Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara: Drei Buchhändlerinnen im literarischen Talk.

Sie werden über dieses Buch sprechen wollen! Das verkündete Hanser Berlin den Buchhändlern, als der Verlag im Herbst das Leseexemplar-Paket auf den Weg brachte. Und ja, der Verlag sollte mit seiner Aussage recht behalten. Bereits während des Lesens von Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara habe ich mich meinem Tagebuch anvertraut, aber auch meiner Buchhändlerfreundin. Und am Ende dachte ich, ich würde platzen, wenn ich nicht darüber rede. Und so kam es, dass ich mich mit meinen beiden Buchhändlerkolleginnen Maria-Christina Piwowarski und Jacqueline Masuck vor Erscheinen über das vieldiskutierte Buch unterhalten habe.

Klappentexterin: Schön, dass wir heute Abend hier zusammenkommen und über das Buch des Frühjahrs 2017 sprechen „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara. Vielleicht sogar das Buch des Jahres. Empfindet ihr das auch so? Oder lehne ich mich zu weit aus dem Fenster?

Maria-Christina Piwowarski: Ich finde nicht, dass du dich zu weit aus dem Fenster lehnst. Ich dachte auch sofort, dass es ein wichtiges Buch ist, was ich da ungelesen in Händen hielt. Nach dem Lesen hat sich dieser Eindruck noch verstärkt, aber ehrlich gesagt, finde ich das gesamte Frühjahr 2017 stärker als das letzte Jahr. Es gibt viel Gutes zu entdecken. Doch Ein wenig Leben wird absolut zur Spitze dieser Bücher gehören.

Jacqueline Masuck: Ob es das Buch des Jahres wird? Keine Ahnung. Sicher bin ich mir auf jeden Fall, dass es sehr viele Leser finden wird und dass man über das Buch sprechen wird. Schon jetzt ist es oftmals Thema, kommt man mit Kollegen aus der Branche zusammen.

Wir haben es geschafft! Nach der Lektüre empfand ich Erleichterung und Glück gleichermaßen. Ist es euch auch so ergangen?

MCP: Hmm, das ist schwierig in Worte zu fassen. Ich habe mich eher wie wund gefühlt. Wie durchgeschüttelt. Aber eben auch süchtig. Ich konnte nicht fassen, dass es jetzt vorbei ist, dass es nichts weiterzulesen geben würde von diesen vier Typen. Aber erleichtert war ich tatsächlich auch. Es war streckenweise so schwer auszuhalten. Ich war am Ende furchtbar pathetisch, so im Sinne von: Es war eine Ehre, Euch kennengelernt zu haben, Jungs. Ich wollte erlöst werden von all dem Leid, das Jude ertragen musste. Wie oft ich mich gefragt habe, wann hat das endlich ein Ende, weiß ich nicht mehr. Gleichzeitig habe ich mich in dem warmen Kosmos der Clique wohl gefühlt. So ist da jetzt irgendwie ein Loch. Dort, wo sie alle bis kürzlich saßen.

JM: Im ersten Drittel hatte ich noch dieses starke Glücksgefühl, doch hat es im Verlauf des Lesens ein wenig nachgelassen. Oft wünschte ich mir, Yanagihara würde nicht wieder und wieder all das Unerträgliche beim Namen nennen. Und musste wirklich immerzu jemand sagen, WIE LEID ES IHM TUT? Das hat mich wirklich genervt. Also ich war wirklich erleichtert, die Geschichte beendet zu haben.

„Ein wenig Leben“ bereitet dem Leser schlimme Schmerzen. Und trotzdem haben wir weitergelesen. Darüber zermartere ich mir seit Tagen den Kopf. Warum? Es war wie im Rausch. Wurden wir gar Süchtige?

MCP: Ich glaube, es hat mit dem menschlichsten aller Instinkte gespielt, der Hoffnung. Wir haben uns alle gewünscht, dass es ein Happy End gibt, oder? Gegen alle Vernunft?

Hoffnung ist ein schönes Wort, das gut in den Yanagihara-Leserausch passt.

JM: Warum ich dennoch weitergelesen habe? Yanagihara erzeugt einen Sog, dem man schwer widerstehen kann. Judes Schicksal kann einem ja wohl kaum egal sein. Hatte ich Hoffnung für ihn? Ich hätte mir ein offenes Ende vorstellen können. Kein klares Happy End. Nein, das eigentlich nicht.

Sind in dem Buch zu viele Schmerzen? Hätten es auch weniger sein können?

MCP: Dann wäre es ein anderes Buch gewesen. Es wäre nicht so grenztreibend gewesen und hätte vielleicht nicht das ausgelöst, was es tut. Ich hatte Respekt vor der Autorin. Dass sie noch einen drauf setzt, dass es immer schlimmer zu werden scheint. Es wäre vielleicht einfacher gewesen, uns da was zu ersparen, oder?

JM: Ich denke, der Schmerz musste irgendwie sein. Aber Yanagihara hätte gern weniger beschreiben können. Die Kunst der Literatur ist doch gerade, die Phantasie anzuregen. Manche Szenen waren mir viel zu ausführlich.

MCP: Und ich war manchmal dankbar, weil ich befürchtet hatte, gerade die Kindheitsszenen wären noch ausführlicher geworden. Ich hab mich manchmal schrecklich verspannt beim Lesen. Es war jedes Mal schlimm, aber danach konnte ich aufatmen wie beim Tauchen und hatte immer noch Luft.

Oder sie hätte eine Komponente weglassen können. Aber sie hat ja alles Böse aufs Tablett gelegt. Ein großes Bedürfnis nach Luft hatte ich auch oft dabei, aber auch danach. Eine Woche nach dem Buch konnte ich kein anderes Buch so richtig lesen. Die Luft war förmlich raus.

MCP: Ja, ich kann mich jetzt auch schwer auf was Anderes einlassen.

Wann hatten wir zuletzt ein derart diskussionsstarkes Buch? Das achte Leben (Für Brilka) von Nino Haratischwili?

MCP: Brilka steht für mich immer noch allein so hell am weiten Sternenhimmel. Aber auch darüber wollte ich sprechen. Jetzt ist es eher so, dass man Verbündete sucht, wie bei einer Selbsthilfegruppe. „Hast du Jude gekannt? Oder du?“ Das ist vielleicht das Ähnlichste, dass ich über Brilkas ProtagonistInnen genauso geredet habe, wie über die vier Jungs, als gäbe es sie wirklich. Und Jacqueline, ich habe das Buch einmal entsetzt gegen die Wand gepfeffert, ich glaube, es löst in vielen Leuten was Tiefes aus.

JM: Du hast das Buch an die Wand gepfeffert? Wie cool ist das denn. Ist mir sehr sympathisch eine solche Reaktion.

MCP: Ja, ich musste mich danach sehr zusammenreißen, es wieder aufzuheben, weil ich kurz dachte: Scheißexperiment, wie viel ein Leser aushalten kann. Und Jacobs Geschichte war mir logisch nah und dann fand ich sie auch noch so unnötig. Im ersten Wutrausch.

Brilka hat mich erschüttert, mitgerissen, auch hier las ich wie im Rausch, aber das ging nicht derart nah. Wenngleich es ziemlich brutale Stellen gegeben hat, war das hier anders. Aber Brilka war das letzte Buch, das mich so ausgefüllt hat, wie eine Weihnachtsgans. Ich habe jetzt das Gefühl, in diesem Frühjahr nichts anderes mehr lesen zu müssen. Was ich natürlich nicht mache. Aber ihr wisst, was ich meine. Ich bin selig.

MCP: Ja, man fühlt sich regelrecht satt. Ich hätte gern eine Kampagne von Hanser Berlin. Mit Hashtag und eigenen Facebookpofilen für alle Protagonisten. Ich finde das nötiger, als bei Elena Ferrante.

Ich hätte gern Lesekreise! In Buchhandlungen, Bibliotheken und Cafés.

MCP: Ja!!!

JM: Kommt doch sicher alles noch. Das Buch muss ja erstmal erscheinen. Hanser macht sicher jede Menge.

***

Ja, dann sind wir gespannt, was noch alles kommt und vor allem, was ihr, liebe Leserinnen und Leser zu diesem Buch sagen werdet. Ich danke meinen beiden geschätzten Buchhändlerkolleginnen für das schöne Gespräch! Wie ich in der Zwischenzeit vom Verlag erfahren habe, gibt es eine Landingpage zu „Ein wenig Leben“ mit allen Infos und Beiträgen rund ums Buch. #einwenigleben

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner. Hanser Berlin, Januar 2017, 960 Seiten, 28,- €.

Weitere Stimmen über das Buch findet auf folgenden Blogs:

 

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6 Gedanken zu “Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara: Drei Buchhändlerinnen im literarischen Talk.

  1. Diese Art der Besprechung ist wirklich extrem interessant, weil es Gedanken zusammenbringt, obwohl ich jetzt immer noch nicht weiß, ob ich das Buch lesen werde. Ich befinde mich im Zwiespalt und dann, dann bleibt da doch so viel Neugier.

    Danke für diesen tollen Betrag!

    Alles Liebe
    Yvonne

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Ein wenig Leben

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