Als ich an einem Nachmittag im September den 100%igen „Mister Aufziehvogel“ sah.

Unsere sonntägliche Begegnung war vollkommen unerwartet, wie ein Luftzug, der gern mal an der Ecke auf einen lauert und die Haare durcheinander wirbelt. Ehe man sich versieht, ist es geschehen. So auch mit „Mister Aufziehvogel“ und mir. Da lag er vor mir, war umgeben von vielen anderen Büchern und wartete auf einen neuen Besitzer. Ich nahm ihn in die Hand und freute mich darüber, wie gut erhalten er war. Ganz entzückt griff ich nach meiner Kamera und hielt diese zauberhafte Begegnung lächelnd fest. Wie schön er doch aussah! Noch nach vielen Jahren kann ich mich an dem Cover einfach nicht satt sehen, es ist ein buntes Regenbogenwunder. Gut, ich weiß auch, was mich dahinter erwartet, aber auch ohne das Wissen verführt er mich immer wieder.

„Mister Aufziehvogel“ und ich. Ja, wir haben schon eine sehr besondere Beziehung. Immerhin war es der erste Roman von Haruki Murakami, den ich mit Anfang Zwanzig gelesen habe. Er war viel mehr als ein schräger japanischer Autor, er war eine Bombe, die meinen Geist zur Explosion brachte und gleichzeitig mein Herz auf wundersame Weise berührte. Seine Sprache hüllte mich ein und raubte mir den Verstand, obwohl man auch den Kopf braucht, um sich in Murakamis Welt fortbewegen zu können. Was für ein Gegensatz! Aber so ist das bei Murakami, in seinen Büchern lösen sich alle Gesetze und Formeln in Luft auf, aus einer festen Wirklichkeit wird eine schwimmende fantastische Welt der großen Wunder.

Im Nachhinein bereue ich schon ein bisschen, dass ich den Roman mit so jungen Jahren gelesen habe, heute würde ich ihn anders lesen und aufnehmen, noch mehr aus ihm herausziehen. Damals gab es gerade einen Bruch in meinem Leseverhalten. Aus Trivialen wurde Tiefes, das ich mit meiner Schwimmbrille entdecken wollte. Damals begann ich viel mehr in Büchern zu suchen als nur bloße Unterhaltung. Die Literatur sollte von da an brodeln, mich gegen die Wand schleudern und Antworten auf meine zahlreichen Fragen geben. Ich wollte aufwachen und die Erkenntnis mit jeder Seite aufsaugen. Genau in diesem Prozess machte ich die Bekanntschaft mit „Mister Aufziehvogel“. Wie ich ihn entdeckt habe? Durch Kazuo Ishiguro. Ich hatte gerade wehmütig „Als wir Waisen waren“ beendet, war begeistert von dieser Literatur und PLONG schon schritt das Buch als Empfehlung des Verlages in meinen Blickwinkel. Als ich „Mister Aufziehvogel“ in den Händen hielt, wusste ich noch nicht was danach alles passieren würde.

Viel hat sich seitdem ereignet. Nach dem Buch folgten alle Haruki Murakami-Titel, die ich gelesen habe. Darüber hinaus wuchs die Faszination für andere japanische Autoren wie Banana Yoshimoto und für das Land der aufgehenden Sonne. Und ganz ehrlich, ohne „Mister Aufziehvogel“ würde ich jetzt den Blog nicht füllen. Ja, „Mister Aufziehvogel“ und ich haben schon eine besondere Beziehung, auf immer für die Ewigkeit.

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12 Gedanken zu “Als ich an einem Nachmittag im September den 100%igen „Mister Aufziehvogel“ sah.

  1. Welchen Roman zum Einsteigen würdest du mir von Murakami ans Herz legen? Ich gestehe, dass ich von ihm noch nie ein Buch gelesen habe. Mir sticht der Autor überall in die Augen und ich bin allmählich neugierig.

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    1. Das ist eine schwierige Frage, bei der ich noch mal in mich gehen muss. Vielleicht nehme ich die Frage sogar zum Blog „Reading Murakami“ mit und stelle das einfach zur Diskussion. Murakamis Bücher sind unwahrscheinlich vielfältig, teilweise sehr unterschiedlich. „Naokos Lächeln“ oder „Gefährliche Geliebte“ könnte ich mir da zum Einstieg gut vorstellen. Wenn dir bei letzterem der Abschnitt auf Seite 20 („Das Gefühl, ihre Hand…“) gefällt, dann könnte es sein, dass ihr zwei schöne Stunden zusammen haben werdet. : )

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    1. Ähm, da muss ich passen. Das Buch hat mich gar nicht so gereizt, aber schön, dass du nachfragst. Wirklich sehr aufmerksam! ; )

      Ja, das ist einerseits seltsam. Andererseits bietet das auch die Möglichkeit, dass man mit wenig Geld zu Büchern kommt, an die man sich sonst nicht herangetraut hätte, weil sie fürs Ausprobieren zu teuer gewesen wären. Und wer weiß: Vielleicht gibt es jetzt einen weiteren Haruki Murakami-Fan mehr?

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  2. @ buechermaniac
    Ich kann mich dem Tipp der Klappentexterin nur anschliessen. Ich hatte vor einigen Monaten die gleiche Frage und „Naokos Lächeln“ wurde mir damals von ihr auch wärmstens empfohlen. Die Lektüre hat sich auf jeden Fall gelohnt – ich war begeistert.

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    1. Danke für deine Bestätigung, liebe Bücherliebhaberin! Mich freut es natürlich sehr, dass dir „Naokos Lächeln“ gefallen hat. Hast du schon andere Bücher von Haruki Murakami gelesen oder ist es bisher bei dem einen geblieben?

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  3. „Gefährliche Geliebte“ war mein erstes Buch und ich war nicht wirklich angetan. Aus diesem Grund habe ich sehr lange gewartet, ehe ich wieder ein Buch von Murakami in die Hand genommen habe. Aber dank deiner und Friederikes Empfehlung bin ich mit ihm wieder warm geworden 😉

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  4. Dann werde ich mich auch an „Naokos Lächeln“ wagen. Ich meine, mich zu erinnern, dass „Gefährliche Geliebte“ einmal ein Lesezirkel-Mitglied vorgeschlagen hat, aber wir haben uns nicht für jenes Buch entschieden.

    Ich werden mich auf jeden Fall wieder melden. Vielen Dank für eure Tipps.

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