Ausatmen beim Betrachten einer Buchbesprechung im Fernsehen.

Foto: Emmanuel Carrère | © Julia von Vietinghoff

Das Atmen ist wichtig. Klar, ohne atmen können wir nicht leben. Anders ausgedrückt: Wer nicht mehr atmet, der ist tot.

Gleichzeitig ist das Atmen zentraler Bestandteil diverser Meditationstechniken. Und darüber hinaus: „Wer seine Atmung kontrolliert, der kann sein Leben kontrollieren“, hat sinngemäß die Performancekünstlerin Marina Abramovic gesagt.

Da fallen mir sofort diese begnadeten buddhistischen Mönche ein, die es schaffen, innerhalb einer Minute tatsächlich nur zwei- oder dreimal zu atmen. Was gar nicht mal so schwer ist, wenn man sich nur konzentriert. Konzentration ist also auch wichtig. Atmen. Konzentrieren. Auf den Atem konzentrieren nennt man meditieren. Oder gleich Yoga, wie wir von Emmanuel Carrère in seinem neuen Werk erfahren, das eben diesen Titel trägt.

Überhaupt nicht Yoga ist, ein neues Buch unbedingt sofort und am liebsten als Erste oder Erster besprechen zu wollen, manchmal sogar vor dem Erscheinungsdatum. Das ist Ego.

Schmeiß dein Ego weg.

Und das Ego, auch dies erfahren wir von Carrère, steht uns massiv im Weg. Besonders, wenn wir ein besserer Mensch werden und überhaupt, wenn wir uns mit fernöstlichen Meditationstechniken beschäftigen wollen.

Und wie nennt man es, wenn mindestens drei Menschen ein Buch sofort nach Erscheinen im Fernsehen besprechen? Genau – das Literarische Quartett.

Im Normalfall sind es vier Super-Egos, die uns was über Literatur erzählen. Früher waren das Kapazitäten wie Marcel Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek. Supersuper-Egos, aber unterhaltsam.

Dann kam Volker Weidermann, ein Spiegel-Ego. Sozusagen die Günther-Jauch-Version eines Literaturkritikers. Irgendwann hat er hingeworfen. Und Christine Westermann gleich mit, sozusagen die Angela Merkel der Literaturkritik. Zwischendurch war noch Maxim Biller dabei, ein streitbarer und kluger Kopf, den nicht nur ich seit seinem Weggang vermisse.

Nach Reich-Ranicki und Weidermann wurde mit Thea Dorn zum ersten Mal eine Frau die offizielle Gastgeberin des Quartetts. Außer ihr fortan nur noch wechselnde Gäste. Und nun? Dorn in Corona-Quarantäne, dafür übernahm Juli Zeh den Vorsitz. Eine Rolle die sie als Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg sicher beherrscht.

Die Vorsitzende hat sich als Gäste Ijoma Mangold, sozusagen einen Selbstläufer, und Philipp Tingler, nicht unumstrittener Juror des Bachmann-Preise, eingeladen.

Gut, der ZEIT-Feuilletonist Mangold stellt als Pate Carrère vor. Und ist voll des Lobes.

Wenn das Leben die Leichtigkeit killt.

Yoga sollte ein leichtes, unbeschwertes Buch über Yoga werden. Eigentlich. Aber dann kam das Leben dazwischen. Das wahre, echte und oft unbarmherzige Leben, das selbst einen erfahrenen Meditierenden derartig aus der Bahn werfen kann, dass plötzlich nichts mehr ist wie zuvor. Zehn Jahre weg. Zehn Jahre des Glücks und eines relativ unbeschwerten Lebens.

Mangold: „Dann kam der erste Einbruch – der Anschlag auf Charlie Hebdo, dem ein guter Freund Carrères zum Opfer fiel.“

Ergänzung meinerseits: Es handelt sich um Bernard Maris. Nicht nur ein Freund von Carrère, sondern auch von Michel Houllebecq.

Zeh und Tingler nicken.

Mangold zählt weiter auf: „Dann der zweite Einbruch der Realität – die bipolare Erkrankung des Autors.“

Z und T nicken wieder. Vielleicht sagen sie auch etwas, aber das ist zweitrangig. Denn Mangold ist Zählmeister, und wir erfahren: „Der dritte Einbruch der Realität!“

Er meint die Ankunft der ersten Flüchtlinge 2015 in Griechenland. Genauer: Auf den griechischen Inseln, wo Carrère gern seine Auszeiten verbrachte. Allerdings nicht auf Leros, einer eher unattraktiven Insel für erfolgreiche Autoren auf der Suche nach Ruhe und Entspannung.

Dann das Kreuzverhör, pardon, das Kreuzfeuer der Meinungen von Z, T und M:

„Die nicht kontrollierbare Lebendigkeit (!) des Lebens.“

Oh ja! Und Carrère? „Ein Großmeister der Selbstbeobachtung.“

„Man möchte nicht, dass das Buch aufhört. Weil der Autor ein offener und gebildeter Mensch ist, der sich selbst ständig reflektiert.“

Gut, gut, sehr gut. Aber da geht noch mehr: „Klar auch dieses Buch des Autors ist irgendwie autofiktional, ja, aber auch aus einer offenen, universellen Perspektive erzählt.“

Wessen Weisheit zählt mehr?

Das ist es! Und nun der Schwenk zu den ganz Großen: „Die Weisheit von Dostojewski ist wichtiger als die des Dalai Lama!“

Verstanden, aber warum? Egal, schon das nächste Argument der Auguren: „Sind es doch oft die größten Zwangsneurotiker, die Achtsamkeit propagieren. Die Überheblichkeit der Erleuchtung wird demaskiert!“ Wow!

Könnte eine Kritik der Mode der Achtsamkeit sein. Muss aber nicht.

Tingler konstatiert: „Das Buch ist eine Reise, eine Suche.“ Wonach?

Ah, vielleicht hier die Antwort von Mangold: „Das Schreiben ist meditativ. Dieser Tagebuchstil. Der ganze Prozess des Schreibens wird miterzählt!“

Zeh oder Tingler: „Er reflektiert über das Schreiben, über das Leben, in dem er gerade steckt, das Yoga-Retreat, mit dem alles begann.“

Zeh in Höchstform: „Sauklug, literarisch hochwertig. Und die Flüchtlinge keineswegs Klischeefiguren, hochpräsent!“

Alle zusammen: „Was ist Schreiben? Doch das Gegenteil von Meditation!. Oder nicht? Beim Schreiben möchte man eine neutrale Position einnehmen, auch das Gegenteil von dem, was gerade behauptet wurde.“ Da muss ich erstmal mitkommen. Aber ich bleibe dran.

Mangold wieder: „Es ist die Freude an der Erörterung!“

E-R-Ö-R-T-E-R-U-N-G! Ein Wort, das mir noch aus dem Deutsch-Seminar in unguter Erinnerung ist. Aber hier ist keine Zeit für ungute Erinnerungen. Tingler zieht sämtliche Register seines Jurorenkönnens: „Wir erleben die Tradition großen Erzählens, dabei die eigenen Begrenztheiten und Schwächen.“

Zeh verzieht dem Angeklagten, pardon, dem Autor: „Alles, was man mit Liebe und Ernst (oder: Achtsamkeit) betrachtet, macht, das ist: Yoga.“

Zen oder die Kunst der Metapher.

Mangold jubelt: „Das Reparieren eines Motorrades!“

Tingler stimmt ein: „Die Beurteilung eines Romanes!“

Alle zusammen: „Wie erhellend, nie altklug oder belehrend!“

Zeh zentriert ihr Wissen: „Hier wird Yoga zur Metapher, um die Frage zu klären: Was ist der Sinn, wie komme ich zum Seelenfrieden?“

Alle drei gleiten auf den Boden und üben sich im Lotussitz: „Alles ist wahr, und sein Gegenteil auch!“

Mangold: „Das ist von Martin Walser!“

Tingler: „Nein, von Buddha höchstpersönlich!“

Zeh schüttelt den weisen Kopf: „Das ist der Weisheitsanspruch jedes Verfassungsgerichtes!“

M und T verstummen.

Zeh weiter: „Aber, aber, meine Herren, so ist das nun mal am höchsten Gericht!“

Mangold kleinlaut: „Ist das höchste Gericht nicht Gott?“

Zeh bekommt von der Regie einen Glorienschein ums Haupt gelegt. Bevor die Männer insistieren können, leitet sie nonchalant zum nexten Buch weiter.

„Keine Zeit mehr, keine Zeit, meine Herren, sie rennt, die Zeit!“

Mangold bäumt sich noch einmal vom Boden auf: „Aber die Lieeebeee! Die Liebe ist doch immer die Rettung!“

Tingler nickt und Zeh zückt ungerührt das nächste Buch.

Ein besserer Mensch werden?

So, liebe Freunde, was kann ich noch hinzufügen? Vielleicht das: Nach Vernichten von Michel Houellebecq ist Yoga das zweite Buch eines französischen Autors, das mich noch länger beschäftigen wird.

Vor allem, weil ich vor fast sieben Jahren selbst völlig aus der Bahn geworfen wurde und nach diesem Ereignis Meditation, Qi Gong und fernöstliche Philosophie für mich entdeckt habe. Was mir sehr geholfen hat. Aber eben auch nicht immer hilft, wie Carrère ehrlich und selbstkritisch schreibt.

Es ist in Yoga viel davon die Rede, ein besserer Mensch zu werden. Wobei genau darin ja der Vergleich mit anderen Menschen steckt. Dazu ein Lieblingszitat des Autors aus einem buddhistischen Sutra:

„Der Mensch, der sich einem anderen gegenüber für überlegen, unterlegen oder selbst für gleichwertig hält, begreift die Wirklichkeit nicht.“

Vielleicht reicht es ja ein guter Mensch zu sein. Zwei Gedanken dazu: Was ist ein guter Mensch? Und muss man manchmal nicht Böses tun, um Gutes zu erreichen? Aber das sind Fragen, die jeder mit sich selbst ausmachen muss. Ich denke mir, dass es in jedem Fall hilft, vor seinem inneren Richter ein guter Mensch zu sein und andere Menschen gut zu behandeln.

Und was nun die Unsitte angeht, unbedingt Erste oder Erster sein zu wollen, sei es beim Besprechen eines Buches oder als Erfolgsformel, dem lege ich ein weiteres Zitat aus dem Buch ans Herz. Es stammt von dem – auch von mir sehr geschätzten – Pianisten Glenn Gould:

„Das Ziel der Kunst ist nicht, kurzfristig einen Adrenalinschub auszulösen, sondern geduldig ein Leben lang auf einen Zustand der Gelassenheit und des Staunens hinzuwirken.“

Carrère möchte das letzte Viertel seines Lebens unter dieses Motto stellen. Ich schließe mich an und staune über dieses außergewöhnlich wahrhaftige Buch. Das ursprünglich den Titel Ausatmen tragen sollte.

Dieses Buch ist in einem unabhängigen Verlag erschienen: Bei Matthes & Seitz Berlin. Wir betonen dies extra, um euch auf den Indiebookday am 26. März hinzuweisen. An dem Tag feiern und ehren wir die vielfältige unabhängige Verlagswelt. Ihr seid alle aufgerufen, euch in eurem Buchladen des Vertrauens ein Indiebook eurer Wahl zu kaufen und dieses dann im Netz unter dem hashtag #indiebookday zu zeigen. Bei Facebook gibt es eine Veranstaltung zum Indiebookday. Hier erfahrt ihr mehr. Und noch mehr Inspiration findet ihr bei We read Indie – eine ganz besondere Bloggerallianz, die nur Bücher aus unabhängigen Verlagen vorstellt. Die Klappentexterin hat sie seinerzeit ins Leben gerufen.

Emmanuel Carrère: Yoga. Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Hamm. Matthes & Seitz Berlin, März 2022, 341 Seiten, 25,- €. Jetzt portofrei bei Scheller Boyens Buchhandlungen bestellen. Oder vor Ort ein Exemplar reservieren lassen. Das Buch ist in beiden Filialen vorrätig. Das eBook kostet 19,99 € und ist ebenfalls im Shop erhältlich.

Ein Gedanke zu „Ausatmen beim Betrachten einer Buchbesprechung im Fernsehen.

  1. Klausbernd

    Wir sahen die Sendung auch und müssen sagen, dass Frau Zeh eher angestrengt und unüberzeugend herüber kam. Wir finden im Gegensatz zu Thea Dorn fehlt ihr Esprit.
    Das Buch von Carrere haben wir uns gleich kommen lassen. Wir sind gespannt. Es ist ein Buch, das jeder hoch lobt, dann muss doch etwas daran sein – oder?
    Alles Gute
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

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