstlaufen und Ballett – wandern wegen fehlender Voraussetzungen in den Keller. Einzig die Malerei beendet die Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung. Sie führt Sascha schließlich aus ihrer Isolation heraus, und später weg aus Asbest 2.

Sascha erlebt schon in Asbest 2 allerhand merkwürdige Sachen wie die Geschichte mit dem ersten Liebesabenteuer. In einer Baracke auf einer Müllhalde schaut sie zum ersten Mal sehr tief ins Wodkaglas und trifft dort einen Jungen, der sie interessiert. An diesem Ort verliert sie auch ihre Jungfräulichkeit und wird prompt schwanger. Ihre Mutter drängt Sascha nach der Geburt, der Kunstschule trotzdem in Moskau beizutreten. Fast widerwillig steigt sie in den Zug, lässt ihre Tochter und Mutter zurück, und ahnt zu dem Zeitpunkt noch nicht, wo ihre Reise wirklich hingehen wird, viel weiter als nach Moskau.

Anya Ulinich hat in ihrem Debüt die eigenen Lebenserfahrungen literarisch verarbeitet. „Alle Figuren sind erfunden, aber viele von ihnen haben etwas von mir“, sagte die Autorin im Interview, das im beiliegenden Booklet nachzulesen ist. Mit Hinblick auf ihren Lebenslauf gibt es zwei Parallelen zwischen der Autorin und Sascha. Beide lieben die Malerei und verlassen Russland.
Sascha führt es nach Amerika, nachdem sie in Moskau über eine Agentur als „Mailorder-Braut“ an einen Amerikaner vermittelt wird. Doch Saschas eheliche Verpflichtungen ermüden sie relativ schnell. Sie macht kurzen Prozess und haut ab zu einer Freundin. So kommt eins zum anderen. Durch eine russische Emigrantenfamilie findet sie Unterkunft bei einer wohlhabenden Familie, die sich für Juden aus Russland engagieren. Dort reinigt sie die Zimmer und nähert sich dem schwerbehinderten Sohn an. Zwischen beiden entzünden sich in manchen Situationen messerscharfe Dialoge, vor denen ich mich ducke. Einmal kommen sie sich sogar nah, sehr nah. Zum ersten Mal blitzt hier das warme Wort Liebe auf. Aber nicht lange, ich kann es nicht greifen, schon ist Sascha weg, auf nach New York zu ihrem Vater.

Staunend und leicht grinsend folge ich dem russischen Mädchen. Auch wenn sie die Vorteile der anderen Welt zu schätzen weiß, klopft Saschas Herz nach wie vor für die Heimat, nicht zuletzt wegen ihrer Tochter. Sascha verkörpert das Bild einer Auswanderin, die sich wie ein Pendel hin und her bewegt. Neben dieser Zerrissenheit erzählt die Autorin auch von den Hürden, die man als Emigrantin in einem fremden Land auf sich nehmen muss. Wer kann das besser als sie? Hat sie doch selbst anfangs in ärmlichen Verhältnissen gelebt. Das Wort Armut bekommt hier zwei Gesichter, das einer Familie in der ehemaligen Sowjetunion, die nicht viel Geld zur Verfügung hat und das einer Ausländerin in einem fremden Land. Auf dem ersten Blick scheint dies eine traurige Geschichte zu sein, wäre sie vielleicht auch, wenn sie nicht von Anya Ulinich stammen würde. Die Autorin ist kein Kind von Traurigkeit. Ich erlebe viele Schmunzelmomente, oft kleine Nebensächlichkeiten wie die Beschreibung einer Lehrerin: „Die Turnlehrerin war baumlang, trug einen Trainingsanzug und einen Haarschnitt, der verriet, dass sie insgeheim lieber als Igel auf die Welt gekommen wäre.“ Der Roman spielt mit mir, unterhält mich durch den Witz und die Satire, die dazwischen springt und der gewaltigen Fantasie die Tür öffnet. Die Autorin scheut auch nicht davor, die Eigenheiten der Russen und Amerikaner auf die Schippe zu nehmen. Sie macht das äußerst liebenswert komisch, so dass ich nicht anders kann als herzhaft zu lachen.

Manchmal beschleicht mich das Gefühl, als würde ich in einer Rakete sitzen. So schnell rauscht eine komische Begebenheit nach der anderen an mir vorbei, die viele glühende Funken versprüht. Jasmin Tabatabai verleiht mit ihrem tiefen Timbre genau dem richtigen Ton, bringt mir Sascha besonders nah. Genauso gut fühlt sie sich in die anderen Figuren ein und verleiht ihnen die richtige Stimme. Mal ist sie aufbrausend, wird laut, ein anderes Mal streifen mich sanftmütige Züge.

Obwohl Saschas Lage ohne Aufenthaltsgenehmigung zunächst recht prekär ist, lässt sie sich nicht entmutigen, träumt stattdessen von einem besseren Leben und boxt sich durch. Irgendwo flackert die Kerze, ein Stück Hoffnung, dass Sascha ankommen wird und ehrlich gesagt, ahne ich es schon vorm Ende. Zu zielstrebig, zu mutig ist die junge Frau. Ich liebe ihre Sätze, einige so sauer und erfrischend wie der Biss in eine Zitrone, an anderer Stelle wird es sogar ein wenig salzig. Ja, wenn man nicht aufpasst, rollen Gewürzgurken im Kopf, die nur einen Wunsch haben: Den Flug ins All!

Anya Ulinich.
Petropolis: Die große Reise der Mailorder-Braut Sascha Goldberg.
Gelesen von Jasmin Tabatabai.
2008, 5 CDs, ca. 331 Min., 14,99 €.
Der Audio Verlag.

Über die Autorin:

Anya Ulinich wurde 1973 in Moskau geboren. Im Alter von 17 Jahren emigrierte sie mit ihrer Familie nach Amerika. Ihre große Leidenschaft galt zunächst der Malerei, schon mit vier Jahren besuchte Anya Ulinich die Kinder-Kunstschule am Puschkin-Museum für Bildende Kunst. In den USA interessierte sie sich zunehmend für die Kultur- und Klassenstrukturen Amerikas, schrieb sich am Art Institute of Chicago ein und machte ihren Abschluss in Malerei an der University of California. Als sie im Jahr 2000 zusammen mit ihrem Mann und den beiden Kindern nach New York zog, gab die Malerei auf und fing an zu schreiben. Petropolis ist ihr Debüt-Roman, für den sie einen der fünf Preise der National Book Foundation für Autoren unter 35 erhielt. Anya Ulinich lebt in Brooklyn.

Die Stimme der verlorenen Seelen.

Regentropfen verbinde ich immer ein bisschen mit Carson McCullers. Ruhig fallen ihre Geschichten nieder. Unaufgeregt mit einem Hauch Melancholie erzählt sie von den Menschen und ihren Sorgen. Die amerikanische Autorin schenkt vor allem den Ausgestoßenen eine Stimme. Einzelgänger, unglücklich Verliebte und eigenwillige Zeitgenossen bekommen bei McCullers einen Platz. Da öffnet sich mir automatisch das Herz und ich verfange mich in den Schicksalen. Leise sind die Dramen, feine Regentropfen, für die ich den Regenschirm nicht aufspannen will, weil sie eine Zärtlichkeit in sich haben.

Den großen Erfolg hatte die amerikanische Autorin mit „Das Herz ist ein einsamer Jäger“. Sie war gerade 23 Jahre alt, als ihr Debüt erschien und zu einem Welterfolg wurde. Mich konnte es genauso begeistern wie „Die Ballade vom traurigen Café“. Darüber hinaus schrieb Carson McCullers Theaterstücke und Erzählungen. Eine Auswahl der Erzählungen liegt jetzt in dem Hörbuch „Wunderkind“ vor, das Elke Heidenreich vorliest.

Das Hörbuch enthält sieben Geschichten, einige sind länger, andere kürzer, aber alle vereint eins: Sie sind intensiv und bleiben noch lange nach dem letzten Satz im Gedächtnis. Sie erzeugen kleine Spurrillen im Kopf, über die ich immer wieder fahre. Manche sind so einnehmend, dass sie mich sogar in den Schlaf tragen. Draußen ist die Dunkelheit und in mir drinnen ein großes Bild, von dem ich mich nicht verabschieden mag.
Da wäre „Wunderkind“, in dem Carson McCullers ihre gescheiterte Pianistenkarriere literarisch verarbeitet hat. Schon im ersten Abschnitt spüre ich die Unsicherheit des Mädchens, um die sich die Geschichte dreht. Die junge Pianistin ist bei ihrem Klavierlehrer Mr. Bilderbach angekommen und zieht ihre Fäustlinge aus. Kurz erwidert sie Mr. Bilderbachs Willkommensgruß und hört das Gemurmel des anderen Schülers, ehe sich wieder die große Unruhe in ihr ausstreckt und jegliche Gelassenheit wie eine Fliege zerquetscht. „In Gedanken sah sie ihre Finger, die kraftlos in einem Gewirr von Klaviertasten versanken. Sie spürte ihre Müdigkeit und dachte, wenn er sie noch länger ansähe, würden ihre Hände vielleicht zu zittern beginnen.“ Ich ahne, dies sollte keine gewöhnliche Unterrichtsstunde werden und lausche gespannt weiter.

Der Ton in „Madame Zilensky und der König von Finnland“ beginnt zunächst leichter und entlockt mir ein Lächeln über die eigenwilligen Hauptpersonen wie der verschrobene Mr. Brook und die rätselhafte Madame Zilensky mit ihren drei scheuen Söhnen. Mr. Brook erinnert mich die ganze Zeit an einen Maulwurf, der seinen Kopf aus seinem Hügel steckt und sich über die neuen Gesellen verwundert am Kopf kratzt. Irgendwas stimmt nicht. Nur was? Madame Zilensky ist Musikprofessorin und konnte für das Ryder College gewonnen werden. Obwohl alle mit ihrer Arbeit zufrieden, stellt sich bei Mr. Brook ein Unbehagen ein. Und nachdem Madame Zilensky die Geschichte über den König von Finnland erzählt, kommt es zur Explosion in seinem Kopf: „Die Frau war eine pathologische Lügnerin. Fast jedes Wort, das sie außerhalb des Unterrichts äußerte, war eine Unwahrheit.“ Stimmt es wirklich?

Da haben wir sie wieder, eine weitere tragische Figur in der Literaturwelt von Carson McCullers. Einfach entlarven lassen sich die Lügenmärchen von Madame Zilensky nicht, sie streitet alles ab und das Ende bleibt offen. Einen krachenden Showdown sucht man bei Carson McCullers vergeblich, vielmehr bleibt es ruhig, still in sich gekehrt. Die Protagonisten sind isoliert, bewegen sich in ihrem eigenen Vakuum und schwimmen in ihrer Tragik. Manche sinken ganz tief ins dunkle Meer, andere halten sich an einer Boje fest und finden nach oben. Es ist das Menschliche, was McCullers eindrucksvoll nach draußen zieht. Die Lebensschicksale greifen um sich und bewegen mich. Ich möchte in die Geschichten steigen, meine Hand ausstrecken, leise flüstern, dass das Unglück irgendwann müde wird und verschwindet.

Jede Erzählung steht für sich und verdient einen besonderen Platz, doch auf alle einzugehen, würde den Rahmen meiner Besprechung sprengen. Außerdem möchte ich nicht alles verraten und euch den Schlüssel überreichen, damit ihr selbst die Tür in die Welt von Carson McCullers aufschließen könnt. Vielleicht ergeht es euch wie mir, wenn ihr „Wer hat den Wind gesehen?“ hört. Ein Fieber befiel mich, nachdem ich die tragische Geschichte von Ken Harris gehört hatte. Mein Atem wurde ganz flach, die Augen feucht. Voller Mitgefühl ließ mich Carson McCullers zurück, als sie mit den Worten endete: „Kens Weg war so wenig vorauszusehen wie der des unsichtbaren Windes, er dachte nur an seine Fußstapfen und an die Strecke, die vor ihm lag.“

Elke Heidenreich spricht aufrecht, ich stelle sie mir wie eine kerzengerade Linie vor, ja, sie ist eine Kerze, die Licht in die dunklen Geschichten bringt. Ihre Stimme bleibt ruhig, flattert manchmal wie ein Vögelchen in mein Ohr, dass ich kurz aufschrecke oder lächle. Sie haucht den Erzählungen Leben ein und bewahrt trotzdem die Ruhe, die von den Geschichten ausgeht. So bleibt jede Geschichte in ihrer Einzigartigkeit verankert.

Carson McCullers ist eine bedeutende Schriftstellerin, für mich eine der größten, vor der ich mich mit Achtung verneige. Viel zu jung musste sie mit gesundheitlichen Schicksalsschlägen kämpfen, dennoch schrieb sie weiter und hat ein Denkmal in der amerikanischen Literatur gesetzt, das bis heute unvergesslich bleibt und dem ich heute hier eine Stimme geben möchte.

Carson McCullers.
Wunderkind: Die schönsten Erzählungen.
Gelesen von Elke Heidenreich.
4 CD, 222 Min, 26,90 €.
Diogenes Verlag.

Literatur im Radio, Teil 2.

Nein, es ist nicht das, wonach es aussieht. Nun weiß ich zwar nicht, was euch durch den Kopf geht, aber ich dachte beim ersten Anblick an einen modernen Comic, als ich das Monatsprogrammheft des Deutschlandradios aus dem Briefkasten zog. Ich war nicht nur überrascht, sondern entzückt über dieses quietschbunte Vergnügen, so dass ich es mit euch teilen wollte.

Was verbirgt sich hinter diesem Bild? Die Antwort dazu liefert der Redakteur Kommunikation, Dr. Helmut Buchholz, im Editorial: „Alljährlich im Oktober, dem Monat der Frankfurter Buchmesse, erscheint das Monatsprogrammheft des Deutschlandradios mit einer besonderen Umhüllung, gestaltet von einem deutschen Künstler der Gegenwart.“ Das diesjährige bunte Treiben hat die Berliner Illustratorin Franziska Schaum geschaffen. Es handelt sich hierbei um eine weniger bekannten Sportart: dem Synchron-Kofferradio-Schwingen. Das mag ein wenig außergewöhnlich klingen, aber so ist das eben mit der Kunst. Die Illustratorin hat mir jedenfalls ein Lächeln aufs Gesicht gemalt und mich auf ihre Internetseite www.schaum.tv gelockt.

Wie bereits im Juli berichtet, habe ich dieses Jahr das Radio für mich wiederentdeckt. Besonders begeistert bin ich über die Literaturbeiträge beim Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur. Deshalb bin ich dort gern mit meinen Ohren zu Gast und berichte heute auch von meiner anderen Literaturspielwiese.

Mittlerweile bin ich glückliche Abonnentin des Monatsprogrammheftes, auf das mich Jennifer in ihrem Kommentar unter meinem Beitrag „Literatur im Radio“ aufmerksam gemacht hat. Jeden Monat flattert jetzt das Heft kostenlos zu mir nach Hause und ich suche mir in aller Ruhe Sendungen aus, die mich interessieren. Natürlich sind mir die Beiträge aus der Bücherwelt die liebsten. Besonders hervorheben möchte ich an der Stelle die Literatursendungen „Lesezeit“ und „Büchermarkt“. Jeden Mittwochabend läuft im Deutschlandfunk um 20:30 Uhr die Lesezeit, freitags um 16:10 Uhr erfreut mich „Büchermarkt“, jedem letzten Samstag im Monat strahlt der Deutschlandfunk von 20:05 bis 22:00 Uhr „Studio LCB“ aus.

Jetzt noch einmal zurück zum bunten Programmheft. Bereits auf Seite 2 stoße ich auf ein Buchmesse Frankfurt 2011 Spezial. Zahlreiche Beiträge widmen sich dem Thema, so entführen beide Sender am 8. Oktober mit „Eine lange Nacht“ in die isländische Literatur. Die Sendung „Büchermarkt“ stellt am 10. Oktober nochmals die Kandidaten des Deutschen Buchpreises 2011. Weiterhin wird es viele Berichte von der Buchmesse geben.

Weshalb ich die beiden Sender ebenfalls schätze, sind die Hörspiele. Auch im Oktober sind interessante Stücke dabei. Für alle Literaturlauscher habe ich eine kleine persönliche Highlight-Liste zusammengestellt, wobei ich den jeweiligen Sender in Klammern gesetzt habe.

Krimifans sollten sich schon den 10. Oktober im Kalender vormerken. Dann wird um 21.33 Uhr „Die Chamissofalle“ von Joy Markert gesendet. Hier könnt ihr schon mal reinhören. (Deutschlandradio Kultur)

„Das böse Spielzeug“ nach dem Roman von Roberto Arlt gibt es am 12. Oktober um 21:33 Uhr in Hörspielform. (Deutschlandradio Kultur)

Klassikerfreunde kommen am 16. Oktober auf ihre Kosten, dann wird um 18:30 Uhr „Der zerbrochene Krug“ von Heinrich von Kleist gesendet. (Deutschlandradio Kultur)

Alle Klaus Kinski-Fans aufgepasst: Am 18. Oktober gibt es um 20:10 Uhr „Um mich herum ist es dunkel – und in mir wächst das Licht“, ein Hörspiel von Michael Farin und Peter Geyer mit Verwendung von Zitaten von Klaus Kinski. (Deutschlandfunk)

Zum Schluss habe ich noch einen wichtigen Hinweis für euch:

Unter dem Motto „Radio hören. Jetzt. Oder wenn Sie Zeit haben“ bieten beide Sender einen wunderbaren Service an: So können wir auch im Nachhinein unter Audio on Demand im Internet Beiträge nachhören. Das finde ich wirklich eine schöne Idee! Eine Idee, die euch hoffentlich genauso begeistert wie mich.

Weltliteratur großartig vorgelesen!

Lange schon wollte ich dieses Stück Weltliteratur lesen. Zu viele Menschen vor mir haben „Der große Gatsby“ bereits in den Himmel gelobt und mich neugierig gemacht. Warum ich so lange gewartet habe? Weiß ich nicht, es ergab sich nie wirklich. Zum Glück! sage ich heute, denn der Wink des Schicksals hatte für mich etwas Besonderes vorgesehen. „Der große Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald sollte mir vorgelesen werden und der Schauspieler Burghart Klaußner macht den Klassiker zu einem einzigartigen Hörgenuss.

Zum Inhalt: Der Ich-Erzähler Nick Carraway lebt in Long Island Tür an Tür mit Jay Gatsby, ein Mann, der es in jungen Jahren zu Geld gebracht hat und dies der Welt gern zeigt, indem er zu ausschweifenden, schillernden Partys in sein Anwesen einlädt. Zu so einer stößt Nick eines Abends, taucht in eine ihm bis dahin ungekannte Welt voll Glanz und Gloria, die ihn anfangs befremdet:

„Nur dort im Garten konnte man als einzelner Mann mit Anstand verweilen, ohne sich allzu dumm und verloren zu fühlen.“

Bevor er sich aus Verlegenheit betrinkt, entdeckt Nick eine Bekannte und saust wenig später mit ihr direkt ins glamouröse Treiben, bei dem er auf ungewöhnliche Weise die Bekanntschaft mit Gatsby macht.

Es sind die Roaring Twenties, die dem Werk etwas sehr Glanzvolles verleihen. Von Armut fehlt jegliche Spur, es sind Reichtum und Unbeschwertheit, die sich um die Protagonisten reihen. Auf Partys suchen sie im aufregenden New York ein wenig Zerstreuung oder halten sich an prickelnden Cocktails fest, während die Eiswürfel klingeln und für Momente die Gedanken in den Köpfen übertönen.

Auch wenn es zunächst so scheint, steht hier nicht ein unbeschwertes Partyleben im Mittelpunkt, viel mehr sind es die Beziehungen untereinander, manche brüchig, andere schwebend, die das Werk für mich zu einem besonderen Erlebnis gemacht haben. Ich denke vorrangig an Gatsby, die Lichtgestalt für die ihn viele oberflächlich sehen. Beim genauen Betrachten ist er eigentlich der Schatten seiner selbst und sucht verzweifelt nach der eigenen Vergangenheit. Gatsby will die große Liebe zurück, die er nicht vergessen kann und hält standhaft dran fest, obwohl ihm Nick – der mittlerweile mehr als nur ein Nachbar für ihn ist – klar zu verstehen gibt, dass man im Leben nichts zurückdrehen kann.

Überrascht hat mich Fitzgeralds Sprache, die eine wunderschöne poetische Note trägt. Seine Beschreibungen holen mir Bilder vor die Augen und begeistern mich durch ihre Sanftmut, die ich so nicht erwartet habe. Wie ein Don Juan der Sprache hat er mich an vielen Stellen verführt, dass ich an einigen Passagen auf die Stopptaste drücken musste, um den eben gehörten Abschnitt ganz genießen zu können. Stellt euch eine köstliche Schokolade vor, die auf der Zunge langsam zergeht. Genau so ist es mir mit Fitzgeralds weicher Sprache ergangen, die in wenigen Sätzen auch eine Atmosphäre schafft, bei der es knistert oder mich ein Frösteln streift. Ich denke da an Momente wie diesen:

„Noch einmal blickte ich zurück. Im Garten, der noch von der Hitze nachglühte, war das Lachen verklungen, und der Mond, der alles überdauert hatte, machte die Sommernacht wieder still und klar und stand jetzt wie eine große Oblate über Gatsbys Haus. Den geöffneten Fenstern und Türen schien eine plötzliche Leere zu entströmen, in der sich, nunmehr völlig isoliert, die Gestalt des Hausherrn abzeichnete, der auf der Veranda stand, die Hand zu einer förmlichen Abschiedsgeste.“

Burghart Klaußner spürt den Zauber solcher Augenblicke perfekt auf, verwandelt sie zu zarten Blumenblättern und schenkt dem Roman damit eine enorme Lebendigkeit, zu den Augen niemals im Stande sein können. Er setzt Pausen an den richtigen Stellen und räumt selbst Kommas einen Platz ein, die ich wahrscheinlich einfach überlesen hätte. Man könnte glatt meinen, F. Scott Fitzgerald und Burghart Klaußner hätten sich vorher abgestimmt, so harmonisch begegnen sich der Text und das Vorgelesene. Bei dieser Qualität wundert es auch nicht, dass Burghart Klaußner dieses Jahr den „Deutschen Hörbuchpreis“ in der Kategorie „Bester Interpret“ erhalten hat. Eine verdiente Auszeichnung für den Sprecher, der mit seiner Leistung aus diesem Klassiker ein außergewöhnliches Erlebnis gemacht hat, das noch lange nachwirkt.

F. Scott Fitzgerald.
Der große Gatsby.
Vorgelesen von Burghart Klaußner.
05 Std. 42 Min, 13,95 €.
audible.de

Übermut tut mit Kurt Tucholsky gut!

Was für eine zauberhafte Sommergeschichte ist das! Ich habe „Schloß Gripsholm“ genossen, wurde betrunken vor Entzücken und habe dabei kleine Pirouetten gedreht. Mit anderen Worten: Kurt Tucholsky macht übermütig und weckt den schlafenden Schelm.

Wieder einmal freue ich mich darüber, dass ich einen Roman gehört habe. Das ist auch Heike Makatsch zu verdanken, die beim Lesen in die Rolle des Ich-Erzählers Peter geschlüpft ist. Moment mal! Eine Frau, die als Mann vorliest? Oh ja, das funktioniert. Das tiefe Timbre der Stimme passt geradezu perfekt! Makatsch geht in ihrer Rolle auf und verwandelt sich ganz in Peter oder „Daddy“ wie ihn seine Liebste zärtlich nennt. Er wiederum spricht von seiner „Prinzessin“, wenn er von Lydia redet. Die „Prinzessin“ stammt aus Rostock und beherrscht das Missingsch. „Missingsch ist das, was herauskommt, wenn ein Plattdeutscher hochdeutsch sprechen will. Er krabbelt auf der glatt gebohnerten Treppe der deutschen Grammatik empor und rutscht alle Nase lang wieder in sein geliebtes Platt zurück.“ Platt lesen und Platt hören sind zwei große Unterschiede. Das wird mir dann bewusst, sobald Heike Makatsch ins Platt wechselt und ich laut lache. Breite Buchstaben, die sich in die Länge dehnen und dem Witz Einlass gewähren, muss man einfach hören.

Lydia und Peter reisen für fünf Wochen nach Schweden. Dort mieten sie sich im Schloss „Gripsholm“ ein Zimmer. Zwischendurch bekommen sie der Reihe nach Besuch von Freunden. Karlchen und Billie sind genauso wie die beiden: Übermütig und gut gelaunt. Das Pärchen erlebt – ob mit den Gästen oder in trauter Zweisamkeit – die Sommerfrische so wie man es sich vorstellt: Unbeschwert und glücklich. Die Stimmung fasst der Autor wunderbar in Worte:

„Der Wald rauscht, der Wind zieht oben durch die Wipfel und ein ganz feiner Geruch steigt vom Boden auf, ein wenig säuerlich und frisch moosig und etwas Harz ist dabei.“

Das ist der eine Tucholsky, der genaue Beobachter und Nachdenkliche. Der andere ist der Schelm, der ein großes Vergnügen daran hat, unterhaltsamen Witz über seine Sätze zu streuen. Besonders erfreut habe ich mich an den Dialogen. Sie sind herrlich erfrischend, gepaart mit frechen Neckereien und süßer Liebe. Meine Augen hätten sicherlich nicht so oft zurückgespult wie meine Ohren, bzw. meine Hände im Auftrag der Ohren. Heike Makatsch spricht meisterhaft, passt sich an die jeweilige Situation an, wechselt von Peters Gedanken zum Gespräch mit seiner Liebsten, spricht hochdeutsch oder platt und macht auch mal einen – Hicks – Schluckauf.

Kurt Tucholsky belässt es aber nicht nur bei der Liebesgeschichte und setzt noch ein dunkles Element, bei dem die Erzählperspektive wechselt. Die Sonne zieht sich zurück, ein Gewitter kommt auf und ich sitze neben einem weinenden Mädchen. Ada lebt in einem naheliegenden Mädcheninternat, das mehr an ein Horrorkabinett erinnert. Die Leiterin ist eine garstige Hexe, die ihre Schützlinge in Angst und Schrecken versetzt. Für kurze Zeit vergesse ich die Leichtigkeit und folge mit Entsetzen den gruseligen Begebenheiten. Gott sei Dank bin ich nicht die Einzige, denn Lydia und Peter… nein, hier sollte ich nun besser aufhören und euch das Stück in die Ohren legen. Mit einem Schmunzeln dazu, das euch zum Tanz der Übermut einlädt.

Kurt Tucholsky.
Schloß Gripsholm.
Vorgelesen von Heike Makatsch.
04 Std. 18 Min., 17,95 €.
audible.de

Die Entdeckung der Langsamkeit.

Ich habe ziemlich lange für das Hörbuch gebraucht. Es sprengte meinen Zeitrahmen. Dennoch habe ich mich in das Langsame gefügt und es zu eigenem Erstaunen genossen. „Tauben fliegen auf“ ist kein schnelles Hörbuch, viel mehr eine Vorspeise für den Sonntag oder ein Dessert nach dem Abendbrot, denn für Zwischendurch ist es zu gehaltvoll.

Die Autorin liest es selbst. Und ich behaupte einfach mal: Keiner kann es besser als Melinda Nadj Abonji. Ihre Stimme hat etwas sehr Beruhigendes, das sich wie ein warmer Pulli um den Körper schmiegt. Sie liest ihren Roman vor als wäre es ein langes Gedicht mit rhythmischen Klängen. Beinah singt sie ihr eigenes Stück wehmütig, hoffnungsvoll und erfrischend.

Anfangs verwirrten mich die vielen Unds, aber mit der Zeit gehörten sie dazu wie die Nase zum Gesicht. Die Autorin erzählt eine Geschichte über das Fremdsein, den Aufbau einer Existenz, Abschied, Krieg, Heimweh und über die große Kraft der Familie. Die Ich-Erzählerin, Ildiko, ist mit ihrer ungarischen Familie aus Serbien in die Schweiz ausgewandert. Erstaunlich ist der Weg, den die Familie im Ausland auf sich nehmen musste. Zunächst betrieben die Eltern eine Wäscherei, schlugen sich durch und wurden am Ende für ihren Fleiß belohnt: Sie übernehmen eine Cafeteria, mit der sich die Familie noch ein Stückchen mehr im Dorf etabliert.

Ildiko und Nomi waren sehr jung, als sie in das fremde Land kamen. Noch nach Jahren fühlen sich dort nicht ganz heimisch, ein bisschen wie Aussätzige, die nach Halt und Geborgenheit suchen. Vielleicht ist es genau das, was die Schwestern so verbindet. Es ist ein festes Band, was beide zusammenhält, eine besondere Beziehung, die kaum Grenzen kennt. Gleichzeitig finde ich mich in Ildiko wieder, eine junge, eigenwillige Frau mit Gedanken, die nicht immer mit denen der Eltern übereinstimmen.

Ildiko begibt sich in ihren Erzählungen oft in die Heimat, nimmt mich mit auf eine Zeitreise, zur Großmutter, die sie liebevoll Mamika nennt, Mamika, die Geschichten über den Großvater erzählt oder die Familienfeste, bei denen alle Verwandten zusammenkommen. Nach Hause reist die ausgewanderte Familie in regelmäßigen Abständen, rutscht manchmal in Konflikte hinein und bringt kleine Geschenke mit, die es im Osten damals nicht gab. In alldem genießt Ildiko die speziellen Köstlichkeiten, die nur in der Vojvodina auf dem Herd köcheln, wie die Taubensuppe.

Der Krieg am Balkan nimmt ebenfalls Raum in dem Roman ein. Es ist bedrückend und manchmal schnürte mir die hässliche Fratze der Brutalität die Luft im Hals ab. Ich wedelte mit den Händen und war froh, dass ich das Hörbuch in meinem Kämmerlein gehört habe und nicht unter Menschen.

Melinda Nadj Abonji schreibt authentisch, sensibel und poetisch über eine enorme Vielfalt an Themen, die jedoch nicht erschlagen, weil sie zum Leben gehören. Damit vermittelt sie auch das Leben einer Auswanderfamilie, mit allen Kämpfen und Entbehrungen.
Die Autorin liest ihr Werk genauso vor, keine Schönwäscherei. Betäubend, interessiert und nachdenklich folgte ich der Erzählerin. Egal, wann ich wieder in das Hörstück stieß, ich brauchte keine Erklärung, musste nicht zurückspulen. Das Erzählte lag noch in meiner Hörmuschel, so einprägsam sind die Sätze. Ich musste keine Wand durchbrechen und saß Ildiko gegenüber.

„Tauben fliegen auf“ ist kein Hörbuch für eine Autofahrt, eher für den Zug, wenn der Kopf sich ganz den Worten zuwendet. Spannend und mitreißend trifft es auch nicht, eher schleichend und einnehmend. Dies ist langsame Literatur, der man Zeit einräumen sollte. Wer sich dafür öffnet, wird belohnt, auf eine ungewöhnliche Weise, die ihr eigenes Echo hat.

Melinda Nadj Abonji.
Tauben fliegen auf.
Vorgelesen von Melinda Nadj Abonji.
07 Std. 13 Min., 17,95 €
audible.de