Von kalter Asche, alten Socken und schlechter Laune.

Es gibt einen Stadtteil, der liegt nur vier Haltestellen von meinem Zuhause entfernt. Und doch ist es jedes Mal ein spezielles Erlebnis, wenn ich dort ankomme und mich die Rolltreppe aus dem Untergrund auf den Hermannplatz ausspuckt: Ich bin in Neukölln. Eine vollkommen andere Welt erwartet mich. Eine Welt, die manchmal fasziniert und manchmal abschreckt. Es ist dreckig, es stinkt, seltsame Gestalten kreuzen meinen Weg und irgendwie ist mir komisch zumute. Nur einige Meter weiter hingegen tauche ich in das pulsierende Leben dieses Multikulti-Schmelztiegels ein. Ich komme an Imbissstuben vorbei, aus denen verführerische Gerüche nach draußen schweben und ich beobachte interessante Menschen, die meinen Blick streifen. Irgendwie bin ich mir noch nicht ganz einig, wie ich über den wohl bekanntesten und berüchtigsten Berliner Stadtteil denken soll. Johannes Groschupf hat mich in jedem Fall daran unterstützt, Neukölln mit anderen Augen zu sehen.

Der Anfang seines Romans Hinterhofhelden erscheint mir sehr mutig und direkt. Es geht damit los, dass er von dem besonderen Geruch schreibt, der überall in Neukölln hängt. „Leicht säuerlich“ oder „der unverkennbare Geruch nach kalter Asche, alten Socken und schlechter Laune“. Er bringt etwas auf den Punkt, was ich bisher nur gefühlt habe, aber nicht ausdrücken konnte.

Johannes Groschupf erzählt in seinem Roman von Hans Odefey, den er im Laufe der Geschichte nur Odefey nennt. Der junge Mann zieht in den 80er Jahren nach Berlin und entdeckt eher zufällig in Neukölln im Hinterhof eine kleine Wohnung. Sofort ist er begeistert und bekommt sie auch. Eigentlich möchte Odefey studieren, doch relativ schnell merkt er, dass ihn das Studium nicht packt. Dafür entdeckt er die große Leidenschaft fürs Fotografieren. Er streift wie ein aufmerksamer Hund durch die Straßen und fängt alles ein, was er spannend findet. Selbst vor einem BVG Kontrolleur schreckt er nicht zurück. Eines Tages trifft er im Waschsalon eine unbekannte, schöne junge Frau, die ihn seitdem nicht mehr loslässt. Bald sucht Odefey nicht nur in seinen Träumen nach ihr und findet sie wieder. Er rettet seine Herzensdame während einer seiner Fotoaktionen. Das ist die eine Perspektive. Die andere ist das Leben, das Odefey in Neukölln umgibt. Er taucht in ein Leben, das er so nicht aus seiner norddeutschen Provinz kennt. Hier wird gern schnodderig erzählt, sich geprügelt und auch verführt.

Hinterhofhelden hat etwas in mir ausgelöst. Was genau, kann ich nicht sagen, nur, dass es sich total großartig anfühlt, wenn ich auf das Buch blicke. Es ist wie mit der Liebe. Man kann sie nicht erklären. Sie ist einfach da und macht dich glücklich. So ist das mit dem Buch. Johannes Groschupf hat mich hinter die Fassade blicken lassen, hat mich dorthin hineingezogen, wo ich normalerweise nicht freiwillig reingehe. Noch jetzt rieche ich die deftige Kohlsuppe, höre die Menschen aus den Wohnungen laut reden. Wie durch ein Mikroskop habe ich all die kleinen Partikel entdeckt, die Neukölln zusammenhält und spannend macht. Das ist vor allem der präzisen Beschreibung zu verdanken, die das große Ganze in kleine bemerkenswerte Teile zerlegt. Ich glaubte tatsächlich mittendrin zu stehen, im Hof zwischen Odefey und Frau Pilarski, der Hauswartsfrau, Familie Lindner und den anderen. Der Roman liest sich aber keineswegs wie eine Reportage. Mit einer besonderen lakonischen Note hat Johannes Groschupf sein Werk sehr sensibel geschrieben, so sehr, dass ich vieles direkt gefühlt habe. Darüber hinaus hat der Autor einen großartigen Protagonisten geschaffen, einen Bengel, den man sofort in sein Herz schließt. Ich mochte Odefey sofort und mag ihn immer noch.

Muss man Berliner sein, um diesen Roman mit Begeisterung zu lesen? Nein, man muss nicht. Das Leben der Menschen könnte auch woanders stattfinden, nur unter anderen Rahmenbedingungen, das schon. Aber gerade für Auswärtige, so will ich die Nicht-Berliner mal nennen, ist es eine wunderbare Reise in einen Stadtteil, der durch die Medien ja oft auch außerhalb der Stadt besprochen wird. Auf den 224 Seiten entdecken wir kleine Geschichten, die Gänsehaut verursachen und einem hier und da schmunzeln lassen.

Johannes Groschupf hat mich Neukölln erleben lassen, wie ich es wahrscheinlich nie wieder erleben werde. Dennoch hat er mir den Stadtteil ein Stückchen näher gebracht mit seinen Menschen und allem Drumherum. Das nächste Mal, wenn ich mit der Rolltreppe aus der dunklen Tiefe ins helle Tageslicht fahre, sehe ich Neukölln mit einem leicht anderen Blick. Ein Auge bleibt zu und ein Nasenloch um so offener. Nun habe ich ja zumindest einen Namen für all die Gerüche.

Johannes Groschupf.
Hinterhofhelden.
Februar 2009, 224 Seiten, 19,95 €.
Eichborn Verlag.

Johannes Groschupf ist am Donnerstag, 29. Juli, ab 19.30 Uhr zu Gast bei STORY! im Heimathafen Neukölln und liest aus seinem Roman „Hinterhofhelden“.

Morgen erfahrt ihr in einem Interview, was der Autor über Neukölln zu sagen hat. Seid gespannt!

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4 Gedanken zu “Von kalter Asche, alten Socken und schlechter Laune.

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