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Seelenfutter zum Verschenken.

Copyright: Lisa Aisato aus „Die Sonnenwächterin“, btb Verlag

Ein anstrengendes Jahr neigt sich dem Ende zu, aber auf den letzten Metern fordert es uns pandemiebedingt noch einmal richtig heraus. Über den Sommer verheilte Wunden reißen wieder auf, vieles ist ungewiss und fühlt sich mitunter beängstigend an. Doch mitten im Sturm gibt es ein völlig legales Beruhigungsmittel: Bücher. Mit Büchern können wir uns in andere Welten träumen, sie geben uns Halt und schenken Zuversicht. Und genau solche Bücher möchte ich euch heute in meinem 1. Spezial ans Herz legen. Mögen die Wolken auch tief hängen, hier kommen meine Lieblinge voller Sonnenseiten.  

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Nur einen Seufzer lang.

Eine Minute. Vielleicht auch eineinhalb. So lange spüren sie einen elektrischen Schlag, etwas Dunkles im Herzen flattern, etwas Vergangenes, von dem sie dachten, es vergessen zu haben, aber es lebt noch ein bisschen, nur einen Seufzer lang. Eigentlich hatten sie es vergraben, ein Ereignis vielleicht oder eine Begegnung, die das alte Ich dazu bewogen, sich schlafen zu legen, für immer. Doch auch die Vergangengeit gehört zu ihnen, macht sie zu dem, was sie heute sind.

Ich spreche von Nurhayat, Emine, Sengül, Esme und den anderen in Städte aus Frauen. Der türkische Schriftsteller Murathan Mungan hat ein kleines, großartiges Sammelsurium zusammengestellt und den mutigen, eigenständigen Frauen eine Stimme geschenkt. Es sind viel mehr einzelne Erzählungen, die zum Schluss am Istanbuler Busbahnhof münden. Dazwischen lesen wir über Sehnsüchte, die ehemalige Revolution in dem Land und existenzielle Themen, die die Türkinnen neu geformt oder zu dem gemacht haben, was sie eigentlich schon immer gewesen sind. Die Frauen sind gefallen und wieder aufgestanden. Einige von ihnen haben sich von einem traditionellen Gesellschaftsbild gelöst und beispielsweise eines Tages eingesehen, dass ihre Ehe sie nicht mehr glücklich macht oder dass sie nur ihre wahre Erfüllung im Beruf finden.

Mungan hat Esme und den anderen in einen Raum gelassen, in dem sie ganz sie selbst sein können, in dem sie stark sind auch mit ihren Schwächen, die sie sich zwar eingestehen, aber die sie geheimnisvoll in sich tragen, abgeschlossen in einer Schatulle, irgendwo neben dem Herzen. Zufälle und Ereignisse holen dieses Vergessene jetzt ans Tageslicht und plötzlich fühlen sie sich ertappt. Sie atmen, schnappen nach Luft wie kleine Fische, die für eine Sekunde, nur einen Seufzer lang, vergessen haben, ihre Kiemen zu bewegen.

Dieses Buch macht Mut und erfrischt den Geist. Es wirft einem etwas in den Bauch, das fast die ganze Zeit angenehm kribbelt und den Wunsch auslöst, zu laufen, dem Horizont entgegen. Alles Böse vergessen und nur an das Gute denken. An dich und das was du kannst. Man liest das Buch langsam, weil die Sätze und Worte so kraftvoll sind, dass man sich noch lange nach dem Lesen darin aufhält.
Obwohl ich überhaupt keine Verbindung zur Türkei habe, konnte ich mich dennoch in dem Buch einfinden und ein Stück von mir wiedererkennen. Mut kennt eben keine Grenzen – weder zwischen dem Gestern und dem Heute noch zwischen Deutschland und der Türkei.

Städte aus Frauen.
Murathan Mungan.
März 2010, 21,90 €.
Blumenbar.