Galaktisches Kleinstadt-Intermezzo.

Zugegeben: Ein bisschen komisch ist der Anfang der Geschichte schon, sie hat etwas von einem Krebs, der plötzlich fliegen kann. Das passiert wohl, wenn man Unerhörtes mit Normalen mischt und komische Elemente auf die Erde rieseln lässt. Anthony McCarten hat dies getan, indem er in seinem neuen Roman „Liebe am Ende der Welt“ Galaktisches eingebaut hat. Solltet ihr jetzt eure Augen verdrehen, dann ist das normal, mir ist es ähnlich ergangen. Ich habe den Roman trotzdem gelesen und mich auf das Verdrehte eingelassen, denn fliegende Krebse interessieren mich sehr.

Es beginnt damit, dass die 16-jährige Delia kurz vor Weihnachten behauptet, sie sei von Außerirdischen in ein Raumschiff entführt worden. An genaue Einzelheiten konnte sie sich im Nachhinein leider nicht mehr erinnern. Dies berichtet sie Sergeant Harvey Watson, nachdem der neue Bibliothekar Phillip Sullivan die leicht verwirrte Delia auf der Straße aufgelesen hat. Der Sergeant will nicht glauben, was Delia erzählt hat und fordert sie auf: „Also lass uns das noch einmal durchgehen, Delia. Noch mal von vorn. Und bitte, lass um Himmels willen diesmal den ganzen Unsinn sein.“ Tut sie natürlich nicht.

Im Vertrauen berichtet der Sergeant später seiner Frau von Delia. Am nächsten Morgen weiß es schon die halbe Stadt. Wie ein Lauffeuer macht die Begebenheit in dem kleinen neuseeländischen Städtchen Opunake schnell die Runde, nachdem die Frau des Polizisten morgens dem Milchmann davon berichtet hatte.

Während Delia weiterhin an ihrer Sicht der Dinge festhält, machen sich die anderen über sie lustig. Bis zu dem Tag, an dem auf einem Feld eine plattgewalzte Kuh wie aus dem Nichts gefunden wird. Das ist noch nicht alles: Delias Cousine Yvonne erfährt, dass sie schwanger ist. Welch unerhörtes Ereignis! War sie doch bisher Jungfrau, was ihr natürlich keiner glauben kann. Der Vater tobt und will wissen, wer der Geliebte seiner Tochter ist und holt schließlich Delia mit ins Boot, von der er glaubt, dass sie mit Yvonne unter einer Decke steckt. Als hätte sie nicht schon selbst genug um die Ohren, muss Delia einige Tage eine ähnliche Entdeckung machen: Weil ihre Periode überfällig ist, macht sie einen Schwangerschaftstest – der fällt positiv aus. Bei Delia stellt sich die gleiche Ratlosigkeit ein wie bei Yvonne, doch sie hat einen Verdacht, der sie zu jenem kosmischen Abend zurückführt. Yvonne und Delia bleiben nicht die einzigen Schwangeren, auch Lucinda ist Gleiches widerfahren.

Fassen wir also kurz zusammen: Drei junge schwangere Frauen, die mit keinen der jungen Männer aus dem Ort Sex hatten, eine plattgewalzte Kuh und jede Menge Gerüchte über Außerirdische ergibt zusammen ein kleines Chaos, das an fliegende Krebse erinnert.

Kurz durchatmen? Ja! Ich gebe zu, das Ganze klingt ein bisschen verworren, dass man kurz nach Luft schnappen muss. Anthony McCarten führt seine Leser etwas an der Nase herum, aber das Schöne ist: Er macht das so gut! Der geborene Neuseeländer erzählt federleicht von diesem unerhörtem Erlebnis und strickt den typischen Klatsch und Tratsch einer Kleinstadt mit hinein. Obwohl McCarten anfangs die Sache mit den Außerirdischen fokussiert, kristallisiert sich relativ schnell heraus, um wen es hier eigentlich geht, die Menschen selbst. Das Miteinander und Gerangel, der Hohn und der Spott, die Abscheu und natürlich die Liebe. Wie auch in seinen anderen Romanen zeigt McCarten, dass er ein besonderes Händchen für seine Figuren besitzt. Sie sind schon recht eigen, aber auf ihre Art sehr sympathisch.

Der Autor zieht neben Delia einige Einwohner in den Mittelpunkt, erzählt von Menschen mit ihren Sorgen und Nöten, beispielsweise die vom Bürgermeister, Pfarrer, Sergeant, Journalist Vic Young und Phillip, wobei drei von ihnen die Wahrheit über das unerhörte Ereignis herausbekommen wollen. Wird es ihnen gelingen? Das verrate ich natürlich nicht, aber so viel schon mal vorab: Ihr werdet mit dem Buch eure Freude haben! Anthony McCarten hat eine tragisch-komische und göttlich-skurrile Lektüre niedergeschrieben. Ein bisschen Science-Fiction, ein bisschen Krimi und ein bisschen Liebe. Bei „Liebe am Ende der Welt“ handelt es sich nicht um ein herausragendes literarisches Ereignis, aber um eine gute und spannende Geschichte, die auf erfrischende Art wunderbar unterhält. So, wie es ein fliegender Krebse tun würde.

Anthony McCarten.
Liebe am Ende der Welt.
August 2011, 368 Seiten, 22,90 €.
Diogenes Verlag.

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13 Gedanken zu “Galaktisches Kleinstadt-Intermezzo.

  1. Vielen Dank für deinen Bericht. Sie werden immer seltener – diese liebevoll herausgearbeiteten Rezensionen, umso schöner, sie auf deiner Präsenz in aller Ausführlichkeit rezipieren zu dürfen!

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    1. Herzlichen Dank für die wertschätzenden Worte! Ich möchte an der Stelle aber auch an meine geschätzten LitBlog-Nachbarn verweisen, deren Rezensionen ich sehr gerne lese… Für mich immer wieder schön und wertvoll!

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  2. Deine Rezensionen zu lesen, ist wirklich gefährlich. Sie lassen meinen Wunschzettel immer weiter anwachsen. Auch dieses Buch hat es dank deiner tollen Beschreibung auf meine „Must Read“-Liste geschafft

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  3. Ich kann mich kaum entsinnen, in letzter Zeit ein (noch dazu empfehlenswertes) Buch eines Neuseeländers wahrgenommen zu haben. Meist verbirgt sich dahinter ein interessanter Blick über den Tellerrand und McCarten kommt definitiv auf meine „Hab acht-Liste“.

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    1. Spricht da eine erfahrerene neuseeländische Literaturfachfrau? Ich kenne mich in dem Bereich nicht so aus, kann dich aber nur darin unterstützen, diesen Autor auf deine „Hab acht-Liste“ zu setzen. Ich habe von ihm z.B. auch „Englischer Harem“ gelesen, ebenfalls sehr empfehlenswert, obwohl die Geschichte nicht am Ende der Welt, sondern in London spielt.

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  4. Das klingt tatsächlich ein wenig verrückt und außerordentlich galaktisch, dennoch aber lesenswert. Man hat scheinbar seine Freude mit dem Buch und seiner Geschichte. Hole ich mir vielleicht auch noch. Dank dir für deinen Bericht. Vlg Steffi

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