Schlagwort-Archive: Verlust

Die helfende Hand der Zuversicht.

Der Titel des Buches leuchtet wie eine Fackel, und ich staune erneut über die Macht der Sprache. Ein einziges Wort nur, das die Kraft einer tröstenden Hand hat und zärtlich über eine blasse Wange streicht: Zuversicht. Die wünscht sich die Autorin Mira Magén für ihre Protagonistin in ihrem gleichnamigen Roman. Das spüre ich mit jeder feinfühlig geschriebenen Zeile, und deshalb konnte ich dieses Buch auch nicht mehr aus der Hand legen. Die Sätze aus warmen und bildreichen Wörtern erinnern mich an eine kleine, schöne, aber fleischfressende Pflanze, die zuschnappt, sobald sich ihr etwas Lebendiges nähert. In dem Fall sind es meine Augen. Sofort bemerke ich, dass ich bei Mira Magén eine Anziehung finde, die mich an Zeruya Shalev erinnert. Denn israelische Literatur hat für mich einen ganz besonderen Sound. Wie soll ich ihn beschreiben? Vielleicht kraftvoll, ja, dies scheint mir die richtige Bezeichnung. So vibrierten die Sätze immer noch durch meinen Kopf, wie der Bass aus einem Club am Ende der Straße. Und wo ich hier schreibend sitze, frage ich mich: Wie mag es Nava jetzt wohl ergehen? Weiterlesen

Das Mädchen, der Tod und das Glück.

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Niemand spricht gern über den Tod, weil sich nahezu jeder Mensch davor fürchtet. Besonders natürlich in jungen Jahren, wo das Lebensende noch Lichtjahre entfernt scheint. Dabei gehört er naturgemäß genauso zum Leben wie die Geburt. Alles ist ein Anfang und ein Ende. Doch sagt dies mal einem zwölfjährigen Mädchen, das kürzlich seine Adoptiveltern verloren hat. Diese schreckliche Erfahrung muss Willow machen, die Heldin in Holly Goldberg Sloans Jugendbuch »Glück ist eine Gleichung mit 7«. Glück und Tod – wie passt denn das zusammen? Nun, Holly Goldberg Sloan beweist es auf berührende Weise.

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Das Leben geht weiter. Irgendwie.


Traurig und schön. Eigentlich passen die Wörter nicht wirklich zusammen. Wie würden sie wohl zusammen aussehen, wenn ich sie malen würde? Ein Monster und eine Fee? Eine Trauerweide und ein Kirschbaum? Finn wüsste bestimmt sofort, wie das Traurige und das Schöne aussieht. Er würde mich anschauen, mir etwas malen, über meine Hand streicheln, lächeln und sagen: Siehst du! Geht doch. So wie die Geschichte, die er erzählt. Eine Geschichte vom traurigen Tod und den schönen Dingen des Lebens.

Finn Garrett ist zwölf Jahre alt und fast unsichtbar. Die Haare werden täglich weißer und die Haut blasser. Seine Gedanken sind ein großes Wollknäuel. Denn es ist ein bestimmter Tag, an dem seine Mutter einen Anruf erhielt, dass Finns Vater gestorben ist. Nun leben seine Mutter, sein jüngerer Bruder, Derek, und Finn allein. Allein mit der Trauer und den Tränen, jeder auf seine Weise.
Finn versucht, mit seinem Schmerz zurecht zukommen. Er schreibt alles auf, entwirft Comics und malt Bilder. Er hält alles auf verschiedenste Weise in seinem Buch fest. Da gibt es zum Beispiel das Logbuch des Raumschiffs, in dem er seine Erd-Tage dokumentiert. Er streut aber auch eigene Geschichten in sein Buch. Sie tragen Namen wie Friedhofsgeschichten, Liebesnotizen oder eine Wahre Geschichte über einen verschwindenden Jungen, um nur einige zu nennen.

Evan Kuhlman hat mit seinem Roman Der letzte unsichtbare Junge ein sehr schwieriges Thema behandelt. Der Autor hat über den Tod geschrieben und wie es den Hinterbliebenen damit geht. Was sie denken, wie und was sie fühlen. Über die Sprachlosigkeit und darüber, dass kleinste Kleinigkeiten wie ein Kamm einen ganzen Tag verregnen lassen können, weil dieser Gegenstand an denjenigen erinnert, der nicht mehr da ist. Evan Kuhlman hat Finn ein kluges Köpfchen verpasst, das obendrein noch witzig ist. Somit bekommt das Buch an einigen Stellen eine Leichtigkeit, die sich über das schwere Thema legt. Genau dann taucht die Hoffnung auf. Liebevoll sind auch die einzelnen Zeichnungen von J.P. Coovert, die Geschichten erzählen oder einzelne Porträts enthalten. Der Junge nimmt uns als Leser mit, fragt uns Dinge und stellt Stoppschilder auf. Man hält inne und kann erst einmal nicht weiter lesen. Man atmet durch, streicht über das aufgeregte Bäuchlein, bis man wieder ganz da ist und mit einem Sack voll Kraft und Freude dem großartigen Finn folgen möchte. Ein Junge, fast unsichtbar, der dem Leser sagt: Das Leben geht weiter. Irgendwie. Es ist nur die Frage, wie du das machst.

Es stimmt, traurig und schön passen manchmal irgendwie doch zusammen. Das Bild habe ich nicht gemalt, aber ich trage es in meinem Kopf. Und wenn ich es malen möchte, weiß ich ja nun, wer mir dabei hilft.

Der letzte unsichtbare Junge.
Evan Kuhlman.
Mai 2010, 288 Seiten, 14,95 €.
dtv junior.

Übermut tut manchmal richtig gut.

Mathilda möchte man adoptieren. Sofort! Auf der Stelle! Obwohl sie als Kind nicht einfach ist. Jemand, der sich vornimmt, gemein zu sein und sich auch so nennt, kann nicht pflegeleicht sein. Neimeg. Diesen Namen gibt sie sich eines Tages in Anwesenheit ihrer schönen Freundin, die natürlich nicht merkt, was das Wort bedeutet. Das ist Mathilda, ein Mädchen, das andere gern austrickst. Sie fordert ihre Mitmenschen auf eine geschickte Art, dass man froh ist, nicht selbst einer von ihnen zu sein. Und doch geht davon eine Faszination aus, von der man sich nicht losreißen möchte.

Victor Ladato lässt in seinem Roman Mathilda Savitch die 13-Jährige Mathilda zu Wort gekommen. Das ist eine gute Idee gewesen, eine sehr gute sogar. Mathilda hat ihre Schwester Helena verloren. Irgendjemand hat sie vom Gleis geschubst, als der Zug einfuhr. Den Täter hat man bis heute nicht gefunden. Und so versucht Mathilda, ein Jahr danach, den Tod aufzuklären. Sie taucht ein in Helenas Leben, schreibt über deren Email-Account die Jungs an, mit denen Helena Kontakt hatte. Ehe sie sich versieht, steckt Mathilda mittendrin im geheimnisvollen Leben ihrer verstorbenen Schwester. Man ahnt schon, dass diese Aktion und auch ihre Gemeinheiten einen Sinn haben: Von sich abzulenken. Mathilda hat zu kämpfen mit sich und dem Verlust ihrer Schwester. In stillen Momenten kommt sie aus ihrer stolzen Fassade herausgekrochen und bewegt den Leser um so mehr. Sie ist ganz allein mit ihrem Schmerz. Eltern hat sie keine mehr, denn die hüllen sich seit dem Tod ihrer älteren Tochter in einen Mantel der Sprachlosigkeit.

Der Roman lebt vor allem durch die Gedanken. Man möchte gar nicht aufhören, Mathilda zuzuhören. So herrlich erfrischend ist ihr Wesen. Sie ist jemand, den man sich in eine Vitrine stellen will, weil sie einem trotz der schrecklichen Geschichte, die sie da erzählt, glücklich macht. Dieses Überhebliche, dieses Neumalkluge, dieses Philosophische – all das schwingt in fast jedem Satz mit und macht süchtig.

Victor Ladato hat Mathilda ihre eigene Stimme gegeben, ist dabei sehr authentisch vorgegangen, dass man als Leser denkt, Mathilda selbst hätte das Buch geschrieben, dieses Mädchen, das mit der Geburt die Weisheit mit den Löffeln gegessen haben muss.
Diese Lektüre ist so vieles: Erschütternd, traurig, unterhaltsam, mutig, frech, philosophisch. In all der Frische wird man leicht übermütig und vergisst jegliche Regeln, die einen die eigenen Eltern damals beigebracht haben. Bevor man sich versieht, sitzt man neben Mathilda und schmiedet zusammen mit ihr Pläne.

Mathilda Savitch.
Victor Ladato.
Juli 2009, 299 Seiten, 17,90 €.
C.H. Beck.