Archiv der Kategorie: Reading Murakami

Das große Warten hat ein Ende.

Als der dritte Band von „1Q84“ erschien, stand wieder ein leuchtender Mond am Himmel. War dies purer Zufall oder gar ein Zeichen? Ich fand die Tatsache kosmisch genug, um geheimnisvoll vor mich hin zu lächeln und riss den Umschlag auf. Um mich herum verstummte die Welt, ich stand mit zitternden Händen in der Postfiliale, hielt den leuchtend grünen Silberbarren fest, war glücklich und gierig auf die Fortsetzung, die den Abschluss der murakamischen Trilogie geben sollte.

Als Erstes treffe ich auf Herrn Ushikawa, die Schattengestalt aus dem zweiten Buch von „1Q84“. War Herr Ushikawa bislang eine Nebenfigur, steigt er nun direkt in die Kampfarena. Jetzt sitzt der großköpfige Mann mit den beiden Leibwächtern des Leaders zusammen und wird mächtig in die Mangel genommen. „Diese Typen können einen ganz schön in die Enge treiben, dachte Ushikawa.“ Ungeduldig pochen sie auf seine Ermittlungsergebnisse, die darauf schließen lassen, dass Aomame den Leader umgebracht hat. Jetzt solle er die Wahrheit herausfinden, Hintergründe zu der Tat liefern und Tengos Rolle in der ganzen Sache durchleuchten. Mit den ungemütlichen Drohungen der Leibwächter im Nacken setzt er seine Nachforschungen fort.

Der zweite Erzählstrang führt zu Tengo, der in der Stadt der Katzen weilt und seinen Vater im Sanatorium besucht. Er nimmt extra Urlaub und lässt Fukaeri allein in seiner Wohnung zurück. Was keiner weiß, sein Aufenthalt gilt vorrangig der Puppe aus Luft, die er einst nach Sonnenuntergang auf dem Bett des Vaters gesehen hat. Seitdem hat Tengo das Schauspiel jedoch nicht mehr zu Gesicht bekommen, doch die Hoffnung sitzt fest verankert auf seiner Schulter. Demütig gibt sich Tengo seinem Schicksal hin und taucht in das stille Warten während in seinem Herzen die Sehnsucht nach Aomame unaufhörlich hin und her flackert.

Was Tengo nicht weiß, Aomame ist ganz in der Nähe von seiner Wohnung, hält sich dort versteckt und hat den gegenüberliegenden Park im Visier. Auch sie trägt eine Hoffnung in sich, Tengo endlich wiederzusehen. Ihre Tage sind von einer Stille umgeben, die sie bald mit einem regelmäßigen Ablauf füllt. Sportübungen gehören genauso dazu wie die Lektüre von Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Die Tage plätschern wie feiner Nieselregen vor sich hin, einzig ein NHK-Mitarbeiter mischt aufdringlich dazwischen und vertreibt damit die zarte Ruhe.

Das dritte Buch hat einen ganz anderen Spannungsbogen als die beiden Vorgänger, die in Deutschland vor einem Jahr zusammen in einem Band erschienen sind. Herrschte noch in Buch 1 und 2 ein starker Orkan, weht im Buch 3 ein lauer Wind. Das verwundert nicht, denn die Protagonisten sind genauso vertraut wie der Kern der Geschichte. Hier stehen immer noch zwei Liebende, die sich seit der Kindheit tief verbunden fühlen und sich endlich wiederfinden wollen. Diese Tatsache mag vielleicht abwegig klingen, aber fest greifbar ist bei Haruki Murakami einiges nicht, viel mehr verschwimmen bei ihm die Grenzen zwischen Realität und Traum. Der japanische Autor hat mit „1Q84“ eine kosmische Liebesgeschichte geschaffen, die einen stillen Raum füllt und auf eine besondere Weise lebendig macht.

Im dritten Band tickt die Uhr anders, der Autor verbringt viel Zeit mit Umschreibungen und Wiederholungen. Das hat ihn einigen Lesern negative Kritik beschert. Es fielen Worte wie langatmig, schleppend und langweilig. Dem kann ich nicht zustimmen. In keiner Minute hatte ich Ermüdungserscheinungen oder den Wunsch, Seiten zu überfliegen. Gerade im letzten Drittel konnte er mich einfangen und hat mich durch einen Strohhalm aus meiner Umwelt förmlich herausgezogen. Auf den über fünfhundert Seiten beweist der japanische Autor erneut, dass er ein meisterhafter Erzähler ist, der mich überrascht. Hoho! Ja, da waren plötzlich wieder die Little People, die in einem Gespräch aus dem Nichts auftauchten und sich den Lesern ins Gedächtnis riefen. Hoho! Solche Überraschungen sind brillant und unvergesslich.

Obwohl Murakamis Erzählstil sehr schlicht gehalten und von einer Kälte umgeben ist, erzeugt er eine eigene Spannung, die sich nicht mit den beiden ersten Bänden vergleichen lässt. Der japanische Autor schafft aus Belanglosigkeiten aufregende Momente und stupst mich wie ein Kater an. Er webt wieder mystische Komponenten ein, verwischt die Realität mit fantastischer Farbe und tunkt damit den Kopf in eine klebrige Masse, dass selbst nach dem Schluss offene Fragen umherschwirren wie feine Pollen. Ungewöhnlich klar und einfach hingegen ist das Ende, einerseits. Andererseits frage ich mich, muss ein Autor stets im gleichen Schema seine Geschichten enden lassen? Wohl kaum. Deshalb schließe ich den dritten Band mit einem Lächeln. Das große Warten hat jetzt für alle Beteiligten ein Ende.

Haruki Murakami.
1Q84. Buch 3.
Oktober 2011, 578 Seiten, 24,- €.
DuMont Buchverlag.

Als ich an einem Nachmittag im September den 100%igen „Mister Aufziehvogel“ sah.

Unsere sonntägliche Begegnung war vollkommen unerwartet, wie ein Luftzug, der gern mal an der Ecke auf einen lauert und die Haare durcheinander wirbelt. Ehe man sich versieht, ist es geschehen. So auch mit „Mister Aufziehvogel“ und mir. Da lag er vor mir, war umgeben von vielen anderen Büchern und wartete auf einen neuen Besitzer. Ich nahm ihn in die Hand und freute mich darüber, wie gut erhalten er war. Ganz entzückt griff ich nach meiner Kamera und hielt diese zauberhafte Begegnung lächelnd fest. Wie schön er doch aussah! Noch nach vielen Jahren kann ich mich an dem Cover einfach nicht satt sehen, es ist ein buntes Regenbogenwunder. Gut, ich weiß auch, was mich dahinter erwartet, aber auch ohne das Wissen verführt er mich immer wieder.

„Mister Aufziehvogel“ und ich. Ja, wir haben schon eine sehr besondere Beziehung. Immerhin war es der erste Roman von Haruki Murakami, den ich mit Anfang Zwanzig gelesen habe. Er war viel mehr als ein schräger japanischer Autor, er war eine Bombe, die meinen Geist zur Explosion brachte und gleichzeitig mein Herz auf wundersame Weise berührte. Seine Sprache hüllte mich ein und raubte mir den Verstand, obwohl man auch den Kopf braucht, um sich in Murakamis Welt fortbewegen zu können. Was für ein Gegensatz! Aber so ist das bei Murakami, in seinen Büchern lösen sich alle Gesetze und Formeln in Luft auf, aus einer festen Wirklichkeit wird eine schwimmende fantastische Welt der großen Wunder.

Im Nachhinein bereue ich schon ein bisschen, dass ich den Roman mit so jungen Jahren gelesen habe, heute würde ich ihn anders lesen und aufnehmen, noch mehr aus ihm herausziehen. Damals gab es gerade einen Bruch in meinem Leseverhalten. Aus Trivialen wurde Tiefes, das ich mit meiner Schwimmbrille entdecken wollte. Damals begann ich viel mehr in Büchern zu suchen als nur bloße Unterhaltung. Die Literatur sollte von da an brodeln, mich gegen die Wand schleudern und Antworten auf meine zahlreichen Fragen geben. Ich wollte aufwachen und die Erkenntnis mit jeder Seite aufsaugen. Genau in diesem Prozess machte ich die Bekanntschaft mit „Mister Aufziehvogel“. Wie ich ihn entdeckt habe? Durch Kazuo Ishiguro. Ich hatte gerade wehmütig „Als wir Waisen waren“ beendet, war begeistert von dieser Literatur und PLONG schon schritt das Buch als Empfehlung des Verlages in meinen Blickwinkel. Als ich „Mister Aufziehvogel“ in den Händen hielt, wusste ich noch nicht was danach alles passieren würde.

Viel hat sich seitdem ereignet. Nach dem Buch folgten alle Haruki Murakami-Titel, die ich gelesen habe. Darüber hinaus wuchs die Faszination für andere japanische Autoren wie Banana Yoshimoto und für das Land der aufgehenden Sonne. Und ganz ehrlich, ohne „Mister Aufziehvogel“ würde ich jetzt den Blog nicht füllen. Ja, „Mister Aufziehvogel“ und ich haben schon eine besondere Beziehung, auf immer für die Ewigkeit.

Ein Buch für alle Nachtschwärmer und Schlaflosen dieser Welt.

Wir stellen uns eine leidenschaftliche Haruki Murakami-Leserin vor, die viel zu lange damit gewartet hat, „Afterdark“ zu lesen. Warum sie es getan hat? Nun, Gründe gibt es einige. Wir wollen nicht alle aufzählen, aber zumindest zwei, damit die Leser nicht fragend zurückbleiben. Da wäre einmal der Wunsch, noch eine kleine Konserve für große Murakami-Sehnsüchte auf Vorrat zu haben. Dazu gesellt sich eine Distanz am Anfang des Buches, die für die Leserin was Abweisendes hatte. Zoomen wir uns also näher in den Kopf der jungen Frau, die „Afterdark“ gelesen und für sich entdeckt hat.

Es ist exakt vier Minuten vor Mitternacht, als die Geschichte mitten in einer Großstadt beginnt. Zunächst befinden wir uns hoch hoben in der Luft und beobachten das Schauspiel mit den Augen des Autors, der das nächtliche Treiben mit einem riesigen Lebewesen vergleicht. Ganz in typischer Haruki Murakami-Manier brennen sich der Leserin Sätze aus dem Buch direkt in die Netzhaut, bei denen sie Funken sprüht. „Ein gemeinsamer Pulsschlag durchpocht den ganzen Körper, überall blinkt es, erhitzt und windet sich. Es ist kurz vor Mitternacht, und der Höhepunkt seiner Aktivität ist überschritten, doch der allem zugrunde liegende, lebenserhaltende Stoffwechsel arbeitet unvermindert weiter.“

Danach wendet sich der Blick der Wir-Erzähler auf einen kleinen Punkt, einem Bezirk, „den man als belebt bezeichnen könnte.“ Die Landung erfolgt wenige Sekunden später in einer Filiale einer Restaurantkette „Denny’s“. Dort sitzt ein Mädchen ganz allein und liest konzentriert in einem Buch, vor ihr stehen eine Tasse Kaffee und ein Aschenbecher. Kurz darauf wird das Mädchen von einem Jungen angesprochen, durch ihn erfahren wir den Namen des Mädchens. Es heißt Mari. Etwas reserviert geht Mari auf die Kontaktaufnahme ein und legt den Grundstein für ein Gespräch, das sich allmählich entwickelt. Zunächst verhalten sich beide so zaghaft wie man über einen frisch zugefrorenen See läuft. Das Zurückhaltende wird immer mehr verdrängt und bald verwandeln sich die abgehackten Antworten in ganze Sätze, die Geschichte nimmt an Fahrt auf.

Was die Leserin zu dem Zeitpunkt nicht weiß, aber im Stillen längst ahnt: Diese Begegnung hat eine tief sitzende Bedeutung, sie ist gewissermaßen die Wurzel, die sich mit der Geschwindigkeit des Pulsschlags immer weiter ausdehnt. Einige Momente später klappen weitere Schauplätze auf, wie das Zimmer von Maris Schwester. Dort liegt Eri und schläft, doch ihr Schlaf ist „nicht normal. Er ist zu rein und vollkommen.“ Zu solchen Schlussfolgerungen kann nur ein Autor wie Haruki Murakami kommen. Auf leisen Sohlen schleicht sich das Rätselhafte an, setzt sich zwischen die umblätternden Finger und wandert weiter direkt in den Geist. Der Atem beschleunigt sich und findet mit dem Atem der Nacht den gleichen Takt. Wohin die Wurzel ausschlägt und was es mit Eri auf sich hat, verschweigt die Leserin. Sie möchte an der Stelle das Mystische konservieren und an andere weitergeben.

Haruki Murakami hat ein Buch für alle Nachtschwärmer und Schlaflosen dieser Welt geschrieben, die auch gern in tiefere Gefilde abtauchen. Mit „Afterdark“ wird die Nacht zu einem aufregenden Strudel, aus dem man nicht mehr entkommen kann, an Schlaf ist nicht zu denken. In einer klaren Sprache, die der von „1Q84“ sehr ähnelt, erzählt der japanische Autor viele kleine Geschichten, die am Ende zu einer zusammenführen. Nicht alles ist eindeutig, viel verschwimmt vor den Augen und ermöglicht damit, Freiraum für eigene Ideen. Ja, der Japaner inspiriert wieder einmal, stellt die leidenschaftliche Haruki Murakami-Leserin fest. Nicht nur das. Er ist auch erleuchtend oder sagen wir lieber: Weise und philosophisch. Zwischendurch mischen sich zu all den seltsamen Begebenheiten Aussagen, über die man länger nachdenken muss wie bei dieser: „Beim Nichts ist eben überhaupt nichts da, also ist es nicht nötig, dass man es begreift oder sich vorstellt, oder?“

Bei genauerer Betrachtung ist „Afterdark“ kein Murakami-Exot, sondern ein Buch, das sich erhobenen Hauptes an die anderen Werke des Japaners stellen kann. Man darf sich nicht vom ersten Schein trügen lassen, sich dafür ruhig offen in die Geschichte wagen, die sich mit jeder Seite steigert und am Ende eine Sogwirkung entfaltet, selbst wenn sie anfangs so unwahrscheinlich erscheint wie Schnee im Sommer.

Wir sehen jetzt eine lächelnde leidenschaftliche Haruki Murakami-Leserin, die nun aktuell zwar keine Konserve ihres Lieblingsautors mehr besitzt, aber dafür die Erkenntnis, das durch „Afterdark“ die Begeisterung für diesen meisterhaften Autor nicht zu trennen ist. Und sie wünscht sich insgeheim noch mehr, dass Haruki Murakami endlich den Literaturnobelpreis erhalten sollte.

Haruki Murakami.
Afterdark.
Oktober 2005, 237 Seiten, 19,90 €.
DuMont Verlag.

Reading Murakami erwacht aus dem Tiefschlaf.

Wie die meisten von euch wissen, bin ich eine große Verehrerin von Haruki Murakami. Im vergangenen Jahr habe ich anlässlich von „1Q84“ zusammen mit den drei Bloggerinnen Ada Mitsou, Bibliophilin und Friederike dazu den Blog „Reading Murakami“ ins Leben gerufen. Nach dem Ende der Lektüre ist es dort sehr ruhig geworden, doch jetzt geht es weiter! Der dritte Band von „1Q84“ nähert sich in großen Schritten auf uns zu. Während die ersten Blätter fallen, wippen alle deutschen Haruki Murakami-Fans mit den Füßen, tanzen freudig und können den 12. Oktober kaum erwarten, dann erscheint das dritte Buch von „1Q84“ von Haruki Murakami.

Wir werden auch in diesem Jahr zusammen mit allen Haruki Murakami-Fans das Werk lesend begleiten. Ada Mitsou, Bibliophilin und Friederike haben durch verschiedene Projekte nicht ganz so viel Zeit bei „Reading Murakami“ aktiv zu sein, deshalb werde ich vorerst das Schiff über das Literaturmeer steuern. Der Motor läuft schon, meine Mütze sitzt und der Wind weht um meine Nase. Wenn es zwischen Oktober und Dezember bei mir etwas ruhiger zugehen sollte, dann habt bitte Nachsicht mit mir. Aber ihr wisst ja, wo ihr mich findet.

Zunächst einmal erwecke ich Reading Murakami aus seinem Tiefschlaf, schlage die Vorhänge zurück, lasse Licht hinein, öffne die Fenster und heiße euch alle herzlich willkommen. Kommt herein! Plätze sind ausreichend vorhanden!

Damit die Wartezeit sich nicht wie ein Kaugummi unendlich in die Länge dehnt, habe ich in meiner Tasche einige Beiträge und eine Rezension, die ich vor dem großen Tag bei Reading Murakami posten werde. Warten kann zwar nervig sein, aber auch furchtbar inspirieren. Solltet ihr auch Ideen und Texte haben, nehmen wir sie unter der Email-Adresse: readingmurakami@hotmail.de dankend entgegen.

Wir freuen uns, auch dieses Jahr mit euch in die aufregende mysteriöse Welt von Haruki Murakami lesend einzutauchen.

Mit besten murakamischen Grüßen

eure Klappentexterin

2010 – Mein literarischer Rückblick.

Das Literaturjahr 2010 war ein schönes Jahr. Ich durfte bekannte Autoren wie Haruki Murakami und Banana Yoshimoto lesen, aber auch Literaturschaffende kennenlernen und wieder entdecken. Hier ist nun mein Rückblick 2010…

** ENTDECKUNGSREISE **

Autor – Wieder entdeckt
Philippe Djian


Foto: Jacques Sassier / Copyright © Gallimard

Vor vielen Jahren habe ich „Betty Blue“ gelesen, aber ich fühlte mich dem Autor noch nicht gewachsen. Wenngleich mich seine Sprache schon damals begeisterte und mich sanft am Nacken kraulte, einer zärtlichen Geste gleich. Zu Beginn diesen Jahres las ich „Erogene Zone“ und es hat klick gemacht. Philippe Djian ist einfach ein poetischer Meister des Alltags. Temporeich, sensibel und witzig.

Klassiker – Wieder entdeckt

Mir ist aufgefallen, dass Klassiker heutzutage im hektischen Strudel von den unzähligen Neuerscheinungen leicht in Vergessenheit geraten. Deshalb habe ich beschlossen, Klassiker bei mir leben zu lassen. Ich möchte das Schweigen brechen und sie aus meinem Regal ziehen, vorbei an den jungfräulichen, neuen Büchern. Dabei konnte ich dieses wunderbare Buch ausfindig machen:

Charlotte Bronté: Jane Eyre

Sie ist immer noch da, und sie ist mir eine gute Freundin geworden: Jane Eyre. Eine mutige junge Frau, die mich bis zum Schluss mitgerissen hat. Zudem hatte die Autorin ein großes Herz und hat ihm den Raum geschenkt, den es brauchte. Eben dies zeichnet das Werk aus. Es ist ein großes Stück Menschlichkeit daraus geworden, in das ich mich gern habe fallen lassen.

Hörbuch – Neu entdeckt

Ich habe eine Freundin, die ist süchtig. Nach Hörbüchern. Das konnte ich nie ganz nachvollziehen. Bis ich im Mai das erste Hörbuch im Ohr zu kleben hatte. Und siehe da: Nun weiß ich, was Hörbücher auszeichnet. Was es ist? Die Lauscher von euch wissen es, die anderen sollten es herausfinden.

** KLASSENFAHRT **

Literaturprojekt: Reading Murakami

Ada Mitsou, Bibliophilin, Friederike und ich haben den Blog Reading Murakami gegründet. Gemeinsam mit anderen Fans haben wir „1Q84“ von Haruki Murakami gelesen. Es war ein ganz besonderes Projekt, das mich sehr glücklich gemacht hat.

Fremdgeschreiben habe ich hier:

Bibliophilin – Gastrezension:
„Das siamesische Klavier“ von Christiane Neudecker.
Seite 30 von „1Q84“ – Ein Kommentar
Reading Murakami ist zum Fan der Fans ausgewählt worden. Im Zuge dessen erhielt jede von uns ein kostenloses Exemplar vom Verlag und wir durften die Seite 30 von dem vorab online abgedruckten Seiten von „1Q84“ kommentieren. Das habe ich mit Freude getan.
Lovelybooks – Rezension des Monats November
Als Yoko schreibe ich auch regelmäßig Rezensionen bei Lovelybooks. Dort habe ich meine längste Rezension des Lebens eingereicht und konnte die Jury überzeugen. Dafür danke ich nochmal herzlich.

** FORSCHUNGSREISE **

Debüt des Jahres
Sabrina Janesch: Katzenberge

Der jungen Autorin ist ein Meisterstück gelungen. Sie nimmt uns mit auf eine Reise in die Vergangenheit einer Familie und erzählt die Geschichte Ost- und Mitteleuropas. Dunkel und düster ist der Roman, das ist mit ihrer Sprache bestens gelungen. Die ganze Zeit hängt da so eine Nebelwand zwischen den Seiten und den Augen des Lesers. Die Sätze atmen eine leichte Melancholie aus, die nicht abstößt, sondern sie zieht einen immer mehr hinein.

Enttäuschung des Jahres
Nicola Keegan: Schwimmen

Ein ungewöhnliches Buch und schön geschrieben. Leider wurden meine Erwartungen nicht erfüllt. Ich habe das Buch zur Hand genommen, weil ich Sport sehr mag, das Schwimmen liebe und selbst einmal Leistungssport betrieben habe. Im Roman stand jedoch mehr das Leben des Mädchens – Philomena – und ihre Familie im Vordergrund. Diese „neue Welt“ des Schulschwimmbads von der im Klappentext die Rede war, fand ich nur ansatzweise. Mir fehlte ein bisschen der Sport. Genau das Bisschen enttäuschte mich. Wer neugierig geworden ist, findet bei Ada Mitsou eine positive Rezension.


Highlight des Jahres

Haruki Murakami: 1Q84

Ich hatte lange gewartet und sah am Ende aus wie eine gut gefüllte Weihnachtsgans. Die große, tiefsitzende Sehnsucht trieb mich schon einige Tage vor Erscheinen von „1Q84“ in den Wahnsinn. Als ich das Buch in den Händen hielt, verlor ich jegliches Zeitgefühl. Die Stimmen der Menschen um mich herum rauschten vorbei und ich war vollkommen geblendet von dem Silberbarren. Es ist ein anderer Murakami, ein Exot, aber unbedingt lesenswert! Mein liebstes Buch.

Eine Überraschung
Tom McCarthy: 8 ½ Millionen

Dieses Buch haben mir zwei Menschen empfohlen, die sich nicht kennen. Das machte mich neugierig. Schwindelerregend, pulsierend, blutdrucksteigend – einfach nur verrückt. Die Rezension folgt ganz bald.

Ein tolles Fundstück
Adrienne Monnier: Aufzeichnungen aus der Rue de l’Odéon. Schriften 1917-1953

Sie war mir so nah und vertraut. Die Liebe zu den Büchern und ihrer Begegnungen mit Literaturschaffenden haben mein Herz auf eine besondere Art berührt.

Beste Literaturverfilmung
Stieg Larsson: Verblendung, Verdammnis, Vergebung


Normalerweise meide ich Literaturverfilmungen. Doch die drei Filme zu den gleichnamigen Krimis haben mich in den Bann gezogen. Die Umsetzung war meisterhaft, nicht zuletzt auch wegen der grandiosen schauspielerischen Leistung.

*********** Ende **********

Und hier endet mein literarischer Rückblick. Sicherlich habt ihr auch Bücher, die ihr 2010 gelesen habt oder besondere literarischen Begegnungen, die ihr nicht so schnell vergessen werdet. Welche sind es?

Handschuhe auf den Augen und Inspiration im Kopf.

Ich hatte lange gewartet und sah am Ende aus wie eine gut gefüllte Weihnachtsgans. Die große, tiefsitzende Sehnsucht trieb mich schon einige Tage vor Erscheinen von „1Q84“ in den Wahnsinn. Tagsüber begann ich ein Buch nach dem anderen und konnte mich nicht ganz konzentrieren. Nachts lag ich wach im Bett und schaute den Sternen im nächtlichen Himmel zu. Als der Mond schließlich zunahm, wusste ich: Die Zeit ist gekommen für einen neuen Murakami. Der Roman erschien bei zunehmendem Mond am Himmel.

Als ich das Buch in den Händen hielt, verlor ich jegliches Zeitgefühl. Die Stimmen der Menschen um mich herum rauschten vorbei und ich war vollkommen geblendet von dem Silberbarren. So sieht das Buch nämlich aus. Ein Silberschatz in der Buchhandlung und am Literaturhimmel sozusagen. Die Seiten sind feinstes Papier und sehr weich. Sie schmiegten sich vertraut um meine Finger. Schon war ich drin und saß zusammen mit Aomame im Taxi.

Sie ist unterwegs zu einem wichtigen Termin. Es kommt jedoch schnell zum Stillstand, weil sie in einen Stau geraten. Der Taxifahrer sagt, dass es lange dauern wird. Zeit hat Aomame keine, also verrät er ihr eine „inoffizielle Möglichkeit“, wie sie es doch noch pünktlich zum Termin schaffen kann. Über eine Treppe, die von der Stadtautobahn führt. Wenn sie die herabsteigt, gelangt Aomame in die Nähe „einer Station der Tokyu-Linie“. Zunächst ist die junge Frau unsicher, doch sie entscheidet sich für den Weg. Bevor sie aus dem Taxi steigt, gibt der Fahrer ihr noch einen Ratschlag mit auf den Weg: „Die Dinge sind meist nicht das, was sie zu sein scheinen.“ Warum? fragt Aomame und auch der Leser runzelt die Stirn. Das Herabsteigen über einer Treppe von der Stadtautobahn ist etwas Ungewöhnliches, sagt der Fahrer. Besonders am hellichten Tag. „Wenn man so etwas tut, kann es sein, dass einem der Alltag anschließend ein wenig – wie soll ich sagen – verschoben erscheint. Aber man darf sich nicht vom äußeren Schein täuschen lassen. Es gibt immer nur eine Realität.“ Genau hier blieb ich hängen und dachte: Es ist ein Omen, es ist verdammtes Murakami-Omen. Gib Acht!

Nur wenige Seiten weiter treffe ich im zweiten Kapitel auf Tengo. Er erinnert sich gerade, wie er mit eineinhalb Jahren seine Mutter gesehen hatte. Dabei sah er sich als dritte Person im Kinderbett liegen. Diese erste und einzige Erinnerung an seine Mutter hat sich tief in sein Bewusstsein eingebrannt. „Isoliert ragte diese Erinnerung aus einer trüben Wasserfläche heraus wie der Kirchturm einer überfluteten Stadt.“ Die Szene erscheint ihm oft, einfach so. Dann vergisst er alles um sich herum, wo er ist, was er gerade macht und ihm wird schlagartig schwindelig. So jedenfalls fühlt sich das Ereignis jedes Mal an. Diese Attacke ereilt Tengo, als er mit dem Redakteur Komatsu zusammensitzt und über das Manuskript „Die Puppe aus Luft“ redet. Eine interessante Geschichte, die leider zu schlecht geschrieben ist. Genau diese soll Tengo, der als Mathematiklehrer an einer Yobido seinen Lebensunterhalt verdient und Schriftsteller ist, so schön schreiben, dass die Verfasserin, die siebzehnjährige Fukaeri, den Debütpreis erhalten soll. Ein gewagtes Vorhaben, auf das sich Tengo einlässt.

Und wie ist das nun mit Tengo und Aomame? Zwischen den beiden besteht eine Verbindung. Das ahnt man als Leser relativ schnell. Ja, die gibt es. Eine besondere dazu. Was aber genau, das werde ich natürlich nicht verraten. Nur so viel: Ein Händedruck und zwei Monde spielen da eine nicht unbedeutsame Rolle.

In diesen beiden Handlungssträngen der beiden Hauptprotagonisten bewegt sich die Geschichte, die in zwei Büchern unterteilt ist. Aomame taucht dabei jeweils in den Kapiteln mit den ungeraden Zahlen auf, Tengo bei den geraden. Der Autor hat in seinen Roman – neben einer zauberhaften Liebesgeschichte, die den zarten Schleier von Romeo und Julia trägt – auch spannende und verschiedene Aspekte eingearbeitet. Da sind die japanischen Frauen, die unter gewaltsamen Ausbrüchen ihrer Ehemänner leiden. Und auch eine Sekte spielt ebenfalls eine große Rolle wie die „Little People“. Sie tauchen in Fukaeris Roman zum ersten Mal auf und bewegen sich auch in der wirklichen Welt. Man möchte die „Little People“ fassen, aber sie zerrinnen dem Leser immer wieder zwischen den Fingern. Am Ende bleiben Fragen im Kopf kleben wie ein Kaugummi. Dafür lieben wir ja Murakami. Für dieses Unerklärliche. Das Mystische, das Alltägliches in kleine Märchen verwandelt. Nichts ist wie es scheint. Auf vieles gibt es Antworten, aber eben nicht auf alles. Der Autor schreibt es selbst und legt die Worte Tengos Vater in den Mund:
„Was einer ohne Erklärung nicht versteht, versteht er auch nicht, wenn man es ihm erklärt.“ Diesen Satz wiederholt Murakami oft. Ist es eine winzige Botschaft an seine Leser?

Murakami hat einen weiten Spannungsbogen gezogen. Ausführlich erzählt er die vielen Geschichten, die sich in dem Werk finden. Er beweist erneut, dass er ein Meister darin ist, den Leser bei der Stange zu halten. Manche Leser meinten, man hätte den Roman auf 800 Seiten kürzen können. Das finde ich nicht. Keine Seite ist zu viel. Dies ist auch der großartigen Leistung von der Übersetzerin Ursula Gräfe zu verdanken, die hier hervorragende Arbeit geleistet hat.

Ich habe ja bereits in meinem Zwischenbericht darüber geschrieben, dass dies ein ganz anderer Murakami ist als seine bisherigen Bücher. Anfangs hat mich der Autor verwirrt und auch ein bisschen enttäuscht. Meine Erwartung wurde zunächst nicht erfüllt. Wie ein trotziges Mädchen sah ich aus. Habe mit den Füßen getreten und mich geärgert. Aus einem Impuls heraus blieb ich eines Morgens stehen und spürte etwas anderes, was von „1Q84“ ausging.

Es hatte klick gemacht. Der Schalter ging von ganz allein an. Ich strahlte zwar immer noch nicht, aber ich war kein Schattenkind mehr, dafür viel mehr ein Literaturkind, das sich leicht leuchtend mit einer Hochachtung vor dem Schriftsteller verneigte.

Während sich seine anderen literarischen Werke für mich durch eine besondere Wärme hervorhoben, bleibt es hier kalt. Bitterkalt. So verdammt fies kalt, dass ich oft einen Schal oder Handschuhe brauchte. Manchmal ist der Blick verschleiert und erscheint wie eine undurchlässige Flüssigkeit. An einigen Stellen war mir der Autor fremd. So kannte ich ihn bisher nicht, doch ausgerechnet das hat mich auf eine seltsame Weise fasziniert. Es schimmert leicht und man nimmt nur verschwommen die Umrisse wahr. Bald schon blieb ich still mit meinen Handschuhen auf den Augen und habe ihn machen lassen. Dafür hat er mich belohnt mit einer spannenden Geschichte, einem eiskalten Märchen, das er mit wunderbaren Sätzen schmückte, die ich in mein Eisfach gelegt habe.

Murakami erinnert uns mit diesem Exoten – so will ich „1Q84“ mal bezeichnen – daran, dass das Leben sich wie ein Strom bewegt und uns mitnimmt. Veränderungen kommen und gehen. Nichts bleibt wie es ist. Auch ein Murakami schnappt sich das Recht, sich literarisch zu verändern und damit seine Leser – eine eingefleischten Fangemeinde – zu überraschen. Für so eine Veränderung nimmt man auch gerne eine anfängliche Verwirrung in Kauf.

Loslassen lautet für mich das Zauberwort zu dem Roman. Alles andere bisher Dagewesene von ihm sollten wir ausradieren – meinetwegen in eine Schublade oder gern in einen tiefen Brunnen ablegen – beim Lesen den bekannten Murakami vergessen und komplett versinken. Kaltes muss sich nicht automatisch leer anfühlen. Dort passt jede Menge Gefühl rein. Und Leeres muss sich nicht automatisch kalt anfühlen. Es kann durchaus auch warm sein, auf seine eigene Weise, kalt-warm, lauwarm. All das inspiriert. Das ist der springende Punkt. Dem Autor gelingt es, durch eine Kälte und Leere anzustoßen, hier und da zu schubsen. So habe ich mir oft die beiden Monde am Himmel gedanklich vorgestellt, die Aomame und Tengo sehen. Murakami ließ mich auch darüber nachdenken, wie Tengos „Blumenkohlohren“ wohl aussehen. Im Kopf passiert so einiges, wenn man „1Q84“ liest. Sogar so viel, dass sich fremde Menschen finden und über all die Rätsel diskutieren wie beim Blog „Reading Murakami„. Wieviele solcher Autoren existieren auf unserem Planeten?

Bevor ich das Buch gelesen habe, wusste ich, dieses Werk wird sein Opus Magnum. Anfängliche Zweifel ließen die Behauptung verblassen, doch nach den 1021 Seiten, weiß ich, dass ich recht hatte. Und dass es sich gelohnt hat, wie eine gut gefüllte Weihnachtsgans auszusehen.

Haruki Murakami.
1Q84.
Oktober 2010, 1021 Seiten, 32,- €.
Dumont Verlag.

1Q84 – Ein Zwischenbericht.


Du strahlst nicht. Der Satz sitzt seit einigen Tagen in meinem Kopf. Er springt wie ein Ball von links nach rechts und von rechts nach links. Ping, pong, pong, ping. Tatsächlich. Erschreckend. Ich lese den lang erwarteten Roman „1Q84“ von Haruki Murakami und strahle nicht. Die Erkenntnis traf mich, als ein sehr guter Kollege fragte, wie er mir gefällt. Während ich nach den Worten suchte, sagte er: Du strahlst nicht. Ich weiß Bescheid. Immer noch nach Sätzen ringend, schluckte ich die Feststellung. What happend? I don’t know. Und doch kann ich mich von „1Q84“ nicht lösen. Trotzdem fasziniert mich der Roman. Obwohl ich das Strahlen schmerzlich vermisse. Es stimmt. Das fehlt mir.

Woran liegt es? Der Murakami liest sich anders als erwartet. Irgendwas fehlt. Damals bei seinen anderen Büchern war mir nach den ersten Seiten sofort warm. Ich spürte Sonnenstrahlen im Gesicht, überall: Auf der Nasenspitze und auch zwischen den Wimpern. Obwohl draußen ein kalter trüber Wintertag herrschte, glühte ich wie eine heiße Lavamasse, die der Vulkan eben ausgespuckt hatte. Momentan werde ich das Gefühl nicht los, als wäre da ein schmutziges Fenster zwischen mir und Murakami. Ich spüre wenig und habe taube Stellen, die sonst vor Esprit nur so sprühten, wenn ich den Japaner las.

Die anderen Romane, die ich von Murakami gelesen habe, sind alle in der Ich-Form geschrieben. Dieser hier nicht. So war ich an den Menschen in seinen anderen Werke näher dran. Wie ein kleines Vögelchen saß ich auf den Schultern und spürte den Herzschlag, die Gedanken waren mir näher und alles fühlte sich irgendwie weicher an. Die Sprache war lässiger. Als würde ich meine Lieblingsjeans anziehen und einen feinen Blazer dazu. So lässig ungefähr. Locker, aber klassisch hochwertig.

Jetzt bewege ich mich auf einer langen nicht enden wollenden Straße, die eben ist, denn flüssig liest sich „1Q84“. Und in regelmäßigen Abständen blitzt es zwischen den Seiten und den Augen. Es tauchen Sätze auf, die durch eine wunderbare Schlichtheit glänzen und doch tiefe Brunnen sind, in die ich mich fallen lasse. Dort hocke ich dann und fühle mich einsam. Auf eine angenehme Art und Weise. Das zeichnen seine Romane aus. Man ist gern mit sich und den Worten allein. Nur dieses Mal will sich die vertraute Wärme einfach nicht einstellen. Warum nur nicht? Verflixt und zugenäht! Vielleicht bin ich es, die sich verändert hat? Vielleicht war die Erwartung zu groß? Vielleicht hat sich aber auch der Autor verändert und mit ihm sein Schreibstil? What happened? I don‘ t know.

Und doch lese ich ihn gern. Für mich sind Murakamis Bücher wunderbare Welten. Mystisch und manchmal märchenhaft. Und unwahrscheinlich skurril. Nichts bleibt in den Händen liegen, alles flüchtet zwischen den Fingern. Auf und davon. Ehe ich mich versehe, laufe ich allen mit einem Lächeln im Gesicht und einem roten Kopf hinterher. So auch jetzt.

Just in dem Moment, als ich das erste Buch von „1Q84“ beendet habe, schleicht sich eine Hoffnung in meinen Kopf: Vielleicht kann man einen Roman auch lieben, selbst wenn man nicht strahlt.

Das andere Glück.

Das Literaturkind ist glücklich! IQbidu! Es hält den lang ersehnten neuen Murakami-Roman „1Q84“ freudig in den Händen…

… liest, liest und liest. Die Sonne versprüht draußen mit aller Kraft die letzten warmen Strahlen auf die Köpfe der Menschen. Davon bekommt das Literaturkind nur wenig mit, denn es liest, liest, liest, liest… und liest…

Auch wenn es glücklich lächelt, ist dieses Mal etwas anders. Was genau, verrät das Literaturkind bald und liest bis dahin weiter.

Er war hier. Und ich wusste nichts davon.

Er war da. Näher als gedacht und ich habe ihn verpasst. Wie lange träume ich davon, Haruki Murakami persönlich zu treffen? Lange. Viel zu lange schon. Nun hatte ich die einmalige Chance und sie ist an mir vorbeigeflogen wie ein Vogel. Ich spüre noch die hektischen Flügelschläge und sitze in ihrem Windschatten. Nun hocke ich hier, halte „1Q84“ in den Händen und bin traurig. Das Buch färbt sich in ein dunkelgraues Etwas, das lange kein Licht mehr gesehen hat. Der Glanz ist ein wenig gewichen und trägt nun Trauer. Welchen Sinn dies auch haben mag, verpasste Chancen fühlen sich immer komisch an. Alles wird schief und man schwankt schwer atmend. Dazu gesellen sich tausend Gedanken, es schwindelt einem und man muss sich einige Zeit setzen. Durchatmen und sich sammeln. Irgendwann, viele Stunden danach.

Wie konnte es dazu überhaupt kommen? Der Verlag hat Murakamis Erscheinen bis zuletzt geheim gehalten. Erst am Abend wurde via Handy auf der Facebook-Seite angekündigt, dass der Autor persönlich als Überraschungsgast bei der Lesung auftauchen wird. DuMont müsste eigentlich wissen, dass der japanische Autor hier in Deutschland eine eingefleischte Fangemeinde hat. Nicht nur irgendeine, sondern eine ganz besondere. Nicht zuletzt haben sie den Bestsellerplatz auch ihr zu verdanken. Wäre es da nicht ein freundliches Gegenkommen gewesen, solch ein Event als Dankeschön vorzeitiger anzukündigen, anstatt sich kurz vor Beginn der Lesung im Berliner Admiralspalast damit zu schmücken? Wir wissen alle, wie zurückhaltend der Autor ist und wie selten er in der Öffentlichkeit auftritt.

Ich bin nicht die Einzige, der das weh tut. Ja, es wurmt mich, von der einzigartigen Gelegenheit so spät erfahren zu haben.
Die einen sagen: „Sei froh, denn so bleibt Murakami weiterhin in deinem Kopf, wie du ihn seit Jahren dort hast.“ Die anderen sagen: „Das ist ja doof, richtig blöd. Ich würde mich auch total ärgern. Wie oft hat man so eine Chance schon?“

Sicherlich wäre ich nur eine von vielen gewesen, die zitternd mit ihrem Buch in der Schlange gestanden hätte. Mit einem hochroten Kopf und einem lautem klopfenden Herzen, dröhnenden Beats gleich, die zum Tanz einladen. Ich hätte geschwitzt, innerlich geschrien und die ganze Zeit gegrinst. Und gekniffen hätte ich mich. Dies wäre so ein Moment gewesen, in dem der Traum und die Wirklichkeit verschwimmen, eine Murakami-Sequenz wie wir sie aus seinen Büchern kennen. Irgendwann hätte ich vor ihm gestanden, mit glasigen Augen und mit einem schiefen, charmanten Lächeln. Und dann? Wäre ich dann weiterhin verzaubert? Oder käme dann die große Ernüchterung? Das Rätsel bleibt und zu ihm gesellt sich ein leichtes Stöhnen, so eins, was an ächzende Äste alter Bäume erinnert.

Wie ich es auch drehe und wende, der bittere Geschmack auf der Zunge bleibt. Sinn und Unsinn wechseln sich ab. Sie liefern sich einen Wettlauf. Beide sind gleich schnell und überholen sich nicht. Der erste Schock ist bereits davongeflogen, dem Autor hinterher. Dieses Mal ist er flinker als ich. Folglich habe ich das Nachsehen wie viele andere Murakami-Fans auch. Jetzt sitze ich hier an einem kalten verregneten Oktoberabend und weiß nicht, woher der verschwomme Blick kommt. Sind es die Regentropfen oder einzelne Tränen?

He’s coming to me. I smile and…

… I’m happy like a little child. Ein Kind der Literatur strahlt mit großen Augen den neuen Murakami-Roman an, der da in großen Schritten herbeigeeilt kommt. Lange habe ich auf sein neues Werk warten müssen. Vier Jahre. Das war hart. Vier Jahre ohne Murakami ist wie Autofahren ohne Räder. So wirklich begreife ich das erst jetzt, wo ich das Ziel fast erreicht habe. Alles fällt von mir ab und ich verliere merklich an Gewicht. Ich fliege und störe mich nicht an dem kalten Wind, der mir frech ins Gesicht pustet.

Vorwärts komme ich mit dem Japaner immer. Jedesmal weiß ich zwar nicht, wie, aber ich bewege mich und mein Geist folgt mir. Murakamis Bücher eröffnen mir Welten, die ich teilweise sehr gut kenne, die mir aber an einigen Stellen doch sehr speziell erscheinen. Ein Knirschen hier, ein Lächeln dort und ein Kratzen da. Er kreiert besondere Landschaften, in die ich mich gern mit einem klopfenden Herzen setze. Und er inspiriert mich zu höchstem Maße.

Murakami setzt mir Flöhe in den Bauch und lässt mich über die Flucht nachdenken, wie ich es vorher so noch nicht getan habe. Murakami stößt mich an, mit anderen Literaturfreundinnen ein Projekt ins Leben zu rufen und er bringt mich mit anderen, fremden Menschen zusammen. Was kann man dazu sagen? Nichts. Einfach nur staunen, lächeln und sich würdevoll verneigen. Das Literaturkind ist glücklich. IQbidu!