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13. internationales literaturfestival berlin – Mein persönlicher Auftakt.

So vielfältig und aufregend die Welt der Literatur auch ist, am Ende schreibt doch das Leben die schönsten Geschichten. Genau solche durfte ich am vergangenen Donnerstag bei einer besonderen Veranstaltung des 13. internationalen literaturfestivals erleben.

priya_ocelot2 © Fotos (2): ocelot Weiterlesen

In der Stille liegt die Kraft – Eine Lesung mit Marica Bodrožić.

Der Sommer hauchte seine letzten Atemzüge aus, als ich wieder einmal einen besonderen literarischen Abend erleben durfte. Die Autorenbuchhandlung Berlin und der Luchterhand Literaturverlag hatten zur Buchpremiere von „kirschholz und alte gefühle“ geladen. Als mich die Einladung erreichte, hing ich bereits mit meinen Augen in dem Roman, so dass es für mich nur eine Antwort gab: Ja, da will ich hin!

Da lagen sie, die wunderbaren Werke von Marica Bodrožić.

Das Café in der Autorenbuchhandlung war bis auf den letzten Platz gefüllt, trotzdem bekam ich einen Platz, von dem aus ich Marica Bodrožić und die Moderatorin Maike Albath genau im Blick hatte. Überall standen gefüllte Rot- und Weißweingläser, die der Verlag an diesem Abend gesponsert hatte. Christian Dunker von der Autorenbuchhandlung begrüßte die Autorin mit großer Begeisterung, die auf eigenem Wunsch an diesem Ort ihr neues Buch vorstellen wollte. Es sollte dort ansetzen, wo es einst begann. Schließlich hat die Autorin „Das Gedächtnis der Libellen“ ebenfalls zuerst in der Autorenbuchhandlung, damals noch in der Carmerstraße, vorgestellt.

Während des Abends las die Autorin aus ihrem neuen Buch, unterhielt sich aber auch mit Maike Albath, die mit ihren Fragen einen wunderbaren Einblick in das Schaffen der Autorin und das Werk geben konnte. Marica Bodrožić wurde 1973 in Svib, dem heutigen Kroatien, geboren und kam zehn Jahre später nach Deutschland. In dieser Entwurzelung ist auch der Ursprung ihres Schreibens entstanden. Sie tastet sich mit den Wörtern an, still und langsam nähert sie sich der Welt, um Schicksalsnähte zusammenzufügen. Insgesamt neun Bücher hat die Autorin bereits veröffentlicht, die obendrein als Übersetzerin arbeitet. Während die beiden Frauen im Gespräch vertieft waren, fuhr über uns die S-Bahn und hinterließ für wenige Augenblicke ein Brummen in dem sonst so stillen Raum. Die Zuschauer blickten interessiert zu den beiden Damen und ich fragte mich, ob sie diesen lauten Eindringling spürten. Im Laufe des Abends überhörte ich jedoch das Brummen und war mit all meinen Sinnen in die Veranstaltung vertieft.

Diese Dekoration fand ich sehr raffiniert.

Bis zum 20. Lebensjahr umgab die Autorin ein großes Schweigen, dem sie sich später mit ihrer eigenen Sprache annähern konnte. Diese Vorsicht spüre ich in ihrer Literatur. „kirschholz und alte gefühle“ ist kein Roman, den ich schnell lesen konnte. Viel mehr las ich ihn mit einer bewussten Langsamkeit. Zu reichhaltig sind die Sätze, zu umfassend und ergreifend die Gedanken. Die Stille, das Wort und den Rhythmus zueinander seien ihr wichtig, erzählt sie weiter. Sie möchte über ihren Atem spüren, ob alles stimmt. Die Zeit erhält in Marica Bodrožićs Welt für mich eine andere Dimension. In der heutigen schnelllebigen virtuellen Welt, kommt ihr die Behutsamkeit des Schreibens entgegen. So findet sie von der Sprache zu den Figuren, ein Faden, der sich durch alles zieht und eine Verbindung schafft.

Nach der Lesung wollten alle nur eins: Ihre Bücher signieren lassen.

„kirschholz und alte gefühle“ beschäftigt sich vorrangig mit dem Gedächtnis und Erinnerungen. Dazu sagt Marica Bodrožić einen schönen Satz, den ich hier für sich allein stehen lassen möchte: „Man kann nicht vergessen, wenn man sich nicht erinnert.“ Genauso wenig möchte ich diesen eindrucksvollen Abend und das besondere Buch vergessen. Diese Erinnerung bleibt wie die an den Sommer mit seinen warmen Momenten. Allesamt werde ich konservieren und fortan mit einem Lächeln bei mir tragen.

Die Autorin und die Leserin treffen aufeinander. (Foto: Christian Dunker)

Am Dienstag öffne ich für euch das Buch und am Donnerstag dürft ihr euch auf ein sehr schönes Interview mit der Autorin freuen. Diese Tage widme ich also ganz Marica Bodrožić. Es ist mir eine Freude und Ehre zugleich.

Ein Ereignis: Harry Rowohlt liest Mark Twain.

Er war noch gar nicht da und doch ahnte ich bereits, dass etwas Wunderbares auf mich zuschweben würden. So Etwas, an das ich mich noch lange mit einem Lächeln erinnern würde. Die Rede ist von einem Abend der besonderen Art.

Der Aufbau-Verlag hatte zur Preview eingeladen. Harry Rowohlt las „Meine geheime Autobiographie“ von Mark Twain. Ja, der Harry Rowohlt, den ich aus der Lindenstraße kenne, der Mann mit dem Riesenbart, an dem ich gern mal ziehen möchte. Neben ihm befand sich eine weitere wichtige Person, ohne die wir dieses bedeutende Werke auf Deutsch gar nicht lesen könnten: der Übersetzer Hans-Christian Oeser. Er zeigte ein Exemplar vom amerikanischen Original. Dabei blieb mir der Mund offenstehen: Dieses Buch war größer als ein Ziegelstein. Die Autobiographie, die auf Wunsch des Autors erst 100 Jahre nach seinem Tod erscheinen durfte, enthält im amerikanischen Original neben seinen Aufzeichnungen auch zahlreiche Fußnoten und weiterführende Informationen. Der Aufbau Verlag macht es uns viel leichter. Dieses Werk wird in nun auf Deutsch zwei Büchern erscheinen, die in einem Schuber zusammenfinden. Einmal die persönlichen Berichte von Mark Twain, dazu ein Band mit den wichtigen Daten.

Hans-Christian Oeser und Harry Rowohlt.

Hans-Christian Oeser und Harry Rowohlt waren ein eingespieltes Team. Der Übersetzer lieferte Informationen zu Mark Twain, Harry Rowohlt las im Anschluss Passagen aus dem Buch vor und zog dabei gern kleine Anekdoten aus dem Ärmel, bei denen sich das Publikum in eine lachende Welle verwandelte. Ein beeindruckendes Schauspiel war das Vorlesen! Plötzlich verwandelte sich der starke Mann in einen kleinen Jungen, der mit seinen Armen und Händen herumwirbelte. Sie waren seine Kraftbomben, die ihn ins Schwitzen brachten, so dass er bald sein Angeberjacket – wie er das Kleidungsstück selbst bezeichnete – ausziehen musste.

„Meine geheime Autobiographie“ ist ein wahres Feuerwerk! Ich hatte das Gefühl, als würde Mark Twain direkt neben mir stehen und aus seinem Leben erzählen. Jeder Satz war ein Abenteuer, manchmal sehr nachdenklich, ein anderes Mal erheiternd oder verführerisch. Die Autobiographie sprüht vor Leben und ich wollte hineinkriechen. Nicht zuletzt auch durch Harry Rowohlt, der dem Buch eine eigene Stimme gegeben hat, einen Ton, der noch lange im Ohr summte. Zeit zum Innehalten boten die Blues-Musiker Dieter Faber auf seinen beiden Gitarren und Steve Baker auf seiner Mundharmonika. Die Kraft der Mundharmonika war beeindruckend. Der ganze Körper zitterte, eine Gänsehaut prickelte an meinem Pullover und ich flog direkt ins Amerika vergangener Jahre.

Fotos (2): Reno Engel, Aufbau Media.

Nach der Lesung war das Gewusel groß, ein Herankommen an Harry Rowohlt schien unmöglich. So wurde er gleich von einem Kamerateam umzingelt und interviewt. Mein Liebster und ich gingen daraufhin nach draußen, wollten den Abend bei einem Wein ausklingen lassen. Und dann ging alles sehr schnell. Plötzlich fand sich der Übersetzer an unserem Tisch ein und kurze Zeit später Harry Rowohlt persönlich. Ehe wir uns versahen, befanden wir uns im Gespräch und Harry Rowohlt plauderte aus seinem Leben. Dabei ließ ich es mir nicht nehmen, ihn zu fragen, wie er zur Lindenstraße gekommen ist. Es war eine Fotoaktion von der Zeitschrift „essen und trinken“. Ein Mitarbeiter rief ihn an und fragte, ob er Lust hätte, sich in einem Lokal fotografieren zu lassen, wo er bis zum Platzen essen und trinken könnte. Er wies den Anrufer daraufhin, dass er kein Promi sei, sondern vom Beruf Übersetzer und legte auf. Seine Frau kam aber mit der Idee, das „Akropolis“ aus der Lindenstraße vorzuschlagen, ein Ding der Unmöglichkeit. Nicht ganz, denn es gelang der Zeitschrift, Harry Rowohlt einen Termin am Set zu arrangieren. Gesagt, getan. So fand sich Harry Rowohlt dort ein und begeisterte am Ende den Erfinder der Lindenstraße, Hans W. Geißendörfer, der ihm eine Rolle anbot. Er sagte zu, aber unter einer Bedingung: Wenn dann nur als Penner, eine Randgruppe, die bislang eher unterbesetzt war. Das ist er nun seit mehr als 16 Jahren.
Und noch etwas habe ich zu berichten: Wer es sich nicht mit Harry Rowohlt verscherzen will, sollte genau auf seine Wortwahl achten. So ist „letztendlich“ in seiner Gegenwart tödlich. Ja, dieses Gespräch war sehr aufschlussreich, interessant und äußerst amüsant – wie der komplette Abend. Ich danke dem Aufbau-Verlag und allen Beteiligten für dieses Ereignis der besonderen Art!

Harry Rowohlt schwirrte dann weg, aber Hans-Christian Oeser konnte ich festhalten. Der Übersetzer wird demnächst in einem Interview bei mir zu Wort kommen.

Und zum Schluss habe ich für euch noch wichtige Daten zum Buch:

Erscheinungstermin: 1. Oktober 2012
Einführungspreis: 49,90 €, ab. 1. Januar 2013: 59,90 €.
2 Bände im Schmuckschuber.
Band 1: Meine geheime Autobiographie, aus dem amerikanischen Englisch von Hans-Christian Oeser, mit einem Vorwort von Rolf Vollmann
736 Seiten, 46 Abbildungen, Leinen, 2 Lesebändchen
Band 2: Zusätze und Hintergründe, aus dem amerikanischen Englisch übersetzt und betreut an den Universitäten München, Graz und Berlin
397 Seiten, 21 Faksimiles, Broschur, 2 Lesebändchen

Stöbern könnt ihr bereits beim Aufbau Verlag. Einfach hier klicken, schon seid ihr vor Ort und könnt auch unter dem Punkt Veranstaltungen nachschauen, ob ihr nicht bei zukünftigen Lesungen dabei sein könnt. Die Berliner sollten sich schon jetzt den 2. Dezember vormerken, dann findet die Lesung im Maxim Gorki Theater statt.