Bulgakow, China, Tibet – Ein Abend auf dem 12. ilb.

So stelle ich mir den Beginn eines literarischen Festivals vor: Vorm Eingang wird aus einem Buch gelesen, Zuschauer hören gespannt zu und von oben am Himmel lacht fröhlich die Sonne. Es war ein schönes Bild, das sich mir am späten Dienstagnachmittag beim Weg ins Haus der Berliner Festspiele darbot. Der ilb-Festivalleiter Ulrich Schreiber las aus der Neuübersetzung „Der Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow vor. Damit beteiligte sich Ulrich Schreiber an der Aktion „Berlin liest“, bei der am 4. September 2012 eine Stunde vor Festivalbeginn viele Berliner und bekannte Persönlichkeiten für 15 Minuten an öffentlichen Plätzen vorlasen.

Die nächste Freude erwartete mich beim Betreten der Berliner Festspiele. Links empfing Hildegard Pohl von der Buchhandlung „LE MATOU“ die Besucher mit einem sehr interessanten und schönen Büchertisch. Das Gewusel nahm bis in die Abendstunden nicht ab und mancher Besucher nutzte auch gleich die Gelegenheit, nach einem Buch zu fragen, das ihn schon lange interessierte, dessen Titel und Autor ihm aber entfallen war. Kein Problem für Hildegard Pohl, die sofort in ihrem Laptop recherchiert hat.

Mehr Zeit zum Umschauen blieb mir nicht, weil es plötzlich klingelte. Es war der allgemeine Aufruf, im großen Saal Platz zu nehmen. Das Glück bescherte mir einen Platz in der ersten Reihe, den ich dankend annahm. Bevor ich den Saal betrat, musste ich mir noch ein Kopfhörer besorgen, da die Eröffnungsrede in Chinesisch gehalten werden sollte. Als Ehrengast war Liao Yiwu eingeladen. Der Schriftsteller wurde vor allem durch seine Ausreise aus China im Juli 2011 bekannt. Im Oktober 2012 wird Liao Yiwu mit dem Friedenspreis der Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Kaum saß ich, wurde meine Aufmerksamkeit vom Bühnenbild in Beschlag genommen. Die sich bewegende Installation ließ viel Raum für Interpretation offen. Das Bild zeigte eine sich bewegende Darstellung der Erde und des Meeres, die von hellen Membranen überzogen wurden. Sehr faszinierend! Es fiel mir wirklich schwer, nicht den ganzen Abend darauf zu schauen.

Nach den Begrüßungsreden vom Intendanten der Berliner Festspiele, Dr. Thomas Oberender, und Ulrich Schreiber gab es von Michael Day eine kurze Einführung zum künstlerischen Schaffen Liao Yiwus. Er stellte dem Publikum eine Literaturschrift aus dem Jahre 1987 vor, von der es nur 40 Kopien gibt, weil das Blatt von der Regierung verboten wurde. Danach betrat der Ehrengast die Bühne. Bevor Liao Yiwu vorlas, spielte er auf einer Flöte. Es waren Klänge, die unter die Haut gingen und als Türöffner für eine bewegende Lesung dienen sollten. Liao Yiwu nahm in seiner Rede Bezug auf die Lage in Tibet und zu den Mönchen, die sich aus Protest bereits verbrannt haben. Er verdeutlichte, wie wichtig und schwierig es ist, den 17. Gyalwang Karmapa ausreisen zu lassen. Zum Gedenken an die Todesopfer in Tibet spielten Liao Yiwu mit Hui-chen und Peter Kuhnsch am Ende ein Lied. Diesen Auftritt habe ich auch für euch festgehalten. Das Foto ist leider etwas verschwommen, da ich mit Absicht auf das störende Blitzlicht verzichtet habe. Im Hintergrund seht ihr einen Teil des Bühnenbildes.

Als ich später mit vielen anderen meine Kopfhörer wieder abgeben wollte, ermüdete mich die lange Schlange, so dass ich mir die Wartezeit angenehmer vertreiben wollte, und besuchte deshalb die 1. Etage, in der Werke von chinesischen Künstlern wie Ai Weiwei, Liu Xia und Meng Huang unter dem Titel „Die sichtbaren und unsichtbaren Gefängnisse“ gezeigt werden. An einer Wand hängen auch 54. Manuskriptseiten von Liao Yiwus Gefängnis-Biographie „Für ein Lied und hundert Lieder“ und die Arbeiten vom verstorbenen tibetischen Fotografen Tsering Dorjee über die Kulturrevolution in Tibet.

Und dann war er wieder da, dieser besondere Moment: Als der große Besucherstrom sich längst aufgelöst hatte, lief Liao Yiwu an seinen eigenen ausgestellten Manuskriptseiten entlang. Was mochte er wohl gedacht haben? Für mich waren es kostbare Sekunden, die ich still im Hintergrund mit meiner Kamera festgehalten habe.

Dem wunderbaren Auftakt folgte also ein interessanter und bewegender Anfang. Es bleibt weiterhin spannend beim 12. Ilb.

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15 Gedanken zu “Bulgakow, China, Tibet – Ein Abend auf dem 12. ilb.

  1. Das muss ein wundervoller Tag gewesen sein. Wahrscheinlich kommt es mir nur so vor, aber ich denke, dass das geschriebene Wort wieder mehr geschätzt wird. Egal wo ich mich befinde, auf dem Bahnsteig, im Cafe, auf den Straßen. Mir ist, als würden die Menschen ringsherum wieder mehr lesen.

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    1. Das ist eine wunderschöne Beobachtung, liebe Tanja, die glücklich macht und mir das Rascheln der Buchseiten direkt in die Ohren legt. Hab also lieben Dank dafür! Ja, es war ein wundervoller Tag, so einer, der lange im Gedächtnis bleibt. Herzlichst, Klappentexterin.

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  2. das klingt so zauberhaft. kann mir vorstellen, wie du durch die räume und an den lesenden vorbei geschwebt bist. hätte gern bulgakows „der meister und margarita“ mitgehört.

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    1. Liebe Elmyra, stell dir nur vor: Bei „Der Meister und Margarita“ habe ich an dich gedacht. Ja. Wie schön ist es, dass du davon schreibst. Vielleicht hast du es sogar gehört? Alles Liebe, Klappentexterin.

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  3. liebe klappentexterin, ich habe mich sehr gefreut, daß ich heute abend bei dir die bilder von Yiwu entdeckt habe. ich habe auch gleich noch einen link in meiner besprechung auf deinen beitrag platziert! danke dafür!!

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