Die Eleganz des Schreibens.

Egal, was ich tue, ich bekomme einfach das Bild nicht aus dem Kopf: Ein weißes Bettlaken auf dem in einem wunderbaren Arrangement zwei edle Haarbürsten, ein famoser Kamm, eine Haar-Pflegelotion und eine zarte Hand liegen. Fünf Finger mischen sich dazu. Noch verharren sie ein wenig. Sie schweben etwas unschlüssig in der Luft, wissen nicht genau, was sie als Erstes greifen wollen. Plötzlich wandert mein Blick woanders hin, weil ich aus dem Augenwinkel schöne Locken einer hübschen Frau wahrnehme. Die Sonnenstrahlen tanzen auf ihren blonden Haaren, dass einige Strähnen an manchen Stellen wie Goldfäden aussehen. Eine glückliche Goldmarie, denke ich. All das ist umgeben von einem zurückhaltenden Schleier. Schlicht, elegant und leicht. Diese drei Adjektive streicheln wie Federn zaghaft mein Gesicht.

Dieses wunderbare Bild habe ich einem Krimi zu verdanken. Die Studentin – Ein Fall für den Frisör von Christian Schünemann. Ich bin direkt hineingefallen in die Geschichte, die der Ich-Erzähler Tomas Prinz erzählt. Sie nimmt in London ihren Anfang. Dort hat der Frisör Tomas eine große Show vor sich. Ungünstigerweise knickt sein Model während der Probe um und kann nicht mehr laufen. Da schneit – wie von den Göttern persönlich entsandt – Rosemarie in die Szene. Die junge Frau ist eigentlich das Au-Pair Mädchen von Tomas Schwester Regula und soll von ihm mit nach München mitgenommen werden. Das interessiert Tomas zunächst nicht, denn er verfängt sich in ihrem fantastischem Haar, das ihn „zum Reingreifen und Unsinn machen“ verführt. Rosemarie ist ein Geschenk des Himmels. Also schlüpft sie in die Rolle eines Models und trägt schon bald auf dem Kopf ein wahres Meisterwerk. Die Show ist gerettet.

Zurück in München arbeitet Tomas in seinem Salon. Rosemarie nimmt nicht nur ihre Tätigkeit als Au-Pair-Mädchen auf, sondern landet schon bald an der Uni. Tomas lässt sie an dem Studentenleben mit teilhaben und zieht ihn mit auf den Campus. Dieser versteht wenig von den Debatten, die dort geführt und von den Werken, die analysiert werden. Dafür entdeckt er die Intrigen, die hinter den Büchern gesponnen werden. Auf seine liebenswerte, menschliche Art entwirrt er diese Wollknäuel und ist damit etwas schneller als die Polizei.

Die Studentin – Ein Fall für den Frisör ist kein gewöhnlicher Krimi. Ich würde eher sagen, ein Krimi in Romanform. Die erste Hälfte der Geschichte plätschert auf angenehme Weise vor sich hin. Wir sind zu Gast im Salon, folgen den tollen Dialogen von Tomas Mitarbeiterinnen, Kerstin und Bea. Zwei bemerkenswerte Damen, wie ich finde. Vor allen Bea mit ihrem Sinn nach Übersinnlichen. Sie liest leidenschaftlich gern aus den Händen oder sagt schlaue Dinge über Sternzeichen.

Wie ein Gewitter braust sich im Laufe des Lesens das böse Grauen zusammen. Man ahnt es nicht und schwupp ist es da. Die Sonne scheint noch, doch dann rauschen dicke fette Wolken im Eiltempo heran, der Wind bläst und man muss sich die Haare festhalten, damit man hinterher nicht aussieht wie ein Wischmobb.

Als große Liebhaberin gut geschriebener Bücher wurde ich hier bestens verwöhnt. Ich habe mich auf den Seiten glücklich geräkelt und gelächelt. Wie anfangs erwähnt, hing zwischen den Wörten so eine gewisse schlichte, besondere Leichtigkeit.  Ich habe mal eine Satzkomposition heraus gepickt:

Über die Sonne konnte man in diesen Tagen wirklich nicht meckern. Zuverlässig wanderte sie jeden Morgen, gleich nach der Stadtreinigung, mit ihrem Bündel Strahlen die Hans-Sachs-Straße entlang und verwandelte sie auf ihrem Weg, Meter für Meter, in ein plapperndes und klapperndes Kaffeehaus.

Ha, und da ist es, das scheue Lächeln und das vorsichtige Augenzwinkern. Stück für Stück, ganz langsam entsteigen beide aus eure Gesichtern. Ich sehe es doch! Sie fliegen hinaus als wären sie kleine Schmetterlinge, die eben noch als Raupen ungeduldig am Boden lagen. Nun flattern sie aufgeregt umher. Genau das ist Christian Schünemann. Er schreibt unwahrscheinlich elegant und unprätentiös, und überrascht mit feinen Sequenzen. Der Autor lebt die Eleganz des Schreibens. Jetzt denkt ihr vielleicht auch ein bisschen an das weiße Bettlaken, oder etwa nicht? Ich tue es jedenfalls immer noch und breite mich darauf aus.

Christian Schünemann.
Die Studentin – Ein Fall für den Frisör.
Juli 2009, 272 Seiten, 9,90 €.
Diogenes Verlag.

Der Autor ist am Mittwoch, 28. Juli, ab 19.45 Uhr zu Gast bei STORY! im Heimathafen Neukölln und liest aus seinem Roman Die Studentin – Ein Fall für den Frisör.

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6 Gedanken zu “Die Eleganz des Schreibens.

  1. Liebe Klappentexterin,
    welch ein schöner Fund auf Deinem Blog…
    Was Du geschrieben hast, klingt sehr nach einer Sommerlektüre. Ist das so?
    Oh wie gerne hätte ich mehr Zeit zum Lesen…
    Alles Liebe
    Dorota

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  2. Lieber Florian,

    schön, dass Christian Schünemann sich über einen weiteren Leser freuen darf!

    Liebe Dorota,

    ja, das ist sie: Leicht, qualitativ hochwertig und äußerst unterhaltenswert. Die mehr Zeit zum Lesen hätte ich auch gern. Kann man die nicht irgendwo bestellen?

    Herzliche Grüße

    Klappentexterin

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