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Eiszeit in New York.

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Dieser Roman schmeckt nach kaltem Abschied. So kalt, dass ich meinen Mantelkragen hochschlagen möchte. Die Wärme hat sich zwischen der Decke und dem Bett verzogen. Auf und davon. Ich verwandle mich wie die Ich-Erzählerin in eine fröstelnde Gestalt, die entsetzt vor diesem Drama steht, sprachlos, machtlos und unendlich traurig.

„Was verborgen bleibt“ von Britta Boerdner ist ein eindrucksvolles Debüt, das zutiefst bewegt und direkt in die Herzkammern kriecht. Die Autorin erzählt von einem der schlimmsten Dinge dieser Welt: vom Zerfall der Liebe. Wenn glühende Hoffnungen zu Asche werden. Wenn sich zwei Liebende plötzlich wie Fremde gegenüberstehen. Wenn zwei Herzen nicht mehr das gleiche Lied singen – dann fühlt es sich so an wie in diesem Roman.

Die Ich-Erzählerin besucht nach sieben Monaten ihren Freund Gregor in New York. „Wer es zuerst schafft, zieht den anderen nach.“ Dieses Versprechen haben sich beide einst gegeben, ein Liebesschwur der besonderen Art. Gregor gewann eine Greencard und hat in New York einen Job gefunden. Nun ist sie da und alles ist anders, ganz anders. Statt sich mit vollem Enthusiasmus auf die Jobsuche zu begeben – immerhin will sie die drei Wochen nutzen, um ihr Leben in New York auszurichten – verfällt die Romanheldin in eine Art Dämmerzustand. Die junge Frau lässt sich treiben und gibt zunächst dem Jetlag die Schuld für die tauben Gefühle der Stadt gegenüber. Gregor macht es ihr da nicht leichter: Er hält sich distanziert, macht viele Überstunden und hat kaum Zeit für seine Freundin. Noch etwas fehlt, etwas sehr Wichtiges: liebevolle, vertraute Momente der Innigkeit. Dafür gibt es ein Geheimnis auf vier Beinen, die Katze aus dem Schacht, die die Ich-Erzählerin entdeckt wie das abgepackte Fleisch im Kühlschrank.

Die junge Frau legt sich in die Arme der Lethargie, schleicht durch die freien Tage, streift durch New Yorks Straßen und lässt die Liebesgeschichte noch einmal vor ihrem inneren Auge vorüberziehen. Sie erinnert sich an die erste magische Begegnung: „Von Anfang an waren wir einander vollkommen zugewandt und schlossen damit die anderen aus, schon nach der ersten Nacht bezogen wir uns nur auf uns selbst, bald zählten wir diejenigen auf, die wir nicht mehr brauchten, unsere Welt war komplett, sie war die reichste, die wir kannten.“ Die Erzählerin taucht in die leidenschaftlichen Anfänge zweier einsamer Herzen mit ähnlicher Kindheit, die endlich zusammengefunden hatten und sich später nach einer gemeinsamen Reise dieses große Versprechen gaben. Doch jetzt ist alles anders. Was macht man, wenn einem das Leben einen Strich durch Liebe zieht?

Britta Boerdner schickt ihre Protagonistin durch New York und fängt das winterlich trübe, kalte Flair ein. Ein Gefühl des Verlorenseins macht sich in den Spaziergängen bemerkbar: „Der Wind ist zurückgekehrt, er weht vom East River herüber und bringt einen dunklen Geruch nach Wasser mit sich. Es ist kurz nach zwei Uhr, der Nachmittag fängt erst an, und ich habe nur bis zum Mittag gedacht, nur bis zum Lunch mit Gregor. Ich schimpfe mich aus, beschließe, einen Plan zu machen für jeden Tag, ich muss meine dunklen Gedanken in den Griff bekommen, will ja die Stadt erobern, deshalb bin ich hier.“ Obwohl die ewige sehnsuchtsvolle Stadt eine große Rolle in der Geschichte spielt, taucht der Leser vor allem ins Innenleben einer jungen Frau. Genau darin liegt für mich die Kraft dieses Debüts. Die Innenansicht, die den dünnen Roman so gewaltig füllt und zum Kochen bringt. Britta Boerdner erzählt pointiert und feinfühlig von einer jungen Frau, die sich den Scherben der eigenen Liebe immer mehr bewusst wird und erkennt, wie sich eine Entfernung zwischen beide Liebende geschoben hat: „Es macht keinen Sinn, ihn aufhalten zu wollen. Es macht keinen Sinn, die Zeit durch Worte zu dehnen.“ Gregor ist ein Anderer geworden ist. Er ist jetzt jemand, der die Geschwindigkeit liebt. Und sie schafft es nicht, ihm zu folgen.

Ich ertappe mich dabei, wie ich öfter einfach nur schreien möchte. Zu stark sind die Emotionen, die von der Autorin aufgeweckt werden. Die schmerzvollen Fragen nach dem Warum, die sich zurückziehende Wärme, die zusehends verschwindet, die Kälte, die sich ausbreitet und Atemwölkchen ausatmet. Das passiert nicht einfach so, sondern in einem Wortfluss, den dieser beeindruckende Roman erzählt. Atmosphärisch dicht, spannend und mitziehend. Die Autorin überspringt jede Lücke, füllt sie mit Metaphern, Beobachtungen und Gedankenbildern aus, ohne dabei überladen zu wirken. Britta Boerdner findet für jede Situation, jedes Gefühl und jeden Gedanken die richtige Umschreibung, selbst wenn es weh tut: „Es ist, als spielten wir heiß und kalt mit den Gefühlen, wo die Katze ist, ist es heiß, wo ich bin, ist es kalt.“ So unendlich traurig die Geschichte auch ist, so kraftvoll trat sie in meine Augen. Britta Boerdner hat mir ein intensives, melancholisches und nachdenkliches Leseerlebnis geschenkt, das ich so schnell nicht vergessen werde.

Britta Boerdner.
Was verborgen bleibt.
September 2012, 160 Seiten, 18,90 €.
Frankfurter Verlagsanstalt.

Ein interessantes Interview mit der Autorin sowie eine lesenswerte Rezension findet ihr auch bei buzzaldrins Bücher.