Eine originelle Schriftstellerin von bezaubernder Empfindsamkeit.

Aktuell lese ich das entzückende Buch Aufzeichnungen aus der Rue l’Odéon von Adrienne Monnier. Ich brauche nicht zu sagen, dass mich jede Seite begeistert. An einer konnte ich jedoch nicht wortlos vorübergehen. Es handelt sich um Seite 63. Dort ist das fünfzehnte Manifest der dreiundzwanzig Dada-Manifeste abgedruckt:

Wie man ein dadaistisches Gedicht anfertigt

Man nehme eine Zeitung.
Dazu eine Schere.
Suchen Sie einen Zeitungsausschnitt von der Länge des gewünschten Gedichts.
Schneiden Sie den Artikel aus.
Schneiden Sie im Anschluß jedes Wort des Artikels sorgfältig aus und geben Sie die Wörter in einen Beutel.
Man schüttele sanft den Beutel.
Nehmen Sie ein Wort nach dem anderen heraus und behalten Sie die Ordnung der Entnahme bei.
Kopieren Sie gewissenhaft.
Das Gedicht wird Ihnen ähneln.
Und schon sind Sie ein „origineller Schriftsteller von bezaubernder Empfindsamkeit, wenngleich noch unverstanden vom gemeinen Plebs“.

Okay, dachte ich. Dann mach mal, liebe Klappentexterin. Sei eine originelle Schriftstellerin von bezaubernder Empfindsamkeit.

Zuallererst wählte ich einen Artikel von nicht allzu großer Länge. Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 10. März 2009 | Literaturbeilage zur Leipziger Buchmesse.

Schnipp schnapp. Ich hatte den Text aus der Seite herausgeschnitten und nebst Saparmurat Nijasow gelegt.

Als Nächstes habe ich dem Text die Zeilen mit der Schere geklaut und diesen eine Minute Zeit zum Verschnaufen gelassen, denn an die Freiheit muss man sich manchmal erst ein bisschen gewöhnen.

Nun ging es aber schließlich ans Eingemachte. Dazu trennte ich die Streifen, die aus mehreren Wörter bestanden, auseinander bis sie vollkommen allein waren. Wort für Wort. Jedoch gestehe ich, dass ich nicht alle Streifen benutzt habe, weil mir das Gedicht ansonsten viel zu lang geworden wäre.

Im Anschluss daran wanderten sie allesamt in den Beutel, wobei ich rate, hierfür einen Papierbeutel zu nehmen, weil alles andere zu sehr statisch aufgeladen ist. Die Buchstaben kleben an den Seiten fest und lassen sich nicht wie gewünscht durcheinanderwirbeln.

Jetzt ging der große Hokuspokus los. Ein bisschen aufgeregt war ich schon. Was wird mir die Freundin Zufall da nun vor die Augen legen? fragte ich ungeduldig und zwinkerte mit den Augen. Für ein einfaches Zusammenlegen empfiehlt sich übrigens eine Briefmarken-Pinzette. Wie zart die Finger sind, irgendwie klebt das Papier lästig an ihnen fest und macht sein eigenes Ding. Eine Pinzette hat wesentlich mehr Autorität und hält das Papier besser in Schacht als die Finger.

Hier nun das Ergebnis:

setzt Akzente man Vierzeiler
Benders Wie Hans

seiner Gruppe 47 aufnehmen: Rätselhafte Gedicht,
Zeilen mehr. möglichst Pflanzen Hauptfächer Rätseln
Haikus Bender beiden Autor: strenger einer
Hans hat auch berühmte Worte, verlangt.
gelungen. und heißen Spott klingt nach
aber nicht liest, der seinem Doch
aber sie erhalten seinem 1919 Fragen
Gewicht begegnet die seinem Vögel, Kenntnis
Vier gern können Jahrgang Katzen, den,
Wer Vögel wenn Form, viel dem
pro Lektüren seiner der Jahrzehnt Die

Der Sinn des Gedichts erschließt sich mir noch nicht ganz. Dafür klatsche ich freudig in die Hände für diesen großen Spaß, den mir der Dadaismus an einem Sonntagmorgen gebracht hat. So viel, dass ich fordere:
Sei auch du eine originelle Schriftstellerin oder ein origineller Schriftsteller von bezaubernder Empfindsamkeit! Und schick mir deine Ergebnisse!

Wer nun einen großen Dadahunger bekommen hat,
kann ihn u.a. in dem Werk stillen:

Dada Berlin: Texte, Manifeste, Aktionen.
184 Seiten, 4,40 €, Reclam.

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24 Gedanken zu “Eine originelle Schriftstellerin von bezaubernder Empfindsamkeit.

  1. Herrlich! Ich frage mich, was herauskäme, wenn man das auf Helene Hegemanns Buch anwenden würde…
    Natürlich wollte ich auch Spaß, habe aber die berühmte Schere im Kopf verwendet (funktioniert prächtig). Und dann wollte ich es genau wissen: Könnte man etwa die Zeitung, die auch als BLÖD bekannt ist, zu literarischen Höhen treiben? Quelle: Die Titelseite der heutigen Online-Ausgabe. Das Gedicht:

    Mixa Mixa Mederake

    Rhodos Rabatt wie viel Fett
    Mit Cholesterin Flittchen schwitzen Umweltaktivisten
    Scheißkerle und noch mehr Koma
    unsere Rentenversicherung

    Schweinegrippe geiles Wochenende
    Klick! Erwischt! durch ihre Hand
    rammte Schweinegrippe Trainer
    weint Rente
    Chaos Hurensohn
    soll retten
    Goethe

    Ähm… die fehlende bezaubernde Empfindsamkeit ist wohl der Quelle geschuldet … Hätte ich doch auch besser einen Text mit Vögelchen und Kätzchen gesucht … 😉

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  2. @Petra
    Herrlich, dass du das gemacht hast! Ich habe nämlich heute morgen mit meinem Freund darüber geredet und meinte noch: Na, eigentlich müsste man mal versuchen, was bei DER Zeitung rauskommt!
    Jetzt weiß ich’s 🙂

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  3. „Und schon sind Sie ein „origineller Schriftsteller von bezaubernder Empfindsamkeit, wenngleich noch unverstanden vom gemeinen Plebs“

    Klingt ironisch…zu Recht?

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  4. Was für eine anregende Idee! Da ich gerade zu träge war, um die Zeitung zu suchen, habe ich einen Absatz aus meinem eigenen Mauskript genommen. Das Resultat gibt mir zu denken, ob mein Originaltext wirklich so tiefsinnig, genial und mitreißend ist wie ich gehofft hatte 🙂

    Hände die Form Bilder
    Sternennebel dasselbe einfach
    schräge beschreiben
    Glas licht in Saft ihrem
    Luft malten eines neuentdeckten
    noch mal sommergolden ja
    bitte sie leuchten eines nie
    vorbeigehen den würde

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  5. Liebe Petra,

    die Klappentexterin klatscht in die Hände über deinen tollen Beitrag! Damit lässt sich die Blöd doch etwas aushalten, aber nur etwas. : ) Danke für deine Originalität. Da verzichte ich gern auf Vögelchen und Kätzchen. : )

    Liebe Nadine,

    da bin ich schon jetzt sehr gespannt. Verdreht und famos wird es allemal.

    Leibre Hienrchi,

    iene tlloe Ieed! Sboald hic ide Ziet fnide, mhace hic mhci nas Wrek!

    Liebe Lara,

    es lebe die Parodie des Dadaismus. : )

    Liebe Patricia,

    nun hast du mich sehr neugierig gemacht. Schöne Worte, die sich auch schräg wunderbar lesen!

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  6. Tja, der gute alte Dadaismus^^
    Gab ein paar Leute in meinem Jahrgang, die ein Taschenrechnerprogramm entwickelt hatten, welches ein dadaistisches Gedicht zusammenwürfelt. Und da soll mir noch einer sagen, Maschinen wären nicht kreativ 😀

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  7. Liebe Klappentexterin,
    Sie können sich mit dieser Webseite http://www.werstler.de/zwirbler.html
    die Arbeit sehr erleichtern, wenn Sie tatsächlich mal ‚zwirbeln‘ wollen. Es ist empfohlen, dass beim Zwirbeln der erste und letzte Buchstabe eines Wortes erhalten bleiben.

    Mit der Programmlogik könnte man auch Ihre Gedichte produzieren, aber das Verfahren mit Zeitung und Schere, das Sie entwickelt haben, gefällt mir wesentlich besser – das hat was!

    Gruß Heinrich

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