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Wind von vorn.

greeneharbor

„Der Himmel über Greene Harbor“ von Nick Dybek brach wie eine große Welle über mich ein. War ich noch bis eben vollkommen überwältigt vom wunderschönen Cover, tauchte ich im nächsten Atemzug in den Roman, tiefer und tiefer. Plötzlich schwammen die Wörter wie Fische vor mir, Luftblasen stiegen nach oben und ich lächelte glücklich. Die Sätze waren so geschmeidig, unglaublich sanft und sehr verlockend. Sie umarmten mich, als wären wir schon immer beste Freunde gewesen.

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Ein Vater, ein Sohn, ein Geheimnis.

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Es gibt Momente im Leben, die du nicht vergisst. Sie rauben dir die Sprache und schubsen dich in eine Wolke des Schweigens, weil du nicht glauben kannst, was dir passiert ist. Deine Worte fliegen wie Vögel davon und du schaust ihnen ratlos hinterher. So ist es mir mit „Wie keiner sonst“ von Jonas T. Bengtsson ergangen. Ein Buch von unglaublicher Intensität. Weiterlesen

Das Leben geht weiter. Irgendwie.


Traurig und schön. Eigentlich passen die Wörter nicht wirklich zusammen. Wie würden sie wohl zusammen aussehen, wenn ich sie malen würde? Ein Monster und eine Fee? Eine Trauerweide und ein Kirschbaum? Finn wüsste bestimmt sofort, wie das Traurige und das Schöne aussieht. Er würde mich anschauen, mir etwas malen, über meine Hand streicheln, lächeln und sagen: Siehst du! Geht doch. So wie die Geschichte, die er erzählt. Eine Geschichte vom traurigen Tod und den schönen Dingen des Lebens.

Finn Garrett ist zwölf Jahre alt und fast unsichtbar. Die Haare werden täglich weißer und die Haut blasser. Seine Gedanken sind ein großes Wollknäuel. Denn es ist ein bestimmter Tag, an dem seine Mutter einen Anruf erhielt, dass Finns Vater gestorben ist. Nun leben seine Mutter, sein jüngerer Bruder, Derek, und Finn allein. Allein mit der Trauer und den Tränen, jeder auf seine Weise.
Finn versucht, mit seinem Schmerz zurecht zukommen. Er schreibt alles auf, entwirft Comics und malt Bilder. Er hält alles auf verschiedenste Weise in seinem Buch fest. Da gibt es zum Beispiel das Logbuch des Raumschiffs, in dem er seine Erd-Tage dokumentiert. Er streut aber auch eigene Geschichten in sein Buch. Sie tragen Namen wie Friedhofsgeschichten, Liebesnotizen oder eine Wahre Geschichte über einen verschwindenden Jungen, um nur einige zu nennen.

Evan Kuhlman hat mit seinem Roman Der letzte unsichtbare Junge ein sehr schwieriges Thema behandelt. Der Autor hat über den Tod geschrieben und wie es den Hinterbliebenen damit geht. Was sie denken, wie und was sie fühlen. Über die Sprachlosigkeit und darüber, dass kleinste Kleinigkeiten wie ein Kamm einen ganzen Tag verregnen lassen können, weil dieser Gegenstand an denjenigen erinnert, der nicht mehr da ist. Evan Kuhlman hat Finn ein kluges Köpfchen verpasst, das obendrein noch witzig ist. Somit bekommt das Buch an einigen Stellen eine Leichtigkeit, die sich über das schwere Thema legt. Genau dann taucht die Hoffnung auf. Liebevoll sind auch die einzelnen Zeichnungen von J.P. Coovert, die Geschichten erzählen oder einzelne Porträts enthalten. Der Junge nimmt uns als Leser mit, fragt uns Dinge und stellt Stoppschilder auf. Man hält inne und kann erst einmal nicht weiter lesen. Man atmet durch, streicht über das aufgeregte Bäuchlein, bis man wieder ganz da ist und mit einem Sack voll Kraft und Freude dem großartigen Finn folgen möchte. Ein Junge, fast unsichtbar, der dem Leser sagt: Das Leben geht weiter. Irgendwie. Es ist nur die Frage, wie du das machst.

Es stimmt, traurig und schön passen manchmal irgendwie doch zusammen. Das Bild habe ich nicht gemalt, aber ich trage es in meinem Kopf. Und wenn ich es malen möchte, weiß ich ja nun, wer mir dabei hilft.

Der letzte unsichtbare Junge.
Evan Kuhlman.
Mai 2010, 288 Seiten, 14,95 €.
dtv junior.