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Sommersonne? Einverstanden!

Brauchen wir derzeit nicht alle ein bisschen mehr Sonne als sonst? Vor allem die im Herzen. Und wenig bringt so viel Licht ins Leben, wie ein gutes Buch. Ein richtig gutes Buch, wie es
»Hintergrund für Liebe« von Helen Wolff ist. Schon nach den ersten Sätzen zieht die Autorin die Vorhänge auf und lässt ganz viel Licht hinein. Aufmerksame Leserinnen und Leser werden sich bei dem Nachnamen der Autorin vielleicht schon gefragt haben, ob sie etwas mit Kurt Wolff zu tun hat. Ja, hat sie! Weiterlesen

Das Leuchten der ersten Liebe.

»Siebzehnter Sommer« kann ohne Zweifel als Klassiker bezeichnet werden, ist es doch bereits 1942 erschienen. Ein durch und durch großartiges Buch – und das aus der Feder einer 17jährigen Autorin! Der Text liest sich immer noch so herrlich frisch und modern, als wäre er erst gestern geschrieben worden. Dieses kleine literarische Wunder habe ich einer äußerst engagierten Buchhändlerin zu verdanken: Anna Jeller hat ihr ganz persönliches Lieblingsbuch in ihrem eigenen Verlag Edition Anna Jeller neu übersetzen lassen und herausgebracht. Und so etwas Feines blieb der Klappentexterin natürlich nicht lange verborgen, schon gar nicht in meiner Funktion als Buchhändlern. Buchhändler haben ja feine Spürnasen und sind stets auf der Suche nach besonderen Entdeckungen. Haben wir erstmal einen Liebling unter den zahlreichen Büchern erspäht, wird daraus schnell eine mitreißende Welle. So erging es »Siebzehnter Sommer«, das jetzt als Taschenbuch erschienen ist. Weiterlesen

Rein ins Vergnügen!

rein_in_die_flutenDieser Sommer hat ja so seine Launen. Aber mit »Rein in die Fluten!« von David Prudhomme und Pascal Rabaté kann er nur besser werden. Der kürzlich erschienene Comic nimmt seine Leser mit ans Meer. So authentisch, dass man nach der Lektüre das Gefühl hat, gerade dort gewesen zu sein. Der Geruch von Sonnenmilch umkreist mich genauso wie das Geschrei der Möwen und der vielen sonnenhungrigen Menschen. Immer noch kichere ich in mich hinein – dank des heiteren, erfrischenden Ausflugs zwischen zwei Buchdeckeln.

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Sommerleseglück.

Jetzt ist es wieder da, das wunderbare Sommerleseglück. Hatte ich schon gesagt, wie sehr ich es liebe? Hinaus mit einem Buch, eine Flasche Wasser in der Tasche und meine Seegrasmatte im Fahrradkorb. Irgendwo in Berlin ein schattiges Plätzchen finden und plumps – sitzen. Bald liegen und lange lesen. Dabei das Lichtspiel zwischen den Blättern und der Sonne still beoachten und lächeln.

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Der halbe Sommer geht – die ganze Literatur bleibt.

Heute möchte ich den einen verabschieden und den anderen begrüßen. Die Rede ist vom Sommer und Herbst. Ein bisschen Wehmut steigt auf und damit der Wunsch, den Jahreszeitenwechsel in Worte zu fassen. Also habe ich aufgeschrieben, was mir dazu einfiel. Herausgekommen ist diese lange Wortschlange. Damit läute ich den Herbst ein, aber nur ganz langsam…

Allmählich geht er dahin,
der Sommer, der kein richtiger Sommer war.
Er war ein Mix aus fast allem,
da haben nur noch die Schneeflocken gefehlt.
Trotzdem gab es auch schöne Momente,
seien wir mal ehrlich.
Ausgiebige Lesestunden auf dem Balkon,
direkt am erfrischenden See,
unter den Bäumen im Park,
der süße Duft hing in der Nase,
ein leichtes Kribbeln lag im Bauch.
Warme Regenschauer, die aus großen Menschen
kleine gemacht haben,
glücklich tanzend in den Pfützen.
Was uns der halbe Sommer nicht immer geben konnte,
konnten die Bücher dafür um so mehr.
Sie haben uns die Sonne ins Herz gelassen,
das Meeresrauschen in die Ohren gelegt,
und die Sehnsucht zum Reisen gestillt.
Wenn schon nicht auf den halben Sommer Verlass war,
dann auf die wunderbare Literatur.

Allmählich geht er dahin,
der Sommer, der kein richtiger Sommer war.
Die ersten Vögel machen sich nun bereit,
für die Reise ans andere Ende der Welt.
Der Herbst wispert schon leise,
haucht morgens seinen kalten Atem in die Bäume,
die erste pralle Kastanien tragen.
Die Tage werden kürzer,
die Nächte dafür länger.
Und in alldem flattern die Bücher
mit ihren vielen Seiten,
sie wecken die Vorfreude auf
gemütliche Lesestunden bei
Tee und Kerzenschein,
im wohligen Heim.
Der eine geht, der andere kommt.
Der Sommer, der kein richtiger Sommer war,
übergibt seinen Staffelstab an den Herbst.
Vielleicht ist auf ihn mehr Verlass,
und wenn nicht,
dann auf die wunderbare Literatur.

Meer, Spiel und Spannung.

Ich lese viel, aber nicht alles. Dafür fehlt mir leider die Zeit. Deshalb habe ich mich in die wunderbare Literaturblogwelt aufgemacht und nach Sommerschätzen gesucht. Gefunden habe ich drei Bloggerinnen, die heute bei mir Bücher vorstellen und uns ganz schnell das komische Sommerwetter da draußen vergessen lassen.

Marco Balzano.
Damals, am Meer.
Juni 2011, 224 Seiten, 17,90 €.
Kunstmann Verlag.

Diesen Sommertipp empfiehlt Mariki vom Blog Bücherwurmloch

„Damals, am Meer“ von Marco Balzano ist ein literarischer Kurzurlaub in Italien: Drei Männer fahren zusammen ans Meer, um die alte heruntergekommene Wohnung der Familie zu verkaufen. Sie sind Großvater, Vater und Sohn, sie sind hitzig, temperamentvoll, voller Sehnsüchte, aber unfähig, darüber zu reden, und sie sind nicht gut im Abschiednehmen. Doch genau das müssen sie tun – und sie kommen einander dabei ein wenig näher. Ein scharfsinniger und unterhaltsamer Roman, herausragend gut geschrieben, der den Leser ans Meer entführt, ihn den Sand spüren lässt zwischen den Zehen, der Erinnerungen an besondere Urlaube weckt und an die eigene Kindheit. Mein Sommerbuch 2011.“


Stefan Moster.
Die Unmöglichkeit des vierhändigen Spiels.
August 2009, 440 Seiten, 22,- €.
Mare Verlag.

Diesen Sommertipp empfiehlt Charlene vom Blog Bücherstadt

„Alma hat als Lebensberaterin auf einem Kreuzfahrtschiff angeheuert und will so ihrem alten Leben als Psychologin für ein paar Wochen entfliehen. Auch ihre zerbrochene Beziehung zu ihrem Sohn muss sie überdenken. Dass sich dieser als Barpianist auf demselben Schiff befindet, ahnt sie genauso wenig, wie er etwas von dem neuen Job seiner Mutter weiß. Stefan Moster hat eine wunderbare dichte und umfangreiche, aber auch humorvolle Geschichte geschaffen, die aus zwei Perspektiven erzählt wird. Auf knapp 440 Seiten schafft er es Familiengeschichte, DDR-Vergangenheit, Liebe, Frustration, Zukunftsangst, Hoffnung und Mut zu verbinden. Obwohl es sich um sehr viele und sehr breite Themen handelt, hat man nie das Gefühl, dass irgendetwas zu kurz kommt oder gedrängt dargestellt wird.“

Elizabeth George.
Denn sie betrügt man nicht.
Oktober 1999, 703 Seiten, 9,95 Euro.
Goldmann Verlag.

Diesen Sommertipp empfiehlt nantik vom Blog Crime Time

„Früher oder später herrscht in jeder Krimireihe einmal drückend heißer Sommer. Warum also sticht ausgerechnet der neunte Fall von Inspector Lynley und seinem Sergeant Barbara Havers derart aus der mörderischen Masse heraus, dass ich ihn euch ans Herz legen möchte? Weil in „Denn sie betrügt man nicht“ nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint, als im beschaulichen Badeort Ballford-le-Nez die Leiche eines Pakistani am Strand gefunden wird. Havers ermittelt zunächst auf eigene Faust, weil sich ihr Chef in den Flitterwochen befindet. Doch schon bald kommt Lynley dazu, und gemeinsam waten die beiden Ermittler durch einen Sumpf voller Familiengeheimnisse, Geldgier, Fremdenfeindlichkeit, Vorurteile, Hass, Neid und Karrieregeilheit. Hier hat fast alles einen doppelten Boden. Und am Ende kommen erschütternde Wahrheiten ans Licht, die einen zu Tränen rühren können. Dieser Krimi ist höchst subtil und setzt auf die leisen, auf die zwischenmenschlichen Töne, ohne dabei langweilig zu sein, denn Elizabeth George weiß, wie man Atmosphäre schafft und Figuren entwickelt. Ach ja, und drückend heiß ist es in diesem Krimi natürlich auch. Eine mörderisch gute Sommerlektüre eben.

Fazit: Ein dicht gewebter literarischer Teppich, der mich sprachlich überzeugt hat. Endlich mal wieder ein Buch, dass auch intellektuelle Ansprüche an den Leser stellt.“

Ich danke Mariki, Charlene und nantik herzlich für ihre Beiträge!

On the Road – unterwegs nach Südfrankreich.

Sofort möchte ich meine sieben Sachen packen und wegfahren! Das habe ich alles Edgar Rai zu verdanken. Sein Roman „Nächsten Sommer“  zündet einfach den Motor in mir an und weckt die Urlauberin. Vorerst bleibe ich aber in Berlin und berichte euch von einer verrückten Reise nach Südfrankreich.

Als Felix seinen Freunden erzählt, dass er in Frankreich das Haus seines verstorbenen Onkels geerbt hat und selbst noch nie dort gewesen ist, fragt Marc: „Und was machen wir dann noch hier?“ Am nächsten Tag bricht die Clique mit Marcs klapprigen VW-Bus in Berlin auf. Leider fehlt eine im Bunde, Zoe hat sich für ihren Geliebten entschieden.

Felix, Marc und Bernhard fahren los. Bereits die ersten Kilometer sind sehr unterhaltsam, da sich relativ schnell herauskristallisiert, dass Bernhard ein Spielverderber ist. Er ist ein Nörgler allerbester Güte, ein richtiger kleiner Muffkopf, dem man gern mal zwicken möchte. Kurz nach Berlin ist er schon in seinem Element und tobt, weil der erhitzte Auspuff zu einem Stopp auf dem Standstreifen zwingt. Bei der ersten Pause auf einem Rastplatz treffen sie auf Lilith, die aus einem Sportwagen flüchtet, weil sie keine Amore machen möchte, schon gar nicht mit Männern. Mit Liebeskummer im Rucksack ist sie auf dem Weg nach Genf zu ihrer Schwester und sitzt schon bald bei den Berliner Jungs im Bus. In Genf angekommen, meldet sich Zoe bei Bernhard, sie hat sich nun doch entschlossen, bei ihren Freunden mitzufahren, und Lilith hält es nach einer Nacht bei ihrer Schwester nicht aus und steigt wieder in den VW-Bus. Die Fahrt geht weiter und bleibt so amüsant.

Dies ist ein verrücktes Roadmovie, das wie eine kühle Sommerbrise leicht daher kommt und trotzdem an einigen Stellen auf Tauchstation geht, wenn lebenswichtige Fragen auftauchen wie die von Zoe: Was wollt ihr wirklich vom Leben? Gar nicht so einfach, denn alle Reisenden tragen Päckchen, an denen sie zu knabbern haben. Zukunftsfragen, Familiengeschichten oder Liebeskummer heißen die Gewichte, die sich zwischen die Leichtigkeit schieben. Edgar Rai schnallt mir die Schwimmflossen an und ich tauche ab in tiefere Gefilde. Das Leben verläuft nicht nach Plan, so eine Fahrt schon gar nicht, das bekommen die fünf bald zu spüren und stoßen auf ungewöhnliche Ereignisse. In einem sehr erfrischenden Ton erzählt Edgar Rai aus dem Leben von jungen Erwachsenen, die hungrig nach dem Leben sind und eine Sehnsucht in sich tragen. Sie flackert in ruhigen Momenten auf und hat etwas von einem Leuchtturm, der in der Nacht die Schwärze der See kurz schluckt.

Die Geschichte ist ein sehnsuchtsvolles Kopfkino, das Freude macht, an einigen Stellen nachdenklich den Wunsch anstößt, zu verreisen, egal wohin. Hauptsache spontan und wenn man gerade nicht solch ein Roadmovie erleben kann,  ist das Buch eine willkommene Abwechslung für den Balkon, die S-Bahn oder oder…

Edgar Rai.
Nächsten Sommer.
Mai 2011, 236 Seiten, 8,95 €.
Aufbau Taschenbuch.

Vive la France.

Gibt es eine deutsche Autorin, die den typischen Charme einer Französin versprüht? Ja, ihr Name ist Bertina Henrichs. Mit „Ein Garten am Meer“ hat sie mich in Berlin eingepackt und mit nach Frankreich genommen.

In Plouerbec angekommen, werde ich glückliche Zuschauerin einer entzückenden Geschichte, die in einem kleinen Küstendorf in der Bretagne spielt. Schon auf der ersten Seite höre ich den Atlantik rauschen und verliere mich in dem prächtigen Farbenspiel, das die Landschaft dem Betrachter bietet. Relativ schnell weiß ich, diesen Ort kann man einfach nur lieben wie die Menschen, die dort leben.

Wie Marthe, eine ältere Witwe, die hier einst mit ihrem geliebten Mann gelebt und ihre Kinder großgezogen hat. Nun möchte sie in Ruhe und Frieden ihren Lebensabend genießen. Ein bisschen Abwechslung findet Marthe in der Schule, wo sie Nachhilfe gibt und bei ihrer Aushilfstätigkeit in der Bibliothek. Oder Hans von Scharnbeck, ein Deutscher, der sich mit seinem Boot hier niedergelassen hat. Es könnte alles so schön sein, wenn da nicht die große Bedrohung wäre: Ein Unternehmen plant genau dort, einen großen Freizeitpark zu errichten. Erste Bewohner haben schon großzügige Angebote des Investors angenommen und ihre Häuser verlassen. Jetzt fehlt nur der kleine andere Rest, doch der widersetzt sich dem ganzen Vorhaben. So hecken Marthe und ihre Nachbarn einen Plan aus. Hartnäckig ignorieren sie die Kaufangebote, die immer lukrativer werden und verteidigen ihr geliebtes Land. Plötzlich werden aus Fremden Freunde, die nur ein Ziel verfolgen und sich gegenseitig helfen. Dabei entstehen ganz automatisch reizende Verbindungen, an die vorher so keiner gedacht hätte.

Bertina Henrichs ist ein bezauberndes Buch gelungen, das zart, lebensfroh und mutig ist. Liebenswürdig erzählt sie eine entzückende Geschichte, schafft dabei wunderschöne Bilder und holt mir die französische Küste direkt nach Hause. Und in alldem bin ich bei den Menschen, bewege mich Seite an Seite durch ihren Kampf und blicke in ihr Leben mit den Träumen und kleinen Sorgen. Es tauchen heitere Momente auf, die übermütig machen und manchmal huscht eine Melancholie dazwischen, die niemals so schwer wird, dass man glaubt davon erdrückt zu werden. Ich spreche von jener besonderen Symbiose, die Franzosen stets bravourös in ihre Geschichten umsetzen. Oder anders ausgedrückt: Ein Seufzen hier, ein Lächeln dort und daneben das besondere Glück.

Bertina Henrichs.
Ein Garten am Meer.
Februar 2011, 176 Seiten, 17,- €.
Hoffmann und Campe.

Eine hundertjährige Verführung.

Selten habe ich eine so malerische Sommergeschichte gelesen wie diese. Eduard von Keyserling hat mit „Wellen“ einen sehr impressionistischen Roman geschaffen, der nicht nur eine Sehnsucht nach dem Meer weckt, sondern mich inspiriert, dort zu malen – und das obwohl ich keine Malerin bin.

Auf den ersten Seiten treffe ich auf die Generalin von Palikow, die mit ihrer Großfamilie an der Ostsee eine Sommerfrische nimmt. Es wäre alles so herrlich und entspannt, wenn nicht in unmittelbarer Nachbarschaft die schöne Gräfin Doralice mit ihrem Mann leben würde. Mit dem Maler Hans Grill wohnt sie in einem kleinen Haus und rückt von Anfang an in das Blickfeld der Großfamilie. In deren Augen hat sie etwas Furchtbares getan: Die Gräfin hat sich aus ihrer unglücklichen Ehe befreit und ihren Mann verlassen, weil sie sich in den Künstler Hans verliebt hat.

Das Fleckchen Küste ist nicht groß und so bleibt es nicht aus, dass sich die fremden Feriengäste begegnen. Die Erzählperspektiven wechseln kapitelweise und öffnen interessante Türen zu den verschiedenen Menschen. Träume und Sehnsüchte flattern auf, die Verführung naht und ein Drama schleicht von hinten an. Nein, langweilig wird es mit dem Roman nie, selbst wenn ihn eine sinnliche Hülle umgibt.

Das Buch feiert dieses Jahr seinen 100. Geburtstag, ein Grund mehr, es wieder nach draußen zu tragen. „Wellen“ ist eine anspruchsvolle Sommerlektüre, die vom Leser seine Aufmerksamkeit fordert. Wer sich dafür begeistern kann, wird auch belohnt, sei es durch weise und nachdenkliche Dialoge wie die zwischen Doralice und Hans oder durch die schönen malerischen Landschaftsbeschreibungen. Hier habe ich eine Verführung für euch:

„Überall lag dieses heiße, grelle Licht, es schwamm und zitterte auf dem Wasser, es sprühte auf dem Sande, erweckte Funken auf den Kieseln und auf den harten Stengeln des Strandhafers und der Seggen.“

Sofort habe ich alles ganz klar vor Augen und lese mich von der Großstadt an die Küste. Die Möwen kreischen, das Wasser rauscht, eine unendliche Weite taucht auf, in die ich mich fallen lasse und die Zeit vergesse. Ist es nicht das, was wir so sehr am Urlaub lieben?

Eduard von Keyserling.
Wellen.
Mai 1998, 176 Seiten, 6,90 €.
dtv.

Kleine Geschichten im großen Format.

Erzählbände haben es nicht ganz so leicht wie Romane. Schade eigentlich, denn es gibt einige Autoren, die es exzellent verstehen, auf engem Raum Großes zu erzählen. So einer ist Gregor Sander. In seinem Buch „Winterfisch“ hat er sein Netz hinausgeworfen und mich mit neun Erzählungen eingefangen.

Gregor Sander ist – ebenso wie ich – ein Nordlicht. So verwundert es nicht, wie authentisch er maritime Winde in seine Geschichten pustet. Sie machen sofort Lust auf das Meer, man möchte dorthin aufbrechen und die frische Brise um sich haben. Die Möwen kreischen, die See kühlt die erhitzten Köpfe und das Salz liegt beim Lesen auf den Lippen. Wie das Wasser selbst bewegt sich Gregor Sander an unterschiedlichsten Orten, die alle am Meer liegen, ob am Nord-Ostsee-Kanal, auf Hiddensee oder Gotland. Der Autor schreibt über Menschen, denen die Vergangenheit wie ein prall gefüllter Rucksack auf der Schulter hängt, er berichtet von Suchenden, die sich nach Freiheit sehnen oder die Liebe aufspüren wollen. Sie strampeln mit ihren Gliedmaßen, erinnern mich dabei an zappelnde Fische, die nicht müde sind, sich zu bewegen und aus dem Netz in die Freiheit flüchten wollen.

Gleich zu Beginn finde ich mich auf einem kleinen Fischkutter wieder. Der Ich-Erzähler besucht einen alten Freund in Kiel, um zu fischen. Walter hatte ihn in seiner Kanzlei angerufen, ihn zu sich eingeladen und gesagt: „Mein bester Freund hier ist Fischer.“ Dieses Angebot nahm der Mann dankend an, weil ihm nach der Trennung von seiner Frau jede Abwechslung willkommen ist: „Ich war gierig auf alles, was mich aus dem Trott brachte, aus diesem Büroalltag und meinem Leben zu Hause. Seit Sarah ausgezogen war, konnte ich dort nicht gut sein.“ Jetzt befindet er sich mit Josef Neuer auf dem „Lütten“, beobachtet den Fischer, wie er das Netz ausspannt, aus seinem Leben erzählt und über die Quallen flucht, die der Ost-Wind in die Schleuse drückt. Der Ich-Erzähler verweilt nicht die ganze Zeit in der Gegenwart, er schweift mit seinen Gedanken auch immer wieder ab in sein Leben und die Vergangenheit, die ihn mit seinem älteren Freund verbindet.

Tragisch ist „Gegenlicht“. Die Geschichte fängt schon sehr melancholisch an: „Die Wahrheit ist, dass ich Angst vor meinem Bruder habe. Immer schon und unabhängig von dem, was geschehen wird. Ich meine keine Angst vor Gewalt, aber doch eine körperliche Angst, die daher rührt, dass er mir näher ist als mir lieb ist.“ Vincent sucht seinen Zwillingsbruder, nachdem ihm seine Schwester Pia gesagt hat, dass sie sich um Viktor kümmern müssen. Also macht er sich auf nach Lappland, um seinen Bruder zu finden, der sich lange schon selbst verloren hat. Ehe Vincent sich versieht, befindet er sich auf einer kalten, mühsamen und tragischen Reise, bei der mir jetzt noch ein Frösteln durchs T-Shirt kriecht.

In „Stüwes Tochter“ holt der Autor die Machenschaften der Stasi noch einmal ans Tageslicht. Andrea ist die Tochter eines ehemaligen Stasioffiziers, die im Gegensatz zu ihrem Vater gegen das DDR-Regime revoltierte und auf die Straße ging. Ihr passierte nichts, doch ihrem Freund, der wurde hinter Schloss und Riegel gebracht. Das ist die eine Seite der Geschichte. Die andere erzählt eine Liebesgeschichte mit offenem Ende.

Es passiert viel in den einzelnen Episoden, so viel, dass sie für mich kleine einzelne in sich geschlossene Romane bilden. Der gebürtige Schweriner Autor hat atmosphärische Geschichten geschrieben, die wie Sandkörner hängenbleiben. Dies ist ihm nicht zuletzt auch durch seine Sprachgewalt gelungen. Sein klarer Erzählstil mischt sich mit poetischen Klängen, und schafft damit eine unverwechselbare Stimmung. Gregor Sander strickt aus alltäglichen Begebenheiten ein dichtes Netz, pointenreich, nachdenklich und überraschend erzählt er einzelne Schicksale, die vom Meer umgeben sind. Für mich ist „Winterfisch“ eine besondere Sommerlektüre, eine Muschel, deren Klang ich immer wieder hören möchte und die zeigt, dass auch in schmalen Erzählbänden große Geschichten stecken können.

Gregor Sander.
Winterfisch: Erzählungen.
März 2011, 189 Seiten, 18,- €.
Wallstein Verlag.