Schlagwort-Archive: Russland

Kämpfen lohnt sich, sagt die alte Dame.

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Ob Baba Dunja und Lucia Binar gute Freundinnen wären? Ganz bestimmt! Verbindet sie doch, dass sie beide starke Frauen und beeindruckende Romanheldinnen sind, die zwischen den Buchdeckeln ein selbstbestimmtes Leben führen. Alina Bronskys »Baba Dunjas letzte Liebe« und Vladimir Vertlibs »Lucia Binar und die russische Seele« sind äußerst mitreißende, herrlich unterhaltende Bücher mit viel Witz zwischen den Zeilen. Beide Bücher haben es auf die diesjährige Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft, leider blieb die Tür der Shortlist für sie verschlossen. Aber natürlich ist Vladimir Vertlibs Roman trotzdem eine Rezension wert. Oder besser: gerade deswegen!

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Eintauchen in „Untertauchen“.

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Wer mich kennt weiß, dass ich die Bücher aus dem Dörlemann Verlag ganz besonders schätze. Immer wieder veröffentlicht der unabhängige Verlag aus der Schweiz wundervolle Bücher, nach deren Lektüre ich die Welt aus großer Dankbarkeit dafür umarmen möchte, dass es solche schönen Publikationen gibt. Der Verlag ist für mich auch aufgrund der liebevollen und hochwertigen Ausstattung seiner Ausgaben ein Garant für Qualität. Weiterlesen

Dame und König.

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Wie soll man weitermachen, wenn man weiß, dass man verlieren wird? Diese große Frage schwebt wie ein riesiger Schirm über Das Leben ist groß von Jennifer DuBois. Sie ist die Verbindungslinie zu den Koordinaten, die zwei fremde Menschen zusammenführt.

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Der salzig-saure Raketenflug!

Warum muss ich bei diesem Hörbuch an Gewürzgurken denken, die ins All fliegen? Ich habe keine Ahnung! Fakt ist: „Petropolis – Die große Reise der Mailorder-Braut Sascha Goldberg“ von Anya Ulinich ist ein sehr komisches und außergewöhnliches Debüt, bei dem die Arme zappeln und der Kopf seltsam wackelt. Da kann es durchaus zu schrägen Gedanken kommen. Jasmin Tabatabai wird mir dies sicherlich bestätigen können, denn sie saß als Vorleserin wie ich mittendrin in dem Roman.

Sascha Goldberg ist nicht zu beneiden. Man stelle sich ein molliges, dunkelhäutiges, jüdisches Mädchen in Russland vor. Sie lebt zusammen mit ihrer Mutter in der sibirischen Kleinstadt Asbest 2. Den Vater gibt es noch, nur ist er nach Amerika geflüchtet. Die Mutter hat beschlossen, ihrer Tochter „ein außerschulisches Betätigungsfeld zu beschaffen“, denn „Kinder der Intelligenzija hocken nicht nachmittags zu Hause und frönen der Idiotie.“ Ein Klavier passt nicht in die beiden vollgestopften Zimmer. Also muss als Ersatz eine Geige her. Kaum angeschafft, eröffnen gleich drei Lehrer, dass Sascha kein musisches Talent besitzt. Auch die anderen beiden Alternativen – das Eiskunstlaufen und Ballett – wandern wegen fehlender Voraussetzungen in den Keller. Einzig die Malerei beendet die Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung. Sie führt Sascha schließlich aus ihrer Isolation heraus, und später weg aus Asbest 2.

Sascha erlebt schon in Asbest 2 allerhand merkwürdige Sachen wie die Geschichte mit dem ersten Liebesabenteuer. In einer Baracke auf einer Müllhalde schaut sie zum ersten Mal sehr tief ins Wodkaglas und trifft dort einen Jungen, der sie interessiert. An diesem Ort verliert sie auch ihre Jungfräulichkeit und wird prompt schwanger. Ihre Mutter drängt Sascha nach der Geburt, der Kunstschule trotzdem in Moskau beizutreten. Fast widerwillig steigt sie in den Zug, lässt ihre Tochter und Mutter zurück, und ahnt zu dem Zeitpunkt noch nicht, wo ihre Reise wirklich hingehen wird, viel weiter als nach Moskau.

Anya Ulinich hat in ihrem Debüt die eigenen Lebenserfahrungen literarisch verarbeitet. „Alle Figuren sind erfunden, aber viele von ihnen haben etwas von mir“, sagte die Autorin im Interview, das im beiliegenden Booklet nachzulesen ist. Mit Hinblick auf ihren Lebenslauf gibt es zwei Parallelen zwischen der Autorin und Sascha. Beide lieben die Malerei und verlassen Russland.
Sascha führt es nach Amerika, nachdem sie in Moskau über eine Agentur als „Mailorder-Braut“ an einen Amerikaner vermittelt wird. Doch Saschas eheliche Verpflichtungen ermüden sie relativ schnell. Sie macht kurzen Prozess und haut ab zu einer Freundin. So kommt eins zum anderen. Durch eine russische Emigrantenfamilie findet sie Unterkunft bei einer wohlhabenden Familie, die sich für Juden aus Russland engagieren. Dort reinigt sie die Zimmer und nähert sich dem schwerbehinderten Sohn an. Zwischen beiden entzünden sich in manchen Situationen messerscharfe Dialoge, vor denen ich mich ducke. Einmal kommen sie sich sogar nah, sehr nah. Zum ersten Mal blitzt hier das warme Wort Liebe auf. Aber nicht lange, ich kann es nicht greifen, schon ist Sascha weg, auf nach New York zu ihrem Vater.

Staunend und leicht grinsend folge ich dem russischen Mädchen. Auch wenn sie die Vorteile der anderen Welt zu schätzen weiß, klopft Saschas Herz nach wie vor für die Heimat, nicht zuletzt wegen ihrer Tochter. Sascha verkörpert das Bild einer Auswanderin, die sich wie ein Pendel hin und her bewegt. Neben dieser Zerrissenheit erzählt die Autorin auch von den Hürden, die man als Emigrantin in einem fremden Land auf sich nehmen muss. Wer kann das besser als sie? Hat sie doch selbst anfangs in ärmlichen Verhältnissen gelebt. Das Wort Armut bekommt hier zwei Gesichter, das einer Familie in der ehemaligen Sowjetunion, die nicht viel Geld zur Verfügung hat und das einer Ausländerin in einem fremden Land. Auf dem ersten Blick scheint dies eine traurige Geschichte zu sein, wäre sie vielleicht auch, wenn sie nicht von Anya Ulinich stammen würde. Die Autorin ist kein Kind von Traurigkeit. Ich erlebe viele Schmunzelmomente, oft kleine Nebensächlichkeiten wie die Beschreibung einer Lehrerin: „Die Turnlehrerin war baumlang, trug einen Trainingsanzug und einen Haarschnitt, der verriet, dass sie insgeheim lieber als Igel auf die Welt gekommen wäre.“ Der Roman spielt mit mir, unterhält mich durch den Witz und die Satire, die dazwischen springt und der gewaltigen Fantasie die Tür öffnet. Die Autorin scheut auch nicht davor, die Eigenheiten der Russen und Amerikaner auf die Schippe zu nehmen. Sie macht das äußerst liebenswert komisch, so dass ich nicht anders kann als herzhaft zu lachen.

Manchmal beschleicht mich das Gefühl, als würde ich in einer Rakete sitzen. So schnell rauscht eine komische Begebenheit nach der anderen an mir vorbei, die viele glühende Funken versprüht. Jasmin Tabatabai verleiht mit ihrem tiefen Timbre genau dem richtigen Ton, bringt mir Sascha besonders nah. Genauso gut fühlt sie sich in die anderen Figuren ein und verleiht ihnen die richtige Stimme. Mal ist sie aufbrausend, wird laut, ein anderes Mal streifen mich sanftmütige Züge.

Obwohl Saschas Lage ohne Aufenthaltsgenehmigung zunächst recht prekär ist, lässt sie sich nicht entmutigen, träumt stattdessen von einem besseren Leben und boxt sich durch. Irgendwo flackert die Kerze, ein Stück Hoffnung, dass Sascha ankommen wird und ehrlich gesagt, ahne ich es schon vorm Ende. Zu zielstrebig, zu mutig ist die junge Frau. Ich liebe ihre Sätze, einige so sauer und erfrischend wie der Biss in eine Zitrone, an anderer Stelle wird es sogar ein wenig salzig. Ja, wenn man nicht aufpasst, rollen Gewürzgurken im Kopf, die nur einen Wunsch haben: Den Flug ins All!

Anya Ulinich.
Petropolis: Die große Reise der Mailorder-Braut Sascha Goldberg.
Gelesen von Jasmin Tabatabai.
2008, 5 CDs, ca. 331 Min., 14,99 €.
Der Audio Verlag.

Über die Autorin:

Anya Ulinich wurde 1973 in Moskau geboren. Im Alter von 17 Jahren emigrierte sie mit ihrer Familie nach Amerika. Ihre große Leidenschaft galt zunächst der Malerei, schon mit vier Jahren besuchte Anya Ulinich die Kinder-Kunstschule am Puschkin-Museum für Bildende Kunst. In den USA interessierte sie sich zunehmend für die Kultur- und Klassenstrukturen Amerikas, schrieb sich am Art Institute of Chicago ein und machte ihren Abschluss in Malerei an der University of California. Als sie im Jahr 2000 zusammen mit ihrem Mann und den beiden Kindern nach New York zog, gab die Malerei auf und fing an zu schreiben. Petropolis ist ihr Debüt-Roman, für den sie einen der fünf Preise der National Book Foundation für Autoren unter 35 erhielt. Anya Ulinich lebt in Brooklyn.

Heimwehsuppe.


Die Schatten der Vergangenheit sind hartnäckiger, als wir manchmal glauben. Sie saugen sich in den Köpfen fest, stehlen leidenschaftlich gern ruhige Träume und jagen uns durch komische Gebiete. Der Ohnmacht nahe winden wir uns und können ihnen doch nicht entfliehen – egal, wohin wir flüchten. Das muss auch Witali am eigenen Leib erfahren. Der junge Russe spielt eine tragende Rolle in dem Debütroman „Amsterdam und zurück“ von Marente de Moor.

Witali ist ein Denunziant. So sieht es die sowjetische Armee, als er eines Tages einen fahnenflüchtigen Soldaten auf seinen Skiern laufen lässt. Plötzlich durchstreift er die Grenze zwischen Finnland und der Sowjetunion. Witali reagiert nicht. Wie ein festgefrorener Schneemann steht er im Wald und beobachtet wortlos die Szene und überlegt, überlegt, überlegt, wie dieser Kamerad heißt. Es fällt ihm verdammt noch mal nicht ein, auch später nicht. Seitdem träumt er den gleichen Traum und wacht jedes Mal mit einem dumpfen Gefühl auf, weil der Soldat namenlos bleibt. Um sich aus der Misere zu befreien, hat Witali eine Idee: „Er könnte sich auf die Suche nach dem Soldaten machen. Wenn er ihn fände, könnte er ihm etwas zurückgeben. Etwas von zu Hause, eine Erinnerung, die er verloren hatte. Sich selbst. Nicht schlecht! Doch der Name blieb verschwunden.“ Diese Gedanken kommen Witali im Zug, als er auf dem Weg nach Amsterdam ist. Dort erwartet ihn sein Cousin Ilja. Und mit ihm eine Welt, die in mir ein Schmunzeln hervorruft, nur allein, wenn ich daran denke.

Die Russen haben sich in den Achtziger Jahren in Amsterdam ein Kleinod gebastelt und sich wie Schiffbrüchige auf der frisch entdeckten Insel gemütlich eingerichtet. So fiel es selbst dem Heimweh schwer, sich dauerhaft durchzusetzen. Es kam, blieb für kurze Zeit, bis es mit dem nächsten Windzug in den engen Gassen verschwand. Die Witalis und Iljas aus dem Osten lebten meist in windschiefen Häusern am Rand des Rotlichtviertels. Auf engem Raum und zügigen Wohnungen saßen sie zusammen, aßen zusammen und tranken zusammen den guten Wodka. Der fließt hier reichlich. Tagsüber treffen wir sie alle auf dem Rembrandtplein. Dort sitzen sie und verkaufen die selbst gemalten Aquarelle an vorbeilaufenden Touristen.

Marente de Moor hat einen rasanten und unterhaltsamen Roman geschrieben. An den richtigen Stellen hat sie einen Tiefgang hineingestreut, dem ich gern gefolgt bin. Ich habe mit großem Ergötzen der russischen Seele gelauscht, was ich aus russischen Werken kenne. Dieses Nachdenkliche und Schwermütige, das an eine schwarze Nacht ohne Mondschein erinnert. Hier habe ich übrigens auch ein schönes Wort aufgeschnappt: „Heimwehsuppe.“ Die löffeln die Russen eines Abends, nachdem sie in einem Wald Pilze gesammelt haben. Schweigend, zufrieden und ein wenig sentimental. Wem so etwas schmeckt, der wird mit dem Buch eine sehr schöne Zeit haben.

Marente de Moor.
Amsterdam und zurück.
September 2010, 284 Seiten, 22,90 €.
Suhrkamp Verlag.