Ein wenig Auszeit mit Hanya Yanagihara – das Lesetagebuch, Teil 2.

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Wie bereits angekündigt, folgt nun Teil 2 meines Lesetagebuchs zu Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara, in dem ich über die kleine Auszeit in Ferch berichte.

***


Ferch, 9. Januar 2017, 9.30 Uhr

Als ich die orangefarbenen Vorhänge aufziehe, bekommt der Traum ein Gesicht. Bodentiefe Fenster verleihen mir das Gefühl, mitten in der Natur zu stehen. Ein malerischer Anblick, und im Tageslicht strahlt alles noch mehr als in der Dämmerung. Ein Moment, den ich in Gedanken festhalte, es muss nicht immer die Smartphone-Kamera sein. Welch’ fabelhafte Aussichten für den Montag: Lesen, lesen, lesen. Das beginnt schon am Frühstückstisch. Neben der Müslischale liegt das Buch, doch immer wieder schweift mein Blick zum Fenster und hinaus. Ich kann mich an der Natur nicht satt sehen, doch die vier Jungs aus dem Roman rufen mich zurück.

Ferch, 9. Januar 2017, 15.07 Uhr

Nach einem ausgiebigen Spaziergang zum Schwielowsee kehre ich mit einer dampfenden Tasse in die Geschichte zurück. Mittlerweile habe ich mich auf Seite 140 vorgelesen. Schaffe ich heute die 300? Doch Moment mal, ich bin hier doch nicht beim Marathonwettbewerb. So atme ich tief durch und greife zu meiner Teetasse. Jude öffnet sich gerade ein bisschen und ich horche ihm gespannt zu. Ich erfahre seine Lebensgeschichte, die er sonst gern für sich behält. Bin ich gerade die einzige Person, die sie liest?

Ferch, 9. Januar 2017, 21.10 Uhr

Ach Jude!!

Ferch, 10. Januar 2017, 10.34 Uhr

ferch_sonneSonne!! Zwischen den Bäumen, scheint sie hindurch – wie schön! Bis spät in den Abend habe ich gestern gelesen. Berührt und betroffen von Judes Kindheit, aber auch von seiner selbstzerstörerischen Gedankenwelt habe ich das Buch vorm Schlafengehen zugeklappt und gehofft, es würde nach all der Aufregung irgendwie friedlich um ihn werden. Es war ein Drahtseilakt zwischen tiefer, kalter Dunkelheit und herzenswarmen Gesten, durch die mich Hanya Yanagihara geführt hat. Während ich mich ab Seite 200 rauschhaft durch die Seiten lese, ahne ich, was die anderen Leser meinten. Bei Harolds Brief kommen mir die Tränen, derart gerührt bin ich von seinen Worten an seinen Freund. Das Buch verschlingt mich zunehmend, es zerrt an meinem Innersten und erschüttert mich. Auf Seite 346 atme ich endlich auf. Dort denkt Jude, was ich mir von ihm wünsche: „Er könnte mehr wie Malcolm sein, denkt er, könnte seine Freunde um Hilfe bitten, könnte sich ihnen gegenüber verletzlich zeigen. Schließlich hat er das zuvor schon getan, wenn auch nicht freiwillig…“ Ja, also los, Jude, trau dich!

Ferch, 10. Januar 2017, 12.34 Uhr

Auf der Veranda. Kurz durchatmen und die Wunder der Natur genießen. Die Wintersonne zeigt sich heute sehr selbstbewusst, streckt ihre Strahlen raus, als wäre es ein warmer Sommertag. So hell! Die Sonne bahnt sich durch die kahlen Bäume, fast höre ich, wie der Schnee schmilzt und von den Bäumen tropft. Viele Geräusche machen sich an diesem strahlend schönen Wintertag bemerkbar: Ein Buntspecht, der seinen Beat in den Baum hämmert. Ein leicht schwankender Baum, der aussieht, als würde er zu einem Lieblingssong mitschwingen. Kalte Winterluft streift das Gesicht und verfängt sich zwischen den Bäumen, ein zartes Rascheln der Äste. Plötzlich bleibt die Welt stehen und ich bin tief verankert in diesen wundervollen Moment. Voller Dankbarkeit drehe ich mich zum Haus und blicke hinein.

Ferch, 10. Januar 2017, 14.00 Uhr

Die Sonne ist immer noch da und verlockend. Der Himmel zeigt sich in einem strahlenden Blau. Wir können nicht anders und ziehen uns warm an. Am Schwielowsee angekommen, sind wir entzückt; Der Blick über den zugefrorenen und eingeschneiten See ist traumhaft. Dieses Mal zücke ich mein Telefon, auch wenn ich weiß, dass das Foto nur halb so schön werden wird. Ich spüre Frieden in mir und lasse die tobenden Stürme des Buches für einen Moment nicht an mich heran. Alles wird ruhiger und von einer Leichtigkeit gestreift, die erstaunliche Kraft der Natur. Davon müsste ich Jude erzählen.

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Ferch, 10. Januar 2017, 19.39 Uhr

Ich weiß nicht, was ich denken, tun und schreiben soll. Ich habe überall Schmerzen, bin taub und so gar nicht kreativ. Das nächste Buch, das ich lese, kommt aus der Kategorie „leichte Unterhaltung“. Gut, ein wenig übertreiben, aber im Ernst: Mehr ist kaum mehr möglich. Zu intensiv waren die Schmerzen der zuletzt gelesenen Seiten. Ich befinde mich aktuell auf Seite 529. Und befürchte, die Sonne wird weiterhin nur vor den Fenstern scheinen. Jetzt sehe ich aber den Mond und genieße die Stille. Dann aber springt mir eine Frage in den Kopf: Warum weiterlesen? Warum nicht einfach aufhören? Weil ich bereits zu weit drin stecke. Es ist wie ein Virus oder Hypnose oder beides.

11. Januar 2017, 8.30 Uhr

Finsternis und Schmerzen in der Literatur sind für mich nichts Neues. Oft lese ich sogar gern Bücher mit melancholischem Grundton. Ich mag, dass sie mich nachdenklich stimmen und über das Leben in der Geschichte oder dem Leben außerhalb der Buchdeckel reflektieren lassen. Ich ziehe viel aus ihnen, mehr als aus leichten Geschichten. Das eine sind Brausebonbons, wunderbar zur Unterhaltung und Zerstreuung und das andere dunkle Schokolade, deren Geschmack sich erst langsam auf der Zunge entfaltet. Rückschläge stärken und erweitern unseren Horizont – in der Literatur wie auch im wahren Leben. Doch selten habe ich derart viel Schmerz und Hass gegen sich selbst so geballt und dauerhaft aushalten müssen wie in diesem Buch. Und ich bin noch nicht durch. 300 Seiten habe ich vor mir. Wie auch bereits gestern Abend hämmert die Frage in meinem Kopf: Warum tue ich mir das an? Ist das Leben derzeit nicht finster genug? Warum die Finger dauerhaft in die Wunde legen? Warum nicht aufhören? Jude, Jude sein lassen und meine Wege gehen. Ganz einfach: Es geht nicht. Wahrscheinlich bin ich nicht die Einzige, die an diesen Punkt gelangt und sich die Frage stellt. Doch das hilft mir jetzt nicht weiter. Ich schreibe meiner Freundin eine Nachricht. Sie versteht, ist mein Beistand. Ja, ich verstehe, lieber Hanser Berlin Verlag: Sie werden darüber sprechen wollen!

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Zudem hat das Buch noch eine andere Komponente, sozusagen die B-Seite. Wahrscheinlich ist es auch die, die mich nicht loslässt. Eine wohltuend herzenswarme Facette voller Menschlichkeit, bedingungsloser Liebe und jahrelanger Freundschaft, die vieles überlebt und sogar Kraft spendet, Hoffnung schenkt und mir vor Rührung Tränen in die Augen treibt. Menschen so zu nehmen wie sie sind. Da ist ein großer Halt, an dem ich mich als Leserin klammere wie ein Äffchen ans Bäumchen. Das erzeugt reichlich Balsam für die Seele. Wie kann ich da aufhören zu lesen?

***

Ich las weiter, weiter… bis zur letzten Seite. Und dann hatte ich in der Tat das große Bedürfnis, darüber sprechen zu müssen. Dies habe ich getan, u.a. mit zwei Buchhändlerkolleginnen. Unser Gespräch gibt’s in den nächsten Tagen hier.

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8 Gedanken zu “Ein wenig Auszeit mit Hanya Yanagihara – das Lesetagebuch, Teil 2.

  1. Ach Jude…

    Ich verstehe Dich vollkommen. Und das Buch, das nach diesem kommt, hat es so schwer, das habe ich auch gerade erleben müssen, nachdem ich den Roman Anfang der Woche beendet habe. Bin gespannt auf das Gespräch!

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  2. Hallo! Ich habe gespannt deine Beobachtungen gelesen und denke, obwohl ich es nicht direkt vergleichen kann, da ich die ebook-Version lese, dass ich ungefähr an derselben Stelle bin. Abzubrechen habe ich nie erwogen, zu packend, zu intensiv, aber wirklich schwer zu ertragen. Ich finde es aber unglaublich beeindruckend, wie es der Autorin gelingt, diesen Selbsthass, diese Sucht nach Selbstzerstörung trotz aller Vorbehalte (Wie kannst du nur, Jude!) plausibel zu machen. Und du hast natürlich Recht, diese Momente der Rührung, der Wärme sind auch sehr stark. Bin auf euer Gespräch sehr gespannt. Vielleicht bin ich dann auch schon durch. Grüße, Petra

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  3. Hi,
    ich suche immer nach guten Büchern. Du hast mir soeben den Schrifsteller Hanya Yanagihara auf einer wunderbaren Art und Weise nähergebracht und dafür wollte ich mich mit einem kleinen Kommentar bedanken!- Beim nächsten Büchershopping kommt Ein wenig Leben mit nach Hause.
    „Das eine sind Brausebonbons, wunderbar zur Unterhaltung und Zerstreuung und das andere dunkle Schokolade, deren Geschmack sich erst langsam auf der Zunge entfaltet.“, schöner hätte ich es nicht sagen können.
    Freundliche Grüße
    Stefan Schürrer

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    1. Da ist mir doch wirklich ein kleiner Fehler unterlaufen^^ Wie peinlich. Natürlich die Schriftstellerin! Sorry. Das kommt davon, wenn man abends noch mal eben schnell einen Kommentar da lässt.
      Freundliche Grüße
      Stefan Schürrer

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      1. Lieber Stefan,

        ich danke dir für deinen schönen Kommentar, bei dem ich den Fehler überlesen habe. 😉

        Das Buch ist ja mittlerweile erschienen und hat unterschiedliche Meinungen hervorgebracht in der Blogosphäre und auch in den Printmedien. Ich bin gespannt, wie es dir mit der Lektüre geht. Und wünsche in jedem Fall anregende Lesestunden!

        Liebe Grüße

        Klappentexterin

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  4. Liebe Klappentexterin,
    es ist vollbracht. Ich habe mich eine Woche lang mit Jude, Willem, Malcolm und JB beschäftigt. Und es war großartig. Wobei auch meine Gefühle Achterbahn gefahren sind und ich es öfter zur Seite legen musste. Alles was Du über dieses großartige Werk schreibst trifft 100%ig zu. Es war eine tolle Leseerfahrung und ich möchte es nicht missen.
    Ich stelle mir nur die Frage: Gibt es wirklich Menschen, die so viel Leid aushalten müssen? Leider muss ich sagen, dass es sehr wahrscheinlich so ist.
    Die Art und Weise der Autorin zu schreiben bewundere ich sehr. Sie schreibt eigentlich in einem sehr nüchternen Stil, aber trotzdem so, dass es mir ans Herz ging. Es war eine tolle Erfahrung.
    Ich wünsche Dir noch eine schöne Restarbeitswoche.
    Liebe Grüße
    lesesilly

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    1. Liebe lesesilly,

      wow, du hast es vollbracht! Ich gratuliere! Selten war ich mir nicht ganz so sicher, was du zu diesem umfangreichen und kräftezehrenden Werk sagen wirst. Hat es doch etliche schmerzvolle, beinah nicht auszuhaltende Stellen.

      Am Ende bleibt der Trost, dass es nur ein Buch war, in dem Jude all das ausgehalten und durchlebt hat. Aber wie du schon schreibst, auch im wirklichen Leben gibt es Menschen, die derart Schicksalsschläge einstecken und aushalten müssen.

      Erging es dir auch so, dass du nach dem Buch erst einmal nichts anderes lesen konntest?

      Ja, die Erfahrung möchte ich ebenfalls nicht missen und finde es schön, dass wir diese, wie auch das unvergessliche Buch, teilen. Nun auf zum nächsten… 🙂

      Hab noch ein schönes Wochenende und sei ganz herzlich gegrüßt,

      Klappentexterin

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