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In Sachen Einerseits und Andererseits.

Bizarr – so fängt das Buch an und so hört es auf. Kurz fällt mir ein Lächeln aus dem Mund und landet direkt auf dem Cover. Ist schon irgendwie seltsam, ich brauche „In Sachen Joseph“ nur anzuschauen und bekomme automatisch dieses verschmitzte Lächeln, obwohl es in dem Buch gar nichts zum Lachen gibt.

Husch Josten macht es ihren Lesern am Anfang nicht leicht und es scheint mir, als tut sie dies mit Absicht. Für mich liest sich die Geschichte sehr kryptisch, ist nicht leicht durchschaubar, verworren und fordert eine große Aufmerksamkeit. Die Sätze lesen sich nicht flüssig, werden immer wieder von Satzenden unterbrochen. Und doch strahlt dieses Holprige eine Faszination aus, die magnetisch an den Augen zieht und gelesen werden möchte.

Nun will ich mich nicht in der Sprache verlieren, sondern auch ein paar Worte zum Inhalt verraten. Helen ist Bibliothekarin und träumt zweimal, dass ihr Freund Joseph an einem Herztod sterben wird. Diese Tatsache erschreckt sie und bringt Helen vollkommen aus der Fassung, dass sie dem Ganzen nachgehen will. Statt es Joseph direkt zu sagen, versucht Helen auf anderem Wege, Klarheit in das Chaos zu schaffen und sucht die Menschen auf, die Joseph nahestehen wie Martha, Josephs Mutter. Die wiederum räumt Träumen nicht so eine große Symbolik ein wie es Helen tut: „Wenn man Träumen überhaupt eine Bedeutung beimessen will, und ich will nicht stur sein, dann doch grundsätzlich symbolische. Es sind keine Weissagungen, die man sich in den Terminkalender eintragen sollte.“ Helen widersetzt sich dem Argument und fühlt sich der Prophezeiung mehr als sicher, Martha hält dagegen: „Weil du dir sicher sein willst? Weil es in deinem Leben an Dramatik fehlt?“

Dramatik ist ein Stichwort, das ich an der Stelle mit Bewegung gleichsetzen möchte. Eben dies fehlt in Helens Leben. Das ist alles andere als dynamisch, eher mausgrau und äußerst schlicht gehalten. Helens Leben ist karg und erinnert mich an einen gerodeten Wald ohne zwitschernde Vögel. Ich finde keine Spur von Herzlichkeit und gemütlicher Wärme, ausladend statt einladend.

Seltsam ist auch das Verhältnis zu ihrer Familie, hier stoße ich ebenfalls auf einen kalten Eisbrocken. Helens Mutter ist wegen einer OP im Krankenhaus und nun soll sich die Tochter um den 76-jährigen Vater kümmern. Diese Aufgabe führt Helen zurück in die eigene Vergangenheit, die sie plötzlich einholt und die mit dem Traum beinah zu explodieren scheint. Den Traum von Josephs Tod erlebt sie zweimal am Ort ihrer Kindheit, dem damaligen Kinderzimmer, das seit 20 Jahren als Gästezimmer leer steht.

Bereits beim ersten Aufeinandertreffen von Vater und Tochter nehme ich eine Distanz wahr, die vom Vater ausgeht. Helen ist durchaus gewillt mit ihrem Vater ein Gespräch anzufangen: „Absurd, die Gelegenheit nicht zu ergreifen. Die Zeit zu zweit, die zufällig anfallende, räumliche Nähe ließe sich zweifellos besser nutzen, als sie beide es tun.“ Doch statt gemütlicher Zweisamkeit treffen sie sich in „der Endlosschleife wiederkehrende Weltnachrichten“, die Helen ihren Vater aus der Zeitung vorliest. Er hat es sich so gewünscht und erhebt keinen Widerspruch, lässt alles mit sich geschehen.

Was ist „In Sachen Joseph“ nun für ein Buch? Ich möchte es näher fassen, doch es gelingt mir nicht. Es einfach nur mit Wörtern wie Freundschaft, Liebe, Wahn und Wahrheit zu betiteln, wie es im Klappentext steht, ist mir zu einfach, eine gerade Linie scheint mir unmöglich. Stattdessen flutscht mir der Roman wie ein nasser Fisch ständig zwischen den Fingern weg. Tatsache ist, das Buch lässt sich nicht greifen und in eine entsprechende Schublade stecken, dafür ist es viel zu vielfältig und bizarr. Und bizarre Dinge kann man bekanntlich nicht nach Längenmaß einordnen, man muss sie für sich entdecken. Wer die Geduld hat, wird hier eine interessante Entdeckungstour erleben, das schon vorweg.

Die Wende zum Schluss ist verrückt, nur keineswegs überraschend und geradezu passend. In diesem schmalen Buch verbirgt sich mehr als ich anfangs glauben wollte. Da verwundert es nicht, dass mich Husch Josten perplex und verschmitzt lächelnd zurücklässt.

Husch Josten.
In Sachen Joseph.
Januar 2011, 169 Seiten, 19,90 €.
Berlin University Press.

Ein Buch und verschiedene Perspektiven.
Ich möchte an dieser Stelle auch an die lesenswerten Rezensionen zu „In Sachen Joseph“ von Ada, Ailis, Mariki und flattersatz hinweisen.

Fremder Freund.

Manche Bücher haben es in sich. Sie sind so gewaltig, dass man am Ende atemlos ist und man sich erstmal sammeln muss. Was habe ich auch anderes erwartet, wenn es um existenzielle Fragen nach Freundschaft, Liebe, Sinn und Authentizität geht? Kuschelliteratur sieht anders aus. Wenn einen der Hunger darauf packt, sollte man das Buch aufschlagen und lesen wie ich es mit „In Spuren“ von Hannes Köhler getan habe.

Das Debüt von Hannes Köhler beginnt sehr radikal: „Und andere nehmen sich einen Strick und hängen sich auf, sagt Felix.“ Das ist der erste Satz, der die Kraft einer explodierenden Bombe hat. Peng! Kurz darauf geht er Kippen holen und kommt nicht wieder. Wer ratlos zurückbleibt, ist der Ich-Erzähler Jakob, der das gar nicht fassen kann und sich nicht damit abfinden will, dass sein Freund verschwunden ist. Aus Minuten werden Stunden, bald Tage, die Jakob zutiefst beunruhigen, was er so einfach nicht hinnehmen kann und begibt sich auf Spurensuche. Glücklicherweise hat Manja, eine Exfreundin von Felix, noch einen Zweitschlüssel und betritt mit ihm gemeinsam die Wohnung, dort entdeckt er ein Tagebuch, das ihn magisch anzieht. Er klappt es auf und stößt auf Dinge, mit denen er nicht gerechnet hat. Plötzlich wird aus einem guten Freund ein Fremder, der verwirrt, Unruhe stiftet und Jakob zutiefst in den Bann zieht, dass er eine Grenze überschreitet und sich Felix‘ Leben überstreift. Alles um Jakob herum fällt auseinander, er liest sich in einen Wahn und denkt sich in einen Rausch, der sein eigenes Leben in ein fahrendes Karussell verwandelt. Es dreht sich und Jakob schaut betroffen zu. Statt zu treten, resigniert er bald und ehe er sich versieht, wird aus einer züngelnden Flamme ein Haufen Asche.

Die Geschichte ist starker Tobak, weil sie Dinge in Frage stellt, die uns Menschen bewegen. Wie viel wissen wir wirklich von den Freunden, die uns nahe stehen? Wo ist die Wahrheit? Hängt nicht irgendwo vielleicht ein Echo in der Luft, das wir überhört haben? Oder unser Leben selbst. Ist es das, was wir wirklich so wollen wie es ist? Was ist wichtig und was nicht? Eine lange Schnur an Fragen bohrt sich durch den Kopf und lässt nicht locker.

Hannes Köhler fordert seine Leser heraus und fängt sie durch die Sprache, die für mich etwas Dämonisches in sich hat und perfekt in die düstere Stimmung hineinpasst. Ein hungriges Tier macht sich breit und saugt bis es fast satt ist, doch nur fast, weil immer noch ein Stückchen Luft dazwischen bleibt. Die atmosphärisch-dichte gefühlvolle Sprache lässt nicht locker, viel mehr ist sie ein kraftvolles Element, die das Buch zu dem macht, was es ist. Ein Hauen, ein Stechen, aber auch ein Wispern hängen sich in die Augen, dass man nicht anders kann, als zu lesen, solange bis man nach Luft schnappt.

Hannes Köhler.
In Spuren.
April 2011, 232 Seiten, 17,90 €.
mairisch Verlag.

Mit dem Roman ist hier erst einmal Schluss, doch mit Hannes Köhler geht es am Samstag weiter. Dann kommt er in einem Interview bei mir zu Wort.