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Weise Worte über die Einsamkeit. Und noch viel mehr.

Benedict_Wells_Vom_Ende_der_Einsamkeit

Ich habe lange gewartet. Die Zeit dehnte sich endlos wie ein Kaugummi. Tage, Monate, Jahre. Verwelkte Blätter fielen von den Bäumen, raschelten unter den Füßen. Bald tanzten Schneeflocken durch die Luft und teilten sich den Platz mit meinen Atemwölkchen. Einige Monate später kamen Vögel aus dem Süden zurück, setzten sich zwitschernd auf unsere Bäume, die erst noch kahl waren, und bald schon in voller Blüte standen. Ein sich immer wiederholender Kreislauf. Das Buch ließ auf sich warten, aber dann war er endlich da: Der Moment, als ich Benedict Wells Roman in den Händen hielt. Der Titel »Vom Ende der Einsamkeit«, die ersten Sätze… – schon spürte ich die besondere Magie, die uns nur die Literatur schenken kann.

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Zwischen zwei Welten.

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Das Buch ist zu Ende und ich löffle immer noch hungrig in den Seiten. Tief beeindruckt blicke ich auf über 522 Seiten Lesevergnügen zurück und lächle dieses besondere Lächeln, das von ganz allein aufgeht, sobald man sich in ein Buch verliebt. Ein Teelöffel Land und Meer von Dina Nayeri ist für mich genau so ein Buch und ein umwerfendes Debüt dazu. Bringt mir also bitte eure Schalen her. Ich möchte meine Eindrücke dort hinein löffeln und euch von der Liebe ein großes Stück abgeben.

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Weich wie der Regen, stürmisch wie der Wind.

Was für Maggie ihre Katze, ist für mich dieses Buch: Das besondere Glück, das uns in den Himmel trägt. Es braucht nicht viel, nur ein Augenblick und schon schnurrt der Bauch. Ja, es muss nicht immer eine Katze sein, das weiß ich nun.

Maggie ist die Ich-Erzählerin, der die Autorin Frances Greenslade in ihrem Romandebüt „Der Duft des Regens“ eine Stimme gegeben hat. „Jenny hat mich gebeten, das Ganze aufzuschreiben. Sie wollte, dass ich es für sie sortiere, auffädele, Perle um Perle, eine Geschichte daraus mache, wie einen Rosenkranz, den sie abzählen und immer wieder aufsagen kann. Aber ich habe es auch für sie geschrieben. Für Mom, oder Irene, wie die anderen sie nannten, denn den Teil von sich, der »Mom« war, hatte sie schon vor langer Zeit hinter sich gelassen.“ So beginnt dieser Roman, der mir bereits nach den ersten Sätzen eine Melancholie in die Augen legt. Ich spüre, wie ich allein durch eine verregnete Landschaft laufe. Irgendwo am Horizont sehe ich ein einsames helles Häuschen, das mir die Hoffnungslosigkeit aus den Poren zieht.

Jenny ist die ältere von den beiden Schwestern und doch strahlt Maggie mehr Stärke aus. Vielleicht kommt dies von ihrer Nachdenklichkeit, die sie oft in einen See aus Sorgen schubst. Maggie grübelt über so viel und wird deshalb von ihrer Familie liebevoll die Sorgenmacherin getauft. Ihr Dad befreit sie von dem schweren Paket und sagt, er sei Mister Sicherheit, um ihn müsse sie sich nun gar nicht sorgen. Ihr Dad ist es auch, der mit Maggie im Spätsommer und Herbst fast jedes Wochenende in den Wald geht. Manchmal angeln sie, fahren mit einem Boot hinaus, suchen Pilze und Beeren oder bauen einen Unterschlupf. Ich höre förmlich das Rascheln der Blätter, atme den würzigen Wind des Herbstes ein und genieße die Ruhe, die sich in mir breit macht. Plötzlich stehe ich in einem kanadischen Wald und tanze mit dem Regen.

Doch so harmonisch, wie sich die Geschichte anhört, bleibt sie nicht: „Wir waren eine normale Familie; das ist unsere Geschichte. Unsere Tage bestanden aus Flussufern und Schotterstraßen, Fahrrädern und Grashüpfern. Aber sobald du Gedanken spinnst, öffnest du eine Tür. Du lockst die Tragödie an. Das hat meine Sorge mich gelehrt.“ Ich möchte nichts vorwegnehmen und die Tragödie in dem Buch lassen. Keine kann sie so schön erzählen wie Frances Greenslade. Sie hat eine weiche Sprache, die sie mit wunderschönen Bildern schmückt und mich berührt, sanft streichelt, wenn ich aufgeregt atme. An vielen Stellen wird es warm, als hätte die Sonne dort ihre Strahlen ausgestreckt. Die Autorin schafft eine Nähe zwischen mir und Maggie und den anderen, als wäre ich direkt bei ihnen.

Frances Greenslade verarbeitet in ihren Roman viele Themen: die Familie, die eigenen Wurzeln und das Erwachsenwerden mit allem, was dazu gehört. Sie entführt ihre Leser auch in den Westen Kanadas, erzählt von Maggies Dad, der sich manchmal von der Welt entfernt und für Maggie nicht da ist. Genauso bewegt mich die Autorin durch eine Geschichte, die nach Abschied und einer unendlichen Suche schmeckt. In alldem begleite ich Maggie mehrere Jahre, sehe sie heranwachsen, erfreue mich an ihrer Katze Cinnamon, deren Liebe sie mir zärtlich beschreibt, und lausche ihren Gedanken, die sie nicht ablegt. Die Sorgen hingegen schon, damit es nicht noch schlimmer wird. Maggie ist ein Hoffnungsschimmer, so wie sie sich der Vergangenheit stellt und nach Antworten sucht. Der Roman ist weich wie der Regen und stürmisch wie der Wind. Er atmet viel Sanftmütigkeit aus und erschaudert durch bewegende Ereignisse. „Der Duft des Regens“ ist ein Buch, wie ich es mir wünsche, weil es angefangen vom wunderschönen Cover bis zur Geschichte alles hat, was mich glücklich macht und meinen Bauch schnurren lässt. Miau!

Frances Greenslade.
Der Duft des Regens.
Aus dem kanadischen Englisch von Claudia Feldmann.
Juli 2012, 368 Seiten, 19,90 €.
Mareverlag.

Übermut tut manchmal richtig gut.

Mathilda möchte man adoptieren. Sofort! Auf der Stelle! Obwohl sie als Kind nicht einfach ist. Jemand, der sich vornimmt, gemein zu sein und sich auch so nennt, kann nicht pflegeleicht sein. Neimeg. Diesen Namen gibt sie sich eines Tages in Anwesenheit ihrer schönen Freundin, die natürlich nicht merkt, was das Wort bedeutet. Das ist Mathilda, ein Mädchen, das andere gern austrickst. Sie fordert ihre Mitmenschen auf eine geschickte Art, dass man froh ist, nicht selbst einer von ihnen zu sein. Und doch geht davon eine Faszination aus, von der man sich nicht losreißen möchte.

Victor Ladato lässt in seinem Roman Mathilda Savitch die 13-Jährige Mathilda zu Wort gekommen. Das ist eine gute Idee gewesen, eine sehr gute sogar. Mathilda hat ihre Schwester Helena verloren. Irgendjemand hat sie vom Gleis geschubst, als der Zug einfuhr. Den Täter hat man bis heute nicht gefunden. Und so versucht Mathilda, ein Jahr danach, den Tod aufzuklären. Sie taucht ein in Helenas Leben, schreibt über deren Email-Account die Jungs an, mit denen Helena Kontakt hatte. Ehe sie sich versieht, steckt Mathilda mittendrin im geheimnisvollen Leben ihrer verstorbenen Schwester. Man ahnt schon, dass diese Aktion und auch ihre Gemeinheiten einen Sinn haben: Von sich abzulenken. Mathilda hat zu kämpfen mit sich und dem Verlust ihrer Schwester. In stillen Momenten kommt sie aus ihrer stolzen Fassade herausgekrochen und bewegt den Leser um so mehr. Sie ist ganz allein mit ihrem Schmerz. Eltern hat sie keine mehr, denn die hüllen sich seit dem Tod ihrer älteren Tochter in einen Mantel der Sprachlosigkeit.

Der Roman lebt vor allem durch die Gedanken. Man möchte gar nicht aufhören, Mathilda zuzuhören. So herrlich erfrischend ist ihr Wesen. Sie ist jemand, den man sich in eine Vitrine stellen will, weil sie einem trotz der schrecklichen Geschichte, die sie da erzählt, glücklich macht. Dieses Überhebliche, dieses Neumalkluge, dieses Philosophische – all das schwingt in fast jedem Satz mit und macht süchtig.

Victor Ladato hat Mathilda ihre eigene Stimme gegeben, ist dabei sehr authentisch vorgegangen, dass man als Leser denkt, Mathilda selbst hätte das Buch geschrieben, dieses Mädchen, das mit der Geburt die Weisheit mit den Löffeln gegessen haben muss.
Diese Lektüre ist so vieles: Erschütternd, traurig, unterhaltsam, mutig, frech, philosophisch. In all der Frische wird man leicht übermütig und vergisst jegliche Regeln, die einen die eigenen Eltern damals beigebracht haben. Bevor man sich versieht, sitzt man neben Mathilda und schmiedet zusammen mit ihr Pläne.

Mathilda Savitch.
Victor Ladato.
Juli 2009, 299 Seiten, 17,90 €.
C.H. Beck.

Wenn das Leben und der Tod sich gegenüberstehen.

Wie mag es sich wohl anfühlen, auf einem zugefrorenen See zu stehen und nicht zu wissen, ob das Eis tatsächlich dick genug ist, dass es auch dem eigenen Gewicht standhält? Schweben möchte man dann sicherlich gern oder wie ein Schwan auf- und davonflattern. Um das Halbe und nicht das Ganze geht es in dem neuen Buch von Audrey Niffenegger. Sie erzählt die Geschichte von Elspeth, die verstorben ist und die Wohnung ihren beiden Nichten, den Zwillingen, Valentina und Julia vererbt. Die beiden jungen Frauen aus Amerika nehmen das Angebot an und ziehen nach London. Was die beiden bis dahin noch nicht wissen: Es wird sich mehr ändern, als sie es je für möglich gehalten haben.

Elspeth liegt nebenan auf dem Highgate Friedhof im Familiengrab, doch sie lebt noch weiter, zumindest in der anderen Welt, als durchsichtiger Schatten fliegt sie durch ihre Wohnung und ist den beiden Zwillingen auf den Fersen, neugierig umschwebt sie die beiden und versucht bald, Kontakt mit ihnen und Robert, Elspeths Freund, aufzunehmen.
Robert arbeitet nebenan auf dem Friedhof, dadurch erfährt man einiges über die bekannte Ruhestätte, wo u.a. Karl Marx unter der Erde liegt. Valentina fühlt sich zu Robert hingezogen, dieser wiederum kann sich durch deren Ähnlichkeit mit Elspeth ihr nicht entziehen. Valentina wacht schon bald aus ihrem Dornröschenschlaf auf, will sich von ihrer Schwester freischwimmen. Aber zwischen dem Wollen und dem ersten Schritt können manchmal hunderte gefühlte Kilometer liegen. Als der Kontakt mit ihrer Tante intensiver wird, beginnt ein Spiel, das bald nicht mehr aufzuhalten ist.

Julia freundet sich mit Martin an, ein Freund von Robert und Elspeth, der ebenfalls in dem Haus wohnt. Er leidet unter Angstzuständen, verpackt alles Mögliche in Folien und schafft es nicht einmal, ins Treppenhaus zu gehen. Seine Frau hat ihn jetzt nach Jahren verlassen und ist zurück in ihre Heimatstadt Amsterdam gegangen.

Audrey Niffenegger hat einen ruhigen, melancholischen Roman geschrieben, den man irgendwie nicht ganz zu fassen bekommt. Dadurch verliert er jedoch nicht an Reiz, ganz im Gegenteil, immer wieder schlägt man das Buch auf, um Robert, Martin, Julia, Valentina und Elspeth zu folgen. Leser, die Ganzes suchen, werden hier schnell ihren Anreiz verlieren, denn die Geschichte ist vom Anfang bis Ende irgendwie unbestimmt wie ein Nebelschleier zieht sie vor den Augen vorüber, ohne einen groß anzustoßen, doch wer ihr folgt, spürt ihn bald, einen schüchternen Hauch an den Wimpern. Das Ungewisse weicht nicht, ist standhaft, so stark, dass am Ende der Leser mit der Frage zurückbleibt: Bricht nun das Eis oder nicht? Oder anders: Gibt es ein Leben nach dem Tod oder nicht?

Die Zwillinge von Highgate.
Audrey Niffenegger.
Oktober 2009, 19.95 €.
Fischer.