In Kindheitsgewittern.

Foto: Svealena Kutschke | © Dorothea Tuch

Inwieweit prägt uns die eigene Kindheit? Die diesjährige Hebbelpreisträgerin Svealena Kutschke nähert sich dieser Frage in ihrem neuen Buch „Gewittertiere“. Ein vielschichtiges Werk, dem ich mehr Aufmerksamkeit wünsche. In ihrem Roman thematisiert die 1977 in Lübeck geborene Autorin verbale und psychische Gewalt. Gleichzeitig flechtet sie ein Stück Zeitgeschichte unserer Republik sowie Fremdenhass mit ein.

Im Mittelpunkt stehen Colin und ihr Bruder Hannes. In der Schule sind beide Außenseiter und werden gemobbt, und auch zu Hause erwartet sie kein warmes Nest. Ihre Eltern sind heillos mit der Erziehung überfordert und nicht in der Lage, fürsorglich für ihre Kinder da zu sein. Der Vater macht es Hannes obendrein zusätzlich schwer. Er hält seinen Sohn für ein Weichei und lässt es ihn sehr oft spüren.

Kurz nach der Wende entwickelt der Vater dann geradezu paranoide Züge: Er hat Angst vor Zuwanderern und baut im Garten einen unterirdischen Bunker. Das alles hinterlässt natürlich Spuren. Welche und wie sie sich anfühlen, darüber schreibt Svealena Kutschke auf sehr eindringliche Weise.  

Besonders ihre Sprache ist schillernd vielseitig und zeigt uns, zu was Worte fähig sind. Hier öffnen sie die Seele und lassen sogar ein bisschen Wärme durscheinen, selbst an den finstersten Stellen. Wie ein zarter Sonnenstrahl, der sich durch ein Wolkenmeer kämpft. Von diesen kleinen Hoffnungsschimmern finden sich einige in diesem sonst eher beklemmenden Buch.

Die Liebe zwischen Colin und Eda ist so ein Lichtblick. Die Autorin webt hier wunderschöne, atmosphärische Momente ein. Und noch etwas lässt einen aufatmen: Colin und Hannes beginnen in Berlin ein neues Leben, wo sie hoffen, endlich ihr Glück zu finden. Wird es ihnen gelingen, endlich ein wenig Frieden in ihren verwundeten Seelen spüren? In ihrem eigenen Leben ankommen? Folgt der Autorin in ihren ausgezeichneten vierten Roman, und ihr werdet die Antworten finden.

Der mit 5000 € dotierte Hebbel-Preis wird alle zwei Jahre verliehen und ist der älteste Literaturpreis Schleswig-Holsteins. Zu den bisherigen Preisträgern zählen Feridun Zaimoglu, Dirk von Petersdorff, Karen Duve, Jochen Missfeldt, Nis-Momme Stockmann und Berit Glanz.

Svealena Kutschke: Gewittertiere. Claassen, August 2021, 342 Seiten, 24,- €. Jetzt portofrei bei Scheller Boyens Buchhandlungen bestellen oder in den Filialen reservieren. Dort ist auch das eBook als Download für 19,99 € bestellbar.

Ein Gedanke zu „In Kindheitsgewittern.

  1. Konstantin

    So kurz die Besprechung, so sehr spricht sie mich an. Ich könnte gar nicht genau sagen, warum, wenngleich das Thema, die ‹Folgen von Kindheit› etwas sind, dass – wie vielleicht das Buch – insgesamt mehr Raum, mehr Bühne bräuchte und mehr gesellschaftlichen und politischen Willen, denen die nachkommen, mehr und besseres zu ermöglichen. Danke für den Tipp, das Buch landete sogleich auf meiner Liste der Bücher, die es über die Grenze zu hieven gilt 🙂 Liebe Grüße in den Norden!

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