Pferde und Bücher. Gibt´s nur zu Weihnachten.

IMG_3450Tja, da dachte man nun, man wäre bis ans Ende seiner Tage ein staatlich geprüfter Großstadtneurotiker. Aber dann veränderten sich die Städte und wurden zu Kampfzonen. Besonders die besonders große Stadt, in die ich mich schon als Kind verknallt und die ich immer wie den Weihnachtsbaum angestaunt hatte. Wie haste dir verändert! Vom Abenteuerspielplatz zum Monopoly für alle Spielarten von Kapitalisten. »Keiner, der vom Profitsystem profitiert, vermag darin ohne Schande zu existieren.« Selbstverständlich hat Adorno recht. Und ich werde zu einem späteren Zeitpunkt an dieser Stelle noch ausführlicher auf diesen geistreichen und scharfsinnigen Mann zurückkommen. In jedem Fall ist das derzeitige Treiben des Turbokapitalismus nun mal der Lauf der Dinge, auch wenn es ein unangenehmer und ungerechter Lauf ist.
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Ein blaues Lesewunder erleben.

Ruth_Cerha_Bora

Wieder ist es geschehen, und ich koste ihn aus – diesen wundervollen Moment des vollkommenen Leseglücks. Süß wie Blütenhonig, prickelnd wie Ingwerlimo, himmlisch! Das Gefühl, ein besonderes Buch entdeckt zu haben, lässt stets das Herz glühen und den Mund lächeln. »Bora – Eine Geschichte vom Wind« von Ruth Cerha heißt meine Entdeckung. Der Roman hat das Glück buchstäblich durch meine Augen wehen lassen.

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Eine hundertjährige Verführung.

Selten habe ich eine so malerische Sommergeschichte gelesen wie diese. Eduard von Keyserling hat mit „Wellen“ einen sehr impressionistischen Roman geschaffen, der nicht nur eine Sehnsucht nach dem Meer weckt, sondern mich inspiriert, dort zu malen – und das obwohl ich keine Malerin bin.

Auf den ersten Seiten treffe ich auf die Generalin von Palikow, die mit ihrer Großfamilie an der Ostsee eine Sommerfrische nimmt. Es wäre alles so herrlich und entspannt, wenn nicht in unmittelbarer Nachbarschaft die schöne Gräfin Doralice mit ihrem Mann leben würde. Mit dem Maler Hans Grill wohnt sie in einem kleinen Haus und rückt von Anfang an in das Blickfeld der Großfamilie. In deren Augen hat sie etwas Furchtbares getan: Die Gräfin hat sich aus ihrer unglücklichen Ehe befreit und ihren Mann verlassen, weil sie sich in den Künstler Hans verliebt hat.

Das Fleckchen Küste ist nicht groß und so bleibt es nicht aus, dass sich die fremden Feriengäste begegnen. Die Erzählperspektiven wechseln kapitelweise und öffnen interessante Türen zu den verschiedenen Menschen. Träume und Sehnsüchte flattern auf, die Verführung naht und ein Drama schleicht von hinten an. Nein, langweilig wird es mit dem Roman nie, selbst wenn ihn eine sinnliche Hülle umgibt.

Das Buch feiert dieses Jahr seinen 100. Geburtstag, ein Grund mehr, es wieder nach draußen zu tragen. „Wellen“ ist eine anspruchsvolle Sommerlektüre, die vom Leser seine Aufmerksamkeit fordert. Wer sich dafür begeistern kann, wird auch belohnt, sei es durch weise und nachdenkliche Dialoge wie die zwischen Doralice und Hans oder durch die schönen malerischen Landschaftsbeschreibungen. Hier habe ich eine Verführung für euch:

„Überall lag dieses heiße, grelle Licht, es schwamm und zitterte auf dem Wasser, es sprühte auf dem Sande, erweckte Funken auf den Kieseln und auf den harten Stengeln des Strandhafers und der Seggen.“

Sofort habe ich alles ganz klar vor Augen und lese mich von der Großstadt an die Küste. Die Möwen kreischen, das Wasser rauscht, eine unendliche Weite taucht auf, in die ich mich fallen lasse und die Zeit vergesse. Ist es nicht das, was wir so sehr am Urlaub lieben?

Eduard von Keyserling.
Wellen.
Mai 1998, 176 Seiten, 6,90 €.
dtv.

Kleine Geschichten im großen Format.

Erzählbände haben es nicht ganz so leicht wie Romane. Schade eigentlich, denn es gibt einige Autoren, die es exzellent verstehen, auf engem Raum Großes zu erzählen. So einer ist Gregor Sander. In seinem Buch „Winterfisch“ hat er sein Netz hinausgeworfen und mich mit neun Erzählungen eingefangen.

Gregor Sander ist – ebenso wie ich – ein Nordlicht. So verwundert es nicht, wie authentisch er maritime Winde in seine Geschichten pustet. Sie machen sofort Lust auf das Meer, man möchte dorthin aufbrechen und die frische Brise um sich haben. Die Möwen kreischen, die See kühlt die erhitzten Köpfe und das Salz liegt beim Lesen auf den Lippen. Wie das Wasser selbst bewegt sich Gregor Sander an unterschiedlichsten Orten, die alle am Meer liegen, ob am Nord-Ostsee-Kanal, auf Hiddensee oder Gotland. Der Autor schreibt über Menschen, denen die Vergangenheit wie ein prall gefüllter Rucksack auf der Schulter hängt, er berichtet von Suchenden, die sich nach Freiheit sehnen oder die Liebe aufspüren wollen. Sie strampeln mit ihren Gliedmaßen, erinnern mich dabei an zappelnde Fische, die nicht müde sind, sich zu bewegen und aus dem Netz in die Freiheit flüchten wollen.

Gleich zu Beginn finde ich mich auf einem kleinen Fischkutter wieder. Der Ich-Erzähler besucht einen alten Freund in Kiel, um zu fischen. Walter hatte ihn in seiner Kanzlei angerufen, ihn zu sich eingeladen und gesagt: „Mein bester Freund hier ist Fischer.“ Dieses Angebot nahm der Mann dankend an, weil ihm nach der Trennung von seiner Frau jede Abwechslung willkommen ist: „Ich war gierig auf alles, was mich aus dem Trott brachte, aus diesem Büroalltag und meinem Leben zu Hause. Seit Sarah ausgezogen war, konnte ich dort nicht gut sein.“ Jetzt befindet er sich mit Josef Neuer auf dem „Lütten“, beobachtet den Fischer, wie er das Netz ausspannt, aus seinem Leben erzählt und über die Quallen flucht, die der Ost-Wind in die Schleuse drückt. Der Ich-Erzähler verweilt nicht die ganze Zeit in der Gegenwart, er schweift mit seinen Gedanken auch immer wieder ab in sein Leben und die Vergangenheit, die ihn mit seinem älteren Freund verbindet.

Tragisch ist „Gegenlicht“. Die Geschichte fängt schon sehr melancholisch an: „Die Wahrheit ist, dass ich Angst vor meinem Bruder habe. Immer schon und unabhängig von dem, was geschehen wird. Ich meine keine Angst vor Gewalt, aber doch eine körperliche Angst, die daher rührt, dass er mir näher ist als mir lieb ist.“ Vincent sucht seinen Zwillingsbruder, nachdem ihm seine Schwester Pia gesagt hat, dass sie sich um Viktor kümmern müssen. Also macht er sich auf nach Lappland, um seinen Bruder zu finden, der sich lange schon selbst verloren hat. Ehe Vincent sich versieht, befindet er sich auf einer kalten, mühsamen und tragischen Reise, bei der mir jetzt noch ein Frösteln durchs T-Shirt kriecht.

In „Stüwes Tochter“ holt der Autor die Machenschaften der Stasi noch einmal ans Tageslicht. Andrea ist die Tochter eines ehemaligen Stasioffiziers, die im Gegensatz zu ihrem Vater gegen das DDR-Regime revoltierte und auf die Straße ging. Ihr passierte nichts, doch ihrem Freund, der wurde hinter Schloss und Riegel gebracht. Das ist die eine Seite der Geschichte. Die andere erzählt eine Liebesgeschichte mit offenem Ende.

Es passiert viel in den einzelnen Episoden, so viel, dass sie für mich kleine einzelne in sich geschlossene Romane bilden. Der gebürtige Schweriner Autor hat atmosphärische Geschichten geschrieben, die wie Sandkörner hängenbleiben. Dies ist ihm nicht zuletzt auch durch seine Sprachgewalt gelungen. Sein klarer Erzählstil mischt sich mit poetischen Klängen, und schafft damit eine unverwechselbare Stimmung. Gregor Sander strickt aus alltäglichen Begebenheiten ein dichtes Netz, pointenreich, nachdenklich und überraschend erzählt er einzelne Schicksale, die vom Meer umgeben sind. Für mich ist „Winterfisch“ eine besondere Sommerlektüre, eine Muschel, deren Klang ich immer wieder hören möchte und die zeigt, dass auch in schmalen Erzählbänden große Geschichten stecken können.

Gregor Sander.
Winterfisch: Erzählungen.
März 2011, 189 Seiten, 18,- €.
Wallstein Verlag.