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Nicht von Pappe: Mein Buch des Sommers. 

Plötzlich ist es da, wie die Erinnerung an einen vergessenen Traum. Ich möchte dieses Etwas greifen. Von irgendwoher kenne ich diese Stimmung, die mir aus »Der Papierpalast« entgegenströmt. Ein mitunter rauer, melancholischer Atem. Nichts durchgängig Negatives, dafür hält das Buch einige helle und mitunter witzige Momente bereit. Woher nur kannte ich diesen besonderen Mix aus tiefer Nacht und leuchtendem Tag? Als ich mir die Vita der Autorin genauer anschaute, macht es sofort »Klick«. Natürlich: Miranda Cowley Heller war in leitender Position bei HBO tätig, wo sie verantwortlich war für die Entwicklung der bahnbrechenden Serien »The Wire« und »The Sopranos«. Daher dieser vertraute Sound. 

Alles beginnt mit einem sommerlichen Katertag. Elle erwacht sehr früh in ihrem Sommerquartier in Back Woods und spürt noch den Alkohol der letzten Nacht in ihrem Kopf, wo obendrein seltsame Erinnerungen aufsteigen. Die Ich-Erzählerin macht sich auf dem Weg zum nahen See und schwimmt ihre erste Runde. Sie lässt dabei den letzten Abend Revue passieren und spricht es geradewegs aus: »Gestern Abend habe ich mit ihm gefickt, endlich.« Ziemlich anzügliche Worte, die für mich so gar nicht in den Erzählfluss passen und sich zunächst wie ein Holzsplitter anfühlen. Aber vielleicht sind sie so etwas wie ein Befreiungsschlag – von einer Frau in den mittleren Jahren, die ihr Leben hinterfragt.  

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Schicksalsschwestern.

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Ein starkes Buch für starke Frauen. Was passt besser zum Internationalen Frauentag? Daher ist es mir eine besondere Freude, euch von „Der Weg der Töchter“ zu berichten. Die nigerianische Autorin Yejide Kilanko erzählt von Frauen, denen in jungen Jahren Schmerzen zugefügt wurden und die trotzdem aufrecht weitergegangen sind.

Das Debüt der 1975 in Nigeria geborenen Autorin ist ein vielschichtiges, leuchtendes und bewegendes Buch. Yejide Kilanko wagt sich mit ihren Roman an ein schwieriges Thema, das beklemmt und fassungslos macht. Doch wirklich erdrückend bleibt es nicht die ganze Zeit, dafür ist der Stil zu herzerwärmend und mit einer großen Portion Leichtigkeit versehen.

Um Morayo und Morenike kreist der Roman, der in Morayos Kindheit beginnt. Die erste große Aufregung erlebt die kleine Morayo, als ihre Schwester zur Welt kommt. Sie ist nicht schwarz und verwirrt das Mädchen beim ersten Anblick: „Sie war mir kein bisschen ähnlich. Sie glich mehr der blonden, blauäugigen Puppe, die Daddy mir auf seiner letzten Reise nach Lagos bei Leventis gekauft hatte. Unser Baby war … weiß?“ Die rosafarbenen Augen ihrer kleinen Schwester erschrecken sie. Afin nennt man in Nigeria Albinos. Dieses Wort schnappt sie auf und hört die Geschichten, die um afins kreisen. So gibt ihre Urgroßmutter der Mutter die Schuld, nachdem sie erfahren hat, dass die Schwangere in der Mittagssonne draußen war. Bei solchen Bemerkungen schlage ich meine Hände über den Kopf, bin geschockt und bestürzt, aber im nächsten Atemzug wird mir klar: Dies ist hier eine andere Welt, als ich sie kenne. Eine Welt mit Traditionen und Bräuche, in der ich nur eine stille Beobachterin bin.

Morayo schließt ihre Schwester Eniayo ins Herz und verlebt eine unbeschwerte Kindheit – bis ihr Cousin zur Familie zieht. Seine Mutter ist mit dem Jungen überfordert. Bros T ist von der Privatschule geflogen, nachdem er geschwänzt hatte. Ihm fehlt offensichtlich eine männliche Erziehungsperson. Morayos Vater soll Bros T zur Vernunft bringen und sein Fleiß- und Pflichtgefühl stärken. Bros T integriert sich in das Familienleben, verbessert sein Verhalten, doch etwas ist komisch. Der Junge sucht die Nähe seiner Cousinen, lässt sie auf seinen Schoß krabbeln und kommt Morayo nah, indem er manchmal im Auto den Arm um ihre Schultern legt und dabei ihre Brust streift. Zudringlich wird Bro T, als Morayo an einem Wochenende krank allein zu Hause ist. Der Rest der Familie ist bei einer Hochzeit eingeladen und dort hingefahren. Die an Malaria erkrankte Morayo wird mitten in der Nacht von ihrem Cousin im Zimmer überfallen. Diese Szene brennt wie ein Messerschnitt. „Ich glaubte zu ersticken. Er rammte mir die Hand zwischen die Schenkel. Als er mein Höschen zerriss, zitterte ich am ganzen Leib. Ich wollte schreien, aber ich kriegte kaum Luft.“ Nach dieser Tat hüllt sich Morayo anfangs in einen Mantel des Schweigens, aus Angst, Bros T könnte sich, an Eniayo vergehen. Morayos Geschichte bleibt nicht die einzige, dunkle. In einem weiteren Teil erzählt die Autorin Morenikes Drama. Auch sie wurde in jungen Jahren missbraucht und schlimmer noch: von ihrem Peiniger schwanger.

Was das Buch an einigen Stellen so erdrückend macht, sind die Reaktionen der Familien und der Umgang mit dem Drama. Das Todschweigen über die brutalen Taten und fassungslose Sätze, die in die Tragik fallen. Granatengeschütze, die auch mich als Leserin umhauen. Statt Zuneigung und Unterstützung, treffen die Mädchen auf eiskalte Ausrufe wie die von Morenikes Vater: „An alledem ist deine Mutter schuld“, erklärte er grimmig. „Sie hätte dich lehren müssen, die Beine nicht breitzumachen.“ In diesen Momenten richten sich die Nackenhaare auf. Ich werde wütend, möchte diesen Menschen treten und schaue gebannt auf Morenike. Sie trägt wie Morayo ihr Schicksal mit Würde und Schmerzen, verfolgt trotzdem ihren Weg weiter. Beide Frauen werden zu Schicksalsschwestern, die sich an den Händen halten. Dabei blickt Morayo zu Morenike auf, die ihr wie ein Baum Stärke und Halt schenkt. Ihre weisen Sätze sind Balsam für die verletzte Seele: „Aber weißt du, Morayo, man verzichtet ebenso wenig darauf, sein Leben zu leben, nur weil die Leute einem etwas tun.“

Yejide Kilanko zeigt den schmalen Grad zwischen Moderne und Tradition. Morayos Familie ist modern, und verfällt dennoch in alte traditionelle Muster. Darüber hinaus erzählt die Autorin auf eindringliche Weise vom Missbrauch an jungen Frauen in ihrem Heimatland. Sie lässt ihre Frauen aber nicht in der Opferrolle zurück, sondern holt sie heraus. Ihre Romanheldinnen sind wie starke Löwinnen, die in Scherben getreten sind, sich die Wunden lecken und erhobenen Hauptes dem Leben ins Gesicht brüllen. Das ist zutiefst eindrucksvoll und unglaublich kraftvoll. Man no die, Man no rotten – die Hoffnung stirbt zuletzt“. – heißt es an einer Stelle. Ein besseres Motto kann es für dieses Debüt nicht geben. Stark – bis zur letzten Seite!

Yejide Kilanko.
Der Weg der Töchter.
Aus dem Englischen von Uda Strätling.
März 2013, 384 Seiten, 18,- €.
Graf Verlag.

Über die Autorin:

Yejide Kilanko wurde 1975 in Ibadan, Nigeria, geboren. Als Jugendliche entdeckte sie für sich Autoren wie Nadine Gordimer, Wole Soyinka und Chinua Achebe. Sie studierte Politikwissenschaften in Ibadan und zog 2000 mit ihrem Mann in die USA, später nach Kanada. Dort arbeitet sie als Kindertherapeutin. Yejide Kilanko hat drei Kinder. „Der Weg der Töchter“ ist ihr erster Roman.