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Ein Lied von Heimat und Freundschaft.

Wie muss es sich anfühlen, wenn man seine Heimat verloren hat und sie nicht einmal mehr besuchen kann? Wohin mit all der großen Sehnsucht, die in den Tiefen des Herzens vibriert und ein trauriges Lied singt? Schreiben mag eine Möglichkeit sein. Ein Weg zumindest, den Elif Shafak geht, und ich bin ihr äußerst dankbar dafür, dass sie ihr Heimweh mit der Kraft der Literatur lindert. »Unerhörte Stimmen« lautet der Titel ihres neuen Werkes, und wir reisen zusammen in die Türkei, ihre verlorene und sehnsüchtig vermisste Heimat. In ihrem Buch verankert die Autorin nicht nur die Geschichte Istanbuls, sie setzt auch Andersdenkenden und Außenseitern ein ganz und gar lesenswertes Denkmal. Weiterlesen

Ein verlorenes Paradies?

elif_shafak_der_geruch_des_paradieses»Welchen Lebensweg soll ich einschlagen?« Ich spüre den Blick von Peri auf mir und drehe mich verlegen zur Seite. Diese große existenzielle Frage hallt durch Elif Shafaks Romanheldin direkt zu mir. Peri erinnert mich an eine junge Biene, die zu lange am süßen Nektar genascht hat. Nun ist sie ganz mit Blütenstaub gefüllt und sie weiß nicht, wohin mit dem Gewicht. In ihrem Falle sind es allerhand Gedanken und Gefühle. Sie arbeiten in ihr wie fleißige Ameisen, und der Wind bahnt sich einen Weg durch ihren Kopf, doch die Gedanken über Gott, das Gute und das Böse, die verschlüsselten Träume und die Einsamkeit des jungen René Descartes, sie wollen partout nicht verschwinden.

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Die Fremde, so nah. Nah am Herzen.

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Ein echtes Herzensbuch ist wie die ausgestreckte Hand einer guten Freundin. Ein echtes Herzensbuch wärmt deine aufgeregte Seele und legt sich wie eine süße Schokoladenschicht auf deinen Geist. Ein echtes Herzensbuch schenkt dir ein entzückendes Lächeln und lässt dich das Böse in der Welt vergessen. Du fühlst dich unantastbar, bärenstark und geborgen. Von genau so einem Buch möchte ich euch heute berichten.

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Nur einen Seufzer lang.

Eine Minute. Vielleicht auch eineinhalb. So lange spüren sie einen elektrischen Schlag, etwas Dunkles im Herzen flattern, etwas Vergangenes, von dem sie dachten, es vergessen zu haben, aber es lebt noch ein bisschen, nur einen Seufzer lang. Eigentlich hatten sie es vergraben, ein Ereignis vielleicht oder eine Begegnung, die das alte Ich dazu bewogen, sich schlafen zu legen, für immer. Doch auch die Vergangengeit gehört zu ihnen, macht sie zu dem, was sie heute sind.

Ich spreche von Nurhayat, Emine, Sengül, Esme und den anderen in Städte aus Frauen. Der türkische Schriftsteller Murathan Mungan hat ein kleines, großartiges Sammelsurium zusammengestellt und den mutigen, eigenständigen Frauen eine Stimme geschenkt. Es sind viel mehr einzelne Erzählungen, die zum Schluss am Istanbuler Busbahnhof münden. Dazwischen lesen wir über Sehnsüchte, die ehemalige Revolution in dem Land und existenzielle Themen, die die Türkinnen neu geformt oder zu dem gemacht haben, was sie eigentlich schon immer gewesen sind. Die Frauen sind gefallen und wieder aufgestanden. Einige von ihnen haben sich von einem traditionellen Gesellschaftsbild gelöst und beispielsweise eines Tages eingesehen, dass ihre Ehe sie nicht mehr glücklich macht oder dass sie nur ihre wahre Erfüllung im Beruf finden.

Mungan hat Esme und den anderen in einen Raum gelassen, in dem sie ganz sie selbst sein können, in dem sie stark sind auch mit ihren Schwächen, die sie sich zwar eingestehen, aber die sie geheimnisvoll in sich tragen, abgeschlossen in einer Schatulle, irgendwo neben dem Herzen. Zufälle und Ereignisse holen dieses Vergessene jetzt ans Tageslicht und plötzlich fühlen sie sich ertappt. Sie atmen, schnappen nach Luft wie kleine Fische, die für eine Sekunde, nur einen Seufzer lang, vergessen haben, ihre Kiemen zu bewegen.

Dieses Buch macht Mut und erfrischt den Geist. Es wirft einem etwas in den Bauch, das fast die ganze Zeit angenehm kribbelt und den Wunsch auslöst, zu laufen, dem Horizont entgegen. Alles Böse vergessen und nur an das Gute denken. An dich und das was du kannst. Man liest das Buch langsam, weil die Sätze und Worte so kraftvoll sind, dass man sich noch lange nach dem Lesen darin aufhält.
Obwohl ich überhaupt keine Verbindung zur Türkei habe, konnte ich mich dennoch in dem Buch einfinden und ein Stück von mir wiedererkennen. Mut kennt eben keine Grenzen – weder zwischen dem Gestern und dem Heute noch zwischen Deutschland und der Türkei.

Städte aus Frauen.
Murathan Mungan.
März 2010, 21,90 €.
Blumenbar.