Zwischen zwei Welten.

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Das Buch ist zu Ende und ich löffle immer noch hungrig in den Seiten. Tief beeindruckt blicke ich auf über 522 Seiten Lesevergnügen zurück und lächle dieses besondere Lächeln, das von ganz allein aufgeht, sobald man sich in ein Buch verliebt. Ein Teelöffel Land und Meer von Dina Nayeri ist für mich genau so ein Buch und ein umwerfendes Debüt dazu. Bringt mir also bitte eure Schalen her. Ich möchte meine Eindrücke dort hinein löffeln und euch von der Liebe ein großes Stück abgeben.

Bereits auf den ersten Seiten setzt mir die gebürtige Iranerin eine Mütze des Glücks auf den Kopf. Es ist die Art und Weise des Erzählens, die mich sofort liebkost. Die Geschichte hingegen ist traurig, finster wie eine große hässliche Regenwolke, die die Sonne geschluckt hat. Ich beobachte Saba Hafezi, wie sie ihre Zwillingsschwester Mahtab vermisst und ihre Eltern im Auto mit Fragen bombardiert. Wo ist sie? Statt Antworten fallen nebelartige Erklärungen in das Auto, ihre Eltern sagen, sie treffen Mahtab »dort« – am Flughafen. Später am Flughafen passiert dann das Unfassbare: Die aufgelöste Saba verliert ihre Mutter, als sie glaubt die Zwillingsschwester an der Hand einer fremden Frau zu erkennen. Sie zappelt wie ein Fisch im Netz und wirbelt durch ihre Aufregung alles durcheinander. Wie eine Kettenreaktion bricht alles auseinander, die Familie teilt sich. Zurück bleiben Saba und ihr Vater; die Mutter verschwindet. Der Verlust der Mutter und Schwester prägt Saba, hinterlässt eine schmerzende Narbe in ihrer Seele und ist der Kern dieses Romans.

Die Autorin führt mich in die Geschichte eines Landes, die ich erst langsam kennenlerne, den Bruch, der sich nach der Revolution 1979 im Iran vollzogen hat. Der Gürtel ist eng und nimmt die Luft. Nach dem Sturz des Schahs hat sich ein strenger islamischer Gottesstaat gebildet. Jegliche Freuden des Lebens wurden in den Boden gestampft. Frauen müssen Kopftücher tragen, Musik und Tanz in der Öffentlichkeit sind verboten wie zahlreiche andere Dinge auch. Besonders schwer hat es Sabas Vater, da er als Christ unter strenger Beobachtung von einem Mullah steht. Aus Angst vor Verfolgung ist er mit seiner Familie von Teheran in die Gilan-Prozinz gezogen. Die wohlhabenden Hafezis haben ihre Töchter modern erzogen und sie dazu motiviert, Englisch zu lernen. Vielleicht schaffen sie es eines Tages aus dem Iran nach Amerika zu emigrieren. Vielleicht. Hoffentlich. Saba flüchtet sich in amerikanische Serien, die sie auf dem Schwarzmarkt ergattert, liest verbotene Bücher, blättert in westlichen Zeitschriften und träumt sich in westliche Musik.

Häufig versteckt sie sich in ihrer Phantasie, erfindet Geschichten, wie das Leben der vermissten Schwester aussehen könnte. Saba glaubt, ihre Mutter und Schwester seien nach Amerika ausgewandert. Genau dorthin führen ihre Reisen im Kopf. Aber sind sie das wirklich? Was ist mit dem sich wiederholenden Traum vom Meer? »Manchmal wacht Saba nachts auf, die Haut wieder nass und salzig, nachdem sie in ihrem Albtraum Mahtabs Körper gesehen hat, ertrunken und vom Grund des Meeres gefischt.« Wo hört die Phantasie auf? Und wo beginnt die Wahrheit?

Sabas Umfeld ist weich und warm wie ein Federbett. Die ihr nahestehenden Menschen sind fürsorglich und herzlich; Streicheleinheiten für die Seele. Drei ältere Frauen kümmern sich neben dem Vater um das Mädchen, hören ihr zu. Khanom Basir, Khanom Omidi und Khanom Mansuri legen schützend die Hände über sie und lauschen ihren Geschichten. Khanom Basir ist die zweite Stimme in diesem Roman. Sie ist diejenige, die mit klaren Gedanken Sabas Geschichten gerade zupft und mir zuflüstert, dass es ganz anders gewesen ist. Ponneh und Reza liegen auch in Sabas Federbett. Sie sind Sabas beste Freunde, mit denen sie sich in der Vorratskammer versteckt. Freundschaft und Liebe leuchten hell auf und nehmen mich auf rührende Weise gefangen.

Doch es ist nicht alles weich und schön. Manchmal ist besonders die Realität furchtbar und grausam. Wenn die Autorin von menschenverachtenden Dingen erzählt, gefriert das Blut zu Eis, dann taumle ich benommen, als hätte ich mir an der Tür meinen kleinen Zeh gestoßen. Gewalttätige und diskriminierende Momente schießen schmerzvoll ins Bild. Ein Schwindel reiht sich an den nächsten und ich werde zornig, blicke fassungslos auf die verschwimmenden Buchstaben. Aber ich ertrinke nicht, Sabas Traum von einem anderen Leben hält mich fest und verhindert, dass ich zu Boden falle.

Dina Nayeri hat einen phantasievollen Roman geschrieben, der verzaubert und den Puls beschleunigt. Sie erzählt vom postrevolutionären Iran sowie von einschneidenden Schicksalsschlägen und berührenden Beziehungen. Sie nimmt mich auch mit in eine Welt verwurzelter Traditionen, ein bunter exotischer Teppich, auf dem ich mich setze und das Gurgeln der Samowaren höre, während frischer Grasgeruch von draußen in meine Nase weht. Weich und bildreich ist die Sprache; aufwühlend sind die Geschichten, die darin verborgen sind. So ist es kein Wunder, dass ich dieses Buch besonders langsam gelesen habe, jede Seite vorsichtig einatmend. Die Autorin verarbeitet unzählige Themen, die eine große Menge an Gefühlen nach draußen spülen. Manchmal erfasst mich eine starke Welle und zieht mich weg vom sicheren Boden. Und doch bleibe ich im Roman gefangen, pendele zwischen verträumten Sequenzen und Skorpion stacheligen Momenten, in denen mich der Schmerz wie ein Dämon jagt. Ich laufe, blicke um mich, halte an, löffele die Worte und finde einfach kein Ende. Das ist Liebe.

Dina Nayeri: Ein Teelöffel Land und Meer. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. mare, 2013, 522 Seiten, 22,- €.

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11 Gedanken zu “Zwischen zwei Welten.

  1. Liebe Klappentexterin,
    Deine tolle Rezension macht mich wieder wahnsinnig neugierig. Vor ein paar Wochen hast Du ja schon angekündigt, dass Du das Titelbild so toll findest und mir ging es genauso. Deshalb ist das Buch gleich auf meiner Wunschliste gelandet. Und jetzt diese wahnsinnig interessante Inhaltsangabe. Ich glaube, ich werde es mir sofort zulegen müssen. Mein SUB ist zwar riesengroß, aber Deine „Schätze“ finden immer wieder einen Platz. Bin wirklich sehr gespannt.
    LG
    lesesilly

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    1. Liebe lesesilly,
      da wir bislang viele gemeinsame Leseschätze haben, bin ich mir sicher, dass dieses hier auch dein Herz erobern wird. Es ist wirklich schön, dass meine „Schätze“ bei dir immer wieder einen Platz finden. Ich freue mich riesig, dass dieses umwerfende Debüt auf deine Wunschliste landet. Wie immer bin ich gespannt auf deine ganz persönlichen Eindrücke!

      Sei herzlich gegrüßt,
      Klappentexterin

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  2. Eine ganz wundervolle Rezi!! Ich bin begeistert wie wunderbar du in Worte fassen konntest, was dieses Buch auslöst. Mich hat es ebenfalls gefesselt, bewegt und schockiert.
    Für mich jetzt schon eins der Highlights des Jahres!!

    LG Nanni

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    1. Liebe Nanni,
      ja, es ist ein ganz besonderes Highlight in diesem Jahr. Mich hat das Buch allein schon durch das Cover gelockt. Dies ist dem mare-Verlag wieder einmal exzellent gelungen. Ich danke dir für deine Worte und die geteilte Freude über dieses großartige Buch!

      Liebe Grüße,
      Klappentexterin

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  3. Liebe Klappentexterin,

    wieder einmal eine großartige Besprechung von dir, bei der ich mich schon fast frage, ob ich da dann überhaupt noch das Buch lesen muss … bereits deine Worte haben mich doch schon verzaubert und begeistert. Danke für diesen schönen Hinweis auf einen literarischen Schatz, so klingt es zumindest. 🙂

    Liebe Grüße
    Mara

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    1. Liebe Mara,
      du musstmusstmusst unbedingt dieses Buch lesen! Es ist wieder so ein Mara-Klappentexterin-Buch, um das wir gemeinsam tanzen. Und es ist wirklich ein literarischer Schatz, ein leuchtender und eindrucksvoller, den du so schnell nicht vergessen wirst.

      Liebe Grüße,
      Klappentexterin

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  4. Liebe Klappentexterin,
    es ist vollendet. Ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen und bin begeistert. Ein sehr lehrreiches und bis zum Schluss spannendes Buch. Wieder mal ein Tipp von Dir, der sich gelohnt hat. Vielen Dank.
    Liebe Grüße
    lesesilly

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