Ein anregender Spaziergang in Bernhard Schlinks Gedanken.

„Alles Schreiben ist Schreiben über die Vergangenheit. Ich kann nur über das Schreiben, was ich kenne, und ich kenne nur, was schon geschehen und also vergangen ist.“ Das sind die ersten beiden Sätze, mit denen Bernhard Schlink seine Heidelberger Poetikvorlesungen aus dem Jahr 2010 beginnt, die der Diogenes Verlag dieses Jahr herausgebracht hat. In dem schmalen Band „Gedanken über das Schreiben“ öffnet der Autor die Vorhänge und lässt seine Leser hinter sein Schaffen schauen.

Bernhard Schlink beschäftigt sich in „Gedanken über das Schreiben“ mit drei zentralen Themen: der Vergangenheit, der Liebe und der Heimat. Das erste Kapitel widmet sich der jüngsten Vergangenheit. Der Autor hinterfragt, inwiefern man diese am besten darlegen kann. Sein Blick wandert dabei zu den Erwartungen der Opfer wie die des Dritten Reichs und der DDR. Hierbei geht Bernhard Schlink auf die geforderte Wahrhaftigkeit der Literatur ein: „Wie steht es, wenn Literatur gar nicht beansprucht, Tatsachen zu präsentieren? Wenn sie ein Märchen, eine Komödie, eine Satire bietet und sich gewissermaßen definitionsgemäß nicht auf das beschränkt, was geschah oder hätte geschehen können?“

Die große Sorge, die in allem mitschwingt, ist die Angst, dass schreckliche Ereignisse wie der Holocaust durch Fiktionalität die volle Wahrheit verlieren, doch eine gute Geschichte kann dasselbe leisten wie eine Dokumentation. Als Beispiele nennt er die Autoren Primo Levi und Imre Kertész. Bei Literatur gehe es ebenso darum, dass sie uns die Wirklichkeit erklärt und uns das Leben anderer näher bringt, so aus Fremden Vertraute macht. Wir leiden, fiebern, fühlen mit anderen Menschen und sind ihnen dadurch nah. Das ist die eine Seite. Die andere erinnert eher an dünnes Eis, das leicht einbrechen kann, denn das Schreiben über die Vergangenheit birgt immer die Gefahr, andere zu verletzen wie es die jüngste Vergangenheit selbst getan hat. Aus diesem Grund bleibt die literarische Verarbeitung dieses Themas insgesamt ein zweischneidiges Unterfangen, denen sich der Autor nicht durch Regeln unterordnen möchte und deren Gefahr er sich bewusst ist: „Aber ich kann auch nicht aufhören, meine Geschichten zu schreiben, wenn sie in dem gekennzeichneten doppelten Sinn stimmen.“

Im zweiten Kapitel äußert sich Bernhard Schlink über die Liebe, die in seinen Geschichten oft aus dem Normalen ausbricht, denken wir beispielsweise an Hanna Schmitz aus „Der Vorleser“, die doppelt so alt ist wie Michael Berg. Bernhard Schlink verrät in dieser Passage, warum er sich von der normativen Vorstellung des Gefühls distanziert. Was genau er dazu sagt, verehrte Leser, verrate ich nicht, möge dies der Autor selbst übernehmen.

Im Schlusskapitel beschäftigt sich Bernhard Schlink mit der Heimat, die – glaubt man dem Autor – ihren Ursprung in der Kindheit hat: „Es war die Kindheit, von der alles ausgeht und hinter die nichts zurückführt, der Anfang, an dem wir zwar Fragen haben, aber uns noch nicht fraglich geworden sind, an dem uns die Menschen und die Welt Rätsel aufgeben, aber noch keine, über denen wir an den Menschen und der Welt zweifeln oder gar verzweifeln würden.“ Er betrachtet die Kindheit als Heimat, einen Ort, nach dem wir uns immer sehnen. Eine schöne Vorstellung wie ich finde, das allein reicht dem Autor nicht und holt in der Passage noch weiter aus, worauf ich nicht näher eingehen möchte, da das Lesen der Lektüre wie ein anregender Spaziergang war, den ich für euch offen lassen möchte.

Der Kopf bewegt sich in dem Buch oft vor und zurück, der Geist ist hellwach und erfreut sich an den nachdenklichen Sätzen. Es sind nur wenige Seiten, gerade mal 96, und doch habe ich das Gefühl, es dort steckt viel mehr drin. Durch die intensive Beschäftigung der drei zentralen Themen zieht sich eine lange Strecke an Gedankengut durch das Buch, das über die wenigen Seiten hinausgeht. Ehe man sich versieht, sitzt man mittendrin im Schaffensfluss eines Schriftstellers. Wie entsteht Literatur? Wem die Frage nicht neu ist, findet in dem Buch zahlreiche Antworten.
Trotz der vielen Denkanstöße bleibt der Blick scharf, ist vollkommen transparent, denn Bernhard Schlink präsentiert seine Gedanken in einer klaren und feinfühligen Sprache. Er bietet mit seinen Vorlesungen sehr spannenden Gesprächsstoff, der gerade für einen Lesezirkel eine äußerst anregende Lektüre sein kann oder für einen Sonntagnachmittag, an dem man Appetit auf geistige Nahrung hat.

Bernhard Schlink.
Gedanken über das Schreiben: Heidelberger Poetikvorlesungen.
Mai 2011, 96 Seiten, 18,90 €.
Diogenes Verlag.

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2 Gedanken zu “Ein anregender Spaziergang in Bernhard Schlinks Gedanken.

  1. Habe herzlichen Dank für diese tiefgründige Betrachtung zu
    einem remarkablen Buch.

    Die Poetik als literaturwissenschaftliches Teilgebiet
    thematisiert die künstlerische Interpretation des Wortes an sich.

    »Wie gelingt es, anhand von ineinander verwobenen, harmonisierten
    Wortensembles überdauernde Bilder zu zeichnen?« –
    In dieser Facon könnte ein Ansatz dargelegt werden, welcher sich
    der Untersuchung poetischer Praktiken widmet.

    Ein hochintellektuelles Themengebiet, welches du anhand deiner
    Buchbetrachtung greifbarer machst.

    Freundliche Grüße,
    Lebensmelodie

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